Multiprofessionelle Teams_Schülerbegleitung_Volksschule

Überlegungen zur Volksschule und zu multiprofessionellen Teams

Im Rahmen eines Leistungsnachweises im Modul «Multiprofessionelle Teams» hat sich Oliver Suter, Schulleiter der Schule Rüterwis in Zollikon, Überlegungen zur Bedeutsamkeit und Umsetzung von multiprofessionellen Teams an Volkschulen gemacht. Seine Gedanken sollen mit anderen Führungspersonen im Blog geteilt werden.

Der Auftrag der Volksschule basiert im Wesentlichen auf der Bundesverfassung sowie auf den kantonalen Verfassungen, Gesetzen und Verordnungen. Er erwächst grundsätzlich aus dem Recht auf Bildung und der daraus hervorgehenden Schulpflicht. Letztere umfasst gleichermassen Bildung und Erziehung und richtet sich an alle Kinder und Jugendlichen in der Schweiz. Die Volksschule ist damit eine der wenigen gesellschaftlichen Institutionen, die alle Menschen während eines wichtigen Teils ihres Lebens durchlaufen. Sie ist zudem der einzige Ort, an dem sich nahezu alle Kinder und Jugendlichen während elf Jahren regelmässig begegnen, unabhängig von Herkunft, Begabung, sozialem Hintergrund oder persönlichen Voraussetzungen.

Dieser Umstand ist wichtiger, als er zunächst scheint. Denn diese besondere Stellung verleiht der Volksschule eine hohe gesellschaftliche Bedeutung, Verankerung und Verantwortung. Sie hat nicht nur die Aufgabe, Wissen und Kompetenzen zu vermitteln, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und die Schüler:innen auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer demokratischen Gesellschaft vorzubereiten. Bildung und Erziehung lassen sich dabei nicht voneinander trennen. An den meisten Schulen in der Schweiz gesellt sich längst auch die Betreuung dazu, die vielerorts einen integralen Bestandteil des Systems «Schule» darstellt. Wenn im Folgenden von «Bildung» und/oder «Schule» die Rede ist, so ist die Betreuung immer explizit mitgemeint.

Grundlage schulischer Bildung ist die Erkenntnis, dass menschliche Gesellschaften auf der Weitergabe von Wissen, Erfahrungen und kulturellen Errungenschaften beruhen. Die Theorie der kumulativen Kulturentwicklung verdeutlicht, dass jede Generation auf den Leistungen der vorangegangenen aufbaut. Schule schafft daher die Voraussetzungen dafür, dass Kinder und Jugendliche an diesem kulturellen Wissen nicht nur teilhaben, sondern es auch weiterentwickeln können. Dies ist von fundamentaler Bedeutung für jede Gemeinschaft und ihre Organisationsformen.

In einer Zeit, in der Informationen jederzeit verfügbar und hochentwickelte Technologien und Hilfsmittel wie etwa die künstliche Intelligenz (KI) allgegenwärtig sind, geniesst die Aneignung eines möglichst breit gefassten Grundwissens höchste Priorität. Denn kritisches Denken setzt ein solides Basiswissen und den Erwerb wichtiger Grundkompetenzen voraus. Wer Zusammenhänge beurteilen, Informationen einordnen oder Technologien reflektiert nutzen will, benötigt ein tragfähiges Fundament aus Kenntnis, Erfahrung und Verständnis. Ein solches Fundament zu legen, gehört heute zu den zentralen Aufgaben der Volksschule.

Nach Ansicht des Verfassers sollte sich unser pädagogisches Verständnis bei der Bewältigung dieser Aufgabe an einem positiven Menschenbild orientieren. Kinder und Jugendliche werden von Natur aus als lernfähige, entwicklungsfähige und verantwortungsbereite Menschen verstanden, die auf Begleitung, Orientierung und Beziehung angewiesen sind. Konzepte wie die Neue Autorität, die Positive Psychologie oder die Kompetenzorientierung bilden hier wichtige Bezugspunkte unseres Handelns. Dabei stehen insbesondere die vier Zukunftskompetenzen Kreativität, Kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration im Zentrum.

