Im Falle des Kupfers

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Text: Marcial Koch

Wie ein nicht menschlicher Akteur Digitalität begründete

Alles begann, als vor ein paar Jahren eine Rolle Kupferdraht auf meinem Schreibtisch vergessen wurde. Ich bemerkte, dass ein ähnlicher Kupferdraht auf der Rückseite von Lautsprechern aufgewickelt war. Ohne weiter darüber nachzudenken, begann ich, den rohen Kupferdraht aufzuwickeln, bis eine Spule mit etwa dreissig Windungen entstand. Nachdem ich beide Enden der Spule an den linken/rechten Ausgang eines Audio-Verstärkers anschloss, hörte ich ein leises Brummen aus der Spule. Ich brachte einen Magneten näher an die Spule heran, bis ich die Musik durch den Magneten an meinen Fingerspitzen vibrieren spürte. Als ich den Magneten an ein hohles Gefäss befestigte, entstand ein Resonanzkörper, der den Klang durch die Luft klar hörbar machte. So baute ich versehentlich meinen ersten ineffizienten Lautsprecher.

Was in diesem Moment besonders faszinierte, war die Interaktion zwischen dem Material Kupfer, dem Menschen und der Elektrizität. Durch das Zusammenspiel dieser drei Entitäten wurde das Material durch Bewegung und Klang zu einem sicht- und hörbaren Vermittler. Der Kupferdraht zog die Aufmerksamkeit auf sich und regte zur Interaktion an, damit er sich weiter entfalten konnte. Im nächsten Schritt verbündete er sich mit der Elektrizität und beeinflusste schlussendlich weitere Materialien um ihn herum, die Atmosphäre und andere Personen im Raum.
In der gegenwärtigen Weltanschauung wird nicht lebende Materie als passiv und träge angesehen, während Lebewesen, insbesondere der Mensch, als aktive Agenten der materiellen Welt betrachtet werden. Zeitgenössische Forscher:innen wie Jane Bennett, Bruno Latour, Donna Haraway und weitere stellen dieses anthropozentrische Paradigma in Frage, indem es der nicht-lebenden Materie eine Agency – Handlungsfähigkeit – zuspricht.

Vom Mineral zum Material

Die Entdeckung des Kupfers geht auf prähistorische Zeiten zurück, als Mineralien wie Malachit in der glühenden Asche zurückblieben und sich plötzlich in ein rötlich glänzendes Stück Metall verwandelten. Bei dem grünlichen Mineral handelt es sich um Kupfercarbonat-Hydroxid, das unter dem Einfluss von Hitze alle anderen Bestandteile auflöst, bis nur noch reines Kupfer übrigbleibt. Der Werkstoffingenieur Mark Miodownik beschreibt diese Offenbarung für die Menschen der Antike als «mysterious stuff that had an inner life» (Miodownik, 2014). Tatsächlich liegt der Ursprung alles metallurgischen Wissens in dieser ersten Begegnung zwischen Kupfer und dem Menschen um 5000 bis 3000 v. Chr. Die Tatsache, dass der Schmelzpunkt von Kupfer bei 1084°C liegt, hat die heutige anthropologische Geschichte erst in Gang gesetzt. Denn diese Temperatur ist etwa die Obergrenze dessen, was ein normales Lagerfeuer erreichen kann. Wäre der Schmelzpunkt nur 150°C höher, hätte die Kupferzeit möglicherweise nicht so stattgefunden, was höchstwahrscheinlich zu einer anderen Realität geführt hätte, als wir sie heute kennen.

Malachit aus der Mine in Tsumeb, Namibia, gefunden auf einem Flohmarkt in Rapperswil, Schweiz

Vom Material zum Objekt

Im September 1991 wurde mit dem kupfersteinzeitlichen Fund in den Ötztaler Alpen, die älteste erhaltene Kupferaxt entdeckt. Die Axt ermöglichte es Ötzi, seine Interaktionen mit der Welt zu erweitern. Gleichzeitig offenbarten sich dadurch auch Unmöglichkeiten, die in den physikalischen Eigenschaften des Kupfers selbst begründet lagen. Während die Axt zum Beispiel effiziente Holzbearbeitung ermöglicht, macht die weiche Beschaffenheit von Kupfer sie ungeeignet für anspruchsvollere Aufgaben, die während der Benutzung erst wünschenswert geworden wären. Als Designer erinnert mich das an die Affordanz – den Aufforderungscharakter eines Objektes – der aus unterschiedlichen Faktoren wie Materialität, Form und der Bedeutung des Gegenstandes resultiert. Dies zieht sich bis in die Moderne, denn jedes Objekt fordert zu Interaktionen auf, auch ohne die genaue Anwendung zu kennen (Norman, 2013) . Auch digitale Werkzeuge werden mittels Methoden aus dem User Experience Design (UX Design) so gestaltet, dass der Aufforderungscharakter möglichst mit der Intuition der Benutzer:innen übereinstimmt. Das Spielentwicklungs-Duo Playables aus Zürich zeigt am Beispiel ihres Experiments Coin, dass die intuitivsten digitalen Eingaben oft einen analogen Bezug aufweisen.

Ötzi’s Kupferaxt als Vorgänger von heutigen digitalen Werkzeugen. Gefunden Mitte 1991 (datiert auf 3300 v. Chr.). Similaun-Gletscher, Tiroler Ötztaler Alpen. Foto: Südtiroler Archäologiemuseum/Harald Wisthaler 

Vom Objekt zur Digitalität

Ein entscheidender Wendepunkt ereignete sich im Mai 1825, als der britische Erfinder William Sturgeon eines seiner elektrischen Instrumente im Journal of the Royal Society of Arts veröffentlichte. Mit einer einfachen Anordnung aus einem Kupferdraht und einem Stück Eisen schuf Sturgeon den ersten Elektromagneten. Dieser Durchbruch war nicht das Ergebnis institutioneller Forschung, sondern vielmehr das Werk eines autodidaktischen Enthusiasten, der praktische Experimente durchführte – eine Geschichte, die an meine eigene am Anfang dieses Blogbeitrages erinnert. Der Elektromagnet bildet die Basis für grundlegende elektrische Erfindungen wie den Elektromotor, den Transformator, das Telefon und den Computer. Durch den geringen elektrischen Widerstand, die hohe Formbarkeit und die damalige weite Verbreitung, diente Kupfer nicht nur als passiver Stromleiter, sondern trug aktiv zum menschlichen Fortschritt bei der elektrischen Innovation bei. Genauer betrachtet folgt die Elektrizität nicht immer festen Bahnen, sondern reagiert dynamisch auf die Körper, auf die sie trifft, und passt ihren Verlauf an. Zu sehen sind diese überraschenden performativen Aspekte beispielsweise in Nam June Paiks Arbeit Nixon. Ein elektromagnetisches Feld, das allein durch eine Kupferspule erzeugt wird, verzerrt Nixons Bild auf dem Bildschirm des Kathodenstrahlröhren-Fernseher. Diese nicht voraussehbaren Effekte sind überall anzutreffen. Kupfer beeinflusst, wie wir Menschen in der modernen Welt sehen, hören, fühlen und uns bewegen. Von prähistorischen Äxten bis hin zur KI hat dieses Element den Verlauf der Menschheitsgeschichte nicht nur begleitet, sondern aktiv herbeigeführt. Am Ende ist Digitalität im Grunde also doch mehr Material als digital.

Die Transformation von Kupfer vom Mineral bis zur Digitalität.
Arbeit von Marcial Koch, Bild von Camilla Fivian
INFOBOX

Noch dieses Jahr wird zu dem Thema eine Lecture/Material-Performance stattfinden. Datum und Ort sind noch nicht bekannt. Bei Interesse gerne direkt bei Marcial Koch anfragen: marcial.koch@phzh.ch. Plätze sind beschränkt.

Weitere Informationen

- The Performativity of Matter: Zoe Laughlin at TEDxBrussels
- Materialarchiv Schweiz
- Technikwelt Solothurn

Und hier noch ein tolles Beispiel, wie sich ein digitales Lernszenarion erst recht mit der analogen Welt entfaltet: Lernmodul für Synthesizer

Zum Autor

Marcial Koch ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum Digital Learning der PH Zürich.

Zehn Wochen, die verändern

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Text von René Schneebeli

Basierend auf aktuellen Studienergebnissen werfen wir einen Blick auf die transformative Kraft der Intensivweiterbildung der Sekundarstufe II. So viel vorneweg: Die IWB wirkt tiefer als man denkt und anders als man erwartet.

Keine gewöhnliche Weiterbildung

Die Intensivweiterbildung (IWB) ist ein Sonderfall im Zürcher Bildungswesen. Nach zwölf unbefristeten Dienstjahren erhalten Lehrpersonen an Berufsfachschulen das Recht auf eine zehnwöchige Freistellung vom Unterricht; bezahlt, mit Stellvertretung und auf Wunsch begleitet durch die PH Zürich. Was sie in dieser Zeit tun, bestimmen sie weitgehend selbst. Das klingt nach Sabbatical. Ist es aber nicht: Die gesetzliche Regelung verlangt ein Projekt, eine Standortbestimmung und ein Ziel, das auch der Schule dient. Genau diese Mischung aus Freiheit und Verbindlichkeit, so zeigt eine aktuelle Forschungsarbeit des Autors, macht den Unterschied.

Vom Argwohn zur Erkenntnis

Für die Studie «Was verändert die Intensivweiterbildung?» wurden elf Absolvent:innen aus verschiedenen Jahrgängen interviewt. Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Manche berichten, dass sie anfangs nicht wussten, was sie mit der geschenkten Zeit anfangen sollten. Andere geben zu, dem Begleitprogramm zunächst keinen Mehrwert zugestanden oder es für esoterisch gehalten zu haben. Und wieder andere sagen, dass die positiven Effekte verblassen können, wenn das schulische Umfeld den Rückkehrenden keinen Raum für Veränderung lässt.

Das Begleitprogramm zur IWB: Mehrwert oder nicht?

Was sich wirklich verändert

Und trotzdem – oder gerade deswegen: Die IWB wirkt. Nicht primär auf der Ebene neuer Unterrichtsmethoden oder fachlicher Zertifikate, obwohl das natürlich vorkommt. Sondern dort, wo Weiterbildung selten hinreicht: bei der Persönlichkeit. Gelassenheit, Geduld, Resilienz und eine geklärte Perspektive; das sind die Stichworte, die in den Interviews immer wieder auftauchen. Acht von elf Befragten berichten von langfristigen Gesundheitsvorteilen. Eine Lehrperson bringt es auf den Punkt: Die IWB sei «letztlich auch eine Burnout-Prophylaxe».

