Green Skills: Was Bildung heute nachhaltig macht

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Text von Corinna Borer

Warum nachhaltige Kompetenzen mehr sind als Umweltwissen

Nachhaltigkeit lässt sich längst nicht mehr auf einzelne Umweltprojekte reduzieren. Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Ressourcenknappheit und globale Ungleichheiten verändern, wie wir lernen, arbeiten, wirtschaften und zusammenleben. Damit wird Nachhaltigkeit zur Kompetenzfrage: Welche Fähigkeiten brauchen Menschen, um diese Veränderungen zu verstehen und verantwortungsvoll mitzugestalten?

Green Skills: Die Kompetenzen hinter den Technologien der grünen Transformation. Der Windpark von Paldiski an der Ostsee. (Bild: Adobe Stock)

In diesem Zusammenhang ist immer häufiger von «Green Skills» die Rede. Der Begriff klingt vielversprechend, bleibt aber erklärungsbedürftig. Während meiner Weiterbildungszeit habe ich mit Lehrenden aus unterschiedlichen Bildungskontexten in der Grund- und Berufsbildung gesprochen und war unter anderem in Schulen in Estland und Finnland. Sowohl das eine als auch das andere Land haben ein angesehenes Bildungssystem und eine für mich interessante geschichtliche Entwicklung durchlaufen. In den Gesprächen wurde für mich deutlich: Green Skills, Greening, Green Life Skills oder Bildung für nachhaltige Entwicklung gelten als wichtig, bleiben aber oft Randthemen oder werden als Modewort wahrgenommen. Gerade deshalb lohnt sich ein genauerer Blick: Was sind Green Skills, und was bedeuten sie für lebenslanges Lernen?

Green Skills: Future Skills mit Nachhaltigkeitskompass

Green Skills ist ein Begriff, der je nach Kontext unterschiedlich gefüllt wird. Häufig werden darunter Kompetenzen verstanden, die Menschen benötigen, um zu einer ressourcenschonenden, klimaverträglichen und nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft beizutragen. Eng gefasst geht es um technisch-fachliche Fähigkeiten für sogenannte Green Jobs, etwa in erneuerbaren Energien, Energieeffizienz, nachhaltigem Bauen, Kreislaufwirtschaft oder Umweltmanagement.

Für Lernen und Bildung greift dieses Verständnis jedoch zu kurz. Green Skills umfassen auch systemisches Denken, kritisches Urteilen, Kooperation, Kommunikation, Zukunftsdenken sowie den Umgang mit Unsicherheit und Zielkonflikten. Der Begriff «Green Life Skills» von Kwauk und Casey (2021) erweitert den Blick zusätzlich: Es geht darum, dass Menschen die Wurzeln ökologischer und sozialer Krisen verstehen, eigene Handlungsmöglichkeiten erkennen und Verantwortung im Alltag, in Organisationen und in der Gesellschaft übernehmen.

Damit stehen Green Skills in engem Zusammenhang mit der Agenda 2030 und den Sustainable Development Goals. Nachhaltigkeit bedeutet dort nicht nur Klimaschutz, sondern auch Bildung, Gesundheit, Gerechtigkeit, menschenwürdige Arbeit, nachhaltigen Konsum und starke Institutionen.

Green Skills überschneiden sich mit Future Skills, setzen aber einen klareren normativen Fokus: Sie fragen nicht nur, welche Kompetenzen Menschen für die Zukunft brauchen, sondern wie diese Zukunft nachhaltig, gerecht und verantwortungsvoll mitgestaltet werden kann. Kurz gesagt: Green Skills sind Future Skills mit Nachhaltigkeitskompass.

Erst verstehen, dann handeln

In meinen Gesprächen mit Akteur:innen der Berufs- und Erwachsenenbildung in Finnland wurde deutlich, dass Green Skills teilweise als Hype wahrgenommen werden. Wenn der Begriff schnell verwendet wird, ohne dass klar ist, was damit gemeint ist, wird «green» beliebig.

