Doomsday: Wird Künstliche Intelligenz die öffentliche Bildung zerstören?

Text von Charlotte Axelsson und Michael Geiss

In den USA müssen die Bundesbehörden «Künstliche Intelligenz» zukünftig «Super Intelligence» nennen. Diese Umbenennung hatte Donald Trump vor der UNO-Generalversammlung angekündigt und setzt sie nun in Regierungshandlungen um. Der Begriff «Superintelligenz» ist dabei nicht neu. Er spielt seit Langem eine Rolle in transhumanistischen und KI-philosophischen Debatten und beschreibt eine Form von Intelligenz, die dem Menschen in praktisch allen Bereichen überlegen ist. Die mit dem Konzept verbundenen Zukunftsentwürfe reichen von der Überwindung menschlicher Grenzen bis hin zur Angst vor einer Technologie, die sich menschlicher Kontrolle entzieht.

Die Installation «Glacier Dreams» von Refik Anadol im Kunsthaus Zürich diskutiert durch die poetische GENAI-Installation Zerstörung und Entwicklung zugleich. (Bild: Charlotte Axelsson)

Spätestens hier wird klar: Der Sammelbegriff «Künstliche Intelligenz» steht längst nicht mehr nur für Technologie. Rund um KI versammeln sich Weltbilder, Zukunftsvorstellungen, Heilsversprechen und Untergangsszenarien. Die Diskussion erfasst dabei alle nur denkbaren gesellschaftlichen Bereiche. Es stellen sich Fragen wie: Welche Jobs wird es morgen noch geben? Welche Kompetenzen werden benötigt? Was delegieren wir an Maschinen – und was wollen, sollten oder müssen wir selbst können? Und für uns im Bildungswesen ganz konkret: Wird KI das Bildungswesen revolutionieren – oder die öffentliche Bildung zerstören?

«Doomer» und «Accelerationists»

Solche Extrempositionen unterscheidet auch Ethan Zuckerman, Medienwissenschaftler, Internetaktivist und Professor an der University of Massachusetts Amherst in einem Artikel im britischen Magazin «Prospect». Auf der einen Seite stehen für ihn die «Doomer», die eine Zerstörung der Welt durch KI-basierte Technologien vorhersagen und eine düstere Zukunftsvision zeichnen. Auf der anderen Seite stehen die «Accelerationists», für die es zwingend ist, die technologischen Entwicklungen aktiv voranzutreiben, um die grossen Herausforderungen der Menschheit zu lösen.

Die Ausstellung «A World Through AI» in der Schirn in Frankfurt vermittelt KI-Entwicklungen auf historische, kreative und systemkritische Weise. (Bild: Charlotte Axelsson)

Wer derzeit eine Tageszeitung aufschlägt, das Radio einschaltet, einen Podcast hört oder sich zu lange auf LinkedIn aufhält, wird ziemlich sicher auf die eine oder die andere Position stossen. So entfachten Berichte über Modelle verschiedener KI-Unternehmen, die bei internen Tests ungeplant andere Systeme angriffen, die Debatte über Kontrollverlust erneut. Gleichzeitig versammeln sich die führenden CEOs der Technologiebranche im Weissen Haus, um den technologischen Fortschritt voranzutreiben. Die von KI ausgehenden Gefahren bestimmen abermals die Schlagzeilen.

Zwischentöne

Leisere Stimmen, die sich weder den «Doomern» noch den «Accelerationists» zuordnen lassen, haben es da naturgemäss schwer. Wenn eine Technologie in kurzer Zeit beeindruckende Fortschritte macht, scheint die mediale Vernunft zeitweise ausser Kraft gesetzt. Dass die Verlautbarungen der CEOs eventuell auch viel mit Marketing zu tun haben, kann man hier und da noch lesen. Ob und wofür wir die neuen Technologien überhaupt brauchen, wird immerhin von klugen Stimmen wie Timnit Gebru thematisiert. In seinem stets hörenswerten New-York-Times-Podcast fragt Ezra Klein, ob es nicht ein Anfang wäre, wenn Unternehmen zumindest haftbar gemacht würden, wenn sie kritische Infrastrukturen angreifen. Dass Technologieunternehmen freimütig einräumen, die Sicherheit ihrer Systeme nicht garantieren zu können, sorgt auch bei Marcel Salathé, Professor an der EPFL in Lausanne, für Verwunderung. Salathé sagte dazu im Tages-Anzeiger, man müsse sich nur einmal vorstellen, ein Pharmakonzern wie Roche würde so argumentieren.