Lernen verstehen wir demnach nicht als blosse Wissensaneignung, sondern als umfassenden Entwicklungsprozess. Dazu gehören soziale Erfahrungen ebenso wie das Erlernen von Selbststeuerung, Kooperation und Verantwortungsübernahme. Fehler sind nicht primär Defizite, sondern vielmehr Lerngelegenheiten. Schule sollte daher ein geschützter Lernraum sein, in dem Kinder und Jugendliche (und mit ihnen alle beteiligten Fachkräfte) experimentieren, scheitern, reflektieren und an ihren Erfahrungen wachsen können. Ein Aspekt, der gerne übersehen wird, dessen Bedeutung aber nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Gleichzeitig findet Lernen nie ausschliesslich in der Schule statt. Familie, Freizeit, Vereine, digitale Medien und Peer-Groups beeinflussen die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wesentlich mit. Schule ist deshalb immer auch Teil eines grösseren Bildungsökosystems und damit auf eine konstruktive Zusammenarbeit mit ihrem Umfeld angewiesen. Unterricht und Betreuung bilden dafür einen wichtigen Lern-, Reflexions- und Lebensraum. Betreuung ist also nicht bloss Ergänzung von Schule, sondern Teil des Bildungsauftrags. Auch dies ist keine Selbstverständlichkeit.

Theoretische Modelle wie das Angebot-Nutzungs-Modell (Helmke 2008), das St. Galler Schulmodell (Seitz und Capaul 2005) oder das Zürcher Schulentwicklungsrad (Brückel u. a. 2023) verdeutlichen, dass Lernerfolg nicht allein von Strukturen oder Ressourcen abhängt. Entscheidend ist die Qualität der Prozesse. Schule kann günstige Bedingungen schaffen, Lernangebote bereitstellen, Lernprozesse begleiten und Entwicklungsräume eröffnen. Das Lernen selbst bleibt jedoch eine aktive Leistung der Lernenden.

Welche Ressourcen haben wir?

Zur Erfüllung ihres Auftrags verfügt die Schule über unterschiedliche Ressourcen und Gestaltungsmöglichkeiten. Dazu zählen zunächst ein gemeinsam getragenes Leitbild sowie strategische Ziele, die Orientierung schaffen und die Entwicklung der Schule steuern. Ebenso wichtig sind geeignete räumliche und technische Infrastrukturen, denn Räume beeinflussen Lernprozesse und soziale Interaktionen wesentlich mit und können auch als «dritter Pädagoge» verstanden werden.

Darüber hinaus benötigt Schule eine leistungsfähige Organisation mit einem klaren Qualitätsanspruch. Als selbstlernende Organisation überprüft sie ihr Handeln regelmässig (beispielsweise durch Umfragen), reflektiert die Ergebnisse und entwickelt sich kontinuierlich weiter. Der aus der Wirtschaft stammende PDCA-Zyklus (Plan-Do-Check-Act) bietet hierfür einen geeigneten, gut etablierten Orientierungsrahmen.

Eine zentrale Ressource sind die Menschen, die in der Schule arbeiten: Lehrpersonen, Schulassistent:innen, Betreuungspersonen, schulische Heilpädagog:innen, Fachpersonen verschiedener Disziplinen sowie die Schulleitung bringen unterschiedliche Kompetenzen ein. Die zunehmende Komplexität schulischer Aufgaben macht daher multiprofessionelle Zusammenarbeit nicht zu einem Luxus, sondern zu einer Notwendigkeit. Will Schule langfristig erfolgreich sein, wird hier aus dem «Nice-to-have» zwangsläufig ein «Must».

Hinzu kommen Lehrmittel, digitale Werkzeuge, externe Lernorte sowie weitere materielle und immaterielle Ressourcen, die gezielt eingesetzt und genutzt werden wollen.

Wie setzen wir diese Mittel wirksam ein?

Für erfolgreiche Schulen gibt es keine Patentrezepte. Jede Schule bewegt sich in ihrem eigenen Kontext und muss passende Lösungen für ihre spezifischen Herausforderungen entwickeln. Dennoch lassen sich einige zentrale Orientierungspunkte benennen.

