Können Sie scheitern?

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Porträt Geri Thomann

Beitrag von Geri Thomann, Leiter ZHE und Leiter Abteilung Weiterbildung + Beratung a.i.

 


«Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.» Samuel Beckett (1906-1989)

Ich erinnere mich gut an eine der ersten Übungslektionen in der Ausbildung zum Volksschullehrer. Für diese hatte ich zuhanden der Ausbildungverantwortlichen eine Verlaufsplanung mit den Spalten «Lehrerinterventionen» und «erwartetes Schülerverhalten» skizziert. Im Unterricht musste ich dann mit Schrecken erfahren, dass das erwartete Verhalten nicht eintraf und ich gelegentlich nicht einmal zu meinen geplanten Interventionen kam.

Das Scheitern der Realisierung von Plänen

Pädagogische Konzepte, Managementratgeber und didaktische Drehbücher gehen gerne von Widerspruchsfreiheit und Reibungslosigkeit menschlicher Interaktionen aus. Die alltägliche Wirklichkeit ist jedoch vielschichtig und mehrdeutig, verschiedene Menschen haben unterschiedliche Perspektiven. So ist die Realisierung von Geplantem offensichtlich immer wieder zum Scheitern verurteilt.

Auch wenn ich mich an wegweisende Situationen in meinem Berufsleben erinnere – sei es als langjähriger Lehrer von Sonderklassenschüler/innen, als Dozent, Berater oder als Führungsperson – galt es immer wieder, Widersprüchlichkeiten auszuhalten. Der adäquate Umgang mit Störungen oder mit Unvorhersehbarkeiten ist deshalb im Bildungsbereich zentral. Die «Kunst» der situativen Programmabweichung ist somit als alltäglich notwendige Kompetenz unabdingbar. So frage ich mich heute, ob didaktische Vorbereitungsmodelle wie das eingangs beschriebene eher Sicherheit bieten oder vielmehr Improvisation verhindern.

Verlaufsplanung Unterricht
Verhindern Unterrichtsplanungen die Improvisation?

Professionalisierung durch bewältigte Hürden

Hürden und zu meisternde Situationen sind manchmal im Moment des Geschehens alles andere als angenehm – vor allem, wenn sie nicht erfolgreich bewältigt werden. Rückblickend und mit Distanz reflektiert wurden solche Erlebnisse aber für mich nicht selten zu einem veritablen «begleitenden Kompass». Werden Scheitererfahrungen zu bedeutsamen Wegweisern in der beruflichen Professionalisierung, könnte man sie als «produktives Scheitern» bezeichnen. Andere unbewältigte Situationen wiederum hinterlassen eher ein dumpfes Gefühl, versperren sich auch im Nachgang einer Erklärung und Einordnung.

  • Ersteres entspricht dem Hoffnungsprogramm der Professionalisierung: Bewältigte Schwierigkeiten dienen durch ihre Analyse immer wieder neu dem Aufbau und der Erweiterung der eigenen Kompetenzen. Die Analyse und Reflexion von Misserfolgen geht in diesem Fall über eine reine Routinebildung hinaus.
  • Das «dumpfe Zweite» liesse sich hoffnungsvoll als «noch nicht verarbeitet» bezeichnen. Pessimistischer könnte man auch von eigenem Versagen oder eben Scheitern sprechen, das zu akzeptieren sei. Die nachträgliche Verarbeitung könnte hier dazu dienen, aus dem früheren Scheitern etwas Nützliches und Gutes zu machen. Dies mit dem Ziel, dass wir wieder ruhig und zuversichtlich in die Zukunft sehen können.

Beide Prozesse können als Lernen bezeichnet werden. Im zweiten Fall bleibt allerdings die Frage: Wird hier wirklich etwas bewältigt? Oder handelt es sich um eine – an der Oberfläche – entlastende konstruktivistische Neuinterpretation von unwiderruflichem Scheitern?