Zurück zu Zuckerman: Er fordert etwas mehr Demut ein. Die Menschheit sei oft nicht sehr gut darin, grosse Probleme zu lösen. Laut Zuckerman gelte dies besonders für Probleme, die weit entfernt von unserer alltäglichen Erfahrungswelt seien. Das bedeute jedoch nicht, dass man Gefahren, die weit in der Zukunft liegen oder von denen man selbst nur mittelbar betroffen ist, nicht ernst nehmen müsse. Gleichzeitig stellen sich bereits heute zahlreiche konkrete Probleme: vom exzessiven Verbrauch natürlicher Ressourcen über die Junior-Lücke in den Unternehmen bis hin zur algorithmischen Diskriminierung in teilautonomen Systemen.

Im Technorama Winterthur können Technologie und Phänomene ganz konkret erlebt und angefasst werden. (Bild: Charlotte Axelsson)

Zwischen Weltrettung und Schulalltag

Solange die Debatte aber von «Doomern» und «Accelerationists» lautstark bespielt wird, haben es differenzierte Positionen, die sich mit dem konkreten Gegenstand auseinandersetzen, schwer. Zudem sind die Folgen «Künstlicher Intelligenz» für Arbeitsmärkte, Produktionsweisen, Wissenschaft oder die demokratische Öffentlichkeit nicht dieselben wie für die öffentliche Schule oder die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen. Es ist wenig hilfreich, bei jeder konkreten Frage den Untergang (oder die Rettung) der Welt, wie wir sie kennen, durch die neuesten Technologien heraufzubeschwören.

Wird KI also das Bildungswesen revolutionieren oder zerstören? Die Frage ist in dieser Form falsch gestellt. Worum geht es konkret, technologisch, pädagogisch wie soziokulturell? Geht es um die Nutzung von Chatbots durch Schülerinnen und Schüler? Bei den Hausaufgaben oder im Schulhaus? In Mathematik oder Deutsch? Als Tutor, Sparringpartner, zur Lernvermeidung oder für Betrugsversuche? Oder geht es um den Einsatz maschinellen Lernens bei der Auswertung von Prüfungen oder Kompetenznachweisen? Um Unterrichtsvorbereitung? Um Learning Analytics? Um hochspezialisierte intelligente Tutoringsysteme? Um automatisierte Contentproduktion in digitalen Lernumgebungen? Oder um Recherche?

Auf dieser konkreten Ebene wird sich entscheiden, was «Künstliche Intelligenz» für die öffentliche Bildung bedeutet. Jede dieser Fragen erfordert Entscheidungen von Lehrpersonen, Schulleitungen, Behörden, der Politik, Hochschulleitungen, IT-Verantwortlichen, Studiengangsleitungen, der Hochschuldidaktik, Dozierenden, Lehrmittelverlagen, EdTech-Unternehmen und vielen anderen.

Den gegenwärtigen Wandel im Bildungswesen verantwortungsvoll zu gestalten, bedeutet, ihn möglichst konkret zu verhandeln, auf Grundlage des aktuellen Wissensstands Entscheidungen zu treffen und aus den Erfahrungen zu lernen. Diese Entscheidungen werden wiederum massive soziokulturelle Auswirkungen auf die Bildung haben. Denn mit ihnen stellen sich grundlegende Fragen: Was gilt künftig als Lernen? Was verstehen wir unter Bildung? Was unter eigener Leistung? Was bedeutet Urteilskraft? Das Zusammenspiel von technologischen Möglichkeiten, pädagogischen Anforderungen und soziokulturellen Folgen gilt es aktiv zu gestalten. Darin sehen wir unseren Auftrag: zwischen den «Doomern» und «Accelerationists» hindurch zu navigieren, konkrete Anliegen zu benennen und anzugehen.

