Selbstorganisiert lernen mit ePortfolio

Porträt Andreas SägesserBeitrag von Andreas Sägesser, Dozent für Fachdidaktik in der Ausbildung Berufsfachschulen/Sekundarstufe II an der PH Zürich und selbständiger Berater für die Förderung von Kompetenzentwicklungen an Schulen und in Firmen.


Das persönliche Lernen und die persönliche Entwicklung gewinnen in Unternehmen wie in Schulen an Bedeutung – Schlagworte sind Personalentwicklung oder Kompetenzentwicklung. Das global vernetzte Wissen und Können steigert sich exponentiell – es entsteht immer schneller mehr davon (Erpenbeck 2010). Wir können also nicht davon ausgehen, dass einmal entwickelte Kompetenzen für die Gestaltung unseres Lebens «ausreichen». Gefordert ist ein lebenslanges Lernen sowie die Fähigkeit und Bereitschaft, sich stetig weiterzuentwickeln.

Als eine mögliche Lösung dieser Herausforderung erklärt Arnold «die sich selbst schärfenden Werkzeuge». Das sind Werkzeuge, welche durch ihren Einsatz immer wieder aufs Neue geschliffen werden. Ich möchte hier zeigen, dass das ePortfolio ein solches Werkzeug fürs Lernen sein kann. Es hilft, sich selbst zu motivieren und zu organisieren, Lern- und Entwicklungsprozesse können aktiv gestaltet und eben das eigene Kompetenzprofil kontinuierlich «geschliffen» werden. Wie das aussehen könnte und wozu es eingesetzt wird, mache ich an einem persönlichen Beispiel deutlich.

ePortfolio für ein Klavierstück

Ich sitze im Auto und höre aus dem Radio wunderbare Klaviermusik. Rasch finde ich heraus, dass es sich beim Stück um «River flows in you» von Yiruma handelt.

Ich spiele selber Klavier und möchte «The River flows in you» unbedingt lernen. Um meinen Lern- bzw. Kompetenzentwicklungsprozess aktiv zu unterstützen, nutze ich seit einigen Jahren mein persönliches ePortfolio – das tue ich auch in diesem Fall. Nachfolgend zeige ich, wie ich vorgegangen bin.

Ziel definieren

Ich überlege mir, wie ich mein Ziel beschreiben könnte und schreibe dann in eine Notiz im ePortfolio: Ich kann «River flows in you» vor einem kleinen Publikum auf dem Klavier auswendig spielen.

Dieser Eintrag befindet sich in meiner Struktur auf der Ebene der Kompetenzen – ein wichtiger Bestandteil meines ePortfolios. Eine Kompetenz formuliere ich immer mit «ich kann …» und beschreibe anschliessend möglichst genau, was ich können möchte. Häufig ist es hilfreich, die Situation, in der die Kompetenz «gezeigt» werden soll, in die Beschreibung zu integrieren (siehe Beispiel).

Ressourcen sammeln

In meinem Lernprozess trage ich unter Ressourcen Hilfsmittel ein, die mir helfen, die Kompetenz zu entwickeln. So finde ich zum Beispiel die Musiknoten von «River flows in you», die ich als eine erste Ressource ablege (siehe Abbildung). Weiter entdecke auf Youtube ein Video wie Yiruma seine Komposition performt – ein weiteres Hilfsmittel für meinen Lernprozess.

Screenshot Ressourcen im ePortfolio
Die Noten zu «River flows in you» befinden sich nun als Ressource im ePortfolio

Zudem finde ich heraus, dass Yiruma das Stück in A-Dur spielt. Ich suche die A-Dur Tonleiter, lege sie in meinem ePortfolio ab und verknüpfe sie mit den Musiknoten. Auch der Kontakt zu meinem Klavierlehrer ist bei den Ressourcen eingetragen. Offene Fragen diskutiere ich jeweils direkt mit ihm. Ressourcen können sehr vielfältig sein und umfassen beispielsweise spannende theoretische Modelle und Erkenntnisse, praktische Erfahrungen von Kolleginnen und Kollegen, Artikel aus dem Web oder aus Zeitschriften, passende Abschnitte aus der Literatur oder Zusammenfassungen und Visualisierungen aus Vorträgen.

Lernprozesse dokumentieren

Meine Lern- und Entwicklungsprozesse dokumentiere und reflektiere ich kontinuierlich im Bereich Prozesse. Ich notiere zum Beispiel, wenn ich wieder einmal Probleme mit dem Fingersatz der A-Dur Tonleiter habe. Ein solches Lerntagebuch ermöglicht es mir, das eigene Lernen und die Veränderungen immer besser zu verstehen. Es hat sich als sehr wertvoll erwiesen. Meine Lernstrategien verändere ich so auch bewusst, indem ich zum Beispiel mit einem unbekannten Weg experimentiere und den eigenen Fortschritt beobachte. Durch die Dokumentation der Lernprozesse (siehe Beispiel) kann ich meine Lernstrategien dem aktuellen Kontext anpassen und flexibel reagieren.

Lernerfolg festhalten

Und irgendwann nach ein paar Wochen kann ich «The River flows in you» auswendig spielen und auch ein kleines Publikum bringt mich nicht aus der Fassung. Meinen Lernerfolg dokumentiere ich, indem ich das Audio in die Ressourcen integriere und mit der entsprechenden Kompetenz verknüpfe. Dieser Eintrag ist somit der Beleg oder der Indikator meines Fortschritts. Der Fortschritt wird sicht- und erkennbar – eine Selbstwirksamkeitserfahrung, die sich sehr positiv auf die eigene Motivation auswirkt.

Beispiel Prozess ePortfolio

 

Praktische Umsetzung und Verknüpfung des ePortfolios

Das ePortfolio, bestehend aus den Ebenen Kompetenzen, Ressourcen und Prozessen, kann unabhängig von Ort und Zeit mit verschiedensten Devices entwickelt und gepflegt werden. Dafür verwende ich den Web-Dienst Evernote.  Er ermöglicht das Sammeln von Notizen, Dokumenten und anderen Dateien. Die gesammelten Kompetenzen, Ressourcen und Prozesse können so kontinuierlich verdichtet und überarbeitet werden; durch die Verknüpfung entsteht ein wertvolles Netzwerk.

Evernote als Device fürs ePortfolio
Durch Dienste und Apps wie Evernote können Notizen gesammelt und verwaltet werden.

An «The River flows in you» wird offensichtlich, dass das ePortfolio nicht nur aus einem Dienst besteht. Meine Lern- und Entwicklungsprozesse im ePortfolio kopple ich mit weiteren geeigneten Diensten, zum Beispiel zur Visualisierung oder zur Präsentation. Ich verknüpfe in den Ressourcen das Video von Yiruma auf Youtube oder erfasse es direkt im ePortfolio. Den Kontakt zum Klavierlehrer verbinde ich via Social Media und die Quelle der Klaviernoten halte ich ebenfalls in den Ressourcen fest. Durch diese Verknüpfung von Diensten entsteht eine Personal Learning Environment (PLE).

ePortfolios kooperativ nutzen

Innerhalb meiner PLE teile ich verschiedenste Bereiche (Notizbücher) oder kopple Ressourcen (zum Beispiel Dokumente als GoogleDocs) mit interessierten Kolleginnen und Kollegen. Dort arbeiten, lernen und entwickeln wir kooperativ und kollaborativ. Wir tauschen uns aus und lassen uns gegenseitig an unseren Erkenntnissen und reflektierten Erfahrungen teilhaben. Aus mehreren PLE’s entsteht somit ein Personal Learning Network (PLN).

Das ePortfolio ist für verschiedenste Bereiche des persönlichen Lernens ein nützliches Werkzeug. Netzwerke mit anderen Kollegen oder auch Studierenden eröffnen Möglichkeiten persönliches und gemeinsames Lernen zu fördern.

Wie ePortfolios in der beruflichen Entwicklung, Schule und Hochschule eingesetzt und begleitet werden können, lesen Sie in der Fortsetzung zu diesem Blogbeitrag: Kompetenzentwicklung in Schule + Beruf.

Andreas Sägesser hat an der PH Zürich die Veranstaltungsreihe SOL Live ins Leben gerufen, wo es um den Austausch zum Selbstorganisierten Lernen geht, wobei das ePortfolio als hilfreiches Werkzeug eine Rolle spielt.

Videotipp: Kurzvideo mit Andreas Sägesser über ePortfolios

Redaktion: ZBU

Der Anfang macht’s: Methoden für den Einstieg

Ulrike Hanke

Beitrag von Ulrike Hanke, Dozentin und Beraterin für Hochschuldidaktik; Kurs- und Modulleiterin am ZHE.

 

Dienstag-Morgen, 10:15 Uhr, Vorlesung an der Pädagogischen Hochschule:

Szenario 1: Die Vorlesung beginnt. Mehr oder weniger interessiert sitzen die Studierenden in den Reihen und hören zu, während die Dozentin begrüsst. Sie informiert zuerst die Studierenden anhand einer Übersicht über den Ablauf der nächsten eineinhalb Stunden. Anschliessend startet sie die Vorlesung systematisch. Sie spricht klar und deutlich und geht fachlich logisch vor.

