Bielefelder Laborschule

Bielefelder Laborschule

Neulich wurde Niels Anderegg in einem Interview gefragt, was er sich als Wissenschaftler wünschen würde. Seine spontane Antwort war: «Eine Zürcher Laborschule». Was ihn daran fasziniert und was die Merkmale der Bielefelder Laborschule sind, berichtet er in diesem Blogbeitrag.

Schon als junger Lehrer hat mich die Laborschule fasziniert und dies hat bis heute nicht nachgelassen. Das liegt einerseits an dem pädagogischen Profil der Schule. Andererseits finde ich, die Möglichkeit Praxis und Wissenschaft miteinander zu verbinden und voneinander zu lernen, so wie es an der Laborschule möglich ist, als etwas vom wertvollsten, was wir in der Schul(führungs)-forschung und -praxis haben können.

Gründung der Bielefelder Laborschule

Hartmut von Hentig wurde 1968 als Professor für die neu gegründete Reformuniversität Bielefeld berufen. Seine Bedingung nach Bielefeld zu wechseln war, dass er – ähnlich wie in der Chemie – auch ein Labor erhält. Die Idee für eine Laborschule übernahm Hentig von Chicago, wo es bereits seit längerem eine «laboratory school» gab.

Die Laborschule ist eine Gesamtschule, welche die Klassen 0-10 beheimatet. Sie vereint den Kindergarten (der in Deutschland normalerweise anders organisiert ist als in der Schweiz), die Primarstufe und die Sekundarstufe 1. Insgesamt besuchen 660 Kinder und Jugendliche die Schule. Bekannt ist sie unter anderem auch für ihr Raumkonzept, man kann sie als eine Laborschule «ohne Wände» nennen. Sie ist folgendermassen aufgebaut: In einer grossen Halle, die in unterschiedliche Bereiche und Ebenen eingeteilt ist und wo jede Klasse ihren Bereich hat.

Die Laborschule ist eine «normale» staatliche Schule, welche in gewissen Bereichen jedoch von den gesetzlichen Normen abweichen darf. So hat die Laborschule ein eigenes Beurteilungssystem und die Schülerinnen und Schüler erhalten erst am Ende der 9. Klasse ein Notenzeugnis. Wesentlich dabei ist, dass die Schule nicht nur Dinge anders tut, sondern diese auch wissenschaftlich erforscht. Die Idee hinter der Laborschule ist, dass Dinge, von denen die Lehrkräfte und die Forschenden überzeugt sind, ausprobiert werden können und die Umsetzung wissenschaftlich begleitet und beforscht wird. Dadurch sollen neue Erkenntnisse für die Praxis und die Wissenschaft entstehen.

Für die wissenschaftliche Begleitung gibt es an der Universität Bielefeld einen eigenen Lehrstuhl mit Forschenden. Gleichzeitig sind aber auch Lehrerinnen und Lehrer in die Forschung involviert. Sie können Forschungsfragen oder -projekte eingeben und sich an der Forschung beteiligen. Dafür kann die Schule den Lehrpersonen Arbeitszeit zur Verfügung stellen.

Rückblick und Ausblick

Ich selbst hatte das Glück, dass ich mehrmals die Laborschule besuchen durfte. Besonders in Erinnerung geblieben, ist mir die Reise mit den Lehrerinnen und Lehrern meiner damaligen Schule. Ich bin frisch als Schulleiter nach Rottenschwil gekommen und wir konnten mit dem ganzen Kollegium für zwei Tage nach Bielefeld fahren. Diese Reise nach Bielefeld, das Kennenlernen von einer Schule, welche einzelne Dinge anders machen, und die Auseinandersetzung mit unseren eigenen Vorstellungen, waren für mich der Startpunkt für unsere Entwicklung. Besonders gut in Erinnerung ist mir auch die Rückfahrt von Bielefeld. Wir sassen acht Stunden im ICE und haben wohl selten so viel miteinander über Pädagogik und unsere Schule gesprochen.

Wenn wir in Zürich eine Laborschule hätten, dann würde ich beispielsweise sehr gerne mit den Lehr- und Führungspersonen über Jahre hinweg Teacher Leadership an der Schule stärken und untersuchen, unter welchen Bedingungen eine gemeinschaftliche Führung erfolgreich ist und ob die Wirkungen, welche wir uns erhoffen, und aus internationalen Studien bekannt sind, auch so eintreffen. Praxis und Wissenschaft könnten gemeinsam sich auf die Suche machen. Leider war es nur ein Wunsch.

Ein klein wenig wird der Wunsch für mich aber doch wahr. Im Rahmen des CAS Pädagogische Schulführung werden wir vom 15. – 18. März 2021 an die Laborschule fahren und dort ein gemeinsames Modul bestreiten. Laborschulgemäss werden wir dort etwas Neues ausprobieren.

Wir werden in einem offenen Lernsetting die Inhalte der drei vorhergehenden Module direkt an der Laborschule entdecken und vertiefen. Dazu gibt es eine offene Fläche mitten in der Schule. Dort werden wir Vorträge hören, Fragen nachgehen, hospitieren, Gespräche führen und während mehrerer Tage in den Schulalltag der Laborschule eintauchen. Wir werden uns auch mit eigenen Ideen und Vorstellungen sowie mit uns selbst auseinandersetzen.

Wir wissen nicht wie es rauskommt und was in diesen vier Tagen passieren wird. Für vier Tage haben wir eine eigene Laborschule für das Ausprobieren von innovativer Weiterbildung. Es wird spannend!

INFOBOX

Niels Anderegg leitet zusammen mit Nina-Cathrin Strauss und Reto Kuster den CAS Pädagogische Schulführung. Es hat noch freie Plätze. Und wer Lust auf mehr gute Schule hat: Unsere Studienreise für Führungspersonen führt uns – nachdem wir die Reise in diesem Jahr verschieben mussten – im Mai/Juni 2021 nach Innsbruck.

Zum Autor

Niels Anderegg leitet an der PH Zürich das Zentrum Management und Leadership. In seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit befasst er sich mit dem Zusammenhang von Führung und Lernen. Er interessiert sich für die Frage, was eine «gute Schule» ist und was Führungspersonen dazu beitragen können. Unter anderem leitet er den Lehrgang «Pädagogische Schulführung» und «Schulführung und Inklusion».

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: Wikimedia Bielefelder Laborschule (G8w / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

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