Die Grundlage bildet ein gemeinsam getragenes Verständnis von Werten, Haltungen und Zielen. Nur wenn alle Beteiligten eine von allen geteilte Richtung verfolgen, kann daraus kohärentes Handeln entstehen. Ebenso wichtig ist die konsequente Ausrichtung auf die angestrebten Ergebnisse. Schulentwicklung bedeutet, die Wirkung des eigenen Handelns regelmässig zu überprüfen und Prozesse kontinuierlich daraufhin anzupassen. Qualitätsentwicklung ist deshalb kein «zusätzliches» Projekt, sondern ein fortlaufender, integrativer Lern- und Entwicklungsprozess. Sie gehört gewissermassen zur DNA jeder erfolgreichen Schule.

Die Koordination dieser Prozesse geschieht nicht von selbst. Es gehört zu den zentralen Aufgaben der Schulleitung, gemeinsame Ziele zu klären, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen und die Zusammenarbeit der verschiedenen Professionen auf den Bildungs- und Erziehungsauftrag auszurichten.

Eine erfolgreiche Schule basiert ausserdem auf konsequenter Zusammenarbeit. Unterricht, Betreuung, Schulleitung, Eltern und weitere Partner tragen gemeinsam Verantwortung für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Schule kann somit auch als Gesamtkunstwerk verstanden werden, an dem viele Menschen aktiv mitwirken und für dessen Gelingen sie ihr spezifisches Know-how kooperativ einbringen.

Die Umsetzung von Inklusion stellt Schulen vor die Herausforderung, geeignete Lernangebote für eine zunehmend heterogene Schülerschaft bereitzustellen und spezifische Bedürfnisse angemessen zu berücksichtigen. Besondere Bedeutung kommt dabei der Gestaltung von Lernräumen und Lernsettings zu. Unterschiedliche Kinder lernen auf unterschiedliche Weise. Deshalb benötigen Schulen vielfältige Lernformen, die individuellen Voraussetzungen und Bedürfnissen Rechnung tragen. Dazu gehören beispielsweise kooperatives Lernen, Projektlernen, individualisierte Lernangebote und die Nutzung ausserschulischer Lernorte.

Ausserdem sollten Lernende befähigt werden, Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess zu übernehmen. Lerntagebücher, Lernjournale oder Portfolios können diesen Prozess unterstützen. Denn nachhaltiges Lernen setzt die Fähigkeit voraus, das eigene Lernen zu planen, zu überwachen und zu reflektieren. Metakognitive Kompetenzen bilden eine wichtige Voraussetzung für selbstgesteuertes Lernen und lebenslange Bildungsprozesse. Lehr- und Betreuungspersonen verstehen sich dabei nicht ausschliesslich als Wissensvermittelnde, sondern zunehmend als multiprofessionell organisierte Lernbegleitende und Coaches mit einer unterstützenden und ermutigenden Funktion.

Besonders wirksam sind Lernprozesse dann, wenn Schüler:innen Selbstwirksamkeit erleben. Wer erfährt, dass eigenes Handeln Wirkung zeigt, entwickelt Motivation, Ausdauer und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Voraussetzung dafür sind sinnvolle, erreichbare und transparente Lernziele, die Orientierung bieten und individuelle Fortschritte sichtbar machen. Feedback und Reflexion spielen in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle. Sie ermöglichen es Lernenden wie auch Lehrpersonen, Entwicklungen wahrzunehmen, Erfolge sichtbar zu machen und daraus neue Lernschritte abzuleiten.

Was wäre ein mögliches Modell?

Das für diesen Lernnachweis erarbeitete Schulentwicklungsmodell hat die Form eines Netzwerks ineinandergreifender Kreise und erinnert (mit etwas Fantasie betrachtet) an einen Kopf. Im Zentrum steht der eigentliche Auftrag der Schule: Bildung und Erziehung zum Wohl des Kindes. Um diesen Kern herum gruppieren sich die verschiedenen Einflussfaktoren und Anspruchsgruppen: Unterricht, Betreuung, Familie, Schulleitung, Lehrpersonen, multiprofessionelle Teams, Infrastruktur, Gesellschaft, Politik sowie weitere Lern- und Erfahrungsräume.

Alle Bereiche stehen in Wechselwirkung zueinander. Keiner von ihnen wirkt isoliert. Gemeinsam bilden sie ein dynamisches System, das darauf ausgerichtet ist, die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen zu mündigen Bürger:innen einer diskursiven Demokratie bestmöglich zu unterstützen.

Schulentwicklungsmodell1

Grafik Schulentwicklungsmodell

1 Schulentwicklungsmodell nach Oliver Suter (2026, mit Hilfe von KI generiert)

Das Modell macht sichtbar, dass erfolgreiche Schule nicht das Ergebnis einzelner Massnahmen ist, sondern aus dem Zusammenspiel aller Faktoren entsteht. Schulentwicklung bedeutet deshalb vor allem, diese Zusammenhänge bewusst zu gestalten, kontinuierlich zu reflektieren und gemeinsam weiterzuentwickeln.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für multiprofessionelle Teams?

Die vorangehenden Überlegungen und das daraus abgeleitete Schulentwicklungsmodell zeigen, dass der Auftrag der Volksschule weit über die Vermittlung von Fachwissen hinausgeht. Bildung und Erziehung umfassen fachliche, soziale, personale und kulturelle Entwicklungsprozesse und finden zudem nicht ausschliesslich im Unterricht statt. Die Schule ist vielmehr Teil eines komplexen Bildungsökosystems, in dem zahlreiche Einflussfaktoren auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen einwirken. Aus dieser Komplexität ergibt sich auch die Notwendigkeit multiprofessioneller Zusammenarbeit.

Keine einzelne Profession verfügt für sich genommen über sämtliche Kompetenzen, die zur Erfüllung des Bildungs- und Erziehungsauftrags erforderlich sind. Alle involvierten Fachkräfte betrachten die Entwicklung eines Kindes aus unterschiedlichen Perspektiven. Erst im Zusammenführen und im Zusammenspiel dieser Perspektiven entsteht ein umfassendes Verständnis der individuellen Situation und der notwendigen Bildungs- und Unterstützungsangebote. Multiprofessionelle Teams stellen keinen organisatorischen Zusatz dar, sondern sind eine direkte Konsequenz des schulischen Auftrags.

Gemeinsamer Auftrag statt Berufsgruppenlogik

Multiprofessionelle Zusammenarbeit gelingt vor allem dann, wenn sich die Beteiligten nicht primär über ihre jeweilige Profession definieren, sondern über den gemeinsamen Auftrag. Die zentrale Frage lautet nicht «Wer ist zuständig?», sondern «Was braucht das einzelne Kind, damit Lernen und Entwicklung gelingen können?». Dadurch verschiebt sich der Fokus von blossen Zuständigkeiten hin zur gemeinsamen Verantwortung für die Bildungs- und Entwicklungsprozesse der Schüler:innen.

Unterschiedliche Perspektiven als Chance und Ressource

Verschiedene Professionen bringen unterschiedliche Beobachtungen, Erfahrungen und Kompetenzen ein:

  • Lehrpersonen beobachten neben Lernprozessen und Leistungen auch das Sozialverhalten.
  • Schulassistent:innen bringen wertvolles Wissen aus der Arbeit mit einzelnen Schüler:innen oder Lerngruppen ein.
  • Betreuungspersonen erleben Kinder häufig in weniger strukturierten Situationen und können deren sozialen Kompetenzen meist sehr gut einschätzen.
  • Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen verfügen über spezifisches Förderwissen.
  • Schulsozialarbeitende bringen sozialpädagogische Perspektiven ein.
  • Therapeutische Fachpersonen ergänzen das Bild durch weitere fachliche Zugänge und Erkenntnisse.
  • Eltern verfügen über wichtige Kenntnisse aus dem familiären und sozialen Umfeld.

