Demenz oder Doping? Social Media in der Weiterbildung

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Beitrag von Philippe Wampfler, Gymnasiallehrer, Hochschuldozent und Experte für Lernen mit Neuen Medien.


Lernende erleben sich als wichtigeren Teil einer Lehrveranstaltung, wenn sie dazu aufgefordert werden, sie mit Social Media zu begleiten. Sie haben den Eindruck, ihre Bedürfnisse und Meinungen spielten eine grössere Rolle, wenn sie sie im Web 2.0 ausdrücken können.  Eine Studie der Universität Hong Kong belegt dies etwa im Hinblick auf die Begleitung von Vorlesungen durch Blogs.

Aufgeblähte Ängste

Technisch ist z.B. eine Blogbegleitung problemlos umsetzbar. Dennoch ist der Einsatz von Social Media zu Lernzwecken an Hochschulen im deutschen Sprachraum noch immer selten – auch in der Weiterbildung. Der Diskurs um Social Media ist nicht zuletzt auch von wenig fundierten Ängsten und Polemiken geprägt, vergleiche die Debatten um «Digitale Demenz» und oder «Digital Detox». Wieso eigentlich?

Social Media
Social Media: Digitale Demenz oder Doping fürs Hirn?

Menschen lernen seit jeher in Netzwerken. Gut sichtbar ist das am Arbeitsplatz, wo sich Gemeinschaften (Communities of Practice) unter den Fachkräften bilden. Diese bewältigen ähnliche Aufgaben und lernen deshalb intensiv informell. Lehrpersonen sind dafür ein gutes Beispiel – viele Methoden und Kompetenzen entwickeln sie im engen Austausch mit anderen.

Social Media als Fugenkitt

Diese oft unbewussten und unsichtbaren Lernprozesse sind eine zentrale Ressource für die Weiterbildung, weil sie langfristig wirksam und mit hoher Motivation verbunden sind. Social Media sind ihr Medium: Sie schaffen Lernumgebungen, die aus einem Mix aus Unterhaltung und Arbeit, privater und beruflicher Kommunikation, engen und losen Beziehungen bestehen. Die Lehrerin, die über Facebook über ihre Unterrichtsideen berichtet, erhält Feedback von anderen Lehrkräften, aber vielleicht auch von einer Erziehungwissenschaftlerin oder einem Sozialarbeiter. Kann sie an einer Weiterbildungsveranstaltung über ihre Lernaktivitäten auf Facebook sprechen, so vernetzen sich bei diesem Profil unter Umständen andere Teilnehmende. Der Austausch bleibt dadurch auf informeller Ebene erhalten und kann sich intensivieren, wenn Lerngelegenheiten auftauchen.

Aus der Perspektive der Lernenden in Weiterbildungen ist die Vorstellung einer persönlichen Lernumgebung (Personal Learning Environment) bedeutsam. Sie betont die Bedeutung der Individualisierung des Lernprozesses, der auch bei der Vernetzung eine Rolle spielt: Lernende dokumentieren ihre Lernprozesse im Austausch mit Fachpersonen und anderen Lernenden in selbstgestrickten Umgebungen. Social Media sind hier ein wichtiges Hilfsmittel, weil die von (Hoch-)Schulen angebotenen Lernmanagement-Systeme in ihrem geschlossenen Setting immer davon ausgehen, dass Lerngruppen homogen sind und langfristig bestehen bleiben. Gerade die Weiterbildung ist mit dieser Idee nicht kompatibel, denn Teilnehmende gehören zu vielen verschiedenen Lerngruppen. Sie brauchen Social Media, um einen Kitt zwischen verschiedenen geschlossenen Systemen herstellen zu können. So können sie Materialien und Beziehungen im richtigen Moment aktualisieren können.

Positive Erfahrungen sind nötig

Die Vorstellung, Schnittstellen in der Weiterbildung mit Social Media zu verknüpfen, ist nicht neu. Um aber eine angelsächsische Lockerheit im Umgang mit digitalen Medien auch im deutschen Sprachraum zu etablieren, braucht es viele positive Erfahrungen in einem professionellen Kontext. Das ist deshalb wichtig, weil nur experimentierfreudige Lehrende und Lernende innovative und sinnvolle PLEs aufbauen. Zu empfehlen ist ein Weg, auf dem kaum wahrnehmbare Stufen erklimmt werden können – hin zu offener, personalisierbarer digitaler Arbeit.