Anfangs lauschen die Studierenden einigermassen gespannt. Mit fortschreitender Stunde kritzeln sie jedoch vermehrt auf ihren Blöcken rum, holen das Smartphone heraus, öffnen E-Mail-Programme auf den Laptops oder beschäftigen sich sonst irgendwie. Der Funke scheint nicht übergesprungen zu sein.

Szenario 2: Die Vorlesung beginnt. Mehr oder weniger interessiert sitzen die Studierenden in den Reihen und hören zu, während die Dozentin begrüsst. Sie blendet zuerst ein Bild ein und erzählt dabei eine Geschichte aus den Anfängen ihrer Berufstätigkeit. Sie schildert den Studierenden recht genau, was in dieser Situation vorgefallen ist, wie sie sich dabei gefühlt hat, wie die Situation schliesslich gelöst wurde. Dann teilt die Dozentin den Studierenden mit, dass sie heute hier sei, um sie zu befähigen, ähnliche Situationen anders anzugehen und zu meistern. Die Studierenden tuscheln kurz. Aber als die Dozentin die erste Folie zum Thema einblendet, verstummen sie und lauschen konzentriert den Ausführungen der Dozentin. Auch nach 10 min scheinen die meisten noch interessiert.

Was hat Dozentin 2 besser gemacht als Dozentin 1?

die richtige Methode beim Einstieg, für aktivere Studierende
Der Einstieg in eine Vorlesung bestimmt wesentlich mit, ob Studierende aktiv folgen oder E-Mails checken

Was macht den Unterschied?

Grundsätzlich kann man als Dozentin oder Dozent davon ausgehen, dass sich Studierende für ihr Studienfach interessieren: In den beiden Beispielen wenden sich zunächst fast alle Studierenden den Dozentinnen zu und folgen gespannt. Während Dozentin 1 dann jedoch einen fachlich systematischen Einstieg wählt, erzählt Dozentin 2 eine emotional ansprechende Geschichte und zeigt anhand des Beispiels auf, was sie in der Vorlesung lernen werden. Keine der beiden lässt die Studierenden wirklich sichtbar aktiv werden. Dennoch scheinen diese im zweiten Szenario deutlich aktiver und interessierter. Sie tuscheln, sie hören zu; ablenkende Tätigkeiten kommen weniger vor. Offensichtlich ist es der Dozentin gelungen, die Studierenden mehr zu packen und ihr grundlegendes Interesse aufrecht zu erhalten.

Wie hat sie das gemacht?

Die emotionale Geschichte hat die Aufmerksamkeit der Studierenden geweckt und verstärkt. Die Geschichte versetzt die Zuhörer in einen Ungleichgewichtszustand: Sie stellen sich vor, in dieser Situation zu stecken, spüren, wie sich das anfühlen könnte. Dadurch wird Dopamin ausgeschüttet (siehe dazu Jäncke, 2014), was dafür verantwortlich ist, dass das menschliche Gehirn aktiviert wird. Die Tendenz zur Äquilibration, also die Neigung Gleichgewicht herstellen zu wollen, setzt quasi automatisch einen Verarbeitungsprozess in Gang. Die Studierenden haben den Wunsch, die Situation aufzulösen und beginnen darüber nachzudenken, wie man hätte agieren, wie die Situation hätte vermieden werden können usw. Dass die Studierenden mental aktiv werden und nachdenken, zeigt sich darin, dass sie zu tuscheln beginnen – sie möchten sich austauschen.

Die Dozentin 2 zeigt anschliessend auf, was die Studierenden in der Lehrveranstaltung lernen können. Sie nennt ihnen dabei ein Ziel, das in einem direkten Zusammenhang mit ihrer Geschichte steht. Die Vorlesung wird den Studierenden ihre aufgeworfenen Fragen beantworten und somit helfen wieder einen Gleichgewichtszustand herzustellen. Für die Lernenden erscheint es dadurch relevant. Das wiederum macht es den Studierenden leichter, das Ziel als ihr eigenes zu akzeptieren – es «lohnt» sich, aufmerksam zu sein.

Durch diese beiden Schachzüge – mit einer Geschichte Emotionen ansprechen und ein relevantes Ziel aufzeigen – gelingt es der zweiten Dozentin, die Aufmerksamkeit der Studierenden (noch mehr) zu gewinnen und das Interesse am Thema zu verstärken. Hätte die Dozentin dem Redebedürfnis der Studierenden zudem nachgegeben und sie ermuntert über die Situation, Ursachen und Handlungsmöglichkeiten auszutauschen, wäre die Wirkung der Geschichte noch stärker aufgetreten. Die Studierenden hätten die Gelegenheit gehabt, das Ungleichgewicht und die damit verbundenen Emotionen noch besser wahrzunehmen – zwei Minuten mit Murmelgruppen hätten dafür schon gereicht.

Drei Prinzipien zum Einstieg

Die zwei Szenarien zeigen, dass der Einstieg in Lehrveranstaltungen durchaus entscheidend ist. Das zweite Beispiel veranschaulicht dabei drei Punkte, die den Grundstein für eine gelingende Lehrveranstaltung legen (siehe das unten stehende Video).

  1. Ungleichgewicht auslösen: Ein Ungleichgewichtszustand erzeugt Aufmerksamkeit, weil wir umgehend versuchen, wieder Gleichgewicht herzustellen (dazu z.B. Hanke & Winandy 2014). Diese Bewegung kann man durch bewusste «Provokationen» zu Beginn von Lehrveranstaltungen auslösen, etwa durch (auch emotional) anregende Fragen, Thesen, Fälle und Probleme.
  1. Vorwissen aktiveren: Ein kurzer Austausch, die Möglichkeit Gedanken mitzuteilen, aktiviert das Vorwissen der Studierenden gleich beim Einstieg. Neben Murmelgruppen sind dazu viele andere Methoden wie zum Beispiel Brainstorming denkbar.
  1. Relevante und attraktive Ziele formulieren: Die Aussicht darauf, dass die folgende Lehrveranstaltungssitzung Antworten oder Lösungen für die aufgeworfenen Fragen bringt, d.h. den Ungleichgewichtszustand aufzulösen hilft, weckt Interesse und Engagement. Was in der Veranstaltung zu lernen ist, sollte in die Sprache der Studierenden gebracht und mit Fragen oder mit einem praktischen Bezug zu einer Situation oder einem Problem verknüpft werden. Das ist in der Regel gewinnbringender als Ziele aus dem Modulbeschrieb zu nennen (dazu z.B. Arn 2016).

Wenn Sie Einstiege in Ihre Lehrveranstaltungen auf diese Art gestalten, werden Sie die Aufmerksamkeit Ihrer Studierenden wecken und ihr Interesse stärken. Das wird schliesslich auch Ihnen mehr Spass machen.

Ulrike Hanke ist als freie Dozentin am ZHE tätig, z.B. in «Gestalten von Lehr-Lernarrangements». Dieses Modul wird sowohl im Rahmen des Kursprogramms Hochschuldidaktik vertieft als auch im Rahmen des CAS Hochschuldidaktik angeboten. Zudem bietet sie aktuell einen Kurs zum Thema Mündlich prüfen an.

Konkrete Ideen und Methoden, wie diese drei Schritte umgesetzt werden können, gibt es im kostenlosen Video-Kurs «Aktivierende Methoden für Einstiege in Lehrveranstaltungen».

Redaktion: ZBU

Weiterbildung 4.0: Was ist Trend, was ist Hype?

Erik HaberzethErik Haberzeth ist Inhaber der Professur für Höhere Berufsbildung und Weiterbildung am ZHE der PH Zürich und lehrt in diesen Themenfeldern.

Begriffswirrwarr 4.0

Ich beobachte derzeit, wie in Gesellschaft und Wissenschaft lebhaft über die Verbreitung und den Einfluss digitaler Technologien debattiert wird. Das Thema Digitalisierung ist so omnipräsent, es nervt schon fast. Dabei ist das Anhängsel «4.0» inzwischen zur populären Phrase geworden, die – in Anlehnung an Software Updates – den relativen Neuigkeitsgrad eines Gegenstandes betonen soll. Wenn man (politische) Aufmerksamkeit gewinnen oder (vermeintlich) etwas Neues sagen will, dann geht heute ohne diesen Zusatz offenbar nichts mehr. Die Begriffsneuschöpfungen reichen von «Adoleszenz 4.0» (ja, die soll es wirklich geben!) über «Weiterbildung 4.0» bis zu «Zeitung 4.0». Beinahe täglich gesellen sich zum Begriffswirrwarr 4.0 neue Begriffe hinzu. Der Bezug zur Digitalisierung bleibt dabei meistens eher diffus.

Industrie 4.0: Agenda-Setting par excellence

Die Diskussion neigt ohne Zweifel zu Übertreibungen, vorschnellen Schlüssen und mancher Skurrilität. So wurde zum Beispiel die immer wieder zitierte Studie von Frey und Osborne, nach der 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA von Automatisierung bedroht seien, wissenschaftlich längst relativiert. Hinter mancher Diskussionsbeteilung stecken zudem handfeste wirtschaftliche Interessen. Dies wird gleich zu Beginn der aktuellen gesellschaftlichen Debatte um Digitalisierung deutlich: Hier steht der Begriff der «Industrie 4.0», der unter anderem Henning Kagermann, langjähriger Vorstandssprecher des Softwareunternehmens SAP in die Öffentlichkeit trug. Sein Aufsatz hiess: «Industrie 4.0: Mit dem Internet der Dinge auf dem Weg zur 4. industriellen Revolution». Veröffentlicht wurde er 2011 zur weltweit bedeutendsten Industriemesse «Hannover Messe».