Also doch gar nicht so leise.

INFOBOX

Charlottes Lieblingspodcast: Mystery AI Hype Theater 3000

Michael hört gern: The Ezra Klein Show

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Hier finden sich alle Weiterbildungsangebote der PH Zürich zu KI

Zu den Autor:innen

Michael Geiss leitet das Zentrum Bildung und Digitaler Wandel an der PH Zürich.

Der Preis der kognitiven Entlastung beim digitalen Lesen von Aussagen aus der generativen KI

Text von Maik Philipp

Trau, schau wem

45 Prozent. Das ist der Anteil von Antworten aus Anwendungen der generativen Künstlichen Intelligenz (genKI), die laut einer Studie verschiedener Rundfunkanstalten im Jahr 2025 in mindestens einer Hinsicht problematisch waren. Gefragt wurden ChatGPT, Copilot, Gemini und Perplexity Fragen wie «Kann Trump für eine dritte Amtszeit kandidieren?», «Wer ist der Papst?» oder «In wie vielen Ländern wird die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 ausgetragen?». Die Antworten auf die Fragen waren in öffentlich-rechtlichen Rundfunkkanälen vorfindbar, und die Fragen entsprachen typischen Anfragen zum Zeitpunkt der Durchführung.

Vier von neun Antworten waren also mit mindestens einem Problem behaftet, welches die Aussage mindestens als falsch oder irreführend machte, wie die Überprüfungen jeder einzelnen der 2700 Antworten durch 270 Journalist:innen ergaben. Dabei erwies sich Gemini als besonders fehlerhaft (nämlich in Form von doppelt so hohen Fehlerquoten wie die anderen drei Apps), und die Probleme verteilten sich unterschiedlich stark auf verschiedene Bereiche. Über alle vier Apps hinweg

  • umfassten 31 Prozent der Antworten keine, ungenaue oder falsche Quellen,
  • waren 20 Prozent der Aussagen inhaltlich nicht ausreichend korrekt,
  • enthielten 14 Prozent der Antworten zu wenig kontextualisierende Informationen, als dass Laienpersonen die Antwort hätten ausreichend verstehen können.

Wie gesagt: Die Informationen auf Antworten waren öffentlich zugänglich in den jeweiligen Ländern, darunter der Schweiz. Wenn aber übliche Fragen zu tages- und weltpolitischen Vorfällen zu Antworten mit einer Ungenauigkeitsquote von über 40 Prozent führen, wie sehr sollten Personen Aussagen der genKI dann trauen? Bzw. anders gefragt: Was bedeutet das für die Anforderungen an die Lesefähigkeiten?

(Bildquelle: DeeVid AI, KI-generiert)

Fleissiges Helferlein oder kognitive Outsourcingoption?

Man könnte die obige Studie aus (hochschul)didaktischer Sicht abtun, es ginge ja nur um Alltagsinformationen. Das Phänomen, dass genKI Aussagen mit unklarem Geltungsanspruch – zusätzlich zum deregulierten Strom von Halbwahrheiten und Falschaussagen – die digitalen Lesegeräte flutet, ist längst zu einem Problem für den Erwerb von Informationen und Wissen geworden. Die Problemlagen sind vielfältig, was aber für Bildungsinstitutionen und Lernende verschiedener Stufen zunehmend zur Herausforderung wird: wenn Halluzinationen und Desinformationen allmählich anfangen, die Grundlagen des Wissens und Wissenserwerbs zu erodieren.

Dahinter steckt das Phänomen, anspruchsvolle – und somit auch anstrengende – kognitive Prozesse an eine Technologie als fleissiges Helferlein abzugeben, was als «kognitive Entlastung» bezeichnet und durchaus ambivalent beurteilt wird. Im Falle des Lernens bestehen allen Potenzialen der genKI zum Trotz starke Befürchtungen, dass Lernende die ursprünglich für einen Menschen vorgesehenen, kognitiv anspruchsvollen Aufgaben an einen potenter wirkenden Algorithmus delegieren, was zu einer Einbusse an tieferem Lernen und einem längerfristigen Deskilling führen kann.

