Zukunftsfähige Curricula brauchen Mut zum Loslassen

Text von Tobias Zimmermann und Daniel Degen

Ein Informatikdozent stellt fest: Zahlreiche Absolvent:innen seiner Hochschule weisen trotz guter Noten gravierende Lücken auf – und zwar bei Kompetenzen, die sie laut dem Curriculum hätten erwerben sollen. Diese Mängel sehe er sowohl im Abschlusskolloquium als auch in den Abschlussarbeiten, «zum Beispiel: keine ingenieurgemässe Qualitätssicherung durch Testautomation, keine standardkonforme Programmdokumentation, keine Verwendung der in den Modulen gelehrten Entwurfsmuster – allesamt wichtige Kriterien für die berufliche Kompetenz» (Quibeldey-Cirkel 2018).

Der zitierte Bericht bestätigt eine Beobachtung aus unserem Alltag: Ein Curriculum kann sich auf dem Papier an Kompetenzen orientieren und de facto trotzdem zur Priorisierung von Stoffvermittlung und vielen summativen Prüfungen führen, die nachhaltigem Lernen abträglich sind. Wieso?

Bewährtes prüfen und Prioritäten aushandeln

Mit Curriculumentwicklungen wird oft versucht, auf Veränderungen in Wissenschaft, Berufspraxis und Gesellschaft zu reagieren. Technologische Entwicklungen verstärken diesen Anspruch. So müssen wir heute für alle Bildungsstufen fragen: Wie reagieren wir sinnvoll auf die rasante Ausbreitung von generativer KI? Welche Folgen hat diese Technologie, von Lernprozessen bis zu beruflichen Anforderungsprofilen?

Gleichzeitig bauen neue Erkenntnisse und berufliches Können auf vorhandenen Grundlagen auf. Curriculumentwicklung muss deshalb stets zwischen Kohärenz und Wandel balancieren. Eine zentrale Herausforderung dabei ist, für Neues Platz zu schaffen. Bleibt die Arbeitszeit der Lehrenden und die Lernzeit der Studierenden konstant, geht dies nur durch Weglassen von Bisherigem.

Herausforderung der Curriculumentwicklung: Neue Wege anlegen und Kohärenz wahren
(Bildquelle: Damian/stock.adobe.com)

Allerdings lassen sich für die meisten bestehenden Themen oder didaktischen Formate gute Gründe finden, weshalb sie erhalten bleiben sollen. Dabei können hinter solchen Verteidigungen auch Sorgen über Lehrstunden, Beschäftigungsgrade oder fachliche Identitäten stehen. Bei der Verteilung von Lektionen, Modulen und ECTS-Punkten können Einzel- und Gruppeninteressen gegenüber dem gemeinsamen Vorhaben in den Vordergrund treten, wie Bach und Zellweger (2022) beschreiben. Sie empfehlen deshalb, bei der Entwicklung berufsorientierter Curricula zunächst ein gemeinsames Kompetenzprofil und didaktische Leitlinien zu entwickeln, bevor einzelne Elemente in den Blick genommen werden.

Diese Verständigung ist aus unserer Sicht zentral: Sie erleichtert nicht nur schwierige Entscheidungen wie das Aufgeben von Lernzielen oder das Abschaffen bisheriger Prüfungsformate, sondern erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass das Kollegium die Änderungen mitträgt: Ein gestrichenes Lernziel mag zwar weiterhin fachlich sinnvoll sein, aber eben weniger Gewicht haben als ein neues Ziel, auf das man sich geeinigt hat.

Fachwissen für eigenständiges Denken nutzen

Was soll durch das Loslassen möglich werden? Wir diskutieren dies anhand der Future-Skills-Debatte. So warnte Barbara Getto am «Dialog tertiäre Bildung» im Mai 2026 davor, Fachwissen durch die Gegenüberstellung mit vermeintlich neuen Zukunftskompetenzen abzuwerten. Für die Entwicklung von Curricula bedeutet dies, dass ein Kollegium eine gemeinsam getragene Vorstellung davon entwickeln sollte, wie Studierende die zu erwerbenden Kompetenzen künftig einsetzen sollen.