Ausgewertet nach dem Evaluationsmodell von Kirkpatrick auf den vier Ebenen Reaktion, Lernen, Verhalten und Resultate, zeigt sich ein differenziertes Bild. Die Zufriedenheit ist durchweg hoch: Neun von elf Befragten bezeichnen die IWB als «Geschenk» oder «Privileg». Auf der Ebene des Gelernten liegt der stärkste Effekt nicht beim Fachwissen, sondern bei der Persönlichkeitsentwicklung und der Klärung beruflicher Perspektiven. Manche haben in der IWB ihre Sinnfrage geklärt und dem Beruf eine neue Bedeutung gegeben. Andere haben den Rollenwechsel von der Schulleitung zurück ins Klassenzimmer erfolgreich bewältigt. Eine Lehrperson erschloss sich durch eine Weiterbildung in positiver Psychologie neue Strategien, um mit der anhaltenden Belastung durch Schulreformen umzugehen. Wieder andere haben aus ihrer verbleibenden Berufszeit statt einer vermeintlichen Durchhalteübung eine lustvolle Gestaltungsaufgabe gemacht. Wie kreativ die Projekte sein können, zeigt das Beispiel zweier Berufskundelehrer für Köch:innen: Sie besuchten einen Molkereikurs und halfen danach sechs Wochen lang auf einer Kuhalp bei der Milchverarbeitung mit. Auf der anschliessenden Biketour reflektierten sie, was sie erlebt hatten. Erfahren Sie mehr darüber im folgenden Film zur IWB:

Film zur IWB

Besonders aufschlussreich ist der Befund zur Selbstbestimmung: Die Teilnehmenden schätzen die Freiheit, ihr Projekt selbst zu definieren – aber fast ebenso sehr die Abwesenheit von Fremdbestimmung. Es ist nicht nur das Tun-Dürfen, das befreit, sondern auch das Nicht-Müssen. Dabei passiert etwas Paradoxes: Gerade jene, die anfangs mit der Autonomie haderten, entwickelten später die höchste Zielbindung.

Das unsichtbare Wirken

Auf der Verhaltensebene zeigen sich kurzfristig neue Methoden im Unterricht und mehr Geduld im Umgang mit Lernenden. Langfristig sind die Veränderungen subtiler: eine gesteigerte Selbstreflexion, mehr innere Ruhe, ein verändertes Selbstverständnis. Und genau hier liegt das Paradox der IWB: Ihre wertvollsten Wirkungen sind die am schwersten sichtbaren. Eine Lehrperson beschreibt es sinngemäss so: Die IWB mache mit einem ganz viel, aber das meiste davon werde nirgends sichtbar. Sie sei vielleicht die teuerste Ausbildung, bringe enorm viel, sei aber sehr schwer zu begründen. Gerade weil die Veränderungen tief in der Persönlichkeit ansetzen, entziehen sie sich klassischen Kennzahlen.

Nicht Sabbatical, sondern Entwicklungsimpuls

Bereits 2015 hatte der Autor untersucht, warum Anspruchsberechtigte die IWB nicht in Anspruch nehmen. Die Antwort damals: weil der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen scheint, wegen familiärer Verpflichtungen oder schlicht, weil ein Drittel der Berechtigten gar nicht weiss, dass es die IWB gibt. Die neue Studie liefert nun die Antwort: Was bringt die IWB denen, die sich darauf einlassen? Offenbar eine ganze Menge, aber oft anders, als man vorher plant.

Was die IWB von einem reinen Sabbatical unterscheidet, ist das Begleitprogramm der PH Zürich. Es erstreckt sich über achtzehn Monate von der Standortbestimmung über die Projekttage bis zu den Transfertagen nach der Rückkehr. Es gibt der Erfahrung einen reflexiven Rahmen. Die Forschung zeigt, dass eine blosse Freistellung kaum nachhaltig wirkt: Erholungseffekte verpuffen, weil sich weder das Bewältigungsverhalten noch die Arbeitsumstände verändern. Erst die systematische Reflexion macht aus einer Auszeit einen Entwicklungsimpuls. Die Studie bestätigt das: Teilnehmende, die sich auf die biografische Arbeit einliessen, berichteten von den tiefgreifendsten Veränderungen.

Ein weiterer Befund verdient Beachtung: Die IWB fällt oft in eine vulnerable Phase der Berufsbiografie. Nach einem Jahrzehnt im Schuldienst, das nicht selten mit Ermüdungserscheinungen einhergeht und in die entwicklungspsychologisch sensible Lebensmitte fällt, stellen sich Sinnfragen. Die Erkenntnis, dass mehr Berufsjahre hinter einem liegen als vor einem, verändert die Perspektive. Eine Lehrperson sprach vom «Aufbruch zum Ende». Die IWB bietet in dieser Übergangsphase einen geschützten Raum, um Bilanz zu ziehen und neue Ziele zu formulieren – ein Zeitfenster, das viele als entscheidend für ihren weiteren Berufsweg beschreiben.

Die IWB gibt Raum, um Bilanz zu ziehen und neue Ziele zu formulieren.

Mehr als ein individuelles Privileg

Diese Vielschichtigkeit positioniert die IWB als wirksames Instrument an der Schnittstelle dreier Handlungsfelder: Sie fördert die Professionsentwicklung, indem die Teilnehmenden ihre berufliche Identität reflektieren und ihr Selbstverständnis als Lehrperson klären. Sie wirkt als Gesundheitsprävention, indem sie Burnout vorbeugt und Resilienz fördert – und sie ist ein Instrument der Personalentwicklung: Dankbarkeit und Verbundenheit mit dem Arbeitgeber nehmen deutlich zu, Rückkehrende berichten, sich stärker eingebunden zu fühlen.

Allerdings entfaltet die IWB ihre volle Wirkung erst, wenn die Rückkehr bewusst gestaltet wird. Wo Schulleitungen und Kollegien den Rückkehrenden Raum geben, multipliziert sich der Nutzen: Neue Impulse fliessen ins Team, frische Methoden werden erprobt, und die Reflexionskultur erhält Impulse. Wer die IWB nur als individuelles Privileg betrachtet, greift zu kurz. Sie ist eine notwendige Investition in die Zukunftsfähigkeit pädagogischer Professionalität. Die Schulen wären gut beraten, sie aktiver und systematischer für ihre Personalentwicklung einzusetzen.

Die IWB ist keine gewöhnliche Weiterbildung und gerade deshalb wirksam. Sie entfaltet ihre Kraft wegen der Freiheit, die sie gewährt. Und sie ist dann am nachhaltigsten, wenn Teilnehmende den Mut aufbringen, sich auf einen Prozess einzulassen, dessen Ausgang sie noch nicht kennen. Wie würden Sie Ihre zehn Wochen nutzen?

INFOBOX

Die Intensivweiterbildung richtet sich an Lehrpersonen der Zürcher Berufsfachschulen mit mindestens zwölf Dienstjahren. Informationen zum Angebot und zum Begleitprogramm der PH Zürich finden sich auf phzh.ch/iwb.

Zum Autor

René Schneebeli ist Dozent im Zentrum Berufs- und Erwachsenenbildung der PH Zürich und Verantwortlicher für die IWB Sek II.

Future Skills: Mehr als nur ein Hype? Ein Kompass für die Schweizer Bildungslandschaft

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Text: Tobias Zimmermann und Daniel Degen

Vielleicht kennen Sie das Gefühl aus Ihrem Dozierenden-Alltag: Die Studierenden beherrschen die Theorien, bestehen die Prüfungen mit Bravour – und stehen dennoch ratlos da, wenn ein Projekt in der Praxis plötzlich «völlig anders» verläuft als geplant. Das Wissen ist da, aber die Handlungsfähigkeit fehlt. Oder umgekehrt: Die Studierenden kommen mit viel Praxiserfahrung in den Unterricht, können aber nicht erläutern, warum sie wie handeln. Am Ergebnis ändert sich nichts: In beiden Fällen sind die Studierenden bei sich verändernden Praxisfällen plötzlich überfordert.

In der Schweizer Bildungsdiskussion geistert seit einiger Zeit ein Begriff umher, der genau diese Lücke schliessen will: Future Skills. Doch was verbirgt sich dahinter? Ist es der nächste bildungspolitische «Hype» oder der notwendige Kern einer neuen Lernkultur?

Future Skills: Ein bildungspolitischer Hype oder notwendiger Kern einer neuen Lernkultur? (Bildquelle: Adobe Stock)

Zwischen Hype und Handlungsnotwendigkeit

Kritiker mahnen oft, der Begriff sei alter Wein in neuen Schläuchen. Tatsächlich erinnert die Debatte an den Diskurs um die «Schlüsselkompetenzen» der 1990er Jahre. Doch hier ist Vorsicht geboten: Wie der Bildungsforscher Franz E. Weinert bereits hinreichend belegte, gibt es keine «inhaltleeren» Kompetenzen. Kompetenz ohne Fachwissen ist wie «Stricken ohne Wolle» (Schiefner & Weil 2010).

Der relevante Kern von Future Skills liegt daher nicht in der Ersetzung von fachbezogenem Wissen und Können. Vielmehr geht es um die Disposition, solches Wissen und Können in unvorhersehbaren Situationen verantwortungsvoll anzuwenden. Mit anderen Worten: Es geht um die Fähigkeit, in ungewissen Situationen nicht nur zu reagieren, sondern solche aktiv und fundiert gestalten zu können (OECD 2018).

Was treibt uns an? Die Ergebnisse einer Umfrage

Eine informelle Umfrage gibt Hinweise, wo Lehrende der Tertiärstufe den grössten Entwicklungsbedarf sehen. 26 Personen beantworteten unsere Online-Umfrage (Mehrfachnennungen möglich). Aus einer Auswahl von sechs gesellschaftlichen oder technologischen Trends halten sie die folgenden beiden für die stärksten Treiber, die eine Anpassung der Bildungsziele an Hochschulen und in der Höheren Berufsbildung nötig machen (je 18 Nennungen):

  • Demokratische Resilienz: Die Befähigung, komplexe gesellschaftliche Debatten mitzugestalten.
  • Generative KI und Automatisierung: Die Ablösung kognitiver Routineaufgaben.

Auch psychische Resilienz wurde mit 14 Nennungen als wichtig eingeschätzt, während Klimakrise (11), globale Vernetzung (9) und demografischer Wandel (5) von weniger als der Hälfte der Teilnehmenden gewählt wurden.

Diese Ergebnisse spiegeln wider, dass Future Skills keine rein technologische Antwort auf das Silicon Valley sind. Es geht um Societal Agency – die Fähigkeit, den gesellschaftlichen Wandel verantwortungsvoll mitzugestalten (Ehlers 2026, siehe Infobox).

Die drei Säulen der Handlungsfähigkeit

Mit Ehlers (2026) lassen sich diese Anforderungen in drei Kompetenzfeldern bündeln (vgl. das NextSkills-Forschungsprogramm):

  • Subjektentwicklung: Wer andere führen will, muss sich selbst führen können. Selbstwirksamkeit und Ambiguitätstoleranz (das Aushalten von Widersprüchen) sind hier das Fundament.
  • Objektbezogene Gestaltung: Hier geht es um Kreativität, Systemkompetenz und digitale Gestaltungskraft. Nicht nur Fragen beantworten, sondern die richtigen Fragen stellen.
  • Organisationsbezogene Navigation: In einer vernetzten Welt ist niemand mehr allein kompetent. Kooperation und «Sensemaking» (Sinnstiftung) sind die Brücken zur kollektiven Wirksamkeit.

Damit umfassen Future Skills wesentliche Elemente von personalen, sozialen und methodischen Kompetenzdimensionen. Der Aufbau von fachlichen und überfachlichen Kompetenzen gelingt nur dann, wenn wir verstehen, dass Lernen einen aktiven, individuellen Konstruktionsprozess der Lernenden voraussetzt (Schunk 2020). In anderen Worten: Dozierende können Lernprozesse anstossen und begleiten, das Lernen bleibt aber Sache der Lernenden.

Herausforderungen für die Praxis: Stofflogik vs. Wirkungslogik

Einige Wortantworten in unserer Umfrage kritisieren, es würden immer noch viele Lehrende zu sehr vom Lehren ausgehen und am Stoff, an den Inhalten, hängen. Future Skills würden deshalb oft als «Add-on» betrachtet, statt sie ins Zentrum des Lernens zu integrieren. Das Beharrungsvermögen einzelner Dozierender ist gewiss eine von verschiedenen Hürden für die breite Implementierung von Future Skills.