Scheitern - Verzweiflung
Scheitern kann starke Gefühle auslösen

(Hinweis: Eine Ausstellung des Vögele Kulturzentrums widmete sich kürzlich diesen Fragen unter dem Motto: «Ein Knacks im Leben. Wir scheitern… und wie weiter?»)

Widersprüchlichkeit als Regel

Meine Erfahrung als Ausbildner und Dozent lehrte mich, dass die oben erwähnte «Kunst» des situativen Umgangs mit Überraschungen nur bedingt durch Ausbildung (Simulationen, critical incidents) schulbar und auch nur bedingt durch simple Erfahrung lernbar ist:

  • Auch Novizen können durchaus ausgeprägte Fähigkeiten im Umgang mit Mehrdeutigkeit und Unplanbarem vorweisen. Ich staune gelegentlich, wie souverän junge unerfahrene Unterrichtende komplexe Situationen meistern können.
  • Im Gegenzug staune ich auch darüber, dass manche erfahrene Berufsleute immer noch ständig unter der Angst des Scheiterns leiden.

Dieser scheinbare Widerspruch ist erklärbar durch eine Paradoxie: Einerseits wird wie beschrieben kritiklos davon ausgegangen, dass unser Alltag frei von Widersprüchen ist. Andererseits werden die erläuterten Strategien im Umgang mit Überraschungen unausgesprochen vorausgesetzt. Dies entzieht sie einer bewussten Reflexion und erschwert ihren gezielten Ausbau.

Ist die Kunst des situativen Umganges schulbar?

Meine These lautet, dass Widersprüchlichkeit alltäglich und somit die Regel ist. Reibungslosigkeit ist hingegen die Ausnahme.  Komplexität ist somit kein ungewollter Nebeneffekt einer geordneten oder zu ordnenden Welt, sondern die typische Form unserer Lebenswelt.

Wenn nun die Kompetenz im Umgang mit Unvorhersehbarem kaum schulbar ist, dürfte das ganze Aus- und Weiterbildungskonzepte in Frage stellen.  Auch die aus- und weiterbildenden Institutionen sind davon betroffen. Sie rühmen sich nicht selten gerade damit, die adäquaten Hilfsmittel gegen Hilflosigkeit anbieten zu können. So versprechen die Kompetenzprofile etlicher Weiterbildungslehrgänge souveräne Beherrschung komplexer Phänomene.

Dies entspricht einem häufig postulierten Bedarf: Gerade Teilnehmende in Führungs- oder Didaktikkursen formulieren meiner Erfahrung nach häufig das Bedürfnis, im Rahmen der Weiterbildung Mittel und Instrumente der Kontrolle über schwierige und komplexe Situationen ihrer Praxis zu erhalten.

Interview Geri Thomann: Führung und Scheitern
Geri Thomann über Führung und Scheitern (im Gespräch mit Johannes Breitschaft)

Das Bedürfnis nach einfach handhabbaren Hilfsmitteln ist verständlich und legitim. Denn Scheitererfahrungen sind mit starken Emotionen verbunden, was die Analysefähigkeit einschränkt und einfache Rezepte attraktiv scheinen lässt. Leider erschwert just die instrumentell ausgerichtete Problembearbeitung die Entwicklung der Fähigkeit zur diagnostischen Analyse von komplexen Situationen. Das schnelle Einordnen in Schemata und Modelle verhindert in diesem Fall die differenzierte Diagnose.

Erzählen als Bewältigung und Professionalisierung

Das Scheitern selbst lässt sich schlecht präventiv «simulieren». Dies liegt darin begründet, dass meist die Furcht vor dem Ernstfall der Auslöser einer solchen Simulation ist. Ein allfälliges Versprechen von Beherrschung würde deshalb zu einer Paradoxie führen. Denn Scheitern zeichnet sich dadurch aus, dass wir nachträglich feststellen müssen, dass wir nicht fähig waren, einen Misserfolg zu prognostizieren, „vorzufühlen“ und damit in den Griff zu kriegen.

Mehr Erfolg verspricht das reflexive Erzählen und Austauschen von Scheitergeschichten. Die Diskussion und Analyse von Schwierigkeiten, Pannen, Fehlern und Misserfolgen gibt den schwierigen Erfahrungen eine «Stimme» und lässt Muster erkennen (vgl. dazu die Fallberichte und Reflexionen im Buch Failure Management. Ursachen und Folgen des Scheiterns, hrsg. von Sebastian Kunert).

Solche Reflexion erfolgt meist kasuistisch, also entlang von Fällen, von Praxisgeschichten, Ereignissen, Analogien und Metaphern. Sowohl in Ausbildungs- als auch in Weiterbildungsveranstaltungen ist sie erst durch vertrauensbildende Massnahmen möglich. Das Mittel des Erzählens von selbst erlebten Geschichten bildet die Mehrdeutigkeit der Realität am Besten ab. Es erweitert den «Möglichkeitssinn» und macht Erzählende und Zuhörende zu produktiven, reflexiven Miterlebenden und Interpreten von Geschehenem.

Gestaltung von Reflexionsarbeit

vorschau_intervision
Infoblatt kollegiale Beratung

Distanz zur eigenen Tätigkeit, Selbstwahrnehmung, Selbstkritik als produktives Zweifeln sowie Motivation und Lust an erweiternder professioneller Veränderung sind unabdingbare Voraussetzungen für den Erfolg solcher Reflexionsarbeit.

Es gibt im Bildungsalltag viele Möglichkeiten des Erzählens, sei es assoziativ und spontan oder in strukturierten Gefässen wie der kollegialen Praxisberatung. Dieses Format setzen wir am ZHE in verschiedenen Kontexten der Weiterbildung und Beratung regelmässig und mit guten Erfahrungen ein. Es eignet sich auch gut, um eigene Scheitererlebnisse mit Distanz zu analysieren und dadurch besser einordnen zu können.

Geri Thomann leitet das ZHE und a.i. auch die Abteilung Weiterbildung + Beratung der PH Zürich. Als Inhaber einer ZFH-Professur forscht und publiziert er regelmässig über Aspekte von Führung und Scheitern.
 
Lesetipps:
- Weshalb die Pädagogik nicht auf Scheitern eingestellt ist (Artikel in PH Akzente 2013/2)
- Produktiv scheitern (Geri Thomanns Dissertation, 2008)
- Failure Management (Hrsg. Sebastian Kunert, 2015)

Am ZHE bietet Geri Thomann den Kurs «Grundlagen der Beratung» an. Dieser richtet sich primär an Lehrende an Hochschulen sowie der Erwachsenenbildung, ist aber auch für Lehrpersonen der Sekundarstufe II interessant.

7 Gedanken zu „Können Sie scheitern?“

  1. war grad letzte Woche an einer Tagung zur “Digitalen Transformation” – eine Kernaussage war, dass wir versuchen sollten immer wieder und möglichst “schnell” zu scheitern.

  2. In meiner unterrichtlichen Praxis an der Berufsfachschule war es mir jeweils ein Anliegen, dass wir auch den aktiv gestalteten Lernprozess irgendwie würdigen können. Dafür haben wir Indikatoren entwickelt, welche auf einen solchen aktiv gestalteten Lernprozess hinweisen. Ein Indikator war “reflektierte Fehler”. Es war also ein Ziel, möglichst viele reflektierte Fehler zu sammeln.

    1. Spannend! Dewey schreibt von “felt difficulty”, gefühlter Schwierigkeit, welche zu neuen Suchbewegungen und zu neuen Optionen geplanter Handlungen führt. So entsteht eine Art von “knowing in action”.

