Lernendenorientierung – Wer ist Lernende(r)?

Beitrag von Heinz Bachmann

Studierende und Dozierende als Co-learner

Im angelsächsischen Raum gibt es seit einigen Jahren Anstrengungen, den Begriff Lernendenorientierung weiter zu fassen als nur die Lernenden isoliert im Fokus zu behalten. So begreift man Studierende und Dozierende zunehmend als Co-learner. Basierend auf Literaturrecherchen und eigenen Erfahrungen entwickelten etwa Healey, Flint und Harrington (2016) ein «student partnership model» (siehe Abbildung), um mögliche Initiativen einzuordnen.

Grafik Partnership Learning Communities
Grafik Partnership Learning Communities aus Healey, Flint & Harrington (2016, S. 2).

Wie im Modell ersichtlich, erstreckt sich die Zusammenarbeit, resp. die Partnerschaft von Studierenden und Dozierenden, auf verschiedene Bereiche.  In Forschungsprojekten können sie als gleichwertige Partner auftreten und in einer Lernpartnerschaft gemeinsam neue Ideen entdecken (subject-based research). Denkbar ist zudem, dass Studierende und Dozierende miteinander in kleinen Forschungsprojekten zum Unterricht die Qualität der Lehre optimieren (scholarship of teaching and learning). Und vermehrt könnte auch die Meinung der Studierenden beim Prozess der Curriculumsentwicklung berücksichtigt werden (curriculum design).

Als Co-Lernende in der Lehrveranstaltung

Spannend wird es auch, wenn Dozierende und Studierende gemeinsam eine Lehrveranstaltung besuchen, also gemeinsam Lernende sind. Wie das aussehen könnte, wurde in zwei Pilotversuchen am Zentrum für Hochschuldidaktik und -entwicklung ausprobiert. Im einen Fall ging es um eine anstehende Curriculumsreform an einer Fachhochschule. In deren Vorfeld besuchten Studierende und Dozierende gemeinsam einen Workshop zu didaktischer Reduktion. Anlass war die Erkenntnis, dass sowohl Studierende als auch Dozierende mit der Stofffülle im Studium herausgefordert sind: Sie brauchen Strategien, um damit umzugehen. Der Anlass erlaubte neben dem Lernen von neuen Inhalten vor allem auch einen Perspektivenwechsel. Wie erleben Studierende im Alltag den Stoffdruck? Wie gehen sie damit um? Was machen Dozierende als Experten mit der Informationsflut in ihrem Fachgebiet? Welche Kriterien wenden sie an, um Inhalte zu bestimmen? Der Workshop wurde von den Teilnehmenden als sehr lehrreich und spannend empfunden. Sie wünschten weitere ähnliche Formate.

Erfahrungen aus dem Workshop zu Design Thinking

In einem anderen Setting hatten Dozierende und Studierende im Rahmen eines CAS Hochschuldidaktik die Möglichkeit, gemeinsam einen eintägigen Workshop zu Design Thinking zu besuchen. Im Anschluss an die Veranstaltung wurden einige Teilnehmende gebeten, spontan einen Kommentar abzugeben. Die kleinen Statements sind in einem 10-minütigen Videoclip zusammengefasst worden (siehe unten, ab 1:45min). Sie zeigen sehr gut das Potential einer solchen Anlage.

Überrascht wurden wir von den durchweg positiven Rückmeldungen. Erstaunlich auch die Begeisterung für den Anlass. Geht man davon aus, dass Emotionen ein zentrales Element beim Lernen sind, können wir solche Initiativen nur empfehlen. Nehmen Sie sich Zeit, den Videoclip anzuschauen – es lohnt sich! Haben Sie selber vergleichbare Erfahrungen gemacht? Gerne würden wir davon erfahren – schreiben Sie uns unten in den Kommentaren.

Video Co-Lernende
Studierende und Dozierende als Co-Lernende an einem Workshop zu Design Thinking: Erfahrungen im Video

Blogbeiträge zu Design Thinking

Heinz Bachmann ist langjähirger Leiter des CAS Hochschuldidaktik «Sommerstart». Der Lehrgang startet Ende Juni und es hat noch freie Plätze - die Anmeldefrist wurde bis am 31. Mai 2018 verlängert: 
Anmeldung und Infos

Lesetipp:
Von Band 1 unserer Reihe Forum Hochschuldidaktik ist gerade die 3. überarbeitete Auflage erschienen:
Bachmann, Heinz (Hrsg., 2018): Kompetenzorientierte Hochschullehre: Die Notwendigkeit von Kohärenz zwischen Lernzielen, Prüfungsformen und Lehr-Lern-Methoden.