Multiprofessionelle Zusammenarbeit bedeutet deshalb nicht Vereinheitlichung, sondern in erster Linie die produktive Nutzung unterschiedlicher Perspektiven und Zugänge. Multiprofessionelle Teams bilden somit Lerngemeinschaften, die gemeinsam lernen. Sie praktizieren

  • gemeinsame Unterrichtsentwicklung,
  • kollegiale Hospitation,
  • Fallbesprechungen,
  • datengestützte Reflexion.

Gemeinsame Verantwortung für Lern- und Entwicklungsräume

Wird Lernen als umfassender Entwicklungsprozess verstanden, können Unterricht und Betreuung nicht isoliert betrachtet werden. Beide Bereiche gestalten gemeinsam Lern- und Erfahrungsräume, in denen Kinder

  • Selbstwirksamkeit erleben,
  • soziale Kompetenzen entwickeln,
  • Verantwortung übernehmen,
  • Fehler machen und daraus lernen,
  • Beziehungen gestalten,
  • Zugehörigkeit und Wirksamkeit erfahren.

Die Verantwortung für diese Entwicklungsräume liegt nicht bei einzelnen Personen, sondern beim Gesamtsystem Schule, in dem multiprofessionelle Teams eine zentrale Funktion haben. Durch Kooperation schaffen sie Räume, in denen individuelles Lernen möglich wird, das auf jede:n Einzelne:n nachhaltig positiv wirkt. Denn Bildung gelingt vor allem dort besonders gut, wo Kinder und Jugendliche Resonanz erfahren, also dort, wo sie sich als wirksam erleben und in eine bedeutsame Beziehung zur Welt treten können. Im Vordergrund stehen dabei Elemente wie

  • Beziehung,
  • Bedeutsamkeit,
  • Selbstwirksamkeit,
  • Sinn,
  • Entwicklung.

Diese Begriffe mögen wie Schlagworte wirken, haben aber eine grosse Bedeutung. Wenn es gelingt, sie dank multiprofessioneller Zusammenarbeit mit Leben zu füllen und in die Unterrichtskonzeption zu integrieren, leisten wir als zukunftsgerichtete Schule einen wesentlichen Beitrag zu nachhaltig wirksamem Lernen.

Kommunikation als Schlüsselkompetenz

Die Qualität multiprofessioneller Zusammenarbeit hängt wesentlich auch von der Qualität der Kommunikation ab. Dazu gehören

  • gemeinsame Ziele,
  • transparente Rollen,
  • gegenseitige Wertschätzung,
  • regelmässiger Austausch,
  • gemeinsame Reflexion,
  • konstruktive Feedbackprozesse.

Erfolgreiche multiprofessionelle Teams entwickeln daher ein gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame Sprache für Lernen, Entwicklung und Förderung. Sie tauschen sich regelmässig über erreichte Ziele und notwendige Verbesserungen der eingesetzten Instrumente aus. Im Idealfall entsteht daraus eine Kultur des auf transparenter Kommunikation beruhenden gemeinschaftlichen Lernens.

Multiprofessionelle Teams als Ausdruck einer lernenden Organisation

Das erarbeitete Schulentwicklungsmodell versteht Schule als lernende Organisation. Damit sind nicht nur die Schüler:innen, sondern alle am Schulprozess beteiligten Personen und Fachkräfte Lernende. Multiprofessionelle Teams schaffen dabei die Voraussetzungen dafür, dass unterschiedliche Erfahrungen, Beobachtungen und Fachperspektiven zusammengeführt werden, um damit optimale Lernbedingungen und vielfältige Lernmöglichkeiten zu generieren, die ständig überprüft werden. Dadurch entsteht organisationales Lernen. Schulentwicklung wird so zu einem gemeinsamen Lernprozess aller Beteiligten.

Der Bildungs- und Erziehungsauftrag der heutigen Volksschule ist ohne multiprofessionelle Zusammenarbeit nicht mehr erfüllbar. Letztere entspricht nicht einfach einer organisatorischen Struktur, sondern bildet vielmehr den integralen Bestandteil einer zeitgemässen Schulentwicklung. Multiprofessionelle Zusammenarbeit ist somit die konsequente Antwort auf die Erkenntnis, dass Bildung und Erziehung heute nur noch gemeinschaftlich gelingen können.

Die Aufgabe der Schulleitung besteht nicht primär darin, einzelne Professionen zu führen, sondern vielmehr darin, deren Zusammenarbeit auf den gemeinsamen Auftrag hin auszurichten und optimale Bedingungen zu schaffen, damit Schule kooperativ funktioniert. Das Wohl des Kindes bildet dabei stets den gemeinsamen Bezugspunkt aller wirkenden Kräfte.

Als Fazit liesse sich sagen: Die Volksschule ist ein lernendes Bildungsökosystem, dessen Leistungsauftrag in der Verbindung von Wissensvermittlung, Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftlicher Teilhabe besteht und dessen Komplexität multiprofessionelle Zusammenarbeit voraussetzt, wenn Schule gelingen soll.

Die nachfolgende Grafik zeigt den Zwischenstand bezüglich multiprofessionell agierender Teams an der Primarschule Rüterwis2.

Grafik Multiprofessionelle Zusammenarbeit

2 Multiprofessionelle Zusammenarbeit an der Primarschule Rüterwis nach Oliver Suter (2026, mit Hilfe von KI generiert)

Epilog: ergänzende Fragen

Die vorliegenden Überlegungen verstehen sich als Versuch, den Auftrag der Volksschule und die Bedeutung multiprofessioneller Zusammenarbeit in einem gemeinsamen Bezugsrahmen darzustellen. Daraus ergeben sich aber auch offene Fragen, die sich nicht abschliessend beantworten lassen.

Wozu bilden wir eigentlich?

Die Volksschule soll Wissen vermitteln, den Erwerb von Kompetenzen unterstützen, Persönlichkeiten stärken und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Dennoch bleibt die Frage bestehen, welches Menschenbild und welches Bildungsverständnis diesem Auftrag letztlich dienen. Geht es primär um die Vorbereitung auf das Berufsleben, um die Entwicklung mündiger Bürger:innen oder um die Entfaltung individueller Potenziale? Wahrscheinlich muss Schule allen drei Ansprüchen gleichzeitig gerecht werden.

Wie viel Individualisierung ist tatsächlich möglich?

Kinder und Jugendliche unterscheiden sich in ihren Voraussetzungen, Interessen und Bedürfnissen. Schule muss dieser Vielfalt Rechnung tragen, ohne dabei den gemeinsamen Bildungsauftrag aus den Augen zu verlieren. Die Herausforderung besteht hier darin, individuelle Förderung und gemeinsames Lernen in ein tragfähiges Gleichgewicht zu bringen. Das ist eine Aufgabe, die im realen Alltag stets zu Konflikten führt und nicht immer für alle Beteiligten befriedigend gelöst werden kann. Die Umsetzung dieses Anspruchs scheitert oft an den Hürden realer Begebenheiten.

Wo liegen die Grenzen multiprofessioneller Zusammenarbeit?

Multiprofessionelle Teams eröffnen neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig erfordern sie Zeit, gegenseitiges Verständnis, Vertrauen und klare Rollen. Nicht jede Zusammenarbeit führt automatisch zu besseren Ergebnissen. Im pädagogischen Umfeld ist echte, gelebte Kooperation noch immer eher selten anzutreffen.

Oft genug ziehen sich einzelne Fachkräfte auf ihr Kerngebiet zurück und verteidigen dieses gegenüber äusseren Einflüssen respektive widersetzen sich aktiv oder passiv der Aufforderung zu wirkungsvoller Zusammenarbeit. Dabei ist die Nichtkooperation noch die ehrlichste Form dieser Haltung.

Verhängnisvoller gebärdet sich die Schein- oder Pseudokooperation. Sie täuscht Zusammenarbeit nur vor, leistet sie aber nicht und erweist damit dem System keinen Dienst. Es bleibt also eine offene, nicht immer einfach zu beantwortende Frage, unter welchen Bedingungen multiprofessionelle Kooperation tatsächlich wirksam wird.

Welche Rolle kommt der Schulleitung zu?