4. industrielle Revolution
Sieht so die 4. industrielle Revolution aus?

Absurd ist dabei, dass alle bisherigen Revolutionen (Mechanisierung, Elektrifizierung, Informatisierung) im Nachhinein auf der Grundlage historischer Erfahrungen erkannt wurden. Die angeblich «vierte Revolution» wird hingegen ausgerufen, bevor sie stattgefunden hat.

Man kann jedenfalls ein äusserst erfolgreiches Agenda Setting von Industriebetrieben, Ingenieuren und IT-Experten feststellen. Aber: Deshalb von einem blossen Hype zu sprechen, wäre angesichts realer Veränderungsprozesse durch Digitalisierung und zu erwartenden zukünftigen Entwicklungen sicherlich nicht angemessen. Automatisierungs- und Digitalisierungsprozesse sind zwar sicher keine neuen Phänomene. Aber sie finden dank rasant erhöhter Speicher- und Verarbeitungskapazitäten zunehmend beschleunigt in allen gesellschaftlichen Feldern statt. Unsere Arbeits- und Lebenswelten verändern sich spürbar, so dass das Thema aktuell bleiben wird. Und wir müssen uns ihm stellen: In der Bildungswissenschaft und -Praxis.

Arbeiten 4.0 als Diskurserweiterung

Inzwischen entsteht immerhin eine Diskussion um «Arbeiten 4.0», die nach sozialen Veränderungen und Herausforderungen fragt. Andere Beschäftigungsfelder wie personenbezogene Dienstleistungen werden hier einbezogen. Dabei wird Abstand genommen von einer technologiefixierten und einer allein wirtschaftlichen Sicht auf Digitalisierung. Es geht vielmehr darum, gesellschaftliche Bedürfnisse und die Ansprüche der Beschäftigten an gute Arbeit in den Transformationsprozess miteinzubeziehen. Es stehen also Innovationen und das gesamte gesellschaftliche Wohlergehen im Fokus und nicht nur der Profit. So fragt Arbeiten 4.0 zum Beispiel nach

  • (Sicherung der) Teilhabe aller sozialer Gruppen
  • Vereinbarkeit von Beruf und Familie
  • gerechten Löhnen und sozialer Sicherheit
  • guter Arbeit
  • guter Unternehmenskultur und demokratischer Teilhabe
  • (und nicht zuletzt) Lernen und Weiterbildung im Lebenslauf
Industrie 4.0
Menschenleerer Containerhafen – wie verändert Digitalisierung die Arbeit?

Perspektiven der Weiterbildung

Die Frage, wie Bildung oder Weiterbildung 4.0 aussehen könnten, wird in diesem Zusammenhang aktuell. Nur liegen bislang kaum solide Beiträge vor, empirische Untersuchungen sind noch Mangelware. Meist wird sehr allgemein davon gesprochen, dass das Bildungssystem erneuert werden müsste. Wie genau und warum und in welche Richtung, das bleibt meist im Dunkeln. Wenn Vorschläge gemacht werden, dann zeigen sich eher bedenkliche Tendenzen: Es wird beispielsweise auf Einsparungen und Minimalismus gesetzt (siehe dazu z.B. Käpplinger 2016). Lange bekannte Bildungskonzepte wie selbstorganisiertes Lernen, E-Learning oder Lehrende als Lernbegleiter treten wieder als Patentlösungen in den Vordergrund. Es heisst, Bildung müsse individualisiert werden und jede/r Lernende wisse doch am besten selbst, was er oder sie benötige.

Forschung zu diesen Konzepten verweist eher auf das Gegenteil. Selbstorganisiertes Lernen ist enorm störanfällig und anspruchsvoll, besonders für eher «lernungewohnte» Gruppen. Blosses E-Learning wie zum Beispiel bei MOOCs hat enorme Abbruchquoten. Es braucht Lernbegleiter, aber eben nicht bloss den Kollegen oder die Vorgesetzte. Professionelles erwachsenenpädagogisches Personal muss über erweiterte Kompetenzen in Vermittlung wie Beratung verfügen. Mit kostensparendem Minimalismus ist den Herausforderungen der Digitalisierung nicht beizukommen.

Erik Haberzeth spricht über Industrie 4.0 und Weiterbildung
Erik Haberzeth spricht am ZHE-Jahresapéro über Industrie 4.0 und Bildung in Zeiten der Digitalisierung

Partizipativer Ansatz

Weiterbildung wird zudem teilweise als ein blosses arbeitsmarktpolitisches Instrument angesehen. Sie soll helfen, Menschen einfach in diejenigen Beschäftigungsfelder «zu verschieben», die vom technischen Fortschritt profitieren. Zugespitzt formuliert: Der Schneider soll IT-Administrator werden. Dem widerspricht die arbeitswissenschaftliche Erkenntnis, dass die Berufsrolle und die Arbeitsaufgabe für die Entwicklung von persönlicher Identität und Selbstwertgefühl eine grosse Bedeutung haben. Es geht deshalb darum, die Unersetzbarkeit menschlichen Arbeitsvermögens zu festigen. Gemeinsam mit den Beschäftigten ist zu fragen, wie Kompetenzen ausgebaut und erweiterte Aufgaben wahrgenommen werden können.

Angesichts dieser An- und Widersprüche führen wir aktuell zusammen mit der Universität Hamburg ein eigenes Forschungsprojekt «Kompetenz 4.0» durch. Wir untersuchen Kompetenzverschiebungen durch Digitalisierung im Detailhandel und in der Logistik. Dabei fragen wir auch danach, wie Weiterbildung angesichts der festgestellten Verschiebungen künftig gestaltet werden kann, um die Menschen fit für die Zeiten der Digitalisierung zu machen.

Erik Haberzeth forscht und publiziert zum Thema Weiterbildung und Kompetenz 4.0. Das Projekt «Kompetenz 4.0» wird von November 2015 bis Oktober 2018 von der PH Zürich und der Universität Hamburg durchgeführt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Beauftragt mit der Durchführung des Gesamtprogramms «Innovative Ansätze zukunftsorientierter beruflicher Weiterbildung» ist das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Lesetipps: 
Haberzeth, E. & Glass, E. (2016). Kompetenz 4.0. Partizipative Kompetenzanalyse als Perspektive. Journal für politische Bildung, H 12/1.

Weiterbildung 4.0: Interview mit Bernd Käpplinger.

Redaktion: ZBU, TZM

Selbstmanagement – Wie schätzen Sie sich ein?

Beitrag von Anita Graf, Professorin für Human Resource Management an der Fachhochschule Nordwestschweiz und selbstständige Beraterin für ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung.


Wie schätzen Sie sich ein: Können Sie sich gut selbst managen und führen oder bereitet Ihnen das regelmässig Kopfzerbrechen? Wissen Sie, wie Sie sich entlasten können – und setzen Sie dieses Wissen auch um?

Sich selbst wirkungsvoll zu führen ist in der heutigen Zeit essenziell – und anspruchsvoll. In vielen Bereichen der Arbeitswelt sind die Anforderungen an Mitarbeitende und Führungskräfte stark angestiegen, der Druck hat zugenommen. Das gilt auch für Hochschulen und andere Bildungseinrichtungen. Zahlreiche Studien zeigen die Auswirkungen von Überforderung und Überlastung im Job: z.B. Demotivation, Erschöpfungszustände, psychosomatische Beschwerden. Ein gutes Selbstmanagement hilft, die Erwartungen aus Lebens- und Arbeitswelt zu bewältigen.

Wie schätzen Sie Ihre Selbstkompetenz ein?

Selbstmanagement-Kompetenz umfasst die Bereitschaft und die Fähigkeit, das eigene Leben selbstverantwortlich zu steuern. Selbstmanagement ist gelebte Selbstverantwortung.

Zurück zur Ausgangsfrage: Wie schätzen Sie Ihr eigenes Selbstmanagement ein? Die folgende Übung hilft Ihnen, Ihre Selbstmanagement-Kompetenz zu reflektieren. Die Grundlage bilden die vier Wirkungsbereiche Leistungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Wohlbefinden und Balance – sie sind weiter unten kurz beschrieben.


Reflexionssequenz Teil 1

Beantworten Sie die folgenden Fragen und halten Sie Ihre Ergebnisse schriftlich fest:

  1. Leistungsfähigkeit
    Wie zeigt sich Ihre Leistungsfähigkeit im beruflichen und privaten Alltag?
    Worauf beruht Ihre Leistungsfähigkeit? Welche Massnahmen/Aktivitäten gehören hierzu? Welche Einstellungen?
  2. Leistungsbereitschaft
    Wie zeigt sich Ihre Leistungsbereitschaft im beruflichen und privaten Alltag? Wie ist diese erkennbar oder sichtbar?
    Worauf beruht Ihre Leistungsbereitschaft? Was motiviert Sie besonders – bei der Arbeit und im Privatleben?
  3. Wohlbefinden
    Was beeinflusst Ihr Wohlbefinden im Berufs- und Privatleben?
    Hinweis: In der positiven Psychologie beruht Wohlbefinden auf 5 Faktoren: positive Gefühle, Erfolg bzw. erreichte Ziele, Engagement/Flow, Sinn, positive Beziehungen.
  4. Balance
    Was brauchen Sie, um im Alltag Balance zu leben (auf körperlicher, emotionaler, geistiger Ebene, bezogen auf die Balance der Lebensbereiche oder auf die Balance zwischen Aktivierung und Entspannung)?
    Wie erkennen Sie im Alltag, dass Sie in Balance sind?
    Was geschieht, wenn Sie es nicht sind?

