Text von Charlotte Axelsson und Gabriel Flepp
Kennen Sie diese Situation? Man schaut auf eine Reihe Buchstaben, die immer kleiner werden und zunehmend aussehen wie Ameisen. Dann der erlösende Moment, die Optikerfachperson schiebt zwei Gläser vor die Augen und fragt:
«Wo sehen Sie besser: bei eins oder zwei?»
Eine erstaunlich schwierige Frage. Eins wirkt schärfer, zwei angenehmer. Oder war es umgekehrt? Kaum hat man sich entschieden, folgt bereits die nächste Variante. Eine Interessante Beobachtung aus der Welt der Brillen- oder baldigen Brillentragenden: Eins oder zwei, und welche Position muss ich einnehmen, um schärfer in der Zukunft zu sehen? An dieser Stelle wurde bereits darüber geschrieben, weshalb Zukunft eher einem Muster als einem Affen gleicht. Heute legen wir die Kristallkugel beiseite und laden Sie zum Sehtest ein. Sehen Sie bequem? Dann reichen wir Ihnen gerne die Zukunftsgespürbrille* für ein kleines Spiel in Form eines Zukunftssehtest.
*Eine Zukunftsgespürbrille ist weder rosarot noch schwarzmalerisch. Sie ist ein Denkwerkzeug, das das Undenkbare denkbar macht.
So funktioniert der Zukunftssehtest
Der Zukunftssehtest besteht aus drei Runden: Future Scenarios, Future Technology und Future Learning. In jeder Runde werden Ihnen zwei Karten angeboten. Beide zeigen eine mögliche Entwicklung. Betrachten Sie die Karten und entscheiden Sie: Eins oder zwei? Gesucht ist nicht die wahrscheinlichere, realistischere oder angenehmere Sicht auf die Zukunft. Entscheidend ist, welches Bild von Zukunft Ihren Blick verändert. Welche Variante macht etwas sichtbar, das Sie bisher übersehen haben? Welche irritiert oder überrascht Sie? Welche erscheint Ihnen wünschenswert? Und was gerät durch Ihre Wahl möglicherweise aus dem Blick?

Future Scenarios
Sie sehen zwei zufällig gewählte Karten aus dem Stapel Future Scenarios. Mit welchem Szenario wollen Sie weitermachen? Mit welchem Blick und welchem Gespür fahren Sie weiter?
Eins: Bildung findet in einer selbstverantworteten Gesellschaft statt, durch die starke Individualisierung gestaltet man seine Bildung selbst und lenkt sich durch das System.
Zwei: Lebenslanges Lernen wird als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden, für die Organisationen, Staat und Gesellschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Future Technologies
Als Nächstes werden aus dem Stapel der Future Technologies zufällig weitere Karten gezogen.
Eins: Der Stift wird zum bewussten Verlangsamer im Lernprozess. Schreiben von Hand schafft Denkpausen, macht Gedankengänge sichtbar und unterstützt eine vertiefte Auseinandersetzung mit Inhalten.
Zwei: Der KI-Chat wird zum Bildungsakteur. Er begleitet Lernprozesse, stellt Rückfragen, gibt Rückmeldungen und beeinflusst, welche Inhalte, Perspektiven und nächsten Schritte sichtbar werden.
Future Learning
Als Letztes erhalten Sie zwei Kartenvorschläge aus dem Stapel Future Learning; eins oder zwei?
Eins: Gelernt wird nicht mehr in klassischen Kursen, sondern anhand realer gesellschaftlicher und beruflicher Herausforderungen.
Zwei: Lernen findet in temporären Gemeinschaften statt, die sich je nach Thema neu zusammensetzen und danach wieder auflösen.
Drei Perspektiven, ein geschärfter Blick
Nun liegen drei Karten vor Ihnen: ein gesellschaftliches Szenario, eine Technologie und eine mögliche Form des Lernens. Gemeinsam ergeben sie eine erste Einstellung Ihrer Zukunftsgespürbrille.
Nehmen wir an, Sie haben eine stark individualisierte Gesellschaft gewählt, in der jede Person ihren Bildungsweg selbst gestaltet. Hinzu kommen der KI-Chat als Bildungsakteur und das Lernen anhand realer gesellschaftlicher und beruflicher Herausforderungen.
Was entsteht aus dieser Kombination?
Vielleicht ermöglicht die KI eine flexible und individuelle Lernbegleitung. Vielleicht wird Lernen stärker an konkrete Herausforderungen gebunden. Doch schon tauchen neue Fragen auf: Wer bestimmt, welche Herausforderungen relevant sind? Welche Daten benötigt die KI? Was bleibt die Aufgabe der Lehrenden? Und wie stellen wir sicher, dass mehr Effizienz nicht auf Kosten von Lernqualität, Teilhabe und einer sinnvollen Gestaltung von Lernprozessen geht?
Genau hier beginnt Zukunftsgespür. Nicht bei einer einzelnen Karte, sondern bei den Beziehungen zwischen den Karten.
Das Szenario zeigt, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Bildung stattfinden könnte. Die Technologie verändert die Möglichkeiten und Abhängigkeiten. Die Lernform macht daraus konkrete Rollen, Räume und Angebote. Keine dieser Perspektiven genügt für sich allein. Ein Zukunftsszenario ohne technologisches Verständnis bleibt leicht abstrakt. Eine Technologie ohne Vorstellung davon, wie Menschen lernen sollen, wird schnell zum Selbstzweck. Ein neues Lernformat ohne gesellschaftlichen Kontext löst möglicherweise nur die Probleme von gestern.
Diese Verbindung bildet den roten Faden des CAS Education Futurist. In den drei Kernmodulen Future Scenarios, Future Technology und Future Learning untersuchen die Teilnehmenden mögliche Zukunftswelten, analysieren Technologien als Teil grösserer Systeme und entwerfen zukunftsorientierte Lernangebote. Sie bleiben dabei nicht beim Nachdenken stehen. Sie prüfen Entwicklungen kritisch, erproben eigene Ideen und übertragen sie auf ihren Bildungskontext.
Der CAS liefert keine fertige Zukunft zum Mitnehmen. Er bietet Modelle, Methoden und Erprobungsräume, mit denen sich der eigene Blick schärfen und immer wieder neu einstellen lässt.
Es bleibt diese Verschachtelung von Hier und Jetzt und möglichen Zukünften. Ein Zusammenspiel aus Entscheidungen, Perspektiven und offenen Fragen. Die richtige Antwort gibt es nicht. Zukunftsgespür beginnt nicht damit, Zukunft eindeutig zu bestimmen, sondern mit der Bereitschaft, genauer hinzusehen, Zusammenhänge zu erkennen und die eigene Sicht immer wieder neu einzustellen.
INFOBOX
Der CAS Education Futurist startet am 5. November 2026. Melden Sie sich jetzt an!
Die drei Kernmodule des CAS sind einzeln buchbar:
- Future Scenarios, Start: 12. November 2026
- Future Technologies, Start: 8. April 2027
- Future Learning, Start: 16. September 2027
Zu den Autor:innen

Charlotte Axelsson ist Leiterin des Zentrums Digital Learning der PH Zürich.
Gabriel Flepp ist Dozent an der PH Zürich.
Sie leiten den CAS Education Futurist zusammen.