Feedback: Von der Korrektur zur Selbstregulation

 

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Beitrag von Georgeta Ion

Welches sind die wichtigsten Einflussfaktoren für erfolgreiches Lehren und Lernen? Und wie können wir sie beeinflussen? Hattie (2009) verglich im Rahmen der grössten Meta-Meta-Analyse über Lehren und Lernen 138 Einflüsse auf die Leistungen der Schüler. Diese Untersuchung basiert auf Daten von 83 Millionen Schülern; mit einer durchschnittlichen Effektgröße von 0,79 (doppelt so hoch wie der Durchschnittseffekt) befindet sich Feedback in den Top 10 der 138 untersuchten Einflussgrössen.

Deshalb dürfen wir Feedback als einen der wichtigsten Aspekte des Lehr- und Lernprozesses betrachten. Aber es stellen sich weitere Fragen:

  • Sind alle Arten von Feedback gleich wirksam?
  • Was zeichnet ein gutes Feedback aus?
  • Können nur Lehrpersonen lernwirksames Feedback geben?
  • Ist nur das Erhalten von Feedback lern wirksam oder können Studierende auch etwas lernen, indem sie selbst anderen Studierenden Feedback geben?

Dies sind nur einige der Themen, die im Kurs «Feedback und Feedforward: Das Lernen steuern» behandelt werden.

Was ist Feedback und warum sprechen wir darüber?

Häufig wird Feedback definiert als Massnahme, die ein Gegenüber ergreift, um jemandem Informationen darüber zu geben, wie sie/er eine Aufgabe löst (vgl. z.B. Kluger and DeNisi, 1996). Dabei werden die Leistung, der erzielte Erfolg oder die Einstellung zum vermittelten Thema hervorgehoben.

Feedback

Hattie & Timperley (2007) hingegen konzentrieren sich auf das Potenzial, das Feedback für die Bewältigung zukünftiger Aufgaben mit sich bringt. Sie betrachten Feedback daher als Information, die darauf abzielt, die Kluft zu verringern zwischen dem, was jetzt ist, und dem, was sein sollte. Solches Feedback kann auf verschiedene Arten und in verschiedenen Formen erfolgen, etwa:

  • indem Studierende Einblicke in kognitive Prozesse erhalten,
  • durch das Restrukturieren von mentalen Konzepten,
  • durch das Rückmelden, ob die Studierenden richtig (oder falsch) liegen,
  • indem die Studierenden darauf hingewiesen werden, dass noch mehr Wissen bzw. Informationen für die Bewältigung einer Aufgabe nötig wären,
  • durch das Erläutern alternativer Strategien zur Lösung eines Problems oder zur Bewältigung einer Aufgabe.

Wozu ist Feedback gut?

Wie erläutert ist Feedback ein Katalysator für das Lernen. In der Hochschullehre gibt es jedoch Diskrepanzen zwischen der Wahrnehmung des Feedbacks durch Schülerinnen und Schüler und jener durch Dozierende (Boud and Molloy, 2013). Nach Ansicht der Studierenden kommt das Feedback oft zu spät, um nützlich zu sein. Zudem fehlt ihnen oft die Möglichkeit, Feedback in zukünftige Aufgaben zu integrieren. Aufgrund dieser Probleme und anderer Schwierigkeiten erleben Studierende wie Dozierende während Feedbackprozessen oft eine gewisse Frustration.

Feedback zu geben ist also keine leichte Aufgabe. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein. Das gilt auch für das Gestalten von Lehr-Lern-Settings, die Peer-Feedback ermöglichen sollen. Beides erfordert Zeit, Engagement und Wissen darüber, wo die Studierenden stehen und was sie beschäftigt. Hilfreich sind dabei zum Beispiel die folgenden sieben Prinzipien, die Nicol und Macfarlane-Dick (2006) formuliert haben. Ihnen zufolge beinhaltet gute Feedback-Praxis folgende Aspekte:

  • Sie hilft zu klären, was eine gute Leistung ist (Ziele, Kriterien, erwartete Standards);
  • Sie fördert eine angemessene Selbsteinschätzung (Reflexion) beim Lernen;
  • Sie liefert den Studierenden qualitativ hochwertige Informationen über ihr Lernen;
  • Sie unterstützt den Dialog über das Lernen zwischen Dozierenden und Studierenden sowie von Studierenden untereinander;
  • Sie fördert positive motivationale Überzeugungen und das Selbstwertgefühl der Studierenden;
  • Sie bietet Möglichkeiten, die Lücke zwischen aktueller und gewünschter Leistung zu schliessen;
  • Sie ermöglicht es Dozierenden, Informationen zu erhalten, die sie für die Gestaltung des Unterrichts nutzen können.