Zum Autor

Heinz BachmannHeinz Bachmann ist Dozent für Hochschuldidaktik und leitet den CAS Hochschuldidaktik «Sommerstart» am ZHE.

 

 

Redaktion: ZBU

10 Erkenntnisse aus dem Lifelong Learning Blog

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Beitrag von Tobias Zimmermann, Dozent für Hochschuldidaktik und Leiter der ZHE-Geschäftsstelle.

 


Die folgenden provokativen Thesen fassen unsere meistgelesenen Beiträge kurz zusammen. Wir feiern damit das (bald) einjährige Bestehen unseres Lifelong Learning Blog und bieten Ihnen einen prägnanten Einblick in Ideen und Konzepte zum Lehren und Lernen an Hochschulen und in der Berufsbildung.

Nutzen Sie die Kommentarfunktion und diskutieren Sie mit uns über die präsentierten Ideen und Konzepte!

1) Der Anfang macht die Musik

Der Einstieg in eine Lehrveranstaltung hat einen grossen Einfluss darauf, wie interessiert und engagiert die Studierenden mitarbeiten. Zwei Beispiele zeigen, weshalb es neben Fach- auch didaktische Kompetenz braucht, um an der Hochschule gut unterrichten zu können.

2) Selbststudium läuft nicht von selbst

Selbststudium ist ein Konzept, das oft kritisch diskutiert wird – vor allem wenn es als billige Sparmassnahme statt aus didaktischen Gründen zum Einsatz kommt. Wir meinen: Es führt kein Weg an der Frage vorbei, wie individuelle Lernprozesse unterstützt werden können. Deshalb stellen wir das Sandwich-Prinzip vor, das sich zur Strukturierung von Selbst­studiums­phasen eignet.

3) Das ePortfolio macht kompetent

Das ePortfolio unterstützt nicht nur die Entwicklung des eigenen Lernens. Lehrende und Führungspersonen können es auch zur Unterstützung der Lernprozesse von Schüler/innen, Studierenden und Mitarbeitenden einsetzen.

4) Design Thinking macht Studierende und Dozierende kreativ

Bloom taxonomy creativityMehr als ein Mode­thema: Kreieren ist die höchste Stufe der über­arbei­teten Lern­ziel­taxo­nomie nach Bloom. Didak­tisch spannend ist auch, dass sich Design Thinking nicht an Problemen orientiert, sondern auf Lösungen zielt. Es dient der Suche nach neuen Lösungs­möglich­keiten jenseits ausgetretener Pfade.

5) Elektronische Medien ≠ E-Learning

Wo «E-Learning» drauf steht, sind Lerninhalte oft bloss elektronisch aufbereitet. Das bewirkt aber noch nicht unbedingt bessere Lernprozesse. Vielmehr braucht es eine E-Didaktik, um effektives Lernen durch digital unterstützte Lehr-Lern-Szenarien zu fördern.

6) Social Media können Lifelong Learning unterstützen

Instagram, Twitter & Co. werden oft als Ablenkungs­quellen gesehen, welche die Konzentration stören. Dem setzen wir eine positive Sichtweise entgegen, auch für die Weiterbildung: Social Media ermöglichen Wei­ter­bil­dungs­teil­neh­men­den, ihr berufliches und informelles Lernen zu dokumentieren. So machen sie ihre Lernressourcen verfügbar und öffnen ihre Lernprozesse für Diskussionen.

7) Reflektieren ist wertvoll – sofern auch Misserfolge zugelassen werden

«Warum werden PH-Studierende im Dunkeln nicht überfahren? – Sie reflektieren!» Dieser Witz aus der Kommentarspalte unseres Beitrags veranschaulicht die Ambivalenz des verordneten Reflektierens. Sinnvolle Reflexion bedeutet freilich, nicht nur zu zeigen, was man alles gelernt hat, sondern auch über Scheitern und Fehler nachzudenken. Das bedingt auch eine entsprechende Einstellung seitens der Dozierenden (siehe auch Punkt 9).

