Text von Franziska Zellweger und Markus Weil
Context matters – Warum Sie sich mit Bildungspolitik befassen sollten
Wer hat eigentlich festgelegt, dass Veranstaltungen im 90-Minutentakt stattfinden? Warum umfasst ein ECTS 25–30 Lernstunden? Wer definiert Prüfungsformate? «Hintergrundrauschen» könnte man sagen, wenn es um Kontextbedingungen der Lehre geht. Im konkreten Lehrsetting kaum verhandelbar. Doch wenn man genauer hinsieht, sind viele Bedingungen geprägt von Konventionen. Sie wirken selbstverständlich – sind es aber nicht. Nicht verwunderlich, wenn Studierende sich im Studienstart wie ein Pinguin in der Wüste fühlen oder diesen mit einer Mondlandung gleichsetzen, wie sie es im Projekt «Diversity in Engagement» formulierten.

Dozierende können Bedingungen hinterfragen, bis zu einem gewissen Grad mitgestalten oder mindestens produktiv nutzen. Denn die Hochschullandschaft ist nicht einheitlich, zum Teil gar widersprüchlich – und sie verändert sich. Professionelle Lehrplanung heisst deshalb auch, diese Bedingungen und entsprechende Handlungsspielräume zu kennen.
Machen Sie den Selbsttest – wie gut kennen Sie Ihren Kontext wirklich?
- Können Sie drei Personen benennen, die in benachbarten Modulen oder Studiengängen Verantwortung tragen?
- Haben Sie im letzten Jahr Studierende gefragt, wie sie den Aufbau ihres Studiums erleben – und was sie als grössten Lerngewinn sehen?
- Kennen Sie zentrale Dokumente zu Finanzierung, Akkreditierung oder politischen Vorgaben Ihrer Hochschule?
- Können Sie in einer Minute auf den Punkt bringen, was Ihre Lehre auszeichnet – auch gegenüber jemandem aus der Bildungspolitik?
- Können Sie die wichtigsten Punkte der Hochschulstrategie kurz zusammenfassen?
- Wissen Sie, wer tatsächlich entscheidet, was in der Lehre angeboten wird?
Wenn Sie alle Fragen mit «Ja» beantworten können, ist die weitere Lektüre vermutlich unnötig.
Für alle anderen: Wir laden Sie ein, Ihr Wirken als Dozent:in als Bewegung in einem Mehrebenensystems zu verstehen und ihre Hochschule in einem Orientierungslauf neu zu erkunden.
Orientierung auf drei Ebenen – Stellen Sie Fragen!
Wir diskutieren drei Ebenen ausführlich in einem Buchbeitrag mit dem Titel «Kontexte, Ressourcen, Spielräume: Orientierung in einer sich wandelnden Hochschullandschaft» (siehe Infobox am Ende des Beitrages):
- Direkte Kontextbedingungen nehmen auf der Ebene Modul und Studiengang auf das Lehrangebot der Dozierenden und die Nutzung und die Wirkung bei den Lernenden Einfluss. Es ist von Bedeutung, die zentralen Akteure im Studiengang zu kennen.
- Indirekte Kontextbedingungen wirken als grössere gesellschaftliche Entwicklungen sowie politische und institutionelle Steuerungsversuche auf das Lehren und Lernen an der Hochschule ein. Welche gesellschaftlichen Trends beeinflussen die Entwicklung der Hochschulen? Wie setzt die Bildungspolitik rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen?
- Dazwischen erfolgt auf Ebene der Hochschule als Organisation eine wichtige Übersetzung beispielsweise durch Studiengangsleitende, Qualitätsverantwortliche und weitere Personen, die gestaltend auf die Arbeit von Dozierenden einwirken.

Wie sich diese Ebenen konkret im Alltag zeigen, wird besonders deutlich im Gespräch mit Joshua Weidlich, Brückenprofessor zwischen Universität Zürich und PH Zürich.
Zwei Institutionen, unterschiedliche Logiken, viele Erwartungen
Als Brückenprofessor zwischen zwei Hochschulen ist Joshua Weidlich vielfältigen und zum Teil widersprüchlichen Einflüssen ausgesetzt. Im Gespräch berichtet er, wie er sich in diesem Geflecht an Bedingungen und Erwartungen orientiert, warum Gespräche oft der wichtigste erste Schritt sind und wie Fragen zu den drei Ebenen ein zielführendes Ankommen in einem neuen Hochschulumfeld unterstützen können.
Josh stellt sich gleich selber vor:
Der Spagat zwischen zwei Hochschulen:
Warum viele Gespräche keine Zeitverschwendung sind:
Arrivierte und Newcomer sind gleichermassen interessant:
Die Suche nach Impact:
Warum es sich lohnt, unseren Text zu lesen:
Buchprojekt «Handlungsfelder der Hochschuldidaktik»
Die Erfahrungen von Joshua Weidlich zeigen exemplarisch: Orientierung in der Hochschullehre entsteht nicht nebenbei – sie ist Teil professionellen Handelns. Genau hier setzt auch das Buchprojekt an in der Reihe Forum Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung und bündelt Perspektiven auf zeitgemässe Hochschullehre entlang von drei zentralen Handlungsfeldern:
- Beziehungen bewusst gestalten
- Lehrveranstaltungen professionell planen
- sich im wandelnden Hochschulsystem orientieren

Unser Beitrag verortet sich im dritten Feld, Orientierung, und fragt, wie Dozierende ihre Kontexte verstehen, Ressourcen erkennen und Spielräume nutzen können. Das Buch «Handlungsfelder der Hochschuldidaktik: Beziehung aufbauen, Lehre gestalten, Orientierung ermöglichen» erscheint im Oktober 2026 (siehe Infobox). Auch Joshua Weidlich ist als Autor beteiligt und widmet sich gemeinsam mit Mònica Feixas dem Thema Feedback. Zum Abschluss hier Josh’s Lektüreempfehlung:
INFOBOXBand 14 der Buchreihe Forum Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung,
«Handlungsfelder der Hochschuldidaktik: Beziehung aufbauen, Lehre gestalten, Orientierung ermöglichen», Hrsg. Tobias Zimmermann, Mònica Feixas und Petra Weiss, erscheint im Oktober 2026 bei hep.
Save-the-date: Am 19. März 2027 wird eine Kurztagung zum Thema stattfinden.
Wenn Sie über das Erscheinen des Buches oder des Tagungsprogramms informiert werden möchten, können Sie uns dies hier mitteilen.
Zu den Autor:innen

Franziska Zellweger ist Professorin für Hochschuldidaktik am Zentrum für Hochschuldidaktik und -entwicklung der PH Zürich.

Markus Weil leitet die Abteilung Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung an der PH Zürich.
Band 14 der