Reflexionssequenz Teil 2

Beantworten Sie die folgenden Fragen und schätzen Sie sich auf den Skalen ein (zum späteren Überprüfen schriftlich festhalten).

  1. Wie hoch war in den letzten 6 Monaten im Durchschnitt Ihre Leistungsfähigkeit (10 = sehr hoch, 0 = sehr tief)? Was sind die Gründe, dass der Wert so ist wie er ist?
  2. Wie verläuft der Trend, wenn Sie weiter so leben, wie Sie in den letzten 6 Monaten gelebt haben – nach oben, gleichbleibend oder nach unten?
  3. Beantworten Sie diese beiden Fragen auch für die restlichen drei Parameter.

Wenn Sie alle vier Parameter beurteilt haben:

  1. Was müssten Sie konkret tun, um jeden der vier Parameter auf einem möglichst hohen Niveau zu halten bzw. diesen dahin zu bewegen?
  2. Welchen Gewinn/Nutzen könnten Sie dadurch für sich und Ihr Leben generieren?
  3. Was könnte Sie daran hindern, es nicht zu tun? Was wäre der Preis hierfür? Welchen Preis bezahlen Sie bereits heute?
  4. Welche Ressourcen könnten Sie aktivieren, die Sie in diesem Prozess unterstützen?

Wirkungsbereiche von Selbstmanagement

Selbstmanagement bedeutet, das eigene Leben selbstverantwortlich zu steuern, damit Leistungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Wohlbefinden und Balance gefördert werden und langfristig erhalten bleiben:

  • Leistungsfähigkeit wird ermöglicht, wenn Menschen über die Kompetenzen verfügen, um sowohl die Herausforderungen und Ansprüche des Berufs- als auch des Privatlebens zu erfüllen. Dies setzt einerseits lebenslanges Lernen voraus (sich weiterbilden, neue Herausforderungen suchen, die Komfortzone verlassen, Neues ausprobieren, Risiken eingehen) und andererseits die Bereitschaft, der eigenen Gesundheit Sorge zu tragen (Belastungen erkennen und abbauen, Ressourcen aktivieren und im Alltag nutzen).
  • Leistungsbereitschaft zeigt sich darin, dass Menschen sich für etwas engagieren – für ein Ziel, eine Sache, eine Person, ein Anliegen, eine Organisation. Sie identifizieren sich mit der Tätigkeit, die sie ausüben oder mit dem Unternehmen, für das sie arbeiten. Identifikation geschieht da, wo die Lebensgestaltung mit den eigenen Bedürfnissen und Werten übereinstimmt, sie ist die Basis für Begeisterung und Passion. Eine sehr hohe Leistungsbereitschaft kann allerdings zu Selbstausbeutung führen.
  • Wohlbefinden wird durch fünf Faktoren beeinflusst, die sich gegenseitig ergänzen und bedingen. Wohlbefinden entsteht, wenn Menschen ein positives Gefühl haben (z. B. Freude, Inspiration, Stolz, Ausgeglichenheit), Ziele erreichen konnten bzw. Erfolg haben, Engagement im Sinne von Flow-Erlebnissen verspüren, Sinn erfahren (z. B. einen Beitrag leisten können, der als sinnvoll erachtet wird) und positive Beziehungen leben.
  • Balance zeigt sich darin, dass Menschen in folgenden Bereichen für Ausgewogenheit sorgen: Balance zwischen Aktivierung/Anspannung und Entspannung/Regeneration, Balance auf körperlicher Ebene (z.B. ausreichend Schlaf, regelmässig Bewegung), auf emotionaler Ebene (z.B. innere Gelassenheit entwickeln) und auf geistiger Ebene (z.B. ausgewogener Wechsel zwischen Konzentration/Fokus und mentaler Entspannung/Loslassen) sowie Balance der verschiedenen Lebensbereiche (Life Domain Balance).
Selbstmanagement stärken
Die Selbstmanagement-Kompetenz zu stärken ist entscheidend, um die Anforderungen der Arbeitswelt zu bewältigen.

Ein lebenslanger und dynamischer Prozess

Ich setze die Reflexionsübung häufig in Selbstmanagement-Seminaren und Coachings ein, wo sie als Orientierungsrahmen dient. Je nach Ergebnis rüttelt diese kleine Übung auf oder kann unangenehme Gefühle hervorrufen, z.B. wenn sich vorhandene «Baustellen» zeigen. Dabei ist Selbstmanagement ein lebenslanger und vor allem dynamischer Prozess, der immer wieder Phasen der Selbstreflektion und der Selbstentwicklung erfordert. Die Grundlage bildet die Bereitschaft, das eigene Leben selbstverantwortlich zu steuern und zu gestalten. Selbstmanagement hat mit klaren Entscheidungen zu tun, auch mit Verzichten-Können oder Verzichten-Müssen. Letzteres fällt besonders Fachleuten wie Hochschuldozierenden und -forschenden oft schwer, was zum Phänomen der interessierten Selbstgefährdung führen kann.

Es zeigt sich in Seminaren und Coachings immer wieder, dass Menschen eigentlich genau wissen, welche Bereiche es zu verändern gilt: Die eigentliche Hürde liegt im Schritt vom Wissen zum Tun. Denn oft entscheidet man nicht alleine – wie bei der Frage, als Familienvater Teilzeit zu arbeiten. Oder die Entscheidungen führen zu Konflikten, beispielsweise wenn Mitarbeitende keine zusätzlichen Aufgaben übernehmen möchten. Manchmal erzeugen Entscheidungen Ängste, zum Beispiel den Arbeitsplatz zu verlieren. Und vielleicht bestehen Konflikte zwischen Bedürfnissen und Zielen, die abzuwägen sind – wie finanzielle Sicherheit versus mehr Freiraum. Häufig ist es notwendig, auf der neurobiologischen Ebene die entsprechenden neuronalen Vernetzungen erst zu bilden, etwa beim Schaffen neuer Automatismen (der Schritt vom Wissen zur Handlungsroutine). Coachings und Beratungen zum Selbstmanagement können beim Umsetzen und Angehen helfen.

Packen Sie es an!

Anita Graf leitet Anfang Mai einen Kurs zum Thema Selbstmanagement für Hochschuldozierende am ZHE. Anmeldungen sind noch bis am 04.April möglich. 

Lesetipp: 
Anita Graf (2017): Sich selbst wirkungsvoll führen. Kernkompetenz der Zukunft. Zeitschrift für Führung + Organisation, 02/2017 (86. Jg.), Seite 68–75. 

Anita Graf (2012): Selbstmanagement-Kompetenz in Unternehmen nachhaltig sichern: Leistung, Wohlbefinden und Balance als Herausforderung.

Redaktion: ZBU

Reflektieren: Denkchance oder Lernbremse?

 

Monique Honegger

Monique Honegger ist Gründerin und Leiterin des Schreibzentrums der PH Zürich und arbeitet u.a. als Beraterin und Dozentin mit Dozierenden und Studierenden.


 

An Hochschulen reflektieren alle. Lernende und Dozierende, in Aus- und Weiterbildung. Je nach Studienrichtung ausgeprägter, aber alle. Lernen in anspruchsvollerem Sinn braucht Reflexion.  Das Image des Reflektierens ist aber mittelgut bis schlecht. Seien es Lerntagebücher, Lernportfolios, reflektierende Berichte, Diskussionen mit Reflexion: Studierende erleben Reflexionen wiederkehrend als Alibiübung. Warum? Was kann getan werden?

Wie Reflektieren geht und was es soll

Reflektieren bedeutet, über eigenes Lernen, Gelerntes und Nichtgelerntes nachzudenken und zu -fühlen. Unreflektiert zu sein oder die Weigerung zu reflektieren, verstösst in Berufswelt und Weiterbildung gegen Normen: Der bildungsfrohe und bildungsbewusste Mensch reflektiert und muss dies zeigen, es wird bewertet.  Reflektieren bedeutet für viele Lernende vor allem zu zeigen, dass sie reflektieren. Dass es auch um einen inneren Prozess geht, wird mitunter in der Hektik des Alltags vergessen.

Deshalb ist zu betonen, dass es zwei verschiedene Formen von Reflexion gibt:

  • Reflektieren als Tätigkeit (innerer Dialog): Wir denken und fühlen über eigenes Tun und (Nicht-)Lernen nach, damit wir es optimieren oder ändern können.
  • Reflektieren als Kompetenznachweis (präsentierendes Reflektieren): Wir zeigen anderen Personen, dass wir reflektieren können sowie professionell handeln und lernen.
Schreibend reflektieren
Schreiben kann das Reflektieren unterstützen

Ammann & Wyss (in Honegger, Ammann und Hermann 2015) unterscheiden drei Schritte der Reflexion:

  1. Ich denke über Vergangenes nach,
  2. fokussiere ein, zwei Aspekte, die ich analysiere, und
  3. plane, wie ich die Erkenntnisse umsetze.

Dieser Dreischritt funktioniert, wenn sich Lernende dafür entscheiden. Verweigern sich Lernende jedoch, beginnt der Reflexionsprozess mit Punkt 0: Ich verweigere mich.  Auch das ein Denk- und Lernschritt: Festzustellen, dass ich etwas im Moment nicht lernen will oder kann.

Je älter die Lernenden, desto wichtiger

Je älter wir Lernenden sind, desto nötiger ist Reflexion. Erwachsene müssen reflektieren können, weil sie bisweilen erstarrter und unflexibler in bewussten und unbewussten Denkstrukturen kleben als heranwachsende Lernende (siehe den Artikel von Schüssler 2008: Reflexives Lernen in der Erwachsenenbildung). Innere Um- und Neuordnungen sowie offene Fragen, die auch unbeantwortet bleiben dürfen, verhindern, dass wir unreflektiert unseren Beruf ausüben. Wir vermeiden so auch, in der Arbeit in ärgerlichen Formen wiederkehrend denselben «Fehlern» zu begegnen.

Im Scheitern und aus Fehlern lernen

Reflexion bedeutet demnach, nicht nur auf das hinzuweisen, was man gelernt hat, sondern auch über Scheitern und Fehler nachzudenken. «Darf ich das meinem Dozenten zeigen?» So fragen Studierende nicht zu unrecht die Berater im Schreibzentrum. Denn manche Dozierende wollen keine Scheiterreflexion, sondern das Gelingen nachlesen. Ein Scheitern ihrer Studierenden ertragen sie schlecht, weil sie sich für deren Lernerfolg verantwortlich fühlen (siehe auch den Blogbeitrag von Geri Thomann zum Scheitern im Bildungsbereich).

Joggen und reflektieren
Auch beim Joggen lässt sich reflektieren

Also reflektieren – aber wie?

  • Mit frischen Köpfen und Herzen – eher morgens oder zu Beginn einer Stunde/Lektion
  • die Mittel- oder Anfangsreflexion (anstelle der Abschlussreflexion) anregen
  • Reflexionsform wählen lassen: Das bewirkt mehr Selbststeuerung, so wird Reflexion Grundlage für expansives Lernen.
  • Auch mal nicht schriftlich: Es gibt Lernende, die Schreiben und Lesen mit Misserfolgserlebnissen verbinden (siehe den Artikel von Bremer 2010). Ihnen helfen Hinweise, dass sie Reflexion auch anders betreiben können: etwa beim Duschen, Joggen, Kochen, Fahrradfahren. Reflektieren ohne Schreiben erleichtert manchen, den inneren Dialog zu hören, weil so für Schreibungewohnte die kognitive Herausforderung wegfällt, alles in einen Text zu packen.
  • Reflexion bedeutet auch fühlen, nicht nur denken. Lernende üben, den inneren Dialog mit sich selber zu hören und zu führen.
  • Präsentierendes Reflektieren als Beleg für Reflexionskompetenz ist sinnvoll und unvermeidbar: Im Berufsalltag muss ich als Mitarbeiterin meine Reflexionskompetenz auf Kommando zeigen können, etwa bei Fehlern und deren «Behandlung». Dennoch:
  • Reflexionsaufträge nicht stets mit Kompetenznachweis, Leistungsnachweisen und Kontrolle verbinden. Das erleichtert, innere vielleicht beschämende Prozesse in Gang zu setzen.
Monique Honegger ist am ZHE u.a. als Kursleiterin tätig: Arbeiten von Studierenden begleiten und beurteilen startet zum nächsten Mal anfangs 2018.

Literaturhinweise:
- M. Honegger, D. Ammann,& T. Hermann (2015). Schreiben und Reflektieren. Denkspuren zwischen Lernweg und Leerlauf (= Band 5  unserer Reihe «Forum Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung»).
- M. Honegger (2015): Schamerleben beim schreibenden Reflektieren. In M. Honegger, Schreiben und Scham.

Redaktion: TZM

Das Curriculum zum Leben erwecken

 

Tobias Johannes Jenert

Beitrag von Tobias Jenert, Assistenzprofessor für Pädagogische Hochschulentwicklung am Institut für Wirtschaftspädagogik an der Universität St. Gallen.

 


Ich erinnere mich daran, wie wir im Team um 2010 herum aktuelle Curriculumkonzepte zusammentrugen. Wir waren damals beeindruckt von der Vielfalt der Modelle, fanden sogar einzelne «Curriculum-Rosen». Heute gehört die Entwicklung von Studienprogrammen zum Kerngeschäft vieler hochschuldidaktischer Einrichtungen und Studiengangsleitungen, von «blühenden Landschaften» sind wir in diesem Bereich allerdings weit entfernt.

Stiefkind Curriculum

Manchmal hat man sogar das Gefühl, dass Hochschulen ihre Curricula immer noch als Stiefkind behandeln: Die Lehr-/Lernforschung befasst sich für gewöhnlich mit der Mikroebene von Unterricht und Studium, nicht der Ebene von Studienprogrammen. Sie erforscht Eigenschaften von Lehrenden und Lernenden und beschäftigt sich mit didaktischen Methoden in einzelnen, zeitlich überschaubaren Veranstaltungen. Die Hochschuldidaktik hat Curricula zwar in den letzten zehn, fünfzehn Jahren (wieder-)entdeckt; sie lebendig zu gestalten scheint allerdings schwer zu fallen.

Einzelne Blume: Curriculumentwicklung zum Blühen bringen?
Wie bringen wir die Curriculumentwicklung zum Blühen?

Ein «lebendiges» Curriculum entsteht, wenn Lehrende und Studierende eine gemeinsame Vorstellung von einem gelingenden Studium entwickeln und umzusetzen versuchen. Dazu gehört die Verständigung über erstrebenswerte Ziele, spannende Inhalte oder lohnenswerte Lehr- und Lernaktivitäten. Lebendig meint auch, dass sich Curricula nicht in der Vorgabe abstrakter Programmziele, Studienpläne, Modulbeschreibungen und ECTS-Listen erschöpfen.

Mein Eindruck von Studienprogramm-Designs an vielen Hochschulen ist allerdings ernüchternd: Sie erscheinen entweder verschult und überstrukturiert oder zerstückelt und inkohärent. Wobei es an fehlenden Konzepten und Erfahrungen zur Gestaltung von Programmen eigentlich nicht liegen kann. Davon gibt es nach über 15 Jahren Bologna-Umsetzung wahrlich genug. Warum aber ist es so schwierig, Curricula zu einer lebendigen Studien- und Lehrkultur werden zu lassen?

Wissenschaftler-Ethos als Herausforderung und Chance

Eine erste Ursache sehe ich in der Struktur von Hochschulen im Allgemeinen und dem professionellen Selbstverständnis von Hochschullehrenden im Besonderen. Wer an der Hochschule arbeitet, der tut dies vor allem wegen seiner oder ihrer Leidenschaft für eine wissenschaftliche Disziplin. Dieses Ethos des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin ist an Universitäten vielleicht stärker ausgeprägt als an anderen Hochschultypen; ich meine aber, dass das Grundprinzip für alle Hochschullehrenden gilt. Ob sich die disziplinäre Orientierung nun auf eine Tätigkeit in der Wissenschaft oder auf eine professionelle Praxis ausrichtet – sie verträgt sich nicht immer gut mit der Gestaltungslogik von Studienprogrammen, die modular und kompetenzorientiert sein sollen.

Die Lehrenden sind gefordert, den Horizont des eigenen Spezialgebiets ein Stück weit hinter sich zu lassen, sich mit Vertreter*innen anderer Fächer zu koordinieren. Dies kann schnell ans Eingemachte gehen: Schliesslich würde eine Wirtschaftswissenschaftlerin ihrem Kollegen aus der Psychologie ja auch nicht sagen, wie er einen Forschungsbeitrag zu verfassen hat. Warum aber soll dies in der Lehre der Fall sein?

Die Begeisterung für das eigene Fach kann man also als Chance für die Gestaltung lebendiger Curricula verstehen. Gleichzeitig ist es eine Herausforderung, dass curriculare Strukturen und Vorgaben nicht als Einschränkung der akademischen Freiheit und Kreativität wahrgenommen werden.

Gestaltungsfreiheiten lassen!

Eine zweite Ursache sehe ich in einer gewissen Dogmatik, mit der gerade die Hochschuldidaktik an die Gestaltung von Entwicklungs- und Umsetzungsprojekten in der Lehre herangeht:

  • Kompetenzen sind die einzige Form, in der Ziele formuliert werden sollen! Warum?
  • Alle Elemente eines Curriculums müssen der Idee des «Constructive Alignment» folgen! Könnte es nicht Elemente geben, die bewusst funktionslos, also «misaligned» sind?
  • Bei der Festlegung von Studienzielen sollten immer auch Arbeitgeber berücksichtigt werden! Und wenn wir ein rein akademisch ausgerichtetes Curriculum entwickeln wollen?

Werden Gestaltungsmerkmale als mehr oder weniger alternativlose Blaupausen verkauft, nimmt man den zentralen Akteuren in Studienprogrammen – den Lehrenden (und zu einem gewissen Mass auch den Studierenden) – viel von ihrer Gestaltungsmacht und damit vielleicht auch den Gestaltungswillen.