Gerade deshalb braucht es zuerst ein grundlegendes Verständnis: Wie funktionieren Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft? Wie hängen Umweltressourcen, Konsum, Arbeit und Zusammenleben zusammen? Erst auf dieser Grundlage entstehen Kompetenzen, die mehr sind als oberflächliche Anpassung.

Bei SYKLI, einem finnischen Environmental College, wurde für mich klarer, wie gross der Bedarf an Weiterbildung ist. Nachhaltigkeit muss in berufliche und organisationale Praxis übersetzt und gelebt werden: Wie nutzen wir Ressourcen? Wie können Organisationen und Unternehmen nachhaltiger planen und arbeiten? Und welche Kompetenzen brauchen Fachpersonen, Führungskräfte und Lehrende, um Veränderungsprozesse zu realisieren?

Nachhaltigkeit als Kompetenz verstehen

Ein hilfreicher Referenzrahmen dafür ist «GreenComp», der europäische Kompetenzrahmen für Nachhaltigkeit. Er basiert auf dem Europäischen Grünen Deal von 2019 und beschreibt Nachhaltigkeit als Kompetenz in vier Bereichen: Nachhaltigkeitswerte verkörpern, Komplexität annehmen, nachhaltige Zukünfte entwerfen und für Nachhaltigkeit handeln.

GreenComp macht deutlich: Nachhaltigkeitskompetenz bleibt nicht beim Wissen stehen. Lernende sollen Werte reflektieren, Systeme verstehen, Zielkonflikte erkennen, Zukunftsbilder entwerfen und handeln können. Genau darin liegt die Stärke von Green Skills: sie fragen nicht nur, was Menschen über Nachhaltigkeit wissen sollen, sondern was sie brauchen, um Nachhaltigkeit in konkreten Situationen umzusetzen.

Die Dimensionen von Green Skills für nachhaltige Arbeitsmärkte und Gesellschaften. Eigene vereinfachte Darstellung von Corinna Borer auf Basis von Kwauk und Casey (2021).

Ein wichtiger Bezugspunkt ist dabei Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). BNE fragt, wie Menschen lernen, gute Entscheidungen für eine nachhaltige Zukunft zu treffen – im Alltag, im Beruf und als Teil der Gesellschaft. Green Skills knüpfen daran an und machen konkreter, welche Fähigkeiten dafür gebraucht werden: Zusammenhänge erkennen, unterschiedliche Perspektiven einbeziehen, Zielkonflikte aushalten und ins Handeln kommen. So wird Nachhaltigkeit nicht nur besprochen, sondern in konkreten Situationen angewendet und geübt.

Beim Individuum beginnen – und die Institution mitdenken

Bei meinem Besuch der Gaia Schule in Tallinn wurde sichtbar, wie früh Green Skills angelegt werden können. Die Schule orientiert sich am Gaia-Education-Verständnis von «healthy person, healthy community, healthy world». Nachhaltigkeit wird dort nicht nur als Umweltthema verstanden, sondern als Beziehung: zu sich selbst, zur Gemeinschaft und zur Welt.

Kinder üben im Klassenzimmer oder in der Natur (outdoor schooling), ihre Meinung zu äussern, anderen zuzuhören, zu beobachten, sich zu präsentieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Sie lernen beispielsweise, woher Lebensmittel kommen, wie Obst und Gemüse angebaut werden und welche Rolle natürliche Kreisläufe für eine nachhaltige Zukunft spielen. Damit entwickeln sie Kompetenzen, die für nachhaltiges Handeln entscheidend sind: sich selbst und andere wahrnehmen, Zusammenhänge verstehen und Verantwortung in einer Gemeinschaft übernehmen.

Die Natur als Klassenzimmer (outdoor schooling): Green Skills von klein auf fördern. (Bild: Corinna Borer)

Green Skills beginnen also nicht erst in der Berufsbildung. Sie entstehen dort, wo Menschen lernen, sich selbst, andere und die Welt bewusst wahrzunehmen. Gleichzeitig brauchen sie Institutionen, die nachhaltiges Denken und Handeln im Alltag ermöglichen – in Unterricht, Schulkultur, Führung, Partizipation und Zusammenarbeit.