Mit Blick auf Future Skills ist das Konzept der Epistemic Agency von Nieminen und Ketonen (2023) hilfreich: Studierende sollen Wissen eigenständig beurteilen, hervorbringen, nutzen und verändern können. Der Begriff lässt sich am besten mit epistemischer Handlungsfähigkeit übersetzen. Im Zentrum steht das fach- und/oder professionsbezogene Verhältnis der Studierenden zum Wissen:

  • Können sie fachliche Aussagen hinterfragen und begründet an deren Weiterentwicklung mitwirken?
  • Erfahren sie sich als Personen, deren Beiträge auch ausserhalb der Prüfungssituation Bedeutung haben?
  • Können sie berufliche Problemstellungen und gesellschaftliche Wertvorstellungen gegeneinander abwägen und eigenständige Gewichtungen setzen?

Um sich solchen Fragen zu stellen, brauchen Studierende verschiedenartige Gelegenheiten, ihr Wissen und ihre Haltungen zu erproben und zu hinterfragen.

Epistemische Handlungsfähigkeit: Wissen prüfen, Verbindungen herstellen, eigene Beiträge einbringen
(Grafik von T. Zimmermann)

Lernwege öffnen und fachlich begleiten

Gerade im Umgang mit generativer KI gewinnt diese Perspektive an Gewicht. Auch wenn KI-Output heute fachlich meist weitgehend richtig ist, fehlt ihm oft der Bezug zum konkreten Kontext. Zudem sind die meisten KI-Chatbots darauf trainiert, mit ihren Aussagen die Nutzenden zu bestätigen.

Umso bedeutsamer ist es, Curricula von der Volksschule über die Sekundarstufe II bis zur Tertiärstufe darauf auszurichten, dass Lernende Kompetenzen und nicht bloss Wissen erwerben. Das bedeutet nach unserem Verständnis, dass Studierende insbesondere auf der Tertiärstufe ganz bewusst «das Steuer» ihres eigenen Lernprozesses übernehmen. Zudem sollen sie sich dieser Steuerung bewusst sein und sie reflektieren können.

Vielversprechende Ideen für die Umsetzung in die Praxis liefert Tsao (2026), der Lernen als vernetztes Erkunden versteht. Dabei entstehen neue Verbindungen, und auch Umwege können produktiv sein. Aus diesem Verständnis lassen sich Lernaufgaben ableiten, die eigenständiges Denken herausfordern (sogar bei frei verfügbarer KI). Zwei Beispiele:

  • Studierende könnten eine KI-generierte Handlungsempfehlung mit ihren eigenen Beobachtungen aus der Berufspraxis abgleichen, Widersprüche untersuchen und eine eigenständige Empfehlung erarbeiten.
  • In naturwissenschaftlichen oder Ingenieur-Studiengängen könnten Studierende ein unerwartetes Messresultat theoretischen Modellen, Simulationen, Fachliteratur und KI-generierten Erklärungen gegenüberstellen, unterschiedliche Hypothesen entwickeln und durch weitere Messungen prüfen.

Entscheidend ist bei solchen Aufgabestellungen nicht die eine richtige Lösung. Vielmehr geht es darum, welche Quellen Studierende heranziehen, wie sie Alternativen abwägen und weshalb sie Ideen weiterverfolgen oder verwerfen. Solche Lernprozesse sind «KI-resilient», weil sie auf die Fähigkeit zielen, das eigene Urteil zu entwickeln und zu verantworten. Studierende lernen dabei, mit verschiedenen Quellen umzugehen: Fachtexte, Gespräche, eigene Erfahrungen oder eben auch KI-Instanzen.