Curriculum gemeinsam entwickeln
Eine lebendige Vorstellung der Studiengestaltung wird von Lehrenden und Studierenden gemeinsam erarbeitet.

Fazit: Eine Sache der Lehrenden und Lernenden

Eine lebendige Curriculumentwicklung verlangt von Lehrenden einerseits also einiges an Einfühlungsvermögen und Kompromissbereitschaft. Dessen sollten sich diejenigen, die für die Curriculumgestaltung verantwortlich sind, bewusst sein. Andererseits bieten Akademiker*innen ein einzigartiges Potenzial, Studienprogramme zum «Blühen» zu bringen: Sie brennen für ihre Disziplin. Ihre eigene Expertise weiterzugeben, ist ihnen sehr oft eine Herzensangelegenheit. Curriculumentwicklung sollte dieses Potenzial aufgreifen und als oberstes Ziel haben, die Gestaltung von Studienangeboten zu einer Sache der Lehrenden zu machen.

Und was bedeutet dies alles für Studierende? Es verlangt von ihnen ein hohes Mass an Engagement und Motivation auch jenseits von Prüfungsvorbereitungen. Innovative Curriculumentwicklung darf sich auch deshalb nicht nur auf die unmittelbar lernbezogenen Aspekte des Studiums beschränken. Es müssen auch «ideelle» Anforderungen festgelegt und kommuniziert werden. Dazu gehören u.a. Vorstellungen zum sozialen Zusammenhalt, zur gemeinsamen Lern- und Arbeitskultur im Studium oder zur Verbindlichkeit gegenüber Lehrenden und der Hochschule.

Möchten Sie noch konkreter darüber nachdenken, wie Curriculum­entwicklung gelingen kann? Das ZHE bietet am 29./30.6.2017 in Kooperation mit der Universität St. Gallen einen Kurs zur Curriculumentwicklung mit Tobias Jenert an. 

Lesetipp: 
Jenert, Tobias (2012). Studienprogramme als didaktische Gestaltungs- und Untersuchungseinheit: Theoretische Grundlegung und empirische Analyse. Dissertation, St. Gallen.

Redaktion: ZBU

China: Einmal sehen ist besser als hundertmal hören

Christine Bieri BuschorBeitrag von Christine Bieri, Professorin und Forschungszentrumsleiterin an der PH Zürich, Erfahrung als Expat in Guangzhou, und

Barbara Nafzger

von Barbara Nafzger, Bereichsleiterin und Koordinatorin International Office an der PH Zürich. Sie studierte Sinologie, Kunstgeschichte Ostasiens und Sport.


百闻不如一见 – «Einmal sehen ist besser als hundertmal hören»

Chinesisches Sprichwort

Die Zahl von chinesischen Studierenden in der Schweiz und Europa nimmt stark zu. Ebenso jene von Studierenden aus der Schweiz und Europa, die einen Studienaufenthalt in China machen. Deshalb ist es aktuell besonders wertvoll, dieses grosse Land besser kennen zu lernen (vgl. auch die vom ZHE angebotene Studienreise nach China).

Wir Europäerinnen und Europäer gehen in der Regel davon aus, dass Chinesinnen und Chinesen viel von uns lernen können und wollen. Umgekehrt gibt es (aber) auch sehr Vieles, was wir von und über China lernen können: Der Einblick in die fremde Kultur ermöglicht zahlreiche Lernerfahrungen. So sind wir zunächst Analphabetinnen und Analphabeten, wie bereits der obige Titel zeigt.

Von den Luxusgütern zur Luftverschmutzung

China: Ming-Vase als Sinnbild für Luxusprodukte
Sinnbild für frühere chinesische Luxus­produkte: Vase aus der Ming-Dynastie

Sehen und selbst erleben helfen, stereotype Vorstellungen abzubauen. Und solche gibt es bezüglich China viele. Noch im 19. Jahrhundert waren diese durchaus positiv, denn Berührungen mit China gab es kaum. Deshalb liess sich vieles in das grosse, ferne Land hineinprojizieren. Die positiven Assoziationen bezogen sich auf Luxusgüter wie Seide, Porzellan und Tee. Aber auch auf den Staat, der von den Gebildetsten im Lande – den Mandarinen – regiert wurde.

Heute sind die stereotypen Vorstellungen eher negativ gefärbt: Chinesinnen und Chinesen leben im Smog, treten in Massen auf (auch bei uns) und produzieren Billigprodukte. Sie liegen im Streit mit Nachbarländern, kaufen westliche Firmen und Häfen auf etc.

China – Schweiz: Austausch in Handel und Bildung

Das grosse Land hat weltweit aber auch den höchsten Anteil Studierender, die für kürzere oder längere Zeit im Ausland studieren. Auch in der Schweiz sind immer häufiger chinesische Studierende anzutreffen. Gemäss den Zahlen der Schweizer Botschaft in Peking studierten im Studienjahr 2013/2014 insgesamt 1335 chinesische Studierende an einer Schweizer Hochschule. Der Anteil Schweizer Studierender an chinesischen Universitäten belief sich im gleichen Jahr auf 764. Dank Stipendien des chinesischen Bildungsministeriums dürfte er in Zukunft deutlich ansteigen. Auch der Schweizerische Nationalfonds fördert den gegenseitigen Austausch von Studierenden. Wie kommt es zu diesem hohen Interesse an Austauschprogrammen im Hochschulkontext?

Der intensivierte Austausch ist zum Teil durch die verstärkten Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und China erklärbar: Vor allem seit der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens am 1. Juli 2014 ist China zu einem der wichtigsten Handelspartner der Schweiz geworden. Die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern haben aber eine längere Tradition. Nach dem Niedergang der Qing-Dynastie (1644 – 1911) unterzeichnete die Schweiz bereits 1918 einen Freundschaftsvertrag mit China. Und als erstes westliches Land 1950 anerkannte die Schweiz die Volksrepublik China.

Schulhaus in China
Spielende Kinder vor dem Guangdong Museum in Guangzhou (Foto: Barbara Nafzger):

Grosse Bedeutung der studentischen Mobilität

Wie kommt es zum starken Interesse Chinas an der Studierendenmobilität? Auch hier lohnt sich ein kurzer Blick in die Geschichte. Austauschbeziehungen mit dem Ziel, den Wissenstransfer voranzutreiben, gab es bereits nach dem Zerfall der Qing-Dynastie 1911. Bekanntes Beipsiel ist der Bau von Eisenbahnen durch westliche Ingenieure. Aber auch in anderen Bereichen wurde Wissen ausgetauscht. So unternahm etwa der amerikanische Pädagoge John Dewey  um 1920 eine Vortragsreise nach China.
Anfangs des 20. Jahrhunderts und nach der Öffnung des Landes in den 1980er Jahren begannen dann chinesische Studierende in den Westen zu reisen. Nach ihrem Studienaufenthalt liessen sie ihr neues Wissen einfliessen und trugen wesentlich zum Aufbau des Landes bei.

Auch heute ist Bildung stark verknüpft mit der nationalen Identitätsbildung und Entwicklung des Landes. So ist seit einiger Zeit eine massive  Bildungsexpansion im Gange. Der systematische Austausch im Hochschulwesen gehört dabei zu den bedeutendsten strategischen Zielen der nächsten Jahre. Schon länger gibt es zahlreiche Programme zur Förderung von Eliteuniversitäten. Heute erhalten aber auch andere Hochschulen und Fachhochschulen finanzielle Mittel, um mit Hochschulen aus anderen Ländern zu kooperieren.

Bild Interview mit Barbara Nafzger zur Chinareise

China ist in der Folge mit dem höchsten Anteil Austausch­studierender in Europa zu einem wichtigen Player der globalen Hochschulpolitik geworden und sucht aktiv nach Partnerhochschulen. Der Bedarf an Austauschbeziehungen wird in den nächsten Jahren auch im Bereich der Fachhochschulen und Berufsbildung anwachsen. Dies besonders in den Bereichen Technik und Gesundheit, da der Ausbau im Bereich der anwendungsorientierten Hochschulen ein nationales strategisches Ziel darstellt.

Chinesische Mittelschicht: Druck auf Hochschulen

Doch es gibt noch weitere Hintergründe für das grosse Interesse an internationalem Austausch: Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs sehen sich die chinesischen Hochschulen mit den hohen Qualitätsansprüchen einer aufstrebenden Mittelschicht konfrontiert. Die Eltern haben hohe Erwartungen an die Bildung. Dazu gehören auch attraktive Austauschprogramme, etwa um Englisch zu lernen. Und wer besser Englisch kann, hat deutlich bessere Chancen in einem harten Wettbewerb um gute Jobs. Denn viele Abgänger/innen von weniger prestigeträchtigen (häufig ländlichen) Universitäten finden keine adäquate Arbeit. Stattdessen verrichten sie eine Arbeit mit relativ geringen Anforderungen.

Chinesische Universitäten und andere Bildungsinstitutionen suchen also aktiv nach Partnerschaften zwecks Double-Degree-Programmen oder nach Austauschmöglichkeiten, um ihre Attraktivität zu erhöhen. Dazu gehören etwa Programme mit Fokus auf Sprach- und interkulturellen Kompetenzen.