Das Problem ist jedoch systemisch: Solange immer noch viele Leistungsnachweise primär die Reproduktion von Wissen belohnen und die Bildungsinstitutionen den Transfer zwischen Wissen und Können nicht einfordern, fördern sie keine echte Handlungsfähigkeit in Breite und Tiefe. Wir brauchen deshalb eine Wende von der Stofflogik (Was müssen wir alles durchnehmen?) zur Wirkungslogik: Zu welcher Veränderung der Urteils- und Handlungskompetenz führt diese Einheit?

Für die Schweizer Bildungsinstitutionen bedeutet dies konkret:

  • Tertiär B (Höhere Berufsbildung): Die enge Verzahnung von Theorie und Praxis, wie sie im Schweizerischen Berufsbildungsgesetz verankert ist, bietet eine ideale Startrampe. Hier können Realsituationen direkt als Lernarchitektur genutzt werden. Curricula müssen der tatsächlichen Verbindung von handlungsleitendem Wissen mit praktischen Anwendungen aber stärker gerecht werden und zwischen Kompetenz, Lernaktivität und Beurteilung eine didaktische Kohärenz sicherstellen.
  • Tertiär A (Hochschulen): Der 1995 von Barr & Tagg geforderte «Shift from Teaching to Learning» wurde im Rahmen der Bologna-Reform vielerorts durch operationalisierte Lernziele umgesetzt. Um Lernaktivitäten, Beurteilungsformate und tatsächliche Urteils- und Handlungskompetenz zu verbinden, sollten sich die Hochschul-Curricula noch stärker zu vernetzten Lernökologien entwickeln. Solche sind mehr als ein Puzzle aus einzelnen Modulen; Ziel wären Lernprozesse, in denen auch Scheitern und Neuanfangen als wichtige Bestandteile nachhaltigen Lernens verstanden werden.
Leistungsnachweise: Idealerweise ein Transfer zwischen Wissen und Können. (Bildquelle: Adobe Stock)

Fazit: Future Skills Literacy als neues «Betriebssystem»

Eine Antwort zu unserer Umfrage lautet: «Wir sollten nicht von Future Skills sprechen, denn wir brauchen sie auch in der Gegenwart.» Wie aber setzen wir Future Skills konkret und zeitnah um?

Mit Gesetzen, Regulatorien und Lehrplänen/Curricula ist es noch nicht getan. Für eine breite Umsetzung von Future Skills ist gemäss Ehlers (2026) eine Future Skills Literacy der Lehrenden erforderlich: die Kompetenz also, Lernarchitekturen zu entwerfen, in welchen die oben genannten drei Säulen der künftigen Handlungsfähigkeit erworben werden können.

Die Höhere Berufsbildung und die Hochschulen stehen vor ähnlichen Fragen und können gegenseitig voneinander, aber auch von den Umsetzungen aus der beruflichen Grundbildung auf Stufe Sek II lernen (Berufsfachschulen oder aktuelle WEGM-Reform an den Gymnasien). Aus dieser Perspektive liegt hier eine grosse Chance: Die akademische Stärke von Hochschulen trifft auf die Praxisnähe der Höheren Berufsbildung. Future Skills können so zu einem gemeinsamen Bindeglied werden. Dies erfordert Austausch, didaktische Entwicklung und Kooperation zwischen den beiden Bildungsbereichen.

Mit der Lancierung einer neuen Veranstaltungsreihe übernimmt die PH Zürich Verantwortung und stärkt den Dialog zwischen Tertiär A und B – siehe Infobox.

INFOBOX

Netzwerkanlass «Future Skills konkret – Dialog tertiäre Bildung», 21. Mai 2026, PH Zürich

Im Gespräch mit Gästen machen wir das Konzept an konkreten Beispielen greifbar. Das dialogische Format mit anschliessendem Apéro ermöglicht vielseitigen Austausch.

Literaturempfehlungen

Der Beitrag von Dagmar Bach und Franziska Zellweger erläutert Curriculumsentwicklung aus einer kompetenzorientierten Perspektive, bezogen auf professionsorientierte Bildungsgänge an Höheren Fachschulen und Fachhochschulen:
Dagmar Bach & Franzsika Zellweger, 2022: Entwicklung berufsorientierter Curricula. In Höhere Fachschulen in der Schweiz: Herausforderungen und Perspektiven.

Das Kapitel von Ulf-Daniel Ehlers zu Future Skills in der Hochschuldidaktik wird im Oktober 2026 erscheinen:
Ulf-Daniel Ehlers, 2026 (im Druck): Future Skills und Future Skills Literacy. Zur Gestaltung von Hochschullehre für Future Skills (Arbeitstitel). In Handlungsfelder der Hochschuldidaktik. Beziehung aufbauen, Lehre gestalten, Orientierung ermöglichen.

Zu den Autoren

Daniel Degen ist Leiter des Zentrums Berufs- und Erwachsenenbildung der PH Zürich.

Der Preis der kognitiven Entlastung beim digitalen Lesen von Aussagen aus der generativen KI

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Text von Maik Philipp

Trau, schau wem

45 Prozent. Das ist der Anteil von Antworten aus Anwendungen der generativen Künstlichen Intelligenz (genKI), die laut einer Studie verschiedener Rundfunkanstalten im Jahr 2025 in mindestens einer Hinsicht problematisch waren. Gefragt wurden ChatGPT, Copilot, Gemini und Perplexity Fragen wie «Kann Trump für eine dritte Amtszeit kandidieren?», «Wer ist der Papst?» oder «In wie vielen Ländern wird die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 ausgetragen?». Die Antworten auf die Fragen waren in öffentlich-rechtlichen Rundfunkkanälen vorfindbar, und die Fragen entsprachen typischen Anfragen zum Zeitpunkt der Durchführung.

Vier von neun Antworten waren also mit mindestens einem Problem behaftet, welches die Aussage mindestens als falsch oder irreführend machte, wie die Überprüfungen jeder einzelnen der 2700 Antworten durch 270 Journalist:innen ergaben. Dabei erwies sich Gemini als besonders fehlerhaft (nämlich in Form von doppelt so hohen Fehlerquoten wie die anderen drei Apps), und die Probleme verteilten sich unterschiedlich stark auf verschiedene Bereiche. Über alle vier Apps hinweg

  • umfassten 31 Prozent der Antworten keine, ungenaue oder falsche Quellen,
  • waren 20 Prozent der Aussagen inhaltlich nicht ausreichend korrekt,
  • enthielten 14 Prozent der Antworten zu wenig kontextualisierende Informationen, als dass Laienpersonen die Antwort hätten ausreichend verstehen können.

Wie gesagt: Die Informationen auf Antworten waren öffentlich zugänglich in den jeweiligen Ländern, darunter der Schweiz. Wenn aber übliche Fragen zu tages- und weltpolitischen Vorfällen zu Antworten mit einer Ungenauigkeitsquote von über 40 Prozent führen, wie sehr sollten Personen Aussagen der genKI dann trauen? Bzw. anders gefragt: Was bedeutet das für die Anforderungen an die Lesefähigkeiten?

(Bildquelle: DeeVid AI, KI-generiert)

Fleissiges Helferlein oder kognitive Outsourcingoption?

Man könnte die obige Studie aus (hochschul)didaktischer Sicht abtun, es ginge ja nur um Alltagsinformationen. Das Phänomen, dass genKI Aussagen mit unklarem Geltungsanspruch – zusätzlich zum deregulierten Strom von Halbwahrheiten und Falschaussagen – die digitalen Lesegeräte flutet, ist längst zu einem Problem für den Erwerb von Informationen und Wissen geworden. Die Problemlagen sind vielfältig, was aber für Bildungsinstitutionen und Lernende verschiedener Stufen zunehmend zur Herausforderung wird: wenn Halluzinationen und Desinformationen allmählich anfangen, die Grundlagen des Wissens und Wissenserwerbs zu erodieren.

Dahinter steckt das Phänomen, anspruchsvolle – und somit auch anstrengende – kognitive Prozesse an eine Technologie als fleissiges Helferlein abzugeben, was als «kognitive Entlastung» bezeichnet und durchaus ambivalent beurteilt wird. Im Falle des Lernens bestehen allen Potenzialen der genKI zum Trotz starke Befürchtungen, dass Lernende die ursprünglich für einen Menschen vorgesehenen, kognitiv anspruchsvollen Aufgaben an einen potenter wirkenden Algorithmus delegieren, was zu einer Einbusse an tieferem Lernen und einem längerfristigen Deskilling führen kann.

Man kann angesichts dieser Entwicklung ableiten, dass wir an den Hochschulen und (Berufs-)Schulen eine Vergewisserung brauchen, welche Kompetenzen wir bei den Lernenden benötigen und entsprechend aufbauen wollen. Ich will aus der Perspektive des Lesens skizzieren, was der Preis des kompetenten Lesens mit genKI-Aussagen ist.

Handlungsoptionen: digitale Inforensik betreiben

Algorithmisch generierte Aussagen, die wie im Beispiel der obigen Studie, mit mehreren Problemen behaftet sein können, werden «epistemisch unsichere Informationen» genannt. Das sind Aussagen, deren Status als wahr oder unwahr, glaubwürdig oder unglaubwürdig, belegt oder unbelegt etc. nicht geklärt ist, sondern nach einer verifikatorischen Reaktion der lesenden Person verlangt. In aller Regel sind damit Recherchen und vor allem Beurteilungsfähigkeiten angesprochen, die einer digitalen Inforensik gleichen, indem Personen so lange nach Informationen über Aussagen und Quellen suchen, bis sie ausreichend sicher sind, dass sie diese Informationen verwenden können.

Dazu bedarf es hoher Wissensbestände, z. B. wie Wissen hergestellt wird und welche Quellen eigentlich warum vertrauenswürdig sind. Hinzu kommt, dass Leser:innen verstehen müssen, warum algorithmusausgespielte Inhalte ihr Verstehen mitbeeinflussen. Solche Fähigkeiten zu fördern, ist für das digitale Lesen (noch ohne genKI) bereits untersucht und für die Lesedidaktik aufbereitet worden. Dass solche Fähigkeiten geschult werden müssen, zeigen Forschungsüberblicke, nach denen adäquate Vorgehensweisen in der Regel nicht bei Lernenden verschiedener Altersgruppen im Repertoire vorhanden sind.

Wenn Inhalte der genKI allgegenwärtig sind und erst durch Leser:innen überprüft werden müssen, um dann verworfen, kritisiert, kontextualisiert oder auch für weitere Verwendungen akzeptiert werden zu können, dann können wir bestehende Ansätze nutzen und weiterentwickeln. Ein Beispiel hierfür ist das sogenannte «laterale Lesen», also ein seitwärts über parallel geöffnete Tabs realisiertes Lesen im Internet. Bei diesem Lesen spüren die Leser:innen vor allem quellenbezogenen Fragen nach, um zu entscheiden, ob sie überhaupt Aussagen in digitalen Dokumenten vertrauen sollen. Diese Form des Lesens zu schulen, wirkt sich positiv auf kritische Lesefähigkeiten aus.