PLE: Beispiel für ein Personal Learning Environment
Mindmap-Darstellung einer PLE

Wenn möglich soll die Wahl der Tools und Formate den Lernenden überlassen werden. Dozierende regen einen Austausch über informelle und berufliche Lernprozesse an und bieten Angebote zur Verknüpfung unter den Lernenden an. Hilfreich ist dabei immer der Blick hin zu gut vernetzten Communities, die sich regelmässig austauschen.  Wertvoll ist auch der Kontakt zu Fachleuten aus dem eigenen Bereich, die Social Media bewusst für ihre Persönlichen Lernumgebungen nutzen. Neue Lernerfahrungen mit Social Media sollen in der Weiterbildung systematisch angeregt, gewürdigt und reflektiert werden. Gerade weil es einen starken Diskurs gibt, der kritische Aspekte aufbläht, müssen erste Schritte unterstützt und begleitet werden.

Nicht nur Lern- sondern auch Marketing-Instrument

Wie eingangs betont, können Social Media Weiterbildungsteilnehmende dazu ermuntern, ihr berufliches und informelles Lernen in einem Blog und mit anderen Social-Media-Tools zu dokumentieren. So machen sie ihre Lernressourcen verfügbar und öffnen ihre Lernprozesse für Diskussionen. Eine solche kommunikative Offenheit ist für Institutionen, die sie unterstützen, kein Verlust, sondern ein wirksames Marketing-Instrument in ihrer Zielgruppe.

Philippe Wampfler verfasst einen Beitrag «Social Media in der Weiterbildung» für das Buch «Weiterbildung an Hochschulen. Über Kurse und Lehrgänge hinaus» (Hrsg. T. Zimmermann, G. Thomann & D. Da Rin). Dieser 7. Band unserer Buchreihe «Forum Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung» wird im Jahr 2017 erscheinen.
>> ZHE-Buchreihe «Forum Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung»

In Wampflers Blog «Schule und Social Media» finden sich viele spannende Gedanken zu Neuen Medien und Lernen.

8 Gedanken zu „Demenz oder Doping? Social Media in der Weiterbildung“

  1. Lieber Philippe Wampfler
    Ich glaube, dass vieles etwas kurz greift. Einerseits ist es durchaus wichtig, auf negative Erscheinungen der Nutzung von digitalen Medien aufmerksam zu machen. Es gibt eben Opfer und Süchtige und Überforderte… aber man soll das Kind ja nicht mit dem Bad ausschütten.
    Andererseits hat es mich immer wieder erschreckt, wie relativ die digitale Kompetenz von Studierenden ist. Da werden zwar verschiedenste Plattformen genutzt, gleichzeitig herrschat aber auch das vollständige Chaos, was jetzt wie und wo abgelegt ist.
    Meine Studierenden durften/mussten in meinem Unterricht etwa Bloggen – die Ergebnisse waren aber durchaus marginal und mussten unter “Beurteilungsdruck” eingefordert werden. Bei den ersten Versuchen mit Wikis war es noch schlimmer – kaum Interaktion…
    Ich glaube, wir müssen den Einsatz digitaler Medien für den Unterricht durchaus nutzen, sinnvolle Szenarien entwickeln und diese Arbeitsformen einbinden. Gleichzeitig sollten wir aber sehr gut darauf achten, ob die dafür aufgewendete Zeit das Ergebnis einigermassen rechtfertigt.
    Zwei Punkte vielleicht; “communities of practice” sind sehr häufig deshalb effektiv und erfolgreich, weil sie überregional funktionieren, dadurch ressourcenschonend und effizient sind.
    Den Studierenden der Universität von Hong Kong könnte man zu überlegen geben, ob ein Inhalt dadurch wert- oder gehaltvoller wird, weil er über social media verbreitet wird. Dass dadurch nämlich auch Austausch dieser Lernressourcen stattfindet, wage ich zu einem grossen teil zu bezwifeln. Ich fürchte eher, dass damit wieder eine Menge neuer Datenleichen im Web herumgeistern.
    Damit wir uns richtig verstehen – ich unterstütze den Einsatz sozialer Medien in Unterricht und Lehre, denke aber, dass alle Beteiligten Zeit und Unterstützung brauchen, um dann selbstsicher entscheiden zu können, was, wo und wie sie austauschen wollen.
    Danny Frischknecht, selbständiger ICT-Berater für Schulen, ehemals Dozent an der Pädagogischen Hochschule Thurgau

  2. Lieber Danny

    Danke für deinen Kommentar und deine Perspektive. Mich interessiert bei solchen Beschreibungen (Studierende Bloggen nur unter Druck, geringe Kompetenzen, »Datenleichen«) immer, warum das so ist: Was sind denn Bedingungen, die Blogs oder andere Aktivitäten im Netz attraktiv machen? Wann findet ein echter Austausch in einer Gemeinschaft statt, der mehr ist als eine Alibiübung oder eine Reaktion auf extrinsische Anstöße? Wann erleben Menschen den Aufbau von Kompetenzen als sinnhaft?
    Das kann man sicher nicht pauschal beantworten. Nur glaube ich, dass diese Fragen zu oft gar nicht gestellt werden, weil sie im Rahmen eines konservativen Gefahrendiskurs eine Richtung ansteuern, die für die Bildung als Bedrohung angesehen wird.
    Wer Medien im Unterricht offen einsetzt und untersucht, was passiert – und dann reflektiert zu einem analogen Modell zurückkehrt, muss sich meiner Meinung nach nicht rechtfertigen. Aber es gibt noch zu viel Know How, das informell und versteckt entwickelt wird – das ließe sich mit Social-Media-Tools leicht präsentieren und in Netzwerke einbringen. Doch es braucht in den Communities of Practice Fachkräfte, die das glaubwürdig tun. Sonst wird das wirklich zu einer leeren Übung.
    Mit besten Grüßen, Philippe

  3. Einige Blogs aus dem Hochschulbereich, die von Studierenden geschrieben wurden und von denen ich profitiert habe, weil sie nicht in geschlossenen Lernumgebungen angesiedelt sind:
    – Uni Wien zur “digitalen Geschichtswissenschaft” http://dguw.hypotheses.org/date/2015/03
    – CAS “Digital Leadership” der HWZ: https://hwzdigital.ch/author/hwzdigitalleader/
    – Lehrveranstaltung “Informationsgesellschaft, -ethik und -politik” der HTW Chur: http://blog.hdzimmermann.net/2016/04/blogs-von-studierenden-als-teil-einer.html
    – UZH: Master-Seminar “Kunstgeschichte des Mittelalters”: http://www.phil.uzh.ch/elearning/blog/kunstsnm/einfuehrung/

  4. Szene 1
    A: “Hast du meine eMail nicht bekommen?” – B: “Meinst du, ich sitze jeden Tag am Computer?”.

    Szene 2
    Ich bin gestern 5 Minuten vor der Abfahrt in Lugano in den Zug nach Zürich gestiegen, habe mit meinem Smartphone eine Fahrkarte bis nach Schaffhausen gekauft (Fr. 38.50) und bin 2 Minuten vor Abfahrt wieder ausgestiegen. Echt. Den Grund gebe ich hier nicht bekannt.

  5. Unbestritten: Das Werkzeug schreibt (und formt das Denken) mit. Dieses Potenzial bleibt (nicht nur in der Hochschullehre oder im Unterricht) noch weitgehend ungenutzt. Aber der Einsatz von Social-Media-Tools führt nicht automatisch zu besseren Denkleistungen und Diskussionsbeiträgen, wenn er nicht angeleitet, geübt und (kriterienbasiert) reflektiert wird. Schliesslich steht und fällt alles damit, ob die Aufträge und Schreibanlässe authentisch, profiliert und sinnvoll sind. Letztlich geht es also gar nicht um den Einsatz dieser oder jener neuen medialen Technik (und der damit verbundenen Technikkompetenz). Wer nicht weiss, wie man konstruktiv Feedback gibt oder schlüssig argumentiert, wird das auch in einer interaktiv-dynamischen Medien- und Lernumgebung nicht auf Anhieb hinbekommen. – Schreibt man mit Bleistift (rechte Hand, linke Hemisphäre) die besseren Texte als auf der Tastatur (beide Hände, beide Hemisphären, wobei die linke Hand, glaube ich, etwas mehr zu tun hat)?

    1. @Daniel Ammann Ja: Kranzbergs erstes Gesetz lautet ja, dass Technik weder gut noch böse sei – und schon gar nicht neutral. Insofern stimmt das alles, aber ich kann Feedback geben oder argumentieren nicht aus ihren Bedingungen lösen. Wenn ich weiß, dass ich mein Feedback verändern kann und dass es halb-öffentlich stattfindet und von außen wahrgenommen wird, verändert das meinen Stil, mein Sprachhandeln, es stellt andere Anforderungen an meine Kompetenz. Aber damit sind wir beim Anfang dieses Kommentar: Selbstverständlich braucht es Anleitung, Übung, Reflexion.

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