Hochschulen: Nachhaltigkeit lehren und leben

Für Pädagogische Hochschulen ergibt sich daraus eine doppelte Verantwortung. Sie bilden Lehrpersonen, Ausbildner:innen, Schulleitungen und weitere Fachpersonen aus und weiter, die Green Skills in Bildungsorganisationen fördern sollen. Gleichzeitig müssen Hochschulen Nachhaltigkeit in der eigenen Institution glaubwürdig gestalten und leben.

Dass Green Skills heute weit über Umweltwissen hinausgehen, verdeutlichen europäische Erasmus+ Projekte wie ComeThinkAgain, an dem die PH Zürich als Partnerinstitution beteiligt ist, sowie Personal Green Skills in Higher Education, das von der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt gemeinsam mit europäischen Partnern umgesetzt wird. Beide Projekte verknüpfen Nachhaltigkeitskompetenzen mit digitalem Denken, Entrepreneurship, Weiterbildung und Train-the-Trainer-Ansätzen.

Für die PH Zürich bietet die Nachhaltigkeitspolicy einen institutionellen Rahmen. Entscheidend ist jedoch, wie dieser im Alltag sichtbar wird: in Lehrveranstaltungen, Mobilität, Ernährung, Beschaffung, Digitalisierung und Zusammenarbeit. Dozierende müssen dabei keine perfekten Vorbilder sein. Ihre professionelle Vorbildrolle besteht vielmehr darin, Zusammenhänge sichtbar zu machen, Zielkonflikte offenzulegen und mit Studierenden Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Eine zentrale GreenComp-Kompetenz ist dabei systemisches Denken: Nachhaltigkeitsfragen nicht isoliert zu behandeln, sondern ökologische, soziale, ökonomische und globale Dimensionen miteinander zu verbinden.

Green Skills sind deshalb weniger ein fertiger Kompetenzkatalog als eine gemeinsame Lernaufgabe — in Lehre, Hochschulkultur und konkretem Handeln. Wenn Green Skills also mehr sein sollen als ein Schlagwort: Wo könnten wir in unserem Bildungsbereich das «green» beginnen — beim Wissen, bei der Haltung, in der Kommunikation, bei der Organisation oder beim konkreten Handeln?

INFOBOX

Projekte

In der internationalen Bildungsentwicklung wird die Frage nach Green Skills besonders anspruchsvoll: Die grüne Transformation ist global, zeigt sich aber lokal sehr unterschiedlich. Deshalb lassen sich Green Skills nicht einfach als fertige Kompetenzliste übertragen, sondern müssen mit Partnern vor Ort entwickelt werden. Hier knüpft das Projekt FutureS in der Republik Moldova der PH Zürich an. Future und Green Skills können hier als Querschnittsperspektive verstanden werden – in Unterrichtsmaterialien, in der Weiterbildung von Lehrpersonen, in Schulentwicklungsprozessen und in der Zusammenarbeit mit lokalen Partnerinstitutionen.

ComeThinkAgain, ein weiteres Projekt der PH Zürich, verbindet Computational Thinking, Entrepreneurship Education und Green Skills in Berufs- und Hochschulbildung.

Literaturtipps/Weitere Informationen

- Die Publikation «Nachhaltigkeit in Bildungsorganisationen gestalten» von Irene Lampert und Dominik Allenspach zeigt, warum BNE nicht als Zusatzthema, sondern als Whole School bzw. Whole Institution Approach verstanden werden muss.
zum Interview mit den Autor:innen und zur Publikation

- GreenComp bietet einen europäischen Kompetenzrahmen für Nachhaltigkeit und unterscheidet vier Bereiche: Werte, Komplexität, Zukunft und Handeln.
Guia Bianchi, Ulrike Pisiotis & Marcelino Cabrera Giraldez, 2022: GreenComp: The European Sustainability Competence Framework

- Gaia Education / Gaia YES! unterstützt Lehrpersonen und Bildungsinstitutionen bei Education for Sustainable Development.
Gaia Education, o. J.: Gaia YES! Curriculum for Teachers and Educators

Über die Autorin

Corinna Borer ist Dozentin für Globales Lernen und leitet Projekte in der Abteilung Internationale Bildungsentwicklung der PH Zürich.