8) Digitalisierung: Die Revolution, die ausgerufen wird, bevor sie stattgefunden hat

Die Digitalisierung wird oft als Begründung für er­höh­ten Weiter­bildungs­bedarf genannt. Allerdings ist Weiter­bildung nicht einfach ein arbeits­markt­politi­sches Instrument. Arbeits­psycholo­gische Erkenntnisse zeigen vielmehr, dass die Berufsrolle für die persönliche Identität zentral ist. Deshalb ist zu fragen, welche Folgen eine zunehmende Digitalisierung für arbeitende Menschen hat – und was das für die Gestaltung von Weiterbildung(en) bedeutet.

9) Scheitern lässt sich nicht präventiv simulieren

Denn Scheitern bedeutet, im Nachhinein festzustellen, dass wir nicht fähig waren, einen Misserfolg vorauszusehen und ihm vorzubeugen. Umso wichtiger ist es, Scheitererfahrungen reflexiv zu bewältigen. Wir beschreiben die wichtigsten Voraussetzungen dafür und ein bewährtes Reflexionsformat.

10) Lifelong Learning: Diesen Beitrag haben wir vergessen

Lifelong Learning Blog - was fehlt?Welcher Beitrag gehört Ihrer Ansicht nach unbedingt auch noch in diese Liste? Und weshalb – welche Erkenntnisse oder Erfahrungen hat er Ihnen ermöglicht? Oder welcher Beitrag müsste dringend noch geschrieben werden?
Wir freuen uns über Ihre Vorschläge in der Kommentarspalte.

Der Lifelong Learning Blog ist der Blog des Zentrums für Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung der PH Zürich. Mitarbeitende des Zentrums und Gastautor/-innen schreiben hier über Themen des Lehrens und Lernens an Hochschulen und in der Berufsbildung.

Mehr über unsere Tätigkeiten:
- Hochschuldidaktik
- Weiterbildung Berufsfachschulen
- Schreibzentrum
- Arbeitsstelle Evaluation

Sie finden uns auch auf Facebook und Twitter.

Creativity in Teaching: Facts and Fancy

Porträt Mònica Feixas

Beitrag von Mònica Feixas, Lehrbeauftragte am ZHE, PH Zürich, und Professorin an der Universitat Autònoma Barcelona (UAB).


James Watt and his teacher

There was this little boy who asked his teacher: «Is it true that teachers always know more than their students?» The teacher answered yes. Then the boy asked: «Sir, can you tell me who invented the steam machine?» The teacher answered: «James Watt». The boy: «But sir, why didn’t James Watt’s teacher already invent it?» (thanks to Andreas Sägesser for sharing this anecdote)

Creativity is of essence – be it in engineering, in research or in teaching. Accordingly, there is a great demand for creativity in higher education:

  • How do we foster creativity in an educational system defined largely by conformity, standardization, and hyper-specialization?
  • How do we create a strategy for guaranteeing that innovation and creativity flourish in our university?
  • How do we use creativity in meaningful ways to explore new possibilities for ourselves and for society?

These questions do not have short answers but are worth contemplating (as we will also do in our half-day conference on «Creativity in Learning – Revolutionizing Teaching through Design Thinking»).

Design Thinking Can Be Trained

Teaching and learning in higher education involve continuously «designing» our work. Every day we teachers are designing activities as we best are able. This designing can be

  • either adaptive (opening up new and better ways)
  • or reactive (getting more of the same old, or worse).

Teachers are always learners, too: We always are getting feedback about how our activities foster the learning of our students. The question is, do we act upon this feedback in a subconscious way, on autopilot? Or do we deliberately seek to improve upon it? The latter can be called «learning by design». In my opinion, this is the preferred way towards getting better at our work – for ourselves and for the students.

creativity
Creativity: You don’t have to be a designer to think like one!

Thus, you don’t have to be a designer to think like one. You can think like a designer and design the way you teach, assess, create and innovate. If you are mapping out a strategy, you are already designing!

Design thinkers are not necessarily created only by design schools. According to Tim Brown (2009), many people outside the professional design sphere already have a natural attitude for design thinking. Moreover, creativity and design thinking can be triggered with appropiate training.

Creativity – as Important as Literacy

Creativity is not the province of geniuses and artists, but a practical life skill. It can be nurtured in everyone from an early age through formal education, also in Higher Education. According to Sir Ken Robinson, «creativity is as important in education as literacy and we should treat it with the same status».

Keith Sawyer (2012), in an exhaustive review of creativity research over the last few decades, concluded that:

  • Creativity is the result of hard work and commitment to solving a problem.
  • Creativity involves both divergent and convergent thinking.
  • Creativity normally occurs incrementally over a long period of time.
  • Creativity is a directed, intentional, rational process.
  • Although creativity is largely domain-specific, cross-fertilization can enhance creativity.
  • There is no creativity gene and creativity doesn’t occur in just the right half of the brain. Rather, it involves basic psychological and social processes put together in novel and complex ways.
  • Imagination (i.e., the ability to form new images and thoughts not available through the senses or not possible in conscious reality) occurs at the individual level (in the mind).
  • Innovation (i.e., implementing a new idea or product into a group or society) occurs at the social level. (E.g., this is why there seldom is one single inventor of an important technology. Accordingly, James Watt is not really the inventor of the steam machine).

Most teachers also tend to associate creativity with the arts and humanities and not so much with science, technology, engineering and mathematics (STEM fields). However, creative teaching and learning can be tailored to every subject and the challenge for educators is to nourish and develop people’s natural creativity, not stifle it.

Creativity: Necessity, not Luxury

No one discipline or profession alone can claim to have the best or only approach to solving life’s most difficult problems. Rather, the most perplexing problems confronting humans require the integration of different knowledge spheres through creative thinking. Or as Ken Robinson (2011) puts it: «In a world where lifelong employment in the same job is a thing of the past, creativity is not a luxury. It is essential for personal security and fulfillment.»

One way of cultivating creative learning across disciplines in higher education is to include it in the curriculum’s learning goals. In the revised Bloom’s taxonomy of learning objectives (see graphic), creative learning is the highest-order thinking skill. How many higher education syllabi have learning objectives aiming at developing creative learning?

Bloom taxonomy creativity
Revised Bloom’s taxonomy of learning outcomes (Anderson & Krathwohl, 2001)

Another way is providing regular opportunities for hands-on experimentation, problem solving, discussion and collaborative work. In order to achieve this, we can encourage our students to

  • work in groups on collaborative projects,
  • ask in-depth questions (asking open-ended questions where there may be multiple solutions),
  • imagine what might be possible by exploring different ideas,
  • make connections between different ways of seeing,
  • and explore the ambiguities and tensions that may lie between them.

Stage Model of the creative process

Keith Sawyer identifed eight stages of the creative process. As can be seen, prolonged, intensive immersion in a domain is essential for highly creative performance:

  1. Identify the problem or opportunity.
  2. Acquire knowledge and skills relevant to the specific problem.
  3. Acquire a broad range of knowledge related to the problem (see the overlaps and relationships across domains; us analogic thinking; apply concepts from related domains, generate a variety of ideas).
  4. Allow time for deep reflection.
  5. Generate a variety of ideas.
  6. Combine ideas in novel ways.
  7. Select meaningful ideas based on feasible criteria.
  8. Externalize, test, evaluate, and refine the idea (imagine how to implement it, identify resources needed to implement it, predict the possible reactions, determine how to test, evaluate, and refine it).

Sawyer’s stage model can be an inspiration for designing learning activites – as mentioned above – aiming for creativity.

Part II

This blog post focuses on the importance of creativity as a learning goal. A second part has appeared in December and discusses design thinking as a roadmap for creative learning, innovation and transformation – including a video message by Suzi Jarvis and Colman Farrell!

Conference: Creativity and design thinking are the focus of our short conference (Kurztagung) «Creativity in Learning. Revolutionizing Teaching through Design Thinking». Our guests are Suzi Jarvis and Colman Farrell from the Innovation Academy, University College Dublin.
Date: Thursday, January 19th 2017, 13.30-17.30 at the campus of the PH Zürich. For more informations and registration, see the conference page: www.phzh.ch/zhe-kurztagung.

Tagungsbericht auf der PHZH-Website (short summary of the conference)