Diese Lernwege brauchen Zeit und Orientierungshilfen. Die Arbeit der Lehrenden besteht somit nicht mehr darin, den ganzen Lernweg exakt vorzugeben. Zentral wird es, die Studierenden angemessen bei ihren Erkundungen zu begleiten und sie zu unterstützen, Zusammenhänge zu prüfen und ihre Denkwege weiterzuentwickeln. Mit zunehmender Kompetenz der Studierenden können die Lehrenden ihre begleitende Unterstützung reduzieren.

Studierende untersuchen gemeinsam ein unterwartetes Ergebnis.
(Bildquelle: Eni/stock.adobe.com, generiert mit KI)

Sollen Curricula weiterentwickelt werden, um Future Skills stärker zu adressieren, stehen wir also vor der eingangs geschilderten Problematik: Werden epistemische Erkundungsaufträge bloss zum bisherigen Programm addiert, wird das Curriculum überladen, und die neuen Elemente werden als Störung empfunden. Die Zeitknappheit wird dann vermutlich mit altbewährten Mustern angegangen, wie es der eingangs zitierte Dozent bemängelt: Bildungsinstitutionen und Lehrende setzen auf summative Wissensprüfungen, wodurch Studierende ihr Lernen zweckrational auf die kurzfristige Reproduktion prüfungsrelevanten Wissens ausrichten. Auf der Strecke bleibt der tiefgreifende Kompetenzerwerb.

Beurteilung verändern und Freiräume sichern

Das Loslassen betrifft deshalb auch Beurteilungsformate. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Wer möchte, dass Studierende auch zukunftsorientierte Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeiten, Ambiguitätstoleranz oder systemisches Denken entwickeln, muss dies nicht nur in Lernzielen festhalten. Vielmehr muss das ganze Constructive Alignment angepasst werden: Neben fachlich sinnvollen Lehr-Lern-Arrangements betrifft dies vor allem die Beurteilung.

Es ist empirisch erwiesen, dass summative Anforderungen die Aufmerksamkeit der Studierenden binden und ihr Engagement für formative Lerngelegenheiten reduzieren, die für den Kompetenzaufbau zentral sind (Zimmermann 2024). So könnte für unser Beispiel ein gemeinsames Praxisprojekt anstelle mehrerer isolierter Modulprüfungen eingeführt werden. In diesem entwickeln Studierende allein oder in Gruppen eine fachlich begründete Lösung, erhalten Rückmeldungen und überarbeiten sie (z.B. im Rahmen von Challenge-based Learning, Service Learning oder komplexen Fallbearbeitungen). Erst anschliessend werden ausgewählte Aspekte summativ beurteilt. Ein solches mehrphasiges Vorgehen ermöglicht den Studierenden, ihre epistemische Handlungsfähigkeit weiterzuentwickeln, indem sie eigene Entscheidungen treffen und Rückmeldungen eigenverantwortlich verarbeiten dürfen.

Wirksame Curriculumentwicklung verlangt Veränderungsbereitschaft

Damit der beschriebene Change funktioniert, sind Absprachen über Fach- und Modulgrenzen hinweg nötig: Werden z.B. die isolierten Modulprüfungen trotzdem weitergeführt oder zahlreiche Zwischenschritte des Praxisprojekts benotet, droht für Lehrende wie Studierende Überlastung sowie der Rückfall in nicht kompetenzorientierte Praktiken. Deshalb ist die Verständigung darüber wichtig, welche Rückmeldungen den Lernprozess voranbringen und welche Beurteilungsformate für eine tragfähige Abschlussbeurteilung zielführend sind.

Die gewünschte Veränderungsbereitschaft betrifft damit auch die Bildungsinstitution. So betonte Marlène Wirth am erwähnten Dialog-Anlass, die Zukunftsfähigkeit der Institution sei Voraussetzung dafür, die Future Skills der Studierenden konsequent zu fördern. Unsere These lautet deshalb: Curriculumentwicklung verlangt von Institutionen selbst die Bereitschaft zu jenen Veränderungen, die sie bei Studierenden fördern wollen. Zukunftsfähige Curricula entstehen somit dann, wenn der Mut zum Loslassen Raum für Neues schafft und die damit einhergehenden Veränderungen auch in die Weiterentwicklung der Institution als Ganzes einfliessen.

INFOBOX

Netzwerkanlass «Curricula im Spannungsfeld von Kohärenz und Wandel», 10. November 2026, PH Zürich

Im Gespräch mit Gästen und Publikum thematisieren wir anhand von Beispielen aus der Praxis, wie es in Studiengängen der Tertiärstufe gelingen kann, Curricula laufend zu aktualisieren und zugleich kohärent zu halten. Beschäftigen wird uns dabei, wie Bestehendes bewusst losgelassen und Raum für Neues geschaffen werden kann.
Das dialogische Format mit anschliessendem Apéro ermöglicht vielseitigen Austausch.

Literaturempfehlung

Der Beitrag von Dagmar Bach und Franziska Zellweger erläutert Curriculumentwicklung aus einer kompetenzorientierten Perspektive, bezogen auf professionsorientierte Bildungsgänge an Höheren Fachschulen und Fachhochschulen:

Dagmar Bach & Franziska Zellweger, 2022: Entwicklung berufsorientierter Curricula. In Höhere Fachschulen in der Schweiz: Herausforderungen und Perspektiven

Zu den Autoren

Zukunft ist ein Muster, kein Affe

Text von Charlotte Axelsson

Ich mag Wetter-Apps. Oder wie meine Kollegin an der ZHdK, Mela Kocher, gerne zu sagen pflegt: die faszinierendste Glaskugel, in die wir täglich schauen.

Und dennoch ist es – auch an mir – immer wieder lustig zu beobachten, wie überrascht wir sind, wenn nach 26 Grad und heiterem Sonnenschein am nächsten Tag plötzlich ein Drop-down auf 18 Grad und Gewitter kommt. Es ist schwer vorzustellen, aber es kommt trotzdem.

Das ist jetzt vielleicht ein hinkender Vergleich und ein sehr hoher Bogen, den ich spanne. Aber er zeigt zwei Dinge: Zukunft, ob nah oder fern, ist schwer vorstellbar – auch wenn es gute Anzeichen dafür gibt, dass etwas eintreten wird. Und zweitens zeigt er etwas über unser Mindset im Umgang mit Veränderung. Obwohl es für die leichten Sandalen und den Jupe dann wirklich zu kalt ist, ziehen wir es manchmal trotzdem durch.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Zukunft ist selten komplett überraschend und selten komplett planbar. Sie liegt irgendwo dazwischen – zwischen Anzeichen, Mustern, Entscheidungen und unserer Fähigkeit, anders zu reagieren, als wir es gestern getan hätten.

Der Affe im Titel bezieht sich auf das Infinite-Monkey-Theorem: Wenn ein Affe unendlich lange zufällig auf einer Schreibmaschine tippt, entsteht irgendwann vielleicht auch Shakespeare. So ähnlich ist es mit Zukunftsprognosen: Manchmal liegt jemand richtig – aber nicht, weil die Zukunft wirklich vorhersehbar wäre. Sondern weil Wahrscheinlichkeit, Muster und Zufall zusammenspielen.

Zukunftsarbeit bedeutet deshalb nicht, richtig zu raten. Sie bedeutet, besser vorbereitet zu sein.

Es ist deshalb vielleicht nicht verwunderlich, dass gerade so viele Formate rund um Future Mindset, Future Skills, Future Tracks, Future Crafting oder Education Futurists entstehen. Was steht dahinter? Und was macht man eigentlich in solchen Future-Mindset-Kursen?

Weil sie marketingmässig gut funktionieren, könnten Kritiker:innen sagen. Ich sage: weil sie notwendig sind. Also mache ich mir die Mühe und gebe einen Blick hinter die Kulissen: Mit welchen Glaskugeln arbeiten Zukunftsforscher:innen, Bildungsanbieter und Organisationen eigentlich?

Manche Zukünfte sind schon gebaut

Ein schönes Beispiel dafür beschrieb mir Martin Sturzenegger von der VBZ am 25 Jubilars von Zeix. Er sagte sinngemäss: In seinem Betrieb sei die Zukunft in Teilen schon gesetzt. Er wisse ziemlich genau, was in den nächsten 25 Jahren umgesetzt werde und was nicht. Trams sind bestellt, Gesetze sind geregelt, Pläne sind erstellt. Natürlich kann immer etwas dazwischenkommen. Aber vieles ist nicht mehr reine Spekulation. Es ist bereits angelegt – in Infrastruktur, Budgets, politischen Entscheiden und langfristigen Planungen.

Der Gedanke brachte mich zur Arbeitsweise der PHZH. Ist es nicht auch ein wenig so mit Bildung?

Zukunftsgespürbrille des Education Futurist im Immerse Theater

Wir bilden heute Menschen aus, die morgen Schüler:innen unterrichten. Diese Schüler:innen stehen dann viel später selbst im Beruf. Plötzlich sprechen wir auch hier von Zeiträumen von 20 oder 25 Jahren. Was heute in der Ausbildung gedacht, vermittelt oder eben ausgelassen wird, wirkt weit in die Zukunft hinein.

Bildung ist also immer auch Zukunftsarbeit. Nicht abstrakt, sondern sehr konkret.

Das bringt mich zu vier Glaskugeln, die uns im Frühjahr 2026 an der internen Weiterbildung Future Track, am 25 Jubilar Zeix Event, am After the Algorithm Festival und am House of Change Festival begleitet haben: Szenariotechnik, Mustererkennung, KI als Verbündete und Haltung. Im Herbst greifen wir diese Fäden wieder auf – im CAS Education Futurist der PH Zürich und in einer spannenden Kooperation mit der ZHdK.

Film zu «Future Track», ein internes Angebot für das administrative und technische Personal der PHZH. (Animation: Walking Frames. walkingframes.tv)

Szenarien als Denkwerkzeuge

Die Szenariotechnik beschäftigt sich mit der Frage: Welche Zukünfte sind denkbar? Welche sind wünschenswert? Welche weniger? Und welche wirken heute vielleicht sogar unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich?

Es geht dabei nicht darum, die eine Zukunft zu finden, die sicher kommt. Sondern darum, vorwegzudenken, was passieren könnte. Szenarien sind keine Orakel. Sie sind Denkwerkzeuge.

Diskussion zur Zukunft am 25 Jahre Zeix am 28.01.2026. Hier das Szenarioprisma. (Foto: Zeix AG)

Jede dieser Möglichkeiten gibt mir einen Hinweis darauf, was ich jetzt und in naher Zukunft tun kann, um einer wünschenswerten Zukunft näherzukommen. Ich kann Strategien entwickeln. Ich kann bestimmte Felder fördern, von denen ich annehme, dass sie in meiner gewünschten Zukunft relevant sind. Oder ich kann Mitarbeitende in Weiterbildungen schicken, damit sie Kompetenzen aufbauen, die sie morgen vielleicht dringend brauchen.

Muster erkennen: Mit Vergangenheiten ab in die Zukünfte

An dieser Stelle mag ich die Idee von Armin Nassehi: Durch das Erkennen von Mustern können wir Prognosen darüber machen, welche Muster sich in der Vergangenheit besonders oft wiederholt haben. Anhand dieser Vergangenheitsanalyse können wir erkannte Muster in die Zukunft projizieren und uns vorstellen, wie sich bestimmte Entwicklungen verhalten, verändern oder wiederholen könnten.