Was es jetzt braucht, ist eine Infusion mit Belangen des Lesens, welches gezielt Eigenheiten wie die Texte, Bilder und Videos aus Apps der genKI aufgreift, um so Schüler:innen und Studierende zu einer gewissen epistemischen Wachsamkeit zu befähigen. Damit sie treffsicher eben nicht die 45 Prozent der Aussagen von genKI glauben, die sie angesichts der Schäden von Falschinformationen besser ignorieren sollten.

INFOBOX

Das Schreibzentrum der PH Zürich entwickelt derzeit Angebote, die auf die Erfordernisse des digitalen, hochschulischen Lesens und Schreibens angepasst sind. Aktuell werden Video-Tutorials erarbeitet, es gibt Workshopangebote für Studierende sowie CAS-Module. Auf Anfrage bietet das Schreibzentrum Weiterbildungsangebote für Berufsfachschulen, Gymnasien und Hochschulen zum digitalen Lesen an.

Hören Sie in der aktuellen Folge des Podcasts Resonanzraum Bildung der PH Zürich, welche Einblicke Maik Philipp zur Lesekompetenz als Schlüssel zur Bildung gibt.

Zum Autor

Maik Philipp ist Professor für Deutschdidaktik an der PH Zürich. Seine Schwerpunkte sind Lese- und Schreibförderung mit Fokus auf Evidenzbasierung.

Von der Idee zur eigenen Stimme: Literarisches Schreiben im Schreibzentrum der PH Zürich

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Text von Daniel Ammann und Erik Altorfer

Ein Mensch, der sich mittels Sprache in der Welt bewegt und sich mit dieser auseinandersetzt – davon bin ich überzeugt –, kann sich alles Weitere aneignen, das er zum Leben braucht. Die Förderung der eigenen Fähigkeit und Volition, sich zu artikulieren, stelle ich daher […] ins Zentrum meiner Lehre. Und das kreative Schreiben sehe ich als den eigentlichen Schlüssel dazu.

Peter Kaiser, vgl. Altorfer u. Miziane 2022

Seit Frühjahr 2023 bietet das Schreibzentrum extern vermehrt Module und Weiterbildungen zum literarischen Schreiben an. Das kreative Schreiben in gleichem Masse wie das wissenschaftliche Schreiben zu fördern und zu begleiten – diese Kultur hat sich das Schreibzentrum schon seit seiner Entstehung vor 22 Jahren auf die Fahne geschrieben.

So erhalten Studierende und Weiterbildungsteilnehmende in Kursen, Workshops und Schreibberatungen neben Coachings zu Leistungsnachweisen oder Fachtexten auch Unterstützung beim Verfassen von fiktionalen, essayistischen oder journalistischen Textsorten. Feste Programmpunkte sind seit den ersten Erzählnächten (ab 2010) die jährlichen «PH Goes Poetry»-Schreibwettbewerbe und Poetry-Slams (ab 2017) im Kafi Schnauz. Die besten Texte wurden bis 2022 in individuell gestalteten Booklets publiziert.

«The Sea Between Us» – Schreibwettbewerb.
Koproduktion mit ISEAHZ – University of Tunis, 2020

Edition Schreibzentrum

Dank einer Kooperation mit der ZHdK und deren Studierenden im MA Visual Communication startet nun eine neue Online-Publikationsplattform. Unter edition-schreibzentrum.ch werden in einem ersten Schritt die Wettbewerbstexte des Formats PH Goes Poetry präsentiert.

Später werden hier weitere literarische Texte von Studierenden und Weiterbildungsteilnehmenden einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Kurzprosa, Kolumnen, Essays, Gedichte, Romanauszüge.

Wenn wir von Lernenden verlangen, sich in der Welt nicht nur zu orientieren und diese zu erschliessen, sondern auch darin zu handeln, so bedeutet dieses Handeln etwa im politischen Kontext oft ein sprachliches Tun. Kreative Schreibformen können hier Ausgangspunkt sein zur Bildung einer eigenen Meinung, aber auch zu deren Artikulation in einer dafür geeigneten, ausgesuchten Textform.

Peter Kaiser, vgl. Altorfer u. Miziane 2022

Schreiben ist eine basale Fähigkeit, die als Denkwerkzeug, als Mittel zum kreativen Ausdruck und beim Entwickeln der eigenen Stimme eine zentrale Rolle spielt. Schreiben ist mehr als die Niederschrift fertiger Gedanken, vielmehr dient es als Motor, um über einen längeren Prozess spezifischen Fragen nachzugehen, neue Perspektiven zu erkunden und individuelle Lösungen zu entwickeln. Wie Strategien und Prozesse des literarischen Schreibens für wissenschaftliches Schreiben fruchtbar gemacht werden und dass Methoden des Storytellings und stilistische Präzision auch in Sachtexten unabdingbar sind, haben wir in der Publikation Wissenschaftlich erzählen – literarisch überzeugen untersucht (Ammann, Altorfer, Bürki u. Rickert 2023.

Den Stil entwickeln

In unseren Angeboten nutzen wir vielfältige Zugänge zum kreativen Schreiben und gehen dabei über Schreibimpulse, Fingerübungen oder lustvolles Freewriting hinaus. Ziel ist es, die entstehenden Texte und Entwürfe systematisch weiterzuentwickeln und die individuellen Coachings durch Modulleitende und Feedbacks anderer Kursteilnehmenden in die Überarbeitung einfliessen zu lassen.

Hierbei verfolgen wir unterschiedliche Ansätze. In einem Weiterbildungskurs mit dem Titel «Vom literarischen Vorbild zum eigenen Text» ging es beispielsweise darum, Texte intuitiv und spontan oder nach sorgfältiger Lektüre und Analyse bewusst zu imitieren und weiterzuführen. Die Schreiber:innen durften stilistische Eigenheiten aufgreifen, Textroutinen wiederholen und handwerkliche Techniken «anprobieren» oder übertreiben, um im Prozess den eigenen Ton zu entdecken.

In einem Modul zum autobiografischen Schreiben wiederum arbeiteten die Teilnehmenden mit eigenen Erinnerungen. Sie lernten methodische Zugänge und Aspekte des Storytelling kennen, um Lebensereignisse und persönliche Erfahrungen literarisch einzufangen und in Form zu bringen. Dabei entstanden anekdotische Vignetten, Gedichte, Kurzgeschichten oder längere Erzählungen in der Tradition des Life-Writing.

In individuellen Coachings lektorieren wir auch umfangreiche literarische Projekte, zum Beispiel den 800-seitigen Fantasyromanentwurf eines Junglehrers, ausserhalb des Curriculums entstehende Kurzgeschichten und Erzählungen von Studierenden sowie in einem Feedback-Workshop für freie Texte Song-Lyrics einer Mitarbeitenden der PHZH.

Für die Entwicklung und Umsetzung von literarischen Schreibprojekten sind die Tutor:innen des Schreibzentrums unverzichtbare Mitarbeiter:innen. Sowohl im Organisations- und Publikationsteam von PH Goes Poetry als auch in der Redaktion der Schreibstaffel «Punkt Punkt Komma Strich» (seit 2020, zuerst unter dem Titel «Seasons for all») verfassen die Tutor:innen freie Texte und lektorieren Beiträge ihrer Peers. Zudem schrieben die Schreibzentrums-Tutor:innen bis 2024 über 60 Kolumnen für die Studierendenseite des Magazins Akzente, seit 2019 auch für die PHZH-interne Zeitschrift inside.

Selbst kreativ zu werden, fördert beides: Einen persönlichen Stolz, der Freude macht, sowie eine Demut vor der Undurchdringlichkeit der Worte.

Peter Kaiser, vgl. Altorfer u. Miziane 2022

Transferwirkungen des literarischen Schreibens

Im kreativen und literarischen Schreiben trainieren und erweitern wir unser Repertoire an sprachlichen Ausdrucks- und erzählerischen Gestaltungsformen. Die hier erworbenen Schreibstrategien kommen auch der Arbeit an journalistischen, dokumentarischen oder wissenschaftlichen Textsorten zugute.

Klar ist: Diese Art von produktivem und entdeckendem Schreiben lässt sich nicht vollständig an eine künstliche Intelligenz delegieren.

INFOBOX

Aktuelle Angebote

CAS Modul
Literarisches Schreiben – biografisch bis fiktional: Wege zum eigenen Schreibprojekt

Workshops
Lyrics, Erzählung, Reportage: offenes Feedback zu Ihren Texten
Kreatives Schreiben: Vom Bild zum Wort

Individuelle Angebote zum literarischen Schreiben für Institutionen und Privatpersonen
Literarisches Schreiben

Plattform für literarisches Schreiben an der PHZH

edition-schreibzentrum.ch

Literaturempfehlungen

- Abraham, Ulf. 2021: Literarisches Schreiben: Didaktische Grundlagen für den Unterricht
- Genz, Julia. 2022: Handbuch kreatives Schreiben: Literarische Techniken verstehen und anwenden
- Saunders, George. 2023: Bei Regen in einem Teich schwimmen: Von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben lernen
- Zanetti, Sandro. 2022: Literarisches Schreiben: Grundlagen und Möglichkeiten

Zu den Autoren

Daniel Ammann ist Dozent für Medienbildung, Mitarbeiter des Schreibzentrums der PH Zürich, Autor und Literaturkritiker (SRF-Bestenliste).

Erik Altorfer ist Mitarbeiter des Schreibzentrums der PH Zürich, Leiter von internationalen Autor:innen-Projekten, Dramaturg und Regisseur für Theater und Hörspiel.

Von der Schule in die berufliche Grundbildung

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Text von Mandy Gnägi

Der Schritt in die Arbeitswelt ist für Lernende ein grosser. Im Gegensatz zum vertrauten Rhythmus des Schul- und Lernalltags findet die berufliche Grundbildung an drei verschiedenen Lernorten statt: im Betrieb, in überbetrieblichen Kursen und in der Berufsfachschule. Diesen Wechsel beschreiben Lernende als einschneidend, zumal sie sich in einer Lebensphase des Umbruchs befinden. War ihr bisheriger Weg ferner durch schulische Schwierigkeiten geprägt, wie z.B. schlechte Noten, hohe Fehlzeiten oder soziale Auffälligkeiten, war ein Einstieg in eine drei- bis vierjähre berufliche Grundbildung mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder in eine weiterführende Schule erschwert resp. nicht möglich. Eine Folge davon war eine hohe Jugendarbeitslosigkeit der 1990er und 2000er Jahre, der seit 2004 durch eine zeitlich verkürzte und vom schulischen sowie betrieblichen Anspruch her reduziertere Form der Ausbildung entgegengewirkt wurde. Sie schliesst nach absolvierten Prüfungen mit einem eidgenössisch anerkannten Berufsattest (EBA) ab.

Bedarf qualifizierte Begleitung

Mit dem Inkrafttreten der neuen Ausbildungsmöglichkeit hat der Bundesrat die «fachkundige individuelle Begleitung von Personen mit Lernschwierigkeiten in zweijährigen beruflichen Grundbildungen» lanciert. Diese Begleitung soll in der Lage sein, zugrundeliegende «Lernschwierigkeiten» oder «soziale Probleme» gemeinsam mit den Lernenden anzugehen und zu beheben. Alle «schulischen und bildungsrelevanten Aspekte,  die im Umfeld der lernenden Person einen Bildungserfolg gefährden könnten», sollten durch individuelle und zielführende Massnahmen entkräftet werden. Statt den Fokus auf Schwächen und Defizite zu richten, fördert und fokussiert eine fachkundige individuelle Begleitung die Stärken der Lernenden. Dazu gehört auch die Aktivierung von Eigeninitiative und Lernbereitschaft sowie das Erproben und Etablieren verschiedener Lerntechniken. Ziel der fachkundigen individuellen Begleitung ist die Mitgestaltung positiver Lernerfahrungen, so dass Misserfolge und Lehrabbrüche reduziert und Schulen entlastet werden.

Individuelle Begleitungen regen durch Impulse den Denk- und Veränderungsprozess bei den Jugendlichen an. (Bildquelle: Adobe Stock)

Variantenreiches Arbeitsfeld

Die genannten Ziele machen deutlich, dass fachkundige individuelle Begleitungen über ein Handlungsrepertoire verfügen müssen, das sich deutlich von dem als Lehrperson resp. als ausbildungsverantwortliche Person unterscheidet. Für ihre Arbeit stehen den individuellen Begleitungen unterschiedliche zeitliche, personelle und räumliche Ressourcen zur Verfügung. Da es dafür keine einheitliche Regelung gibt, variieren die Einsätze von individuellen Begleitungen von Schule zu Schule, die sich grob in vier Kategorien einteilen lassen: es findet regelmässig eine offene Sprechstunde für alle Lernenden der Schule statt, im Rahmen des Stundenplans ist eine Stunde im Klassenverband für die individuelle Begleitung reserviert, individuelle Begleitungen werden auf Anfrage bestimmten Klassen oder Lernenden zugewiesen oder es werden externe individuelle Begleitungen an die Schule geholt. Folglich muss eine fachkundige individuelle Begleitung angesichts genannter Umstände, Ziele und Herausforderungen eine hohe Handlungskompetenz ausbilden, um ihrer Aufgabe und den daran gekoppelten Anforderungen gerecht zu werden.

Essenzen einer besonderen Qualifikation

Ein wichtiger Faktor dafür ist ein hoher Grad an Selbstreflexion einerseits und ein stetes Einholen von Feedback andererseits. Beide Formen verfolgen den Nutzen, darüber die Anschlussfähigkeit an die Lernenden und die Wirksamkeit für die Lernenden im Hinblick auf die vereinbarten Ziele zu ermitteln. Individuelle Begleitungen gestalten darüber den Rahmen für einen Entwicklungsprozess, bei dem sich Lernende gemäss ihrer Stärken, Ressourcen und Lösungsmöglichkeiten als wirksam, handlungsfähig und entscheidend erleben. Individuelle Begleitungen geben also keine Veränderungswege vor, sondern regen durch unterschiedliche Impulse primär den Denk- und Veränderungsprozess dazu bei den Lernenden an. Eine fundierte Weiterbildung zur fachkundigen individuellen Begleitung umfasst folglich relevante Essenzen aus dem systemischen Coaching und Lerncoaching, der angewandten positiven Psychologie, der Neuen Autorität und den entsprechenden Kommunikationen, um darüber tragfähige Beziehungen zu gestalten. Fachkundige individuelle Begleitung zeichnet aus, eine sorgfältige pädagogische Diagnostik vorzunehmen, beim Verdacht auf psychische Störungen versiert zu agieren, mit den Lernenden auf ihre Stärken zu schauen, Ressourcen zu aktivieren, Gutes und Gelingendes in den Fokus zu rücken. Es ist erwiesen, dass mit der Stärkung des Vorhandenen die Defizite überwunden werden können. Durch die Arbeit der individuellen Begleitungen erleben sich Lernende selbstwirksam, eingebunden und kompetent – und das manchmal erstmalig in ihrer Schullaufbahn.

CAS Fachkundige individuelle Begleitung

Mit der Etablierung der fachkundigen individuellen Begleitung zur Unterstützung von Lernenden haben Pädagogische Hochschulen in der Schweiz die Aufgabe gefasst, entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten anzubieten. Die PH Zürich hat ihr Angebot bisher zwei grösseren Revisionen unterzogen, um die Inhalte zu aktualisieren und die jeweiligen Bedürfnisse und Bedarfe aufzunehmen. Ab dem Herbst 2026 wird das Zentrum Berufs- und Erwachsenenbildung den bisherigen, zwei Jahre umfassende CAS Coaching und Lernen mit Jugendlichen ersetzen. Neu ist die Anpassung an die gängige Weiterbildungsdauer von etwa 10 Monaten. Neu ist ebenso, dass durch explizite Reflexionsaufgaben und Vertiefungen sowie durch eine modulübergreifende Arbeit die jeweiligen Inhalte stärker miteinander verzahnt und reflektierend in den eigenen Entwicklungsprozess zur individuellen Begleitung einbezogen werden. Neu ist, dass zu den bewährten Inhalten die Aspekte von Stärkenorientierung, Gruppen- und Lerncoaching, Lernbegleitung und souveränes Handeln durch organisationales Verständnis aufgenommen worden sind. Neu ist auch, dass sich das CAS mit dem Titel «Fachkundige individuelle Begleitung (FiB/ZiB) – Lernende in Schule und Beruf stärken» nicht mehr nur an Berufsschullehrpersonen, sondern an alle Verantwortlichen in der beruflichen Bildung wendet.

INFOBOX

Bei allen Fragen oder Anliegen rund um die Weiterbildung zur fachkundigen individuellen Begleitung wenden Sie sich gerne direkt an Mandy Gnägi, mandy.gnaegi@phzh.ch oder +41 43 305 51 08.

Lehrgang

Alle Informationen zum CAS Fachkundige individuelle Begleitung (FiB/ZiB)

Weitere Informationen zum Thema

«Coaching in der Berufs- und Erwachsenenbildung» – Blogbeitrag von Mandy Gnägi im Lifelong Learning Blog (22. April 2025)

Literatur

- Bach, D. (2017): Reden kann auch Gold sein – Coaching von Berufslernenden
- Bauer, Ch., Hegemann, T. (2010): Ich schaffs! – Cool ans Ziel. Das lösungsorientierte Programm für die Arbeit mit Jugendlichen
- Fischer, S. (2024): Fachkundige individuelle Begleitung. Gelingensfaktoren in der beruflichen Grundbildung
- Wolfensberger, R. (2018): FiB-Handbuch. Individuelle Begleitung in der zweijährigen Grundbildung

Netzwerk

CoP – FiB-EBA, verantwortet durch Nadine Vetterl, nadine.vetterl@dlh.zh.ch

Zur Autorin

Mandy Gnägi ist Beraterin und Dozentin im Zentrum Berufs- und Erwachsenenbildung an der PH Zürich.

Academic Integrity by Design: From Regulating to Trust in AI Classrooms

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–> Blogbeitrag auf Deutsch lesen

Contribution by Mònica Feixas

Artificial Intelligence both fascinates and frightens us in equal measure. For some, AI is the biggest threat to academic integrity in a generation; for others, the most powerful learning tool since the printing press. In this blog, I would like to invite you to look closely at how universities are talking about AI in their policies and practices. To make sense of these approaches, I propose the Triple A Approach — Awareness, Agency, Action:

  • Awareness: recognising how AI is framed in policies, understanding the narratives and surfacing the assumptions and biases.
  • Agency: keeping humans, teachers and students, in control. AI doesn’t replace critical thinking; it makes it more urgent.
  • Action: moving from theory to practice by redesigning assessment, integrating AI thoughtfully in teaching, and building AI and epistemic literacy for critical, ethical use.
Image 1: The Triple A Approach (elaborated by M. Feixas with napkin.ai)

Awareness: What Policies Reveal

When we examined 14 university policies on generative AI in Spain and Switzerland, we found that policies don’t just regulate, they tell stories about students, teachers, and knowledge:

  • Definitions matter: Policies define AI as a tool or resource (like a dictionary), most as a risky system, a partner in thinking, or even a transformative force. These assumptions shape how integrity and assessment are imagined.
  • Narratives Shape Integrity (Table 1):
    • Restrictive policies treat AI mainly as a threat, focusing on «fraud» and «detection.» Students are framed as potential cheaters, teachers as enforcers, and integrity becomes surveillance.
    • Enabling policies see AI as a learning opportunity, requiring students to disclose and reflect on AI use, and teachers to rethink assessment. Integrity is about guidance, honesty, and transparency.
In restrictive policies:
 
– AI = Academic Dishonesty
– Students as cheaters, will misuse tools unless strictly regulated. Assumed unmotivated, short-cut seeking
– Traditional formats = inherently trustworthy
– Teachers expected to police
– Focus of Academic Integrity is on detection and surveillance
In non-restrictive policies:
 
– AI = Opportunity for learning and Pedagogical innovation
– Students as active, critical thinkers. Must be trained in ethical use and new literacies
– Assessment = process + reflection
– Teachers as mentors and designers, and irreplaceable
– Focus of Academic Integrity is on guidance and reflection
Table 1: Contrasting Narratives of AI in Higher Education Policies

These narratives shape the university’s culture. Are students potential fraudsters or responsible learners? Are teachers detectives or mentors? Answers to these questions define how we understand integrity and pursue student agency.

Redefining Academic Integrity

Why do students cheat? Research (Eaton et al, 2017) shows cheating is driven by a mix of factors: Stress, unrealistic or unclear assessments, or peer pressure. Many students also don’t always understand academic expectations.  

In drawing on Rhode’s (2017) study, Eaton et al, remind us that only a small fraction of students never cheat and a similarly small minority cheat intentionally and consistently; the majority — about 80–90% — sit in the middle, meaning they cut corners when under pressure, often regretting it afterwards.

With AI, although still many students are cautious, most don’t view its use as cheating, unless boundaries are clear. Where is the line between «acceptable help» from AI and actual misconduct? Most universities treat unauthorized use (AI uses in a way that is not allowed by the course or institution) or undisclosed (fail to acknowledge) as misconduct, like plagiarism. So they stress transparency: students are expected to acknowledge how AI was used. This is a rather compliance-based view of integrity: focused on rules, detection, enforced through surveillance and sanctions.

In this regard, academic integrity is not just about what students shouldn’t do, but about what the whole academic community does — building trust, respect, practicing fairness, and taking responsibility in knowledge work. This cannot rely on punishment alone; it needs a learning culture and AI literacy.

Agency: Who is in Control?

AI literacy is not just about knowing how to use AI tools, it’s about having agency: the ability to make informed choices, exercise ethical and critical judgment, and be recognized as an active participant (Emirbayer & Mische, 1998; Bandura, 2001). Without agency, we risk outsourcing too much of our thinking to machines.

1. Who is in control: humans or machines?

AI can either undermine or enhance our agency. If students use AI uncritically, they may lose creativity and cognitive skills. But if they engage critically, AI can become a tool for deeper learning. Teachers face the same choice: lose agency by policing students’ AI use; gain agency by designing innovative teaching and learning activities that require reflection, evaluation, and critical thinking.

2. What happens to thinking when we rely too much on AI?

The main risk is what some call cognitive atrophy or brain drain (Guest et al. 2025): when we outsource too much mental effort, our capacity for deep thinking shrinks.

  • Cognitive offloading can free working memory for higher-order thinking but overuse weakens memory and reasoning (Oakley et al., 2025).
  • Productive struggle is essential: learning needs challenge and effort with scaffolding (Hattie et al., 2023). If AI removes this, students lose resilience and critical capacity.

Guest et al. (2025) show AI may raise abstraction levels but reduce effort and depth of thinking. Experts may benefit from using AI to «chunk» tasks, but novices risk dependency. This can widen inequalities between confident students who use AI to push boundaries and those who let it do the work for them.

3. How do we protect human agency in the age of AI?

The biggest danger is over-trust: those who rely blindly on AI lose the most independence. As systems improve, the temptation to trust them fully will grow. Protecting agency means:

  • Cultivating skepticism: teaching students to question AI outputs.
  • Designing for thinking: creating tasks that require evaluation, judgment, and reflection.
  • Preserving independence: making space for the struggle that builds knowledge, resilience, and critical capacity.

AI is not going away, and we shouldn’t embrace it uncritically. Instead, we can treat it as an opportunity. The challenge is to cultivate integrity at scale: to see students as capable learners, teachers as trusted professionals, and institutions as communities of care.

If we build epistemic agency into our curricula, AI can become a tool for growth, helping students develop literacy, responsibility, and higher-order thinking, rather than a shortcut to superficial answers.

Action: Redesign for the Future

If Awareness uncovers assumptions and Agency protects the capacity to think and act critically, then Action must show how integrity can be redesigned at scale. To the question «What are scholarly pathways to design for academic integrity?», there is no single answer, but I suggest three areas for action: pedagogy, governance and community building – themes we will explore in the upcoming events below.

Pedagogy

  • Redesign assessments to include process-oriented formats (reflections, version histories, journals, portfolios, or oral explanations that reveal thinking, not just final products).
  • Reframe authorship: Ask students to document their AI use and reflect on how it shaped their thinking and work and why.
  • Promote transparency: communicate clearly when and how AI can be used.
  • Foster AI literacy: teach the basics of AI including data protection, critical evaluation and ethical use.
  • Assess epistemic literacy: Can students justify when and why they used (or did not use) AI?

Governance

As mentioned in the study:

  • Policies must be clear about when AI can be used, how its use should be documented, and when it must be excluded to protect learning and genuine achievement.
  • Should move beyond compliance: not just list what is «allowed» or «forbidden», but:
    • articulate clear values of honesty, fairness, and trust.
    • see students as responsible agents: not merely as potential cheaters, but as partners in shaping integrity.
    • empower teachers: through professional development, infrastructure, and time to experiment with new assessment formats.
    • put assessment at the center: because assessment is where integrity is most consequential — it determines recognition, grades, and opportunities.
  • Provide clear frameworks for when AI is allowed, guided, or excluded (e.g., University of Sydney’s two-lane model or the AIAS Assessment Scale).
  • Support teacher and student agency with AI literacy, professional development and infrastructure.

Community Building

Integrity grows from developing alliances that scale from classroom pilots to institutional strategy:

  • Build dialogue and shared responsibility across faculty, students, and administrators.
  • Share good practices and pilot projects that strengthen integrity.
  • Encourage critical discussion about power, ethics, and AI’s role in knowledge production.
INFOBOX

As we step into this future, I invite you to continue the dialogue in the upcoming events:

- One-day conference: Assessment und KI: Gemeinsam praktische Formate erkunden (PH Zürich, 20th November 2025). An experimental, hands-on event, inviting educators, developers, and students into open dialogue and co-creation around real dilemmas of assessment in the age of AI.

- Fostering Epistemic Agency in Higher Education: Why and How? Free webinar by the Higher Education Development, Teaching and Learning Research Group with Dr. Juuso Nieminen (Deakin University, Australia), 4th November 2025

- The ICED26 Conference «Agency and Academic Development» (Salamanca, 24-26 June 2026). The international conference of academic developers but also researchers and leaders. This time we explore how agency shapes knowledge, strategy, and student learning. How do academic developers cultivate agency in a rapidly changing higher education landscape?

About the Author

Academic Integrity by Design: Von der Regulierung zum Vertrauen im KI-Klassenzimmer

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–> Read this blog post in English

Text von Mònica Feixas

Künstliche Intelligenz fasziniert und beunruhigt uns zugleich. Für manche ist sie die grösste Bedrohung der akademischen Integrität seit einer Generation, für andere das mächtigste Lernwerkzeug seit der Erfindung des Buchdrucks. Unter akademischer Integrität ist dabei ein verantwortungsvoller Umgang mit Wissen in Studium und Lehre zu verstehen, der sich in Konzeptionen von Redlichkeit, Fairness oder Verantwortung widerspiegelt.

In diesem Blog lade ich Sie ein, genauer hinzusehen: Wie sprechen Universitäten in ihren Reglementen, Vorgaben und Richtlinien – nachfolgend Policies genannt – über KI? Um die Hintergründe der Policies besser zu verstehen, schlage ich den Triple-A-Ansatz vor – Awareness, Agency, Action:

  • Awareness: Erkennen, wie KI in Policies gerahmt wird, unterliegende Narrative und Annahmen sichtbar machen.
  • Agency: Sicherstellen, dass Menschen – Lehrende wie Studierende – handlungsfähig bleiben. KI ersetzt kritisches Denken nicht, sondern macht es dringlicher.
  • Action: Für den Schritt von der Theory zur Praxis sind Leistungsnachweise und Leistungsbeurteilung neu zu gestalten und KI bewusst in die Lehre zu integrieren, wodurch KI Literacy sowie die epistemische Handlungsfähigkeit gefördert werden und den kritischen, ethischen Gebrauch von KI stärken.
Bild 1: Der Triple-A-Ansatz (Ausarbeitung M. Feixas mit napkin.ai)

Awareness: Was Policies sichtbar machen

In unserer Analyse von 14 Hochschul-Policies zu generativer KI (aus Spanien und der Schweiz) zeigte sich: Policies regulieren nicht nur, sie erzählen Geschichten über Studierende, Lehrende und Wissen:

  • Definitionen sind entscheidend: Einige Policies definieren KI als Werkzeug (wie ein Wörterbuch), andere als risikobehaftetes System, als Denkpartner oder sogar als transformativen Faktor für Bildung. Diese Sichtweisen prägen, wie Integrität und Leistungsbeuteilung gedacht werden.
  • Narrative formen Integrität (Tabelle 1):
    • Restriktive Policies sehen KI primär als Bedrohung. Sie sprechen von «Betrug» und «Erkennung», stellen Studierende als potenzielle Täuschende dar und Lehrende als Kontrollinstanz. Die Wahrung von Integrität wird auf Überwachung reduziert.
    • Ermöglichende Policies sehen in KI eine Chance für das Lernen. Sie fordern Studierende auf, KI-Nutzung zu deklarieren und zu reflektieren. Lehrende ermuntern sie, Leistungsnachweise und Leistungsbeurteilung neu zu gestalten . Integrität dreht sich um Transparenz, Dialog und Begleitung.
In restriktiven Policies:
– KI = Akademische Unredlichkeit
– Studierende gelten als potenzielle Betrüger:innen, die Tools missbrauchen, wenn sie nicht streng reguliert werden. Es wird angenommen, dass sie unmotiviert sind und Abkürzungen suchen.
– Traditionelle Prüfungsformate = naturgemäss vertrauenswürdig
– Lehrende sollen überwachen und kontrollieren
– Der Fokus der akademischen Integrität liegt auf Erkennung und Überwachung von Fehlverhalten
In nicht-restriktiven Policies:
– KI = Chance für Lernen und didaktische Innovation
– Studierende werden als aktive, kritische Denker:innen gesehen. Sie müssen ethischen Umgang mit KI und neue Literacies erwerben
– Leistungsbeurteilung  = Prozess + Reflexion
– Lehrende als Mentor:innen und Designer:innen, deren Rolle unersetzlich ist
– Der Fokus der akademischen Integrität liegt auf Begleitung, Transparenz und Reflexion von Lernvorgängen
Tabelle 1: Gegensätzliche Narrative von KI in Hochschul-Policies

Diese Narrative prägen die Kultur einer Hochschule: Sind Studierende potenzielle Betrüger:innen oder verantwortungsbewusste Lernende? Sind Lehrende Detektive oder Mentor:innen? Die Antworten auf diese Fragen prägen, wie wir Verantwortung und Redlichkeit in Studium und Lehre verstehen – und wie wir die Handlungsfähigkeit der Studierenden fördern.

Neudefinition der akademischen Integrität

Warum schummeln Studierende? Untersuchungen (Eaton et al. 2025) zeigen, dass Schummeln durch eine Kombination verschiedener Faktoren begünstigt wird. Dazu gehören Stress, unklare oder unrealistische Beurteilungskriterien sowie Gruppendruck. Viele Studierende verstehen auch die akademischen Erwartungen nicht immer.
Unter Bezugnahme auf die Studie von Rhode (2017) erinnern uns Eaton et al. daran, dass nur ein kleiner Teil der Studierenden niemals betrügt und eine ähnlich kleine Minderheit absichtlich und konsequent betrügt; die Mehrheit – etwa 80–90 % – befindet sich in der Mitte, was bedeutet, dass sie unter Druck in gewissen Situationen Abstriche machen und dies oft hinterher bereuen.
Obwohl viele Studierende gegenüber KI noch vorsichtig sind, betrachten die meisten deren Einsatz nicht als Betrug, es sei denn, die Grenzen sind klar definiert. Wo liegt die Grenze zwischen «akzeptabler Hilfe» durch KI und tatsächlichem Fehlverhalten? Die meisten Universitäten behandeln die unbefugte (KI-Nutzung in einer Weise, die von der Lehrveranstaltung oder der Hochschule her nicht erlaubt ist) oder die nicht deklarierte KI-Nutzung als Fehlverhalten, ähnlich wie Plagiate. Daher legen sie Wert auf Transparenz: Von den Studierenden wird erwartet, dass sie angeben, wie KI genutzt wurde. Dies ist eine eher auf Compliance basierende Sichtweise von Integrität: Der Fokus liegt auf Regeln und deren Durchsetzung durch Überwachung und Sanktionen.

Allerdings sollte es bei akademischer Integrität nicht nur darum gehen, was Studierende nicht tun sollten, sondern vor allem darum, was die gesamte akademische Gemeinschaft tut: Vertrauen und Respekt aufbauen, Fairness praktizieren und Verantwortung in der Wissensarbeit übernehmen. Dies kann sich nicht allein auf Bestrafung stützen; es braucht eine Kultur des Lehrens und Lernens und KI-Literacy.

Agency: Wer hat die Kontrolle?

KI-Literacy bedeutet mehr als Toolwissen, sie umfasst auch Handlungsfähigkeit. Es geht dabei um die Fähigkeit, im Umgang mit KI informierte Entscheidungen zu treffen, kritisch und ethisch zu urteilen und aktiv mitzuwirken (Emirbayer & Mische, 1998; Bandura, 2001). Ohne solche Handlungsfähigkeit laufen wir Gefahr, zu viel von unserem Denken an Maschinen auszulagern.

  • Wer hat die Kontrolle: Menschen oder Maschinen?

KI kann unsere denkbezogene Handlungsfähigkeit entweder untergraben oder stärken. Wenn Studierende KI unkritisch nutzen, können sie Kreativität und kognitive Fähigkeiten verlieren. Wenn sie sich jedoch kritisch damit auseinandersetzen, kann KI zu einem Werkzeug für vertieftes Lernen werden. Lehrende stehen vor derselben Wahl: Handlungsfähigkeit verlieren, indem sie die KI-Nutzung der Studierenden nur überwachen; oder Handlungsfähigkeit gewinnen, indem sie innovative Leistungsnachweise gestalten, die Reflexion, Bewertung und kritisches Denken erfordern.

  • Was passiert mit dem Denken, wenn wir uns zu sehr auf KI verlassen?

Das Haupt­risiko ist das, was manche als kognitive Atrophie oder «Brain Drain» bezeichnen (Guest et al. 2025): Wenn wir zu viel geistige Anstrengung auslagern, schrumpft unsere Fähigkeit zum tiefgreifenden Denken.

  • Kognitives Auslagern kann Arbeitsgedächtnis für höheres Denken frei machen, aber übermässige Nutzung schwächt das Gedächtnis und die Argumentationsfähigkeit (Oakley et al. 2025).
  • Produktive Anstrengung ist entscheidend: Lernen braucht Herausforderung und Anstrengung mit passender Unterstützung (Hattie et al. 2023). Wenn KI dies wegnimmt, verlieren Studierende Resilienz und kritische Fähigkeiten.

Guest et al. 2025 zeigen, dass KI zwar das Abstraktionsniveau erhöhen, aber die Anstrengung und die Denktiefe verringern kann. Expertinnen können vom KI-Gebrauch profitieren, um Aufgaben zu «segmentieren», aber Novizen laufen Gefahr laufen, von den KI-Tools abhängig zu werden. Dies kann Ungleichheiten vergrössern zwischen intellektuell selbstbewussten Studierenden, die KI nutzen, um Grenzen auszuloten, und jenen, die KI die Arbeit erledigen lassen.

  • Wie schützen wir die menschliche Handlungsfähigkeit im Zeitalter der KI?

Das grösste Risiko ist übermässiges Vertrauen: Wer sich blind auf KI verlässt, verliert am meisten an epistemischer Unabhängigkeit. Und je besser die KI-Systeme werden, desto mehr wächst die die Versuchung, ihnen alles zu überlassen. Die menschliche Handlungsfähigkeit zu schützen bedeutet:

  • Skepsis fördern: Studierende darin unterrichten, KI-Ausgaben zu hinterfragen.
  • Zum Nachdenken anregen: Aufgaben entwickeln, die Bewertung, Urteilsvermögen und Reflexion erfordern.
  • Unabhängigkeit bewahren: Raum schaffen für die Anstrengung, die Wissen, Resilienz und kritische Fähigkeiten aufbaut.

KI wird bleiben, und wir sollten sie nicht unkritisch einsetzen. Stattdessen können wir sie als Chance betrachten. Die Herausforderung besteht darin, akademische Integrität umfassend zu fördern. Das bedeutet, Studierende als fähige Lernende, Lehrer als vertrauenswürdige Fachleute und Institutionen als fürsorgliche Gemeinschaften zu betrachten.

Wenn wir epistemische Handlungsfähigkeit in unsere Curricula integrieren, kann KI zu einem Werkzeug für Wachstum werden, das Studierenden hilft, Lernfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und höheres Denken zu entwickeln, anstatt eine Abkürzung zu oberflächlichen Antworten zu sein.

Action: Zukunft gestalten

Während Awareness unterliegende Annahmen sichtbar macht und Agency die Fähigkeit zu kritischem Denken schützt, muss Action akademische Integrität im grossen Stil neu gestalten. Auf die Frage «Welche wissenschaftlichen Wege gibt es, um akademische Integrität zu gestalten?» gibt es keine einfache Antwort, aber ich schlage drei Handlungsfelder vor: Didaktik/Pädagogik, Governance und Gemeinschaftsbildung. Dies sind Themen, die wir in den kommenden Monaten in verschiedenen Veranstaltungen näher erkunden werden (siehe Infobox ).

Pädagogik

  • Prüfungen neu gestalten: Prozessorientierte Formate einbeziehen (Reflexionen, Versionsverläufe, Journale, Portfolios oder mündliche Erklärungen, die das Denken sichtbar machen – nicht nur Endprodukte).
  • Autorschaft neu definieren: Studierende auffordern, ihre KI-Nutzung zu dokumentieren und zu reflektieren, wie diese ihr Denken und ihre Arbeit beeinflusst hat – und warum.
  • Transparenz fördern: Klar kommunizieren, wann und wie KI genutzt werden darf.
  • KI-Kompetenz fördern: Grundlagen der KI lehren, einschließlich Datenschutz, kritischer Bewertung und ethischer Nutzung.
  • Epistemische Kompetenz prüfen: Können Studierende begründen, wann und warum sie KI genutzt (oder nicht genutzt) haben?

Governance

Wie in der Studie (Feixas, 2025) erwähnt:

  • Richtlinien müssen klar festlegen, wann KI genutzt werden darf, wie ihre Nutzung dokumentiert werden soll und wann sie ausgeschlossen werden muss, um Lernen und echte Leistung zu schützen.
  • Über blosse Regelkonformität hinausgehen: Nicht nur auflisten, was «erlaubt» oder «verboten» ist, sondern:
    • klare Werte wie Ehrlichkeit, Fairness und Vertrauen formulieren.
    • Studierende als verantwortliche Akteure sehen: nicht nur als potenzielle Betrüger:innen, sondern als Partner:innen bei der Gestaltung von Integrität.
    • Lehrende stärken: durch Weiterbildung, Infrastruktur und Zeit, um mit neuen Prüfungsformaten zu experimentieren.
  • Prüfungen ins Zentrum stellen: denn dort ist Integrität am folgenreichsten – sie entscheidet über Anerkennung, Noten und Chancen.
  • Klare Rahmen vorgeben, wann KI erlaubt, angeleitet oder ausgeschlossen ist (z. B. das University of Sydney’s two-lane model oder die AIAS Assessment Scale).
  • Handlungsfähigkeit von Lehrenden und Studierenden stärken – mit KI-Kompetenz, Weiterbildung und geeigneter Infrastruktur.

Community-Building

Integrität entsteht, wenn Allianzen aufgebaut werden, die sich von Pilotprojekten im Unterricht bis hin zu institutionellen Strategien skalieren lassen:

  • Dialog und geteilte Verantwortung zwischen Dozierenden, Studierenden und der Verwaltung fördern.
  • Gute Praktiken und Pilotprojekte teilen, die Integrität stärken.
  • Kritische Diskussionen anregen über Macht, Ethik und die Rolle von KI in der Wissensproduktion.
INFOBOX

- Kurztagung Assessment und KI: Gemeinsam praktische Formate erkunden (PH Zürich, 20. November 2025). Experimentelles, praxisnahes Format mit offenen Dialogen und Co-Creation.

- Fostering Epistemic Agency in Higher Education: Why and How? Kostenloses Webinar der Forschungsgruppe empirische Hochschuldidaktik mit Dr. Juuso Nieminen (Deakin University, Australien), 4. November 2025

- The ICED26 Conference «Agency and Academic Development» (Salamanca, 24.-26. Juni 2026). Die internationale Konferenz für Hochschuldidaktiker und Hochschulentwicklerinnen, aber auch für Hochschulforschende und Führungskräfte. Dieses Mal erkunden wir, wie Handlungsfähigkeit Wissen, Strategie und studentisches Lernen an Hochschulen prägt: Wie können Hochschuldidaktik und Hochschulentwicklung in einer sich schnell verändernden Hochschullandschaft die Handlungsfähigkeit der Studierenden und Lehrenden fördern?

Zur Autorin

Mònica Feixas ist Dozentin im Zentrum für Hochschuldidaktik und -entwicklung der PH Zürich. Sie ist ausserdem die Kongressleiterin (Convenor) der ICED-Konferenz (International Consortium for Educational Development), die vom 24. bis 26. Juni 2026 in Salamanca (Spanien) stattfinden wird.

Übersetzt ins Deutsche durch Tobias Zimmermann.

Berufswahlunterricht im Wandel – neue Wege für Lehrpersonen

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Text von René Schneebeli

«Was willst du mal werden?» – früher war die Antwort schnell parat: Koch, Ärztin oder Ingenieur. Heute klingt es oft unbestimmter: «etwas mit Medien», «vielleicht Pflege» oder einfach «mal sehen». Die Berufswahl ist kein einzelner Entscheid mehr, sondern ein fortlaufender Prozess. Geradlinige Karrieren sind die Ausnahme, Umwege die Regel. Dies ist einerseits befreiend, andererseits herausfordernd – vor allem für jene, die Jugendliche begleiten.

Neue Realitäten im Unterricht

Bildungswege sind heute flexibler und individueller. Viele Jugendliche steigen später in eine Lehre ein, brechen sie ab oder beginnen neu. Sie holen Abschlüsse nach, reisen oder legen Auszeiten ein. Solche Brüche sind kein Versagen, sondern Ausdruck von Optionen, die durch die Durchlässigkeit und den Zeitgeist begünstigt werden. Die vielfältigeren Bildungswege verändern auch die Rolle der Lehrpersonen – vom Wegweiser mit klarer Route hin zum Coach, der Chancen sichtbar macht.

Obwohl die Berufswahl als Akt der Selbstbestimmung gilt, beeinflussen Herkunft, Geschlecht und Migrationshintergrund nach wie vor den Zugang zu Chancen, Netzwerken und Ressourcen. Sie entscheiden auch oft darüber, auf welcher Seite der digitalen Kluft Jugendliche stehen. Lehrpersonen sind hier besonders gefordert: Sie können Barrieren sichtbar machen, Alternativen aufzeigen und Jugendliche dabei unterstützen, ihren eigenen Spielraum zu erweitern.

KI als neues Werkzeug

Künstliche Intelligenz ist längst Teil des Unterrichtsalltags. Manche Jugendlichen schreiben ihre Bewerbungen mit Chatbots, andere lassen sich neue Berufsideen vorschlagen. Die Frage ist nicht, ob man diese Tools verbieten oder erlauben sollte, sondern wie man sie versteht und gezielt nutzt. KI kann unterstützen, ersetzt aber nicht die eigene Entscheidung. Sie ist Werkzeug, kein Ersatz für eigene Verantwortung. Wer diese abgibt, riskiert, dort zu landen, wo er nie hinwollte.

Neue Kompetenzen für eine neue Rolle

Für diese veränderte Rolle reicht Fachwissen allein nicht aus. Lehrpersonen benötigen heute Beratungskompetenz, ein Gespür für die Dynamiken des Arbeitsmarkts sowie digitale Souveränität. Sie müssen selbst reflektiert mit KI umgehen können, um Jugendliche in diesem Bereich zu stärken. Wer interkulturelle Sensibilität vermissen lässt, ist Teil des Problems. Wer keine Resilienz fördert, um Brüche und Irrwege auszuhalten, lässt die Jugendlichen im Stich. Denn in der Realität wird nicht jeder Lehrvertrag eingehalten, nicht jeder Traumjob erfüllt sich und nicht alle Selbstbilder stimmen mit der Sichtweise anderer überein. Doch genau das gehört zum Lern- und Selbstwerdungsprozess. Bildung bereitet nicht auf geradlinige Karrieren, sondern auf das Leben vor.

Lehrende sind keine Wegweiser, sondern Lotsen, die den Kompass zeigen, aber nicht die Route vorgeben. (Quelle: Adobe Stock)

Ein Lehrgang für die Praxis

Um Jugendliche in dieser sensiblen Phase zu begleiten, brauchen Lehrpersonen nicht nur Theorien, sondern vor allem Wissen, das sich im Berufsalltag bewährt hat. Der CAS Fachperson Berufswahlunterricht der Pädagogischen Hochschule Zürich setzt hier an. Der Lehrgang vermittelt praxisnahe Instrumente und erprobte Methoden, die direkt im Unterricht eingesetzt werden können. Die Antworten auf diese Fragen werden nicht abstrakt, sondern anhand von Fallbeispielen, Übungen und Reflexionen erarbeitet. Der Lehrgang bietet einen Werkzeugkasten mit nutzbaren Hilfsmitteln, die Lehrpersonen in ihrer Rolle stärken und entlasten.

Die Berufswahl ist heute eine Reise mit vielen Stationen. Lehrende sind auf diesem Gelände keine Wegweiser, sondern Lotsen, die den Kompass zeigen, aber nicht die Route vorgeben. Wer selbst dazulernt und Jugendlichen das Rüstzeug für die Reise mitgibt, befähigt sie, ihren eigenen Kurs zu finden. So werden auch abenteuerliche Umwege zu einem integralen Bestandteil der beruflichen Selbstfindung.

INFOBOX

Während der CAS Fachperson Berufswahlunterricht den Fokus auf die Gestaltung und Umsetzung des Unterrichts legt, richtet sich der CAS Berufswahl-Coach stärker auf den gesamten Berufswahlprozess. Teilnehmende vertiefen ihre Kompetenzen in der individuellen Begleitung Jugendlicher und junger Erwachsener, lernen Coaching-Methoden kennen und reflektieren ihre Rolle im Gesamtprozess. So ergänzt der CAS Berufswahl-Coach die Unterrichtsperspektive durch eine ganzheitliche, prozessorientierte Sichtweise.

Alle Informationen zum CAS Berufswahl-Coach

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Zum Autor

René Schneebeli ist Dozent und Leiter der Berufsbildungsprojekte an der PH Zürich.

Durch (d)eine Hochschule navigieren: Projekte und Studiengänge erfolgreich leiten

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Text von Kathrin Rutz und Tobias Zimmermann

8.30 Uhr – Drei Postfächer, drei Führungsrealitäten

Maria öffnet ihren Laptop: 47 neue E-Mails. Die Hälfte betrifft das neue Curriculum ihres Studiengangs, das nächstes Jahr eingeführt werden soll. Viele Mitarbeitende in ihrem Departement möchten mitsprechen, und Leitungspersonen aus anderen Departementen «hinterfragen es kritisch».

Danny scrollt durch Nachrichten von vier verschiedenen Instituten – jedes will das Budget seines Forschungsprojekts anders aufteilen.

Sarah liest die Absage eines wichtigen internationalen Partners: «Leider haben wir andere Prioritäten gesetzt.»

Wie werden sich die drei heute durch die Wirrungen der hochschulischen Mikropolitik navigieren?

Es ist anspruchsvoll, als Führungsperson alle Anliegen unter einen Hut zu bringen.

Marias Stakeholder-Meeting

Dr. Maria Gavrić, seit zwei Jahren Studiengangleiterin Digital Marketing, sitzt im Besprechungsraum zwei Institutsleitenden gegenüber, die Bedenken gegenüber dem neuen Curriculum äussern. «Das passt nicht zu unserer Ausrichtung», meint der eine. «Wo bleiben unsere Studieninhalte?», fragt die andere.

Früher hätte Maria argumentiert, mit Fakten und Logik gekämpft. Heute hat sie eine andere Strategie: «Was braucht ihr, um das Projekt unterstützen zu können? Welche eurer Kompetenzen könnten wir stärker einbinden?»

Die Stimmung dreht sich. Plötzlich entwickeln die beiden Ideen, wie ihre Expertise das Curriculum bereichern könnte. Eine Stunde später verlassen sie den Raum nicht mehr als Kritiker, sondern als Sparringpartner.

Weshalb hat Maria nicht auf die inhaltlichen Argumente der Institutsleitenden reagiert, sondern die Ebene gewechselt und nach ihren Bedürfnissen gefragt? Im Rahmen einer Führungsweiterbildung hatte sie erfahren, dass Widerstand oft nicht primär als Angriff zu verstehen ist, sondern als Information über unerfüllte Bedürfnisse anderer Personen. Spontan hat sie sich deshalb entschieden, Brücken zu bauen statt zu argumentieren und hat damit wertvolle Kooperationspartner gewonnen.

Dannys Budget-Dilemma

Professor Danny Cruz starrt auf die Zahlen. Sein interdisziplinäres Forschungsprojekt zur nachhaltigen Mobilität braucht 75.000 Franken mehr, aber die eingeworbenen Mittel sind ausgeschöpft. Das Projekt könnte scheitern, bevor die ersten Publikationen über Zwischenresultate erschienen sind.

Danny hat zwei Optionen: aufgeben oder kreativ werden. Er wählt Letzteres. In der Kaffeepause fällt ihm ein Gespräch mit dem Forschungsleiter eines Betriebs aus der Verkehrsindustrie ein. Was, wenn sie eine unkonventionelle Dreierkooperation eingehen – Hochschule, Industrie und Stadt? Alle Beteiligten könnten unterschiedliche Ressourcen und Kompetenzen einbringen. Allerdings müsste gewährleistet werden, dass die Hochschule die wissenschaftliche Kontrolle behält.

Der Anruf dauert 20 Minuten. Der Industriepartner ist hoch interessiert, seine Firma befindet sich jedoch in einer Restrukturierung und die Forschungsabteilung darf derzeit keine neuen Partnerschaften eingehen. Sie erörtern verschiedene Szenarien und Danny erhält drei Kontakte aus dem Netzwerk des Forschungsleiters, an die er sich wenden kann.

Sarah als Diplomatin: Steuerung ohne Macht

Sarah Weber hat ein Problem: Sie soll die Internationalisierung der Hochschule vorantreiben, ohne jedoch über Weisungsbefugnisse zu verfügen. Fünf Fachbereiche sollen das von ihr verantwortete Konzept umsetzen, welches Teil der Hochschulstrategie ist. Nach der Absage des internationalen Partners am Morgen steht sie unter Druck: Ein entscheidendes Argument für den Austausch mit den Fachbereichen fällt weg. Sie setzt auf Partizipation und fordert im anstehenden Meeting zu einem Erfahrungsaustausch «Internationale Partnerschaften – was funktioniert?» ein. Sie lässt jeden Fachbereich eigene Erfolgsgeschichten erzählen und lanciert einen Dialog über die Frage: «Was wäre, wenn wir diese Ansätze strategisch verknüpfen würden?»

Nach zögerlichem Beginn sprudeln die Ideen. Jeder Fachbereich entwickelt eigene Ansätze, die sich erstaunlich gut miteinander verknüpfen lassen und anschlussfähig zu Sarahs Rahmenkonzept sind. Am Ende der Sitzung haben alle fünf Institute nicht nur einer Zusammenarbeit zugestimmt, sondern sind begeistert von «ihren» Ideen. Mehr noch: Jeder Fachbereich wird einen weiteren potenziellen internationalen Kooperationspartner anfragen, um die durch die Absage entstandene Lücke zu füllen.

Sarah hat durch ihre laterale Führungsaufgabe gelernt, dass geschickte Kommunikation und partizipatives Vorgehen entscheidend sind: Wer alle mitreden lässt, muss geschickt moderieren und geht vielleicht anfangs einen etwas längeren Weg. Aber am Ende tragen viel mehr Personen die Entscheidung mit.

Partizipation (z.B. Gruppenarbeiten) kann in einem Entscheidungsprozess ein wichtiger Faktor sein.

Wie bringe ich all die Ansprüche unter einen Hut, ohne selbst darunter zu verschwinden?

Der Führungsalltag verläuft nicht immer so erfolgreich wie die geschilderten «Aktionen» von Maria, Danny und Sarah. Und auch die drei kämpfen wie die meisten Führungspersonen gelegentlich um einen souveränen Umgang mit den vielfältigen organisationalen und professionellen Ansprüchen, mit denen sie konfrontiert sind.

Fragen Sie sich manchmal auch, wie Sie alle Ansprüche unter einen Hut bringen, ohne unter diesem zu verschwinden? Oder kämpfen Sie darum, handlungsfähig zu bleiben, wenn wie in Marias Beispiel zahlreiche widersprüchliche Anliegen auf Sie einprasseln? Oder müssen Sie Situationen aushalten, die sich wie der Geldmangel in Dannys Projekt oder der Rückzug von Sarahs erhofftem Projektpartner nicht sofort klären lassen?

Dies sind typische und berechtigte Fragen, die sich Führungspersonen stellen.

Führungshandeln – und Selbstführung

Neben einem bewussten und reflektierten Führungshandeln ist deshalb eine sorgsame Selbstführung wichtig. Manchmal hilft es, uns bewusst zu machen, was uns persönlich wichtig ist und wo wir unsere Energie investieren. Dabei kann es auch notwendig sein, (sich) Grenzen zu setzen. Gleichzeitig ist es spannend, die eigene Entwicklung aktiv zu gestalten und in uns selbst zu investieren:

  • Entwicklung «on-the-job»: Neue Aufgaben, Funktionen und Rollen erfordern Flexibilität und eröffnen neue Wege innerhalb und ausserhalb der eigenen Organisation.
  • Weiterbildung und Networking: Kurse, Module oder qualifizierende Lehrgänge ermöglichen Kompetenzentwicklung und Networking über die Grenzen der eigenen Institution hinweg.
  • Mentoring und Coaching: Mentor:innen bieten wertvolle und oft ermutigende Unterstützung, gezieltes Feedback und helfen dabei, realistische Erwartungen zu setzen.
  • Reflexion und Prioritäten: Es lohnt sich, regelmässig zu prüfen, ob die aktuelle Tätigkeit noch mit den eigenen (Entwicklungs-)Zielen und Wünschen übereinstimmt. Allenfalls braucht es neue Strategien und selbstbewusste Entscheidungen, um auf Veränderungen zu reagieren und sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren.

Am Ende geht es darum, eine Balance zu finden, die uns erlaubt, sowohl die Anforderungen zu meistern als auch die eigene Persönlichkeit und Karriere im Blick zu behalten. Es gilt auf die eigenen Ressourcen und das persönliche Wohlbefinden zu achten, um langfristig handlungsfähig zu bleiben und Hürden mit Ausdauer und Gestaltungskraft zu nehmen.

INFOBOX

Der CAS Führen in Projekten und Studiengängen an Hochschulen greift diese Themen auf und schafft Entwicklungsmöglichkeiten
- in der eigenen Rollen-, Kontext- und Führungskompetenz,
- im Projektmanagement und im Gestalten von Entscheidungsprozessen,
- in der Angebots- und Curriculumentwicklung oder
- im geschickten Agieren in den vielfältigen Aufgaben des Bildungsmanagements.

Durch die individuelle Schwerpunktsetzung mit ergänzenden und vertiefenden Wahlmodulen, der Bearbeitung eines eigenen Projekts oder dem Mentoring wird Professionalisierung auf persönlicher und organisationaler Ebene ermöglicht.

Die meisten Module des Lehrgangs sind auch einzeln buchbar (siehe Verlinkungen in der obigen Aufzählung).

Zu den Autor:innen

Kathrin Rutz ist Supervisorin, Coach und Organisationsberaterin bso, lehrende Transaktionsanalytikerin TSTA-C/O sowie Verantwortliche Beratung und Dozentin am Zentrum Management und Leadership der PH Zürich. Zudem ist sie Co-Leiterin des Lehrgangs CAS Führen in Projekten und Studiengängen an Hochschulen.

Tobias Zimmermann ist Leiter des Zentrums für Hochschuldidaktik und -entwicklung (ZHE) und Co-Leiter eines CAS Hochschuldidaktik an der PH Zürich. Die Leistungsbeurteilung an Hochschulen und Lernpsychologie gehören zu seinen Themenschwerpunkten.

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