Wenn Schule als lernende Organisation verstanden wird, besteht die Aufgabe der Schulleitung nicht nur in der Führung einzelner Mitarbeitenden, sondern auch in der Gestaltung geeigneter Rahmenbedingungen für gemeinsames Lernen und erfolgreiche Zusammenarbeit. Eine wichtige Rolle spielt dabei der gewählte Führungsstil.

Die Schulleitung muss sich – je nach Führungsverständnis und Situation – entscheiden, ob sie ihre Rolle eher charismatisch, kooperativ und partizipativ oder transformational wahrnimmt. Davon hängt wesentlich ab, wie sehr sich das Team für eine Sache beziehungsweise für eine gemeinsame Aufgabe engagiert. Die Frage, wie viel Führung und wie viel Selbstorganisation ein System Schule benötigt, lässt sich nicht pauschal beantworten und hängt neben der Aufgabe auch von den involvierten Persönlichkeiten ab.

Wie gehen wir mit Unsicherheit um?

Gesellschaftliche Entwicklungen, technologische Veränderungen und neue pädagogische Erkenntnisse verändern die Schule laufend. Modelle können zwar Orientierung geben, die Realität jedoch nie vollständig abbilden. Schulentwicklung bedeutet deshalb auch, mit Unsicherheit umgehen zu lernen und bereit zu sein, bestehende Überzeugungen immer wieder zu überprüfen. Mit anderen Worten: genau das, was wir auch von unseren Lernenden fordern.

Schule ist niemals «fertig entwickelt». Sie bleibt ein ständig in Bewegung begriffener, gemeinsamer Lern- und Entwicklungsraum für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Heraklit grüsst von weitem: «Panta rhei», «Alles fliesst». Oder: Die einzige Konstante ist die stete Veränderung. Das gilt ganz besonders für Schulen!

INFOBOX

Das Modul «Multiprofessionelle Teams» ist eins von über 80 Modulen für Führungspersonen, welche die Pädagogische Hochschule Zürich anbietet. Viele der Module können sowohl online als auch in Präsenz besucht werden und zu verschiedenen Lehr- und Studiengängen angerechnet wer-den.

Das nächste Modul «Multiprofessionelle Teams» findet am 25./26. Juni 2027 in Präsenz am Campus der Pädagogischen Hochschule Zürich und vom 27. März bis am 4. April 2028 online statt.

Zum Autor

Oliver Suter

Oliver Suter ist Schulleiter an der Schule Rüterwis in Zollikon. Er studierte Allgemeine Geschichte, Neue deutsche Literatur und Allgemeines Staatsrecht an der Universität Zürich. Danach entschied er sich anstelle einer akademischen Laufbahn für das Wirkungsfeld «Kommunikation». Er fungierte fortan als Gründer und Geschäftsführer einer Kommunikationsagentur und betreute über viele Jahre nationale und internationale Kunden, auch im Bildungsbereich, bevor er die Ausbildung als Gymnasiallehrer für Geschichte und Deutsch absolvierte und als Berater und Lehrperson an Gymnasien tätig war.
Nachdem er an einer Berufsschule als Schulleiter die KV-Reform umgesetzt hatte, folgte er dem Ruf seiner Heimatgemeinde Zollikon und wirkt dort seit 2025 als Schulleiter der Volksschule Rüterwis. Oliver Suter lebt in Fehraltorf, ist in zweiter Ehe verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. In seiner Freizeit widmet er sich der Musik, dem Lesen, dem Schreiben, dem Reisen, der Pflege von Freundschaften und den vielfältigen Formen menschlicher Kultur.

Redaktion: Melina Maerten
Beitragsbild: Bildarchiv PHZH

Literaturnachweis

Brückel, Frank, Rachel Guerra, Reto Kuster, Susanna Larcher, Regula Spirig, und Heike Beuschlein. 2023. Schulentwicklung – gemeinsam unterwegs. Veränderungsprozesse analysieren, planen und reflektieren. Hep Verlag.

Helmke, Andreas. 2008. Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. Klett Kallmeyer.

Seitz, Hans, und Roman Capaul. 2005. Schulführung und Schulentwicklung. Theoretische Grundlagen und Empfehlungen für die Praxis. Haupt.

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