Interkulturelle Schule

Die unbewusste Kulturfalle: Ethnozentrismus

Schulen sind Orte kultureller Vielfalt – doch viele Schulleitende treffen Entscheidungen, ohne es zu merken, aus der eigenen kulturellen Brille heraus. Ethnozentrismus ist nicht Böswilligkeit, sondern die unbewusste Annahme, dass die eigene Art, Dinge zu tun, die richtige ist. Im Schulkontext kann das zu Entscheidungen führen, die Lehrpersonen, Eltern und Schüler:innen ausschliessen – ohne, dass Sie es beabsichtigen. Der erste Schritt zur Veränderung? Bewusstsein. Andreia Fernandes erklärt, was Ethnozentrismus ist und wie er sich in der Schulpraxis zeigt.

Ethnozentrismus bedeutet nicht Rassismus oder bewusste Diskriminierung. Es ist subtiler: Es ist die unbewusste Überzeugung, dass die Normen, Werte und Arbeitsweisen Ihrer eigenen Kultur der Standard sind (und insgeheim die Hoffnung, dass alle anderen sich daran anpassen).

Als Schulleiter:in prägen Sie täglich die Kultur Ihrer Schule. Sie entscheiden über Kommunikationsstile, Entscheidungsprozesse, Feedback-Kultur und Elternbeteiligung. Jede dieser Entscheidungen trägt Ihre kulturelle Prägung in sich ─ oft unbewusst.

Die Folge: Eltern mit anderem kulturellem Hintergrund fühlen sich nicht gehört. Lehrpersonen aus anderen Kulturen passen sich an, statt sich authentisch einzubringen. Und Sie wundern sich, warum es nicht läuft.

Ethnozentrismus in der Schulpraxis: zwei konkrete Szenarien

1. Extern: Die Elternbeteiligung

Sie organisieren Elternabende und Sie erwarten, dass Eltern offen ihre Meinung sagen ─ direkt, kritisch, engagiert. Das ist Schweizer Norm. Das ist Demokratie, denken Sie.

Aber für Eltern aus hochkontextuellen Kulturen ist das möglicherweise respektlos. Kritik in der Gruppe? Das ist Gesichtsverlust. Einwände vor der Schulleitung? Das widerspricht ihrer Hierarchie-Erfahrung.

Das Resultat: Diese Eltern schweigen und wirken desinteressiert. Sie folgen lediglich anderen Regeln. Auch das Angebot einer Übersetzung hilft hier nicht. Vielleicht ist die sprachliche Barriere überwunden aber nicht die kulturelle. Es braucht je nach Thema individuelle Gespräche.

2. Intern: Die Entscheidungskultur

Sie treffen schnelle Entscheidungen, was effizient ist und informieren danach das Team. Für Lehrpersonen aus Kulturen mit starker Konsens-Tradition fühlt sich das nach Diktatur an. Sie wären gerne eingebunden worden ─ vorher, nicht nachher. Wieder entsteht unterschwellige Frustration. Wieder interpretieren Sie Widerstand als Widerstand gegen die Sache und nicht gegen den Prozess.

Der unsichtbare Schaden

Ethnozentrismus schadet mehr, als er sichtbar ist:

  • Talente gehen verloren: Lehrpersonen mit anderen Perspektiven passen sich an oder kündigen.
  • Entscheidungen werden schlechter: Wenn nur eine kulturelle Perspektive im Raum ist, fehlen wichtige Blickwinkel.
  • Die Eltern-Schule-Beziehung leidet: Familien mit anderem Hintergrund ziehen sich zurück.
  • Die Schulkultur wird homogener: Statt Vielfalt zu nutzen, erzwingen Sie Anpassung.

Was können Sie konkret tun?

1. Ihre eigene Kultur sichtbar machen

Das ist der erste Schritt. Ihre Art, Entscheidungen zu treffen, Feedback zu geben, Hierarchie zu verstehen ─ das ist nicht neutral, sondern Ihre Kultur. Benennen Sie diese explizit.

2. Fragen Sie nach anderen Normen

Wenn Sie neue Lehrpersonen einstellen oder mit neuen Eltern arbeiten: Fragen Sie, wie das in ihrem Kontext funktioniert hat. Nicht um es zu übernehmen, sondern um zu verstehen.

3. Machen Sie Prozesse transparent

Nicht alle kommunizieren direkt, entscheiden schnell oder bringen sich gerne in Gruppen ein. Wenn Sie das wissen, können Sie Räume schaffen, in denen verschiedene Stile funktionieren.

4. Reflektieren Sie Ihre Entscheidungen

Bevor Sie die nächste Regel einführen oder den nächsten Prozess festlegen: Fragen Sie sich: Ist das objektiv notwendig, oder ist das meine kulturelle Erwartung?

Das Geheimnis liegt oft in der Absicht

Sie müssen nicht alle Kulturen perfekt verstehen. Sie müssen sich nur bewusstwerden, dass Ihre Norm nicht die einzige ist. Wenn Sie wissen, dass eine stille Elternmutter nicht desinteressiert ist, sondern respektvoll kommuniziert, können Sie anders reagieren. Wenn Sie wissen, dass eine Lehrperson langsamer entscheidet, weil sie erst Konsens braucht, können Sie den Prozess anders gestalten. Das ist nicht Kompromiss. Das ist bewusste Führung.

INFOBOX

Möchten Sie lernen, wie Sie die kulturelle Vielfalt an Schulen nutzen können? Dann interessiert Sie bestimmt das Modul Führung Interkulturalität. Sie können es als Einzelmodul oder als Modul im Wahlbereich der Schulleitungsausbildung DAS Schulleitung besuchen.

Zur Autorin

Andreia_Fernandes_Founder Portfolio Career Institute - LI

Andreia Fernandes ist Gründerin des Portfolio Career Institute und Expertin für interkulturelle Zusammenarbeit. Sie doziert an der PH Zürich das Modul Führung und Interkulturalität der PH Zürich, doziert zudem an der Uni Zürich, ETH und Hochschule für Wirtschaft. Zudem coacht sie Organisationen und Führungskräfte darin, kulturelle Unterschiede als Ressource zu nutzen. Ihre Methodik basiert auf über 20 Jahre Praxis mit globaler Arbeit, Coaching und Facilitating. Sie lebt in der Schweiz und arbeitet international.

Mehr über ihre Interkulturelle Arbeit finden Sie hier.

Redaktion: Melina Maerten
Beitragsbild: zVg

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