Selbstregulierung als Hauptziel

Hattie (2011) unterscheidet verschiedene Ebenen, die durch Feedback angesprochen werden können:

  • Aufgabenorientiertes Feedback – Wie gut ist die Aufgabe erfüllt, ist die Lösung richtig oder falsch?
  • Prozessorientiertes Feedback – Welches sind die Strategien, die verwendet werden, um die Aufgabe zu erfüllen; gibt es alternative Strategien, die verwendet werden können?
  • Feedback zur Verbesserung der Selbstregulierung – Wie können Studierende ihre Lernaktivitäten überwachen und steuern?

Feedback zur Optimierung der Selbstregulierung ist die komplexeste Ebene. Solches Feedback steht im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit des Lernprozesses (Hounsell, McCune, Hounsell, & Litjens, 2008), aber es ist weder einfach zu formulieren noch leicht zu verstehen oder umzusetzen.

Feedback: Dialogisches Lernen auf einer Lernplattform
Dialogisches Lernen mit Hilfe einer Online-Plattform ist eine Möglichkeit, eine hochwertige Feedbackschlaufe zu etablieren (Zimmermann 2014, S. 21-25).

Proaktiv statt reaktiv

Peer-Feedback scheint besonders vorteilhaft für die Selbstregulierung der Lernprozesse durch die Studierenden zu sein. Es wird von Lernenden mit gleichem Status angeboten und kann nicht nur als Gegenstück zum Feedback zur Dozierende, sondern auch als eine Art formative Bewertung und als Art des kollaborativen Lernens betrachtet werden.

Darüber hinaus zeigen aktuelle Studien an Universitäten auch, dass das proaktive Feedback, das als Feedforward bezeichnet wird (Boud & Molloy, 2013), tendenziell noch nützlicher ist. Es konzentriert sich auf zukünftige Möglichkeiten (und weniger auf vergangene Leistungen), um die Selbstregulierung der Schüler zu verbessern und den Lernprozess anzuregen.

Wie wir sehen können, ist Feedback kein einfacher, sondern ein komplexer Prozess. Sowohl Lehrende als auch Lernende stehen bei der Umsetzung vor einigen Herausforderungen. Dennoch regt Feedback den Dialog in den Klassenzimmern an, macht Interaktionen lebendiger, erhöht die Partizipation der Lernenden, sensibilisiert sie für ihr Lernen und motiviert sie, aktiv an einem Prozess teilzunehmen, in dem sie die zentrale Rolle einnehmen.

Georgeta Ion gibt am 16.3.2018 am ZHE einen Kurs zum Thema Feedback und Feedforward: Das Lernen steuern. Es gibt noch freie Plätze.

Zur Autorin

Portrait Georgeta IonProf. Dr. Georgeta Ion, Dozentin am Departement für Angewandte Pädagogik, Universitat Autonoma de Barcelona (UAB).
Übersetzt ins Deutsche durch Tobias Zimmermann.

Redaktion: TZM und ZBU

Feedback: From correction to self-regulation

 

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Contribution by Georgeta Ion

What are the most influential factors contributing to successful teaching and learning? Are they all in our hands? In the biggest meta-meta-analysis performed yet in education, Hattie (2009) assessed 138 influences on student achievement, based on data from 83 million students. With an average effect-size of .79 (twice the average effect of all other schooling effects), feedback is placed in the top 10 influences on achievement.

This allows us to consider feedback as one of the most important aspects of the teaching and learning process. But, we can’t help to wonder:

  • Are all types of feedback equally effective?
  • What are the characteristics of a good feedback?
  • Can only teachers give feedback that is effective for learning?
  • Is only receiving feedback beneficial for student’s learning or can students also learn when they are actively giving feedback to other students?

These are only some of the issues addressed in the course Feedback und Feedforward: Das Lernen steuern.

What is feedback and why do we talk about it?

Frequently, feedback is defined as «actions taken by an external agent to provide information regarding some aspect(s) of one’s task performance» (e.g. Kluger and DeNisi, 1996). Thus, performance, achievement, or the attitudes about the topic being taught are emphasized.

Feedback

Hattie & Timperley (2007), on the other hand, focus on the potentialities feedback implicates for the tackling of future tasks. Thus, they consider feedback to be information that aims to reduce the gap between what is now and what should or could be. Such feedback can be provided in many ways and forms such as

  • by providing students with insights into cognitive processes
  • restructuring understandings
  • confirming to students that they are (in)correct
  • indicating that more information is available or needed or
  • giving alternative strategies to solve a problem or tackle a task.

What is feedback good for?

As discussed, feedback is a catalyst for learning. However, in higher education, there are discontinuities between students’ and teachers’ perceptions of feedback (Boud and Molloy, 2013). According to students, feedback often arrives too late in order to be useful. Moreover, they often lack an opportunity to integrate feedback into future tasks. Because of these problems and other difficulties, both students and teachers often experience a certain amount of frustration during feedback processes.

Therefore, it is important to be aware that giving feedback is not an easy task. This also applies to organizing educational settings aimed at facilitating peer feedback. Both requires time and effort and a good knowledge of the students. For example, the following seven principles formulated by Nicol and Macfarlane-Dick (2006) are helpful. According to them, «good feedback practice

  • helps clarify what good performance is (goals, criteria, expected standards);
  • facilitates the development of self-assessment (reflection) in learning;
  • delivers high quality information to students about their learning;
  • encourages teacher and peer dialogue around learning;
  • encourages positive motivational beliefs and self-esteem;
  • provides opportunities to close the gap between current and desired performance;
  • provides information to teachers that can be used to help shape teaching».

Self-regulation as ultimate purpose of feedback

Hattie (2011) distinguishes different levels that can be addressed by feedback:

  • Feedback oriented to the task – how well has the task been performed; is it correct or incorrect?
  • Feedback focused on the process – what are the strategies needed to perform the task; are there alternative strategies that can be used?
  • Feedback enhancing self-regulation – how can students monitor and direct their learning activities?

Feedback aimed at enhancing self-regulation is the most complex level. It is associated to the sustainability of the learning process (Hounsell, McCune, Hounsell, & Litjens, 2008), but it is neither easy to formulate nor easily understood or implemented.

Feedback: Dialogisches Lernen auf einer Lernplattform; dialogic learning on a learning platform
Dialogic learning supported by an online platform is one way to establish a high-quality feedback loop (cf. Zimmermann, Bucher & Hurtado 2010 for an English version of the graphic).

 

From action to proactivity

Peer-feedback appears to be especially beneficial for student’s self-regulation of their learning processes. It is provided by equal status learners and can be regarded not only as the counterpart of teacher feedback, but also as a type of formative assessment, and as a way of collaborative learning.

In addition, recent studies at universities also demonstrate that the proactive feedback called feedforward (Boud & Molloy, 2013) tends to be even more useful. It focuses on future possibilities (and less on past performance) in order to enhance students’ self-regulation and to stimulate the learning process.

As we can see feedback is not a straightforward process, but a complex one. Both teachers and students face some challenges in its implementation. Nevertheless, feedback stimulates dialog in classrooms, making interactions more alive, enhancing students’ participation, making them more aware about their learning and motivating them to be an active part of a process in which they are occupying the central role.

Georgeta Ion will give a course on Feedback with the title «Feedback und Feedforward: Das Lernen steuern» at the ZHE on 16 March 2018. There are still places available.

About the Author

Portrait Georgeta IonGeorgeta Ion is currently lecturer at the Department of Applied Pedagogy of the Universitat Autònoma de Barcelona (UAB).

 

Edited by TZM and ZBU