Das wird besonders interessant, wenn man nicht nur auf Gesellschaft, Organisationen oder Technologie schaut, sondern auf die eigene Biografie.

Woher komme ich? Was habe ich gemacht? Was hat sich bei mir immer wieder in bestimmten Abständen, Situationen oder Übergängen wiederholt?

Muster verändern sich – kommen aber immer wieder ähnlich vor, hier das Herz-Symbol der Gen Alpha. (Foto: Charlotte Axelsson)

Vielleicht funktioniert die eigene Biografie manchmal ähnlich wie eine Wetterkarte: Nicht alles ist vorhersehbar, aber es gibt Muster, Wiederholungen und typische Wetterlagen. Wenn wir sie erkennen, können wir bewusster entscheiden, ob wir wieder gleich reagieren – oder diesmal anders.

Future Skills und KI als Verbündete

Im Rahmen des «Future Track», einer internen Weiterbildung für das administrative technische Personal der PH Zürich, kam auch die Frage auf, welche Fähigkeiten in einer sich verändernden Arbeitswelt zentral werden. Und natürlich, ob KI unsere Arbeit komplett übernehmen wird?

Nach dem Input von Eva Pauline Bossow zu «Future Skills» brachte die Kursteilnehmerin Stefanie Casanova einen Gedanken besonders schön auf den Punkt: Wir brauchen eine Art «Anpassungsintelligenz». Entscheidend werden nicht nur fachliche oder technologische Fähigkeiten, sondern vor allem menschliche Kompetenzen wie Resilienz, Agilität und Flexibilität.

Gerade Flexibilität ist dabei mehr als blosses flexibles Anpassen. Es geht darum, mit Unsicherheit umgehen zu können, Perspektiven zu wechseln und Veränderung aktiv mitzugestalten, statt nur darauf zu reagieren.

Oder wie Raim Idrizovic, Teilnehmer des «Future Tracks», zusammenfasst: «Wir sollten KI als einen Verbündeten für die berufliche Zukunft nutzen, in welcher vor allem die Flexibilität zählt!»

Im März am Festival «After The Algorithm» wurde bei «Kaffee, Kuchen & KI» diskutiert. (Foto: Damien Jenal)

Das trifft einen wichtigen Punkt. KI-Technologien sind nicht nur Tool, Bedrohung oder Hype. Sie ist auch ein Spiegel dafür, wie beweglich wir im Denken, Lernen und Arbeiten werden müssen. KI-Technologien können uns helfen, Muster schneller sichtbar zu machen. Entscheidend bleibt aber, wie wir diese Muster deuten, einordnen und verantwortungsvoll nutzen.

Positive Zukunftsbilder

Als Letztes möchte ich noch die Methode der Utopie bis hin zur Protopia beschreiben. Und was das mit unserer individuellen und kollektiven Einstellung zu tun hat.

Medial werden wir ständig mit möglichen Zukünften konfrontiert: in Science-Fiction-Filmen, Medienbildern, politischen Narrativen oder technologischen Versprechen. Diese Bilder bereiten uns auf Zukünfte vor. Manchmal öffnen sie Möglichkeitsräume. Manchmal machen sie Angst. Manchmal werden sie auch strategisch eingesetzt.

Unsere Zukünfte sind also beeinflussbar. Und manchmal auch manipulierbar.

Das kann man im Grossen analysieren. Ich bleibe hier aber im Kleinen: Wenn ich mich mit positiver Autosuggestion beschäftige, merke ich schnell, dass eine grundsätzlich positive Betrachtung auch die gewünschte Zukunft positiver erscheinen lässt. Umgekehrt funktioniert es ebenso. Wenn ich davon ausgehe, dass ohnehin alles schlechter wird, erkenne ich weniger Handlungsspielraum.

