Die Schweizer Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin durchbrechen Denkmuster, öffnen Denkräume, brechen Routinen und setzen Irritationen. Was die Zwillinge bewegt, wie sie arbeiten und warum es sich lohnt, immer wieder neue Fragen zu stellen, um Zukunft zu gestalten, hat Stefanie Michel-Loher im Gespräch mit ihnen erfahren.
Ihr seid Zwillinge und arbeitet seit Jahrzehnten zusammen. Wie würdet ihr euch beschreiben?
Frank Riklin: Ich bin neun Minuten früher geboren als Patrik. Wir sagen immer: Ich habe neun Minuten mehr Lebenserfahrung. Patrik ist dafür neun Minuten frischer, vielleicht ein bisschen weniger «verbraucht».
Patrik Riklin: Wenn ich Frank beschreibe, ist er strukturierter, schneller im Zusammenfassen und verschafft sich rasch einen Überblick. Ich bin spontaner, chaotischer, unlogischer. Was uns verbindet, ist die Kreativität, insbesondere diese Haltung der «Neonaivität»: die Mischung aus Verstand und Fantasie, aus Wissen und dem Mut, Dinge anders zu denken. Wir sind zwei Individuen – vermeintlich gleich, aber doch verschieden. Wir haben denselben Spirit, aber unterschiedliche Kanten. Und genau in dieser Symbiose entsteht unsere Kraft. Wir sind mehr als nur Zwillinge. Wir arbeiten seit über 50 Jahren zusammen.
Frank: Wir lernen täglich voneinander. Ich versuche zum Beispiel, mir meine eigene Neonaivität immer wieder wachzuküssen, dieses innere Kind. Naivität ist bekanntlich eine Stärke des Kindes: neugierig, experimentierfreudig, glauben, ohne alles vorab zu wissen.
Patrik: Was früher der Sandhaufen im elterlichen Garten war, übersetzen wir heute in den gesellschaftlichen Raum. Diese Haltung prägt unsere heutige Arbeit: Möglichst intuitiv ins Tun kommen, spielerisch, humorvoll, ohne alles tot zu recherchieren. Natürlich braucht es danach wieder Struktur, damit Ideen anschlussfähig werden und andere mitgehen können. Aber zuerst braucht es diese Frische; das unverkrampfte Spiel mit Normen und Grenzen. Sokrates sagte: «Ich weiss, dass ich nichts weiss.» Je mehr wir wissen, desto mehr merken wir, was wir nicht wissen. Diese Tatsache beschäftigt uns sehr.
Warum ist diese Haltung heute besonders wichtig? War das nicht schon immer so?
Frank: Wir leben in einer Zeit massiver Umbrüche, vergleichbar mit der Industrialisierung. Technologische Entwicklungen verändern alles rasant. Wir wissen unglaublich viel, aber wir wissen nicht mehr unbedingt, wie wir dieses Wissen so nutzen, dass es uns als Menschen guttut. Digitalisierung macht uns nicht automatisch glücklicher, sie isoliert uns teilweise sogar. Wir schaffen Effizienz und gleichzeitig neue Probleme. Deshalb braucht es dringend Perspektivenwechsel. Eine neue Sicht auf die Dinge. Neonaivität hilft, wieder mit neuen Augen auf die Welt zu schauen.
Patrik: Die Verunsicherung ist der Vorgarten der Veränderung. Das heisst, die Unsicherheit ist uns gewiss, der Courant normal auch. Veränderungsprozesse sind unbequem, sie zwingen einen, die Komfortzone zu verlassen. Sie sind wie eine Eruption. Und da kommt die Kreativität ins Spiel. Kreativität öffnet Türen für neue Möglichkeits- und Lösungsräume. Wenn wir die Zukunft gestalten wollen, brauchen wir diese Bereitschaft, anders zu denken, auch wenn es uns herausfordert. Unser Credo ist, so wie man spricht und denkt, sollte man auch handeln: Als Gestaltungsgesellschaft mit dem Unüblichen im Visier.
Im Kontext der Bildung würden wir sofort das Fach Neonaivität einführen. Mit der Idee, die Neuroplastizität der Fantasiekanäle aus der Kindheit wieder zu aktivieren. Was in der Schulzeit sukzessiv verlernt wurde, wird mit Neonaivität zurückerobert. Denn die Probleme unserer Zeit können nicht mit dem gleichen Mindset gelöst werden, wie sie hergestellt wurden, das hat bereits Einstein gesagt. Im Fach Neonaivität trainiert man unübliches Denken, die Vorstellungskraft für mehr kreative Lösungen, fernab von bekannten Mustern und Regeln.
Frank: Die Systeme des Alltagssind äusserst überreguliert. Sie blockieren dieLust am experimentellen Versuch, Probleme anders anzugehen. Wer heutzutage nicht die Fähigkeit hat, kreativ und agil zu denken, geschweige denn zu handeln, verpasst seine Selbstwirksamkeit. Ständiges Jammern fühlt sich unkreativ an, macht das Gehirn träge. Es braucht den positiv-neonaiven Raum, um Dinge aus einer anderen Perspektive zu entdecken, wahrzunehmen. Und vielleicht ist das unsere Rolle in der Gesellschaft. Wir sind ein Vehikel für Versuchskultur, eine lustvolle Option. Wir motivieren und animieren die Leute, auf die Fantasieebene zu gehen.
Wir gestalten zusammen das Symposium Personalmanagement. Was erwartet die Teilnehmenden und was erhofft ihr euch von der Veranstaltung?
Frank: Die Teilnehmenden erwartet ein anderes Mindset…
Patrik: …und im besten Fall stolpern sie an diesem Tag erfolgreich über ihr eigenes Denken und begegnen Problemen in Zukunft anders. Die Probleme werden ins Positive gedreht – ins PRO-blem. Ganz im Gegensatz zu CONTRA-blemen, die definitiv problematisch und negativ konnotiert sind.
Frank: Wir sind sogenannte Brandstifter. Wir werden an diesem Nachmittag ein Feuer für das Unübliche entfachen und hoffen, dass in den Köpfen der Teilnehmenden ein Grossbrand für neue Lösungen ihrer Probleme ausbricht. Das heisst, dass sie mit zwei oder drei Fantasien nach Hause gehen und die Inspiration verspüren, diese in konkrete, unübliche Handlungen zu übersetzen. Wer es wagt, aus festgefahrenen Mustern auszubrechen, der kitzelt an der Möglichkeit, etwas zu verändern. Sprich: in neue Realitäten einzubrechen.
Patrik: Der Tag selbst ist nur der Auslöser. Aus der «Formel zur Herstellung neuer Wirklichkeiten» heraus, die am Symposium angewendet wird, soll eine Kultur und ein Verständnis der Bruchhandlung etabliert werden. Gewohntes Verhalten wird aufgebrochen, paradox interveniert, neu verhandelt. Entscheidend ist, was nach der Veranstaltung passiert. Im besten Fall gehen die Teilnehmenden mit einem positiven inneren Brand nach Hause und versuchen, an ihrer eigenen Schule unüblich zu handeln – im konstruktiven Sinne.
Frank: Genau. Warum nicht das Fach «Bruchhandeln» einführen? Dann wird das vermeintlich Falsche plötzlich richtig und das Richtige überraschend falsch. Ohne Bruch gibt es keine neue Wirklichkeit. Das Symposium ist dann erfolgreich, wenn das Unübliche erfolgt und Einzug in neue Denk- und Verhaltensweisen hält.
INFOBOX
Die Riklin-Brüder sind als Konzeptkünstler mit ihrem Atelier für Sonderaufgaben schweizweit bekannt. Mit ihren Projekten wie Fliegen retten in Deppendorf, Null Stern Hotel oder BIGNIK stellen sie Gewohntes auf den Kopf. Sie sind genau die richtigen Personen, um beim 19. Symposium Personalmanagement vom Freitag, 5. Juni 2026 zum Thema «Handle unüblich!»
Zur Autorin

Stefanie Michel-Loher arbeitet seit 2022 im Zentrum Management und Leadership an der PH Zürich. Sie ist Studiengangsleiterin des DAS Schulleitung und Co-Tagungsverantwortliche des Symposiums Personalmanagements: «Handle unüblich! Neue Wirklichkeiten wagen – Eine lustvolle Anstiftung zur kreativen Problemlösung».
Redaktion: Melina Maerten
Beitragsbild: © Mario Baronchelli