Schulleitungssitzung_Educational-Leadership

Führen oder vollziehen? Educational Leadership braucht Spielräume

Educational Leadership beschreibt nicht etwa einen neuen Berufstitel, sondern eine erweiterte Handlungsfähigkeit: den Schulalltag verlässlich sicherzustellen und gleichzeitig dort zu gestalten, wo Regeln allein nicht ausreichen. Der Soziologe Hartmut Rosa unterscheidet dafür zwischen starren Konstellationen, die Vollzug verlangen, und offenen Situationen, die Urteilskraft brauchen. Ein Beitrag von Hansjürg Brauchli.

Konstellation und Situation unterscheiden

Harmut Rosas Unterscheidung lässt sich gut auf Schulführung übertragen: Konstellationen folgen klaren Vorgaben und Regeln – sie verlangen Vollzug, zuverlässig und korrekt. Situationen sind komplexer, als sich das im Voraus regeln lässt: Sie verlangen laut Rosa Wahrnehmung, Urteilskraft und Gestaltung. Beides gehört zu professioneller Schulführung. Das Zürcher Schulführungsmodell, das der Schulleitungsausbildung an der Pädagogischen Hochschule (PHZH) zugrunde liegt, versteht Führung entsprechend als «sozialen Prozess zwischen Personen in Situationen».

Die Klaviatur des Führungshandelns erweitern

Educational Leadership heisst für mich, die Handlungsmöglichkeiten kontinuierlich zu erweitern – mit mehr Erfahrung, mehr Werkzeugen und vor allem mit geschärfter Urteilskraft. Bildlich gesprochen wächst damit die Klaviatur des Führungshandelns: Es geht nicht einfach darum, auf denselben Tasten virtuoser zu spielen, sondern das Repertoire zu vergrössern.

Diese Unterscheidung zwischen intentionalem Handeln und reaktivem Vollziehen beschäftigt mich schon in meinem eigenen Dissertationsprojekt zu Schulleitungshandeln – Rosas Begriffe geben ihr nun eine griffige Form. Rosa selbst verweist auf Aristoteles: Situationsgerechtes Urteilen («Billigkeit») ist eine Charaktereigenschaft, die Einübung bedarf – laut Frey & Schmalzried kein Talent, sondern Übungssache. Bereits 2022 habe ich mit Stefanie Michel-Loher beschrieben, dass entsprechende Leadership-Kompetenzen es Schulleitenden erlauben, «Handlungsspielräume zu gestalten» und diese gegenüber höheren Steuerungsebenen zu legitimieren.

Eine Arbeitsdefinition als Kompass

Für den neuen MAS Educational Leadership der PHZH hat die Studiengangsleitung ein entsprechendes Grundverständnis formuliert: «Educational Leadership meint mehr als Schulleitung im klassischen Sinne. Es ist die Führung von Schule als komplexes soziales System […]. Führung wirkt dabei auf mehreren Ebenen gleichzeitig […] und hat das übergeordnete Ziel, das Lernen von Kindern und Jugendlichen bestmöglich sicherzustellen.» Diese Verschiebung – weg von genereller Führung, hin zur Frage, wie Führung Unterricht und Lernqualität konkret beeinflusst – beschreibt Viviane Robinson bereits als Kernmerkmal von Educational Leadership. Die Definition ersetzt die Grundlagen der Schulleitungsausbildung nicht, sondern baut auf ihr auf – als konsequente Erweiterung der Klaviatur.

Eine grössere Klaviatur macht Schulführung dennoch nie vollständig beherrschbar. Der produktive Umgang mit der eigenen Unvollständigkeit gehört für den Bildungsphilosophen Roland Reichenbach zur menschlichen Freiheitspraxis, nicht zu ihrem Gegenteil. Es braucht eine forschende, neugierige Haltung, um Systemzusammenhänge zu verstehen und daraus Handlungsfähigkeit für die eigene Schule abzuleiten. Genau das fördert das Modul Forschendes Lernen im MAS Educational Leadership.

INFOBOX

Olaf Köster-Ehling hat auf diesem Blog Hartmut Rosas Buch «Situation und Konstellation» (Rosa, 2026) rezensiert.

Die Infoveranstaltung zum MAS Educational Leadership bietet Ihnen die Möglichkeit, vor der Anmeldung auf den Studiengang Fragen zu stellen und in den Austausch mit der Studiengangsleitung zu kommen.

Zum Autor

Hansjürg Brauchli Porträt

Hansjürg Brauchli ist Dozent für Schulführung am Zentrum Management und Leadership der PH Zürich. Neben der Aufgabe als Lehrgangsleiter im DAS Schulleitung ist er Teil der Studiengangsleitung des neuen MAS Educational Leadership. Er verfügt über langjährige Führungserfahrung als Schulleiter und Leiter Bildung im Kanton Zürich und promoviert an der PH Weingarten zu Subjektiven Theorien von Schulleitungen.

Redaktion: Melina Maerten
Beitragsbild: Bildarchiv PHZH

Literaturverzeichnis

Brauchli, Hansjürg, und Stefanie Michel-Loher. 2022. «Autonom durch Innovation: Autonome Schulleitungen gestalten die Zukunft.» #schuleverantworten 2022 (3): 6–14.

Frey, Dieter, und Lisa Schmalzried. 2013. Philosophie der Führung: Gute Führung lernen von Kant, Aristoteles, Popper & Co. Berlin: Springer.

Reichenbach, Roland. 2012. «Der Mensch – ein dilettantisches Subjekt: Ein inkompetenztheoretischer Blick auf das vermeintliche Leben.» In Menschen machen: Die hellen und die dunklen Seiten humanwissenschaftlicher Optimierungsprogramme, herausgegeben von Anna Sieben, Kariane Sabisch-Fechtelpeter und Jürgen Straub, 305–328. Bielefeld: transcript Verlag.

Robinson, Viviane M. J. 2006. «Putting Education Back into Educational Leadership.» Leading & Managing 12 (1): 62–75.

Rosa, Hartmut. 2026. Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums. Berlin: Suhrkamp.

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