Tea House in Shanghai
Tradition und Moderne: Tea House und Wolkenkratzer in Shanghai (Foto: Barbara Nafzger)

China: Sehen statt hören!

Wie eingangs gesagt, können auch wir Europäer enorm vom Austausch mit China profitieren:

  • Das Eintauchen in eine andere Lehr- und Lernkultur unterstützt zunächst einmal das Hinterfragen der eigenen Praxis.
  • Der Einfluss Chinas auf das Weltgeschehen nimmt ebenso zu wie die Handelsbeziehungen mit Ostasien.
  • Mit den wirtschaftlichen und politischen wachsen auch die kulturellen Berührungspunkte.

Um einen Einblick in ein Land mit einer faszinierenden Geschichte, einer dynamischen Gegenwart und einer ungewissen Zukunft zu erhalten gilt: Einmal erleben ist besser als hundertmal davon zu hören (oder zu lesen). Deshalb besuchen wir China regelmässig – das nächste Mal als Leiterinnen einer vom ZHE angebotenen Studienreise.

Christine Bieri Buschor und Barbara Nafzger leiten die ZHE-Studienreise nach China. Sie führt vom 3.9. –14.9.2017 in drei global bedeutende Wirtschaftsmetropolen mit einer spannenden Geschichte: Hong Kong, Guangzhou und Shanghai.
Besuche von chinesischen Hochschulen sowie Gespräche mit Vertretenden von Firmen, swissnex, Journalisten/-innen und Studierenden ermöglichen, den chinesischen Wirtschafts- und Bildungsraum kennen zu lernen und dadurch das eigene Bild über China und seine Bevölkerung neu zu definieren.

Am 5. Dezember, 18:00 findet an der PH Zürich im Raum LAB-E-018 eine Informationsveranstaltung zur Chinareise mit den beiden Leiterinnen statt.

Scannen mit dem Smartphone – Caspars Toolbox

Caspar-Noetzli-sw

Beitrag von Caspar Noetzli, Dozent und Berater beim Digital Learning Center der PH Zürich.

 


Logo Caspar's Toolbox

Hinweis der Redaktion:
Dieser Beitrag ist der

erste in der Serie
«Caspars Toolbox».
Hier stellt Caspar Noetzli
zweimal jährlich eine
bewährte 
App oder ein
digitales
 Werkzeug vor,
das sich 
im Unterrichts-
alltag
 sinnvoll einsetzen
lässt.

Dokumente scannen mit dem Smartphone

Mit der App «Scanbot» stelle ich ein Tool vor, das zum persönlichen und kollektiven Wissensmanagement eingesetzt werden kann:

Die Bildqualität der Kameras in den heutigen Smartphones ist so gut, dass sie sich auch als Scanner für Dokumente einsetzen lassen. Scanner-Apps bieten deshalb Möglichkeiten, Fotos von Texten auf nützliche Weise weiterzuverarbeiten. Funktionen sind zum Beispiel:

Im folgenden Screencast zeige ich exemplarisch die Funktionsweise der App «Scanbot» auf (läuft auf Android und iOS). Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen und Erfahrungsberichte hier im Blog.

Link: Mobiles Scannen mit der App «Scanbot»
Screencast: Mobiles Scannen mit der App Scanbot

Links

Scanbot im Apple-Store
Scanbot in Google Play

Caspar Noetzli leitet für das ZHE zusammen mit Peter Suter den Kurs E-Didaktik. Dieser richtet sich primär an Lehrende an Hochschulen sowie der Erwachsenenbildung, ist aber auch für Lehrpersonen der Sekundarstufe 2 interessant.

Creativity in Teaching: Facts and Fancy

Porträt Mònica Feixas

Beitrag von Mònica Feixas, Lehrbeauftragte am ZHE, PH Zürich, und Professorin an der Universitat Autònoma Barcelona (UAB).


James Watt and his teacher

There was this little boy who asked his teacher: «Is it true that teachers always know more than their students?» The teacher answered yes. Then the boy asked: «Sir, can you tell me who invented the steam machine?» The teacher answered: «James Watt». The boy: «But sir, why didn’t James Watt’s teacher already invent it?» (thanks to Andreas Sägesser for sharing this anecdote)

Creativity is of essence – be it in engineering, in research or in teaching. Accordingly, there is a great demand for creativity in higher education:

  • How do we foster creativity in an educational system defined largely by conformity, standardization, and hyper-specialization?
  • How do we create a strategy for guaranteeing that innovation and creativity flourish in our university?
  • How do we use creativity in meaningful ways to explore new possibilities for ourselves and for society?

These questions do not have short answers but are worth contemplating (as we will also do in our half-day conference on «Creativity in Learning – Revolutionizing Teaching through Design Thinking»).

Design Thinking Can Be Trained

Teaching and learning in higher education involve continuously «designing» our work. Every day we teachers are designing activities as we best are able. This designing can be

  • either adaptive (opening up new and better ways)
  • or reactive (getting more of the same old, or worse).

Teachers are always learners, too: We always are getting feedback about how our activities foster the learning of our students. The question is, do we act upon this feedback in a subconscious way, on autopilot? Or do we deliberately seek to improve upon it? The latter can be called «learning by design». In my opinion, this is the preferred way towards getting better at our work – for ourselves and for the students.

creativity
Creativity: You don’t have to be a designer to think like one!

Thus, you don’t have to be a designer to think like one. You can think like a designer and design the way you teach, assess, create and innovate. If you are mapping out a strategy, you are already designing!

Design thinkers are not necessarily created only by design schools. According to Tim Brown (2009), many people outside the professional design sphere already have a natural attitude for design thinking. Moreover, creativity and design thinking can be triggered with appropiate training.

Creativity – as Important as Literacy

Creativity is not the province of geniuses and artists, but a practical life skill. It can be nurtured in everyone from an early age through formal education, also in Higher Education. According to Sir Ken Robinson, «creativity is as important in education as literacy and we should treat it with the same status».

Keith Sawyer (2012), in an exhaustive review of creativity research over the last few decades, concluded that:

  • Creativity is the result of hard work and commitment to solving a problem.
  • Creativity involves both divergent and convergent thinking.
  • Creativity normally occurs incrementally over a long period of time.
  • Creativity is a directed, intentional, rational process.
  • Although creativity is largely domain-specific, cross-fertilization can enhance creativity.
  • There is no creativity gene and creativity doesn’t occur in just the right half of the brain. Rather, it involves basic psychological and social processes put together in novel and complex ways.
  • Imagination (i.e., the ability to form new images and thoughts not available through the senses or not possible in conscious reality) occurs at the individual level (in the mind).
  • Innovation (i.e., implementing a new idea or product into a group or society) occurs at the social level. (E.g., this is why there seldom is one single inventor of an important technology. Accordingly, James Watt is not really the inventor of the steam machine).

Most teachers also tend to associate creativity with the arts and humanities and not so much with science, technology, engineering and mathematics (STEM fields). However, creative teaching and learning can be tailored to every subject and the challenge for educators is to nourish and develop people’s natural creativity, not stifle it.

Creativity: Necessity, not Luxury

No one discipline or profession alone can claim to have the best or only approach to solving life’s most difficult problems. Rather, the most perplexing problems confronting humans require the integration of different knowledge spheres through creative thinking. Or as Ken Robinson (2011) puts it: «In a world where lifelong employment in the same job is a thing of the past, creativity is not a luxury. It is essential for personal security and fulfillment.»

One way of cultivating creative learning across disciplines in higher education is to include it in the curriculum’s learning goals. In the revised Bloom’s taxonomy of learning objectives (see graphic), creative learning is the highest-order thinking skill. How many higher education syllabi have learning objectives aiming at developing creative learning?

Bloom taxonomy creativity
Revised Bloom’s taxonomy of learning outcomes (Anderson & Krathwohl, 2001)

Another way is providing regular opportunities for hands-on experimentation, problem solving, discussion and collaborative work. In order to achieve this, we can encourage our students to

  • work in groups on collaborative projects,
  • ask in-depth questions (asking open-ended questions where there may be multiple solutions),
  • imagine what might be possible by exploring different ideas,
  • make connections between different ways of seeing,
  • and explore the ambiguities and tensions that may lie between them.

Stage Model of the creative process

Keith Sawyer identifed eight stages of the creative process. As can be seen, prolonged, intensive immersion in a domain is essential for highly creative performance:

  1. Identify the problem or opportunity.
  2. Acquire knowledge and skills relevant to the specific problem.
  3. Acquire a broad range of knowledge related to the problem (see the overlaps and relationships across domains; us analogic thinking; apply concepts from related domains, generate a variety of ideas).
  4. Allow time for deep reflection.
  5. Generate a variety of ideas.
  6. Combine ideas in novel ways.
  7. Select meaningful ideas based on feasible criteria.
  8. Externalize, test, evaluate, and refine the idea (imagine how to implement it, identify resources needed to implement it, predict the possible reactions, determine how to test, evaluate, and refine it).

Sawyer’s stage model can be an inspiration for designing learning activities – as mentioned above – aiming for creativity.

Part II

This blog post focuses on the importance of creativity as a learning goal. A second part has appeared in December and discusses design thinking as a roadmap for creative learning, innovation and transformation – including a video message by Suzi Jarvis and Colman Farrell!

Conference: Creativity and design thinking are the focus of our short conference (Kurztagung) «Creativity in Learning. Revolutionizing Teaching through Design Thinking». Our guests are Suzi Jarvis and Colman Farrell from the Innovation Academy, University College Dublin.
Date: Thursday, January 19th 2017, 13.30-17.30 at the campus of the PH Zürich. For more informations and registration, see the conference page: www.phzh.ch/zhe-kurztagung.

Tagungsbericht auf der PHZH-Website (short summary of the conference)

E-Didaktik: Der Weg zum wirkungsvollen E-Learning

 

Verena Muheim

Beitrag von Verena Muheim, Fachspezialistin Medien und Informatik am Medien- und Didaktikzentrum MDZ und Lehrbeauftragte Pädagogik und Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Thurgau.


Katharina Burkhardtund von Katharina Burkhardt, Fachspezialistin Medien und Informatik am Medien- und Didaktikzentrum MDZ sowie Beauftragte für Marketing + Kommunikation an der Pädagogischen Hochschule Thurgau.


An Hochschulen geht ohne Lernplattformen nichts mehr. Aber führt ihr Einsatz automatisch zum Erfolg? So erzählte uns kürzlich ein Kollege – Dozent an einer Pädagogischen Hochschule, er betreibe ebenfalls viel E-Learning.
Zum Beispiel stelle er seine Materialien nur noch online zur Verfügung und spare so den Kopieraufwand. Hin und wieder stelle er auch Lehrfilme auf die Plattform. Bisher habe er sich diese jeweils gemeinsam mit den Studierenden in der Veranstaltung angesehen. Nun müssten die Studierende diese vorgängig anschauen, so habe er in der Präsenzvorlesung mehr Zeit für die Fragen der Studierenden. Allerdings sei es etwas frustrierend: Die Studierenden würden regelmässig über angeblichen Mehraufwand klagen. Sein Verhältnis zum E-Learning bezeichnet unser Kollege deshalb als zwiespältig.

Digitale Medien = E-Learning?

Aber Moment: Findet tatsächlich E-Learning statt, wenn Studierende zur Verfügung gestellte PDFs herunterladen und einige Videos anschauen? Oder provokativer gefragt: Inwiefern verbinden wir das Wort «E-Learning» überhaupt mit studentischem Lernen? Wo geht es wirklich um Lernen, wo bloss um digitale Aufbereitung von Materialien?

PLE
Alle Lernenden haben ihre persönliche Lernumgebung – analog und digtal

Digitale Medien begleiten Dozierende und Studierende im Hochschulalltag. Auf allen erdenklichen Devices wird in der Hochschule recherchiert, werden Inhalte erarbeitet und geteilt. Dabei werden nicht nur Software und Apps verwendet, die von der Hochschule angeboten werden. Die Studierenden verwenden auch weitere digitale Helfer, um ihren Studienalltag zu organisieren. Diese reichen von Wikipedia über Übersetzungsdiensten bis zu Social Media. Die Studierenden bewegen sich damit in ihrem je eigenen Personal Learning Environment (siehe dazu den Beitrag von Philippe Wampfler in diesem Blog).

Es gibt eine grosse Bandbreite an Tools und Szenarien, die als E-Learning bezeichnet werden. Häufig wird damit die Ergänzung oder Entlastung von Präsenzlehre angestrebt, z.B. indem

  • mehr Zeit für den aktiven Austausch in der Präsenzveranstaltung geschaffen wird,
  • selbstständige Arbeitsphasen von zu Hause aus begleitet werden
  • mobile Geräte sinnvoll in die Lehrveranstaltung integriert werden können.

E-Learning und E-Didaktik

Was an alledem ist nun E-Learning? Die Professorin auf Video anschauen? Statt stundenlang vor einem leeren Blatt zu sitzen, rasch eine Whatsapp-Gruppe um Rat fragen?
Und wie können Lehrende sich bei der Vielzahl zur Verfügung stehender Tools in diesem Bereich fit machen?

Vielleicht hilft es, wenn wir andere Fragen stellen: Erlernen Kinder das Fairplay besser beim Fussballspielen oder beim Hockey? Oder erlernen sie faires Verhalten am ehesten, wenn sie zuhause einen Film über Fairplay anschauen und dann darüber sprechen?
Können Sie sich nicht entscheiden? Wir auch nicht. Denn: Das Medium ist nicht der Inhalt, sondern nur ein Werkzeug im Dienste des Lernens (in Umkehrung des berühmten Diktums von Marshall McLuhan). E-Tools bewirken also per se noch kein Lernen. Die Frage ist vielmehr, wie sie didaktisch eingesetzt werden.

E-Learning - leere Hörsäle?
Leert E-Learning die Hörsäle?

Im Vordergrund steht somit die didaktische Frage, was guten (Hochschul-)Unterricht ausmacht. Denn es sind konkrete Lehr-Lern-Settings, die das Lernen der Studierenden unterstützen oder behindern. Das Ziel soll die Methode bestimmen – nicht andersrum. Auch beim Einsatz von E-Learning-Elementen. Deshalb ermöglicht erst eine E-Didaktik gezieltes E-Learning.

Zwei Denkmodelle für die Praxis

Zwei Denkmodelle, die wir im CAS Hochschuldidaktik des ZHE vertiefen konnten, sind bei der Betrachtung von E-Learning und E-Didaktik hilfreich. Beide helfen zu verstehen, dass es bei E-Learning um den bewussten Einsatz digital gestützter Methoden des Lehrens und Lernens geht. Die Planung von E-Learning-Szenarien erfordert also dieselben didaktischen Überlegungen wie die Konzeption „analoger“ Szenarien:

  • Der «shift from teaching to learning» hat sich in den letzten zwanzig Jahren als Leitmotto der Hochschuldidaktik etabliert. Hochschullehre setzt damit den Fokus nicht mehr einseitig auf die passive Stoffvermittlung. Nun werden die Lernenden sowie ihre Lernwege in den Vordergrund gerückt. Dieser veränderte Blickwinkel auf Lehren und Lernen ist bei der Konzeption von analogen und digitalen Lehr-Lernszenarien gleichermassen gewinnbringend.
  • «Constructive Alignment»: Dieses Modell besagt, dass in wirkungsvollem Unterricht drei zentrale Aspekte aufeinander abgestimmt sein müssen. Die Lernziele sind im Voraus definiert, die Unterrichtsmethodik ist auf das Erreichen der Lernziele ausgerichtet und die Leistungsnachweise prüfen, ob die Lernenden sie tatsächlich erreicht haben. Auch beim Einsatz von E-Learning-Szenarien sind diese massgeblichen Elemente zu arrangieren und in ein stimmiges Verhältnis zu bringen.
Constructive Alignment
Das Constructive Alignment ist auch beim Lernen mit elektronischen Medien zentral

E-Learning bezeichnet also nach unserem Verständnis ein digital gestaltetes Lehr-Lern-Szenario. Dieses können Lernende mal mehr, mal weniger eigenständig durchlaufen.

Umgang mit der digitalen Vielfalt: Mediendidaktisches Tranining

Der Einsatz von digitalen Medien ist für viele Lehrende nicht selbstverständlich. Herausfordernd sind die enorme Schnelllebigkeit und grosse Fülle an Technologien. Diese können zu Verunsicherungen führen. Lehrende sind auch in dieser Hinsicht gezwungen, Vielfalt zu meistern (vgl. den jüngst erschienen Beitrag zum Thema von Kerstin Mayrberger).

Aus diesen Gründen bieten die HTWG Konstanz und die PHTG im Raum Kreuzlingen-Konstanz seit einigen Jahren eine mediendidaktische Weiterbildung an. Das Mediendidaktische Training (MDT) greift den Umgang mit digitalen Möglichkeiten des Lehrens und Lernens auf und wird in Kooperation beider Hochschulen durchgeführt. Dieses Training spricht in erster Linie in der Hochschullehre tätige Personen an, ist aber grundsätzlich für alle Interessierten offen.  Im Herbst 2016 wird das MDT in überarbeiteter Form angeboten.

Das neue MDT zielt darauf, die didaktische Verknüpfung von Inhalt, Auftrag, Tätigkeit und zur Verfügung stehender Technik zu diskutieren, zu erarbeiten und zu erfahren. Die oben erwähnten Denkmodelle des «Constructive Alignment» und des «shift from teaching to learning» spielen dabei eine zentrale Rolle.

Verena Muheim besucht den CAS Hochschuldidaktik «Winterstart» 2016 am ZHE. Sie und Katharina Burkhardt arbeiten am Medien- und Didaktikzentrum MDZ der PHTG. Die beiden Autorinnen haben kürzlich das Mediendidaktische Training (MDT) der PHTG und der HTWG Konstanz überarbeitet.
 
Lesetipp:
- John Biggs (2013): Constructive Alignment in University Teaching.
- Kerstin Mayrberger: Lehren mit digitalen Medien – divers und lernendenorientiert.

Das ZHE bietet einen Kurs «E-Didaktik» an, in Kooperation mit dem Digital Learning Center der PH Zürich. Dieser richtet sich primär an Lehrende an Hochschulen sowie der Erwachsenenbildung, ist aber auch für Lehrpersonen der Sekundarstufe II interessant. Siehe auch die Rubrik «Caspars Toolbox» in diesem Blog.