Man kann angesichts dieser Entwicklung ableiten, dass wir an den Hochschulen und (Berufs-)Schulen eine Vergewisserung brauchen, welche Kompetenzen wir bei den Lernenden benötigen und entsprechend aufbauen wollen. Ich will aus der Perspektive des Lesens skizzieren, was der Preis des kompetenten Lesens mit genKI-Aussagen ist.

Handlungsoptionen: digitale Inforensik betreiben

Algorithmisch generierte Aussagen, die wie im Beispiel der obigen Studie, mit mehreren Problemen behaftet sein können, werden «epistemisch unsichere Informationen» genannt. Das sind Aussagen, deren Status als wahr oder unwahr, glaubwürdig oder unglaubwürdig, belegt oder unbelegt etc. nicht geklärt ist, sondern nach einer verifikatorischen Reaktion der lesenden Person verlangt. In aller Regel sind damit Recherchen und vor allem Beurteilungsfähigkeiten angesprochen, die einer digitalen Inforensik gleichen, indem Personen so lange nach Informationen über Aussagen und Quellen suchen, bis sie ausreichend sicher sind, dass sie diese Informationen verwenden können.

Dazu bedarf es hoher Wissensbestände, z. B. wie Wissen hergestellt wird und welche Quellen eigentlich warum vertrauenswürdig sind. Hinzu kommt, dass Leser:innen verstehen müssen, warum algorithmusausgespielte Inhalte ihr Verstehen mitbeeinflussen. Solche Fähigkeiten zu fördern, ist für das digitale Lesen (noch ohne genKI) bereits untersucht und für die Lesedidaktik aufbereitet worden. Dass solche Fähigkeiten geschult werden müssen, zeigen Forschungsüberblicke, nach denen adäquate Vorgehensweisen in der Regel nicht bei Lernenden verschiedener Altersgruppen im Repertoire vorhanden sind.

Wenn Inhalte der genKI allgegenwärtig sind und erst durch Leser:innen überprüft werden müssen, um dann verworfen, kritisiert, kontextualisiert oder auch für weitere Verwendungen akzeptiert werden zu können, dann können wir bestehende Ansätze nutzen und weiterentwickeln. Ein Beispiel hierfür ist das sogenannte «laterale Lesen», also ein seitwärts über parallel geöffnete Tabs realisiertes Lesen im Internet. Bei diesem Lesen spüren die Leser:innen vor allem quellenbezogenen Fragen nach, um zu entscheiden, ob sie überhaupt Aussagen in digitalen Dokumenten vertrauen sollen. Diese Form des Lesens zu schulen, wirkt sich positiv auf kritische Lesefähigkeiten aus.

Was es jetzt braucht, ist eine Infusion mit Belangen des Lesens, welches gezielt Eigenheiten wie die Texte, Bilder und Videos aus Apps der genKI aufgreift, um so Schüler:innen und Studierende zu einer gewissen epistemischen Wachsamkeit zu befähigen. Damit sie treffsicher eben nicht die 45 Prozent der Aussagen von genKI glauben, die sie angesichts der Schäden von Falschinformationen besser ignorieren sollten.

INFOBOX

Das Schreibzentrum der PH Zürich entwickelt derzeit Angebote, die auf die Erfordernisse des digitalen, hochschulischen Lesens und Schreibens angepasst sind. Aktuell werden Video-Tutorials erarbeitet, es gibt Workshopangebote für Studierende sowie CAS-Module. Auf Anfrage bietet das Schreibzentrum Weiterbildungsangebote für Berufsfachschulen, Gymnasien und Hochschulen zum digitalen Lesen an.

Hören Sie in der aktuellen Folge des Podcasts Resonanzraum Bildung der PH Zürich, welche Einblicke Maik Philipp zur Lesekompetenz als Schlüssel zur Bildung gibt.

Zum Autor

Maik Philipp ist Professor für Deutschdidaktik an der PH Zürich. Seine Schwerpunkte sind Lese- und Schreibförderung mit Fokus auf Evidenzbasierung.