  3. Interessante Überlegungen, vielen Dank!
    Planen ist eine mögliche Abbildung einer (erwünschten/erwarteten) Realität. Es hat also mit der Realität unterschiedlich viel zu tun und ist offensichtlich keine Realität. Wenn Scheitern mit der Abweichung zwischen Plan und (eingetroffener) Realität gleichgesetzt wird, geht es wohl mehr darum, wie gut am Plan festgehalten werden konnte und nicht, wie optimal eine Herausforderung angegangen wurde.
    Planen lernen stärkt meiner Meinung nach die eigene Sicherheit bzw. entwickelt die eigene Intuition weiter, so dass die «Kunst der situativen Programmabweichung” verbessert werden kann. Bei der eigentlichen Umsetzung wird der Plan zur Krücke – machmal nützt sie, manchmal wirft man sie weg.

    Oder wie es kürzlich eine Kollegin formulierte: Dann planst du in einem Neuheim minutiös die Orte, wo die Steckdosen hinkommen sollen, um im Nachhinein festzustellen: Einige Steckdosen stehen doch am falschen Ort. Und jetzt?

    1. Wahrscheinlich kommts auf Aufgabe und Situation an.
      Gewisse Handlungen bedürfen einer genauen Planung, einer Prozedur – bei anderen lassen sich mit wachsender Souveränität und Zeit Freiräume im Handeln entwickeln; Improvisation beispielsweise lässt sich jedoch nicht durch Planung herstellen, höchstens vielleicht durch das Einplanen von Planungslücken und durch Übungsmöglichkeiten.
      Weick unterscheidet vier Ebenen von “improvisationaler Performanz”: Die Interpretation als striktes Befolgen von Plänen, das Umspielen des Planes in einer minimalen Variation, die reale Variation mit improvisierten Aktionen sowie die echte Improvisation, die “radikal von einem gefassten Plan abweichen kann” (siehe Kuhn und Thomann in Thomann/Zellweger: Lateral Führen. Bern: hep, S.120).
      In diesem Sinne können voerst gescheiterte Pläne neue Welten eröffnen – dies jedch nicht überall und in jedem Fall…

  4. Der Kommentar von Tamara De Vito hebt sich wohltuend ab von dem “ja-du-darfst-Scheitern-Gesäusel”. Selbstverständlich bin ich in meinen Lektionen immer wieder einmal gescheitert. Deshalb aber das Scheitern gleich zu kultivieren? VolksschülerInnen verzeihen ihrem Lehrer gescheiterte Lektionen, wenn sie nicht zu oft geschehen – vorausgesetzt, die Stimmung in der Klasse stimmt.

    Was meinen eigentlich Taxi-Chauffeure, Lokführer, Piloten, Chirurgen, usw. usf. zu diesem Thema?

    1. Effektiv sind andere Berufsfelder hier interessant, vor allem solche im Kontext von “High Reliability Organizations” (HRO’s). In solchen wird Unerwartetes nicht zuletzt dadurch bewältigt, dass die Aufmerksamkeit eher auf Fehler und Fast – Scheitern gerichtet ist.
      Hier kann Leben gerettet werden, indem man Prozeduren (Pläne) einhält oder aber gerade im Gegenteil von ihnen abweicht. Das Debriefing (beispielsweise in einem Team von Rettungssanitätern) ist unglaublich spannend: Wirkliche Fehler oder Beinahe-Fehler werden minutiös nachbereitet. So lernen sie als System.
      Ok, in der Bildung geht es ja nicht um Leben und Tod…
      Ich denke, dass wir hier trotzdem einiges lernen könnten.
      Lehrpläne und Kompetenzprofile sind unglaublich starr und möchten die Zukunft fassen (man spricht ja auch schon von Zukunftskompetenz) – wahrscheinlich liegt die hohe Kunst des Lehrens in der Spannung zwischen “Prozeduren” und notwendigen Abweichungen, zwischen Interpretation, Variation und Improvisation. So wären Pläne auch nicht gescheitert.

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