Eine Beobachtung aus dem Festival am House of Change wurde mir besonders wichtig: die Kraft des positiven Bildes. Nicht als naives Schönreden. Nicht als «alles wird gut»-Plakat. Sondern als Haltung, die Menschen in Bewegung bringt.

Diskussion zur Menschlichkeit, Bildung und Freundlichkeit am House of Change Festival 2026. (Foto: Mirjam Kluka)

Wenn wir eine Zukunft nicht nur als Bedrohung beschreiben, sondern auch als gemeinsamen Möglichkeitsraum, verändert sich etwas. Dann wird Zukunft nicht nur etwas, das auf uns zukommt. Sondern etwas, das wir mitgestalten können.

Dabei geht es für mich stark um Menschlichkeit und Zusammenhalt. Denn durch Menschlichkeit und Zusammenhalt sind wir stärker als alleine. Gerade in Zeiten, in denen vieles komplex, unsicher oder überfordernd wirkt, ist das vielleicht eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen überhaupt: nicht nur individuell resilient zu sein, sondern kollektiv tragfähig zu werden: mit Freundlichkeit. Alle haben unterschiedliche Erfahrungen und wollen alle in eine wünschenswerte Zukunft.

Oder wie es Kay Janina Hefti nach der Weiterbildung «Future Track» formulierte:

«Es gibt keine singulare Zukunft, sondern multiple Zukünfte. Und die Zukunft ist auch unfair verteilt: Leute, die sich schon längstens mit AI etc. beschäftigen, befinden sich in einer anderen Gegenwart als Leute, die sich überhaupt noch nicht damit befasst haben.»

Dieser Satz bleibt hängen. Denn er zeigt: Zukunft ist nicht für alle gleich weit weg. Manche leben bereits in Arbeitsrealitäten, die für andere noch wie Science Fiction wirken. Manche experimentieren längst mit KI, Automatisierung und neuen Lernformen. Andere stehen noch vor der Frage, ob sie sich überhaupt damit beschäftigen sollen.

Betrachtung

Im Umkehrschluss heisst das: Wir brauchen diese ganzen Future-Initiativen auf verschiedenen Ebenen. Nicht, weil sie die Zukunft vorhersagen können. Sondern weil sie helfen, komplexe Entwicklungen zu verstehen, Entscheidungen vorzubereiten, Unsicherheit auszuhalten und eigene Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.

Sie geben uns Werkzeuge an die Hand, um die eigene Zukunft in einer schnell verändernden Zeit aktiver mitzugestalten.

Und wieso ist das wichtig?

Weil früher der persönliche Weg oft klarer schien. Mein Vater war Schuster, also wurde ich – wenn männlich gelesen – vielleicht auch Schuster. Heute ist das nicht mehr der Fall. Berufswege, Rollen, Technologien und Lebensentwürfe sind offener, brüchiger, flexibler geworden.

Zukunft ist deshalb kein Affe, der zufällig etwas Richtiges tippt.

Zukunft ist ein Muster, das wir erkennen können.

Und ein Mindset, mit dem wir entscheiden, wie wir darauf reagieren.

Vielleicht brauchen wir dafür genau das: eine Zukunftsgespürbrille. Keine Glaskugel, die uns sagt, was kommt. Sondern eine Haltung, mit der wir Muster erkennen, Möglichkeiten sehen und gemeinsam handlungsfähig bleiben.

INFOBOX

Die Zukunftsgespürbrille kann man übrigens auch im CAS Education Futurist der PH Zürich anziehen. Weitere Informationen und nächste Infoveranstaltungen finden sich hier.

Mehr zum Thema gibt es im Podcast zum Hören mit Charlotte.

Und wer sich für das interne Angebot «Future Track» für eine starke Hochschuladministration interessiert, darf sich gerne per E-Mail bei Charlotte Axelsson melden.

Charlotte freut sich ausserdem über Rückmeldungen: Was ist deine Lieblings-App auf der du die Zukunft erahnst?

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