Werkstatt Schulführung – von den Besten lernen

An der PH Zürich gibt es neu Werkstätten, in denen Forschende im Themenfeld Schulführung / Schulentwicklung aus einem laufenden Projekt berichten. Eingeladen zu den Werkstätten sind die aktuellen und ehemaligen Teilnehmenden des DAS- und MAS-Studiengangs und Dozierende im Bereich Schulleitung / Schulentwicklung. Ziel der Werkstätten ist es, miteinander ins Gespräch zu kommen und voneinander zu lernen.

Die erste Werkstatt hat am 13. November 2018 stattgefunden. Ass.-Prof. Mag. Dr. Markus Ammann und Alexander Bergmann, beide von der Universität Innsbruck, gaben einen ausserordentlich spannenden Einblick in das von der Robert-Bosch-Stiftung geförderte Projekt «Von den Besten lernen – Schulleitungshandeln an den Siegerschulen des Deutschen Schulpreises». Sie sind Teil eines Forschungsteams, das in 29 mit dem deutschen Schulpreis prämierten Schulen untersucht, wie das Schulleitungshandeln Einfluss nimmt auf eine erfolgreiche Schule.

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Fallstudien: Churermodell und Einmalzulage

Fünf ausgewählte Schulleitungen aus der Praxis bereiten ein Setting vor, das Einblicke in komplexe Herausforderungen von Schulführung bietet. Teilnehmende des CAS Führen einer Bildungsorganisation stellen sich den Aufgaben und präsentieren ihre Lösungsansätze und Gedanken – heute im dritten und letzten Teil:

Ist die Bündner Gerstensuppe noch heiss?

Ein erfolgreich gestartetes Schulmodell brachte grosses Interesse und sogar einen Schulpreis hervor. Trotzdem stellt sich heute die Frage: Wie geht es weiter? 

An der Primarschule Otelfingen wird nach dem Churermodell unterrichtet. Das Schulteam hat in einem langfristigen Prozess auf die Umsetzung des Modells vorbereitet und die wichtigsten Ziele im pädagogischen Fussabdruck (Leitbild) festgehalten.

Aus Sicht des Schulleiters droht jetzt, nach dem ersten schwungvollen Hype, die Begeisterung der Lehrpersonen für das Modell abzuflachen.

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Die richtige Mischung macht gute Führung aus – Mix it!

Welche Zutaten braucht es, um seinen Führungs-Cocktail zu mixen? Prof. Dr. Petros Pashiardis von der Open University of Cyprus und Prof. Dr. Stefan Brauckmann von der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt stellen in diesem faszinierenden Artikel die Ergebnisse ihrer Forschung zur Verfügung.

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Dank ICSEI über den Zaun blicken

ICSEI [ixi] tönt einfach und sympathisch. Es könnte ein Wort auf Schweizerdeutsch sein, wie z.B. [hixgi] oder [häxli]. Ist es aber nicht, sondern die Abkürzung eines Kongresses, der dann gar nicht mehr einfach tönt: «International Congress for School Effectiveness and School Improvement». Wir bleiben lieber beim [ixi], oder?

Im Januar 2018 war ich zum zweiten Mal dabei und nun bin ich süchtig nach ICSEI. Nicht nur deshalb, weil der Kongress an wunderbaren Orten stattfindet wie in diesem Jahr – in Singapur. Letztes Jahr fand er übrigens im eiskalten Ottawa statt, bei minus 20 Grad – ein echtes Erlebnis.

 

 

 

 

 

Es hat mehrere Gründe, warum ich ICSEI mag:

* ICSEI ist ein Kongress, der Interprofessionalität und -nationalität lebt: Wissenschaftler/innen, Schulleitungen, Politiker/innen, Lehrpersonen, Privatanbieter, Weiterbildner/innen aus allen Ecken der Welt bilden eine bunte Gesellschaft, die von Toleranz und gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist.

* Es gibt ganz viele neugierige Teilnehmende und es entstehen echte Diskussionen nach den Symposien, Referaten und Workshops über die Höflichkeitsfragerunde hinaus.

* Mein Thema, Schulentwicklung, steht im Zentrum des Kongresses. Er hiess dieses Jahr: „Deepening School Change for Scaling: Principles, Pathways & Partnerships“.

* Dieses Jahr waren meine Highlights die Paneldiskussionen, in denen zentrale Themen kontrovers diskutiert wurden: Improving and leading schools for the future economy and society; Educational innovations must be disruptive to be effective; School improvement for equity and excellence: rhetoric, possibility or reality?

Am letzten Konferenztag werden jeweils Schulbesuche angeboten. Das ist auch ganz interessant; mal eine Schule in Kanada oder Singapur von drinnen gesehen zu haben. Alles in allem ist es eine tolle Möglichkeit zu lernen und sich zu vernetzen. Auch die ganz grossen Namen wie Michael Fullan, Andy Hargraeves, Alma Harris, Dennis Shirley, Caren Seashore und Luisa Stoll sind am Kongress mit dabei und es gibt die Gelegenheit sich mit ihnen auszutauschen. Nächstes Jahr findet der Kongress gar nicht so weit weg, nämlich in Norwegen, statt. Falls Sie Lust haben mal über den Zaun zu blicken finden Sie weitere Informationen hier: https://www.icsei.net/

Enikö Zala-Mezö, Leiterin Zentrum für Schulentwicklung PH Zürich

Auf die Schulleitung kommt es an

Bereits steht der letzte Kongresstag vor der Tür. Die Tage in Düsseldorf vergehen wie im Flug. Es ist ein Anlass im Jahr, an dem ich als Schulleitung auftanken, neue Ideen und Impulse mitnehmen kann und etwas Distanz zum Schulalltag gewinne.

Bei der Auswahl der Vorträge für den Samstag habe ich lange hin und her überlegt. Hattie interessierte mich, doch hatte ich auch schon viel darüber gelesen und glaube gut informiert zu sein. Es ist aber immer wieder spannend zu hören, wie sich verschiedene Pädagogen mit Hattie auseinandersetzen und die Resultate interpretieren. Also doch, Hattie zum Frühstück!

Das Eingangszitat des Referats von Michael Felten, Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter in der Lehrerausbildung «Ihr müsst den Kindern zeigen, dass die Schule etwas ganz Besonderes ist» hat mich nachdenklich gestimmt. Noch immer ist es für viele Kinder auf dieser Welt nicht selbstverständlich, dass sie zur Schule gehen können oder sie nehmen teils lange und gefährliche Schulwege in Kauf. Einige unserer Schülerinnen und Schüler hingegen sehen die Schule oftmals als unangenehme Pflicht. Doch was macht es aus, dass Schule in der westlichen Welt für viele Schülerinnen und Schüler als ein Müssen oder eine Unterbrechung der Freizeit angesehen wird?

Auf diese Frage gibt es sicherlich unterschiedliche, teils diametral auseinanderliegende Antworten die, abendfüllend diskutiert werden könnten. Als Schulleiterin stellt sich mir die Frage: Was kann ich dazu beitragen, dass Schule attraktiv ist und die Schülerinnen und Schüler den Besuch der Schule wieder als Privileg betrachten?

Michael Felten, Autor von «Auf die Lehrer kommt es an!» zeigt in diesem Referat, dass es auch auf die Schulleitung ankommt. Für ihn ist der Kern der Schulentwicklung Unterrichtsentwicklung. Aber:

– wer stösst Unterrichtsentwicklung an?

– Wohin soll sie gehen?

Aufgrund der Ergebnisse von Hattie hat die Schulleitung einen hohen Effekt (d=0.84) wenn sie sich an der Unterrichtsentwicklung beteiligt und ihre Expertise einbringt. Doch wie soll sie das tun? Eher als Motivator, Vorbild und Mentor oder durch Führung mit Vorgaben, einem System klarer Regeln und Entwicklungsarbeit an der Lernkultur? Hattie belegt mit seiner Metastudie, dass die klare, instruktionale Führung den höheren Wirkungsgrad hat.

Laut Felten – und das zeigt sich auch in meinem persönlichen Umfeld – neigen Schulleitungen eher dazu «gut Freund» mit dem Kollegium sein zu wollen, gerade dann, wenn Schulleitungen aus dem Kollegium herauskommen, also eher die transformationale Führung bevorzugen.

Für mich persönlich bedeutet der Befund von Hattie aber nicht, dass Schulleiterinnen und Schulleiter nicht auch als Vorbild, Mentor und Coach führen sollen. Denn wie schon Joachim Bauer (2005) gesagt hat: «Der Mensch ist für den anderen Menschen die Motivationsdroge Nummer eins.»

Und zum Schluss nochmals Hattie mit seinen drei Kernbefunden:

– Auf die Lehrer kommt es an

– Viele Wege führen nach Rom – nicht alle!

– Die Beziehung macht’s

Diese drei Aussagen lassen sich auch auf meine Tätigkeit als Schulleiterin übertragen und werden mich in meinen Schulleitungsalltag begleiten.

Simone Augustin, Schulleiterin Schule Aeugst am Albis ZH und Co-Leiterin Bezirksschulleiterkonferenz Affoltern

Hat die Schule ein Umsetzungsdefizit?

Nach dem Referat von Prof. Dr. Andreas Helmke am Deutschen Schulleiterkongress stellt sich für Simone Augustin, Schulleiterin in Aeugst am Albis die Frage: Hat die Schule ein Umsetzungsdefizit? Hier beschreibt sie den weiten Weg vom Wissen zum Tun.

Nach einer kurzen Stärkung am Buffet und einem erfrischenden Spaziergang entlang des Rheins, freue ich mich auf den Nachmittag mit Prof. Dr. Andreas Helmke, Autor diverser Fachliteratur – darunter «Kernpunkte guten Unterrichts – ein summarischer Überblick» oder «Unterrichtsdiagnostik als Ausgangspunkt für Unterrichtsentwicklung» und Mitentwickler der evidenzbasierten Methode der Unterrichtsdiagnostik und -entwicklung EMU.

Gleich zu Beginn des Referats zeigt Helmke an einem anschaulichen Beispiel auf, weshalb Unterrichtsdiagnostik und Feedback so zentral für Schulentwicklung ist.

Beispiel: Lehrpersonen wurden während einer Lektion gefilmt. Danach wurden sie gefragt, wie hoch sie ihren Sprechanteil in der gefilmten Lektion einschätzen. Danach wurden die gefilmten Lektionen, mit der Stoppuhr in der Hand, betrachtet und der effektive Sprechanteil ermittelt. Der Unterschied in der untenstehenden Grafik spricht für sich.

 

 

 

 

 

«Es besteht oftmals eine Kluft zwischen dem, was Lehrpersonen glauben zu tun und dem, was sie wirklich tun.» Das heisst jetzt aber nicht, dass alle Lehrpersonen unfähig sind. Es ist ein Zeichen dafür, dass das Lehr- und Lerngeschehen

· hoch komplex

· multidimensional

· gleichzeitig

· unvorhersehbar

· sowie unaufschiebbar ist.

Um dem hochkomplexen Geschehen gerecht zu werden, braucht es eine evidenzbasierte Bestandsaufnahme. Dazu eignen sich folgende Methoden:

· Schülerfeedback

· Kollegiales Feedback

· kollegiale Hospitation

· virtuelles Feedback (Videoaufnahmen des Unterrichts)

· Feedback durch Dritte

Viele dieser Feedbackmethoden sind bekannt und teils auch seit Jahren in vielen Schulen fest verankert. Doch was geschieht nach dem Feedback? Was passiert in der Unterrichtstunde nach dem kollegialen Feedback, nach dem Betrachten der auf Video festgehaltenen Lektion?

Nach Helmke wäre der folgende Vierschritt optimal:

1. Diagnose

2. evidenzbasiert, kriteriengeleitete Reflexion

3. Durchführung von Massnahmen

4. Analyse der Wirksamkeit

Meist hapert es ab Punkt 3. Es gibt im Alltag so viele kleine Hinderungsgründe; keine Zeit Unterricht neu zu planen, es hat ja bis jetzt auch ganz gut funktioniert, das Neue kenne ich zu wenig, der Kollege macht es ja auch so…

Ich habe mir während dem Vortrag immer wieder die Frage gestellt: «Was kann ich als Schulleitung dazu beitragen, dass Unterrichtsentwicklung stattfindet und Feedback nicht als l’art pour l’art betrieben wird?» Aus meiner Sicht gibt es einen wichtigen Punkt, denn ich zukünftig beherzigen werde. Nach einer Weiterbildung oder einem Feedback die Frage an mich und mein Team stellen: «Was probiere ich morgen konkret aus und mit wem bespreche ich meine gemachte Erfahrung.»

Simone Augustin, Schulleiterin Schule Aeugst am Albis ZH und Co-Leiter der Bezirksschulleiterkonferenz Affoltern

Forschungstagebuch 3/3

Im Rahmen des Forschungsprojektes ‘Von den Besten lernen – Schulleitungshandeln an den Siegerschulen des Deutschen Schulpreises’ reist Niels Anderegg für drei Tage an eine Siegerschule des Deutschen Schulpreises nach Ostdeutschland. Jeden Tag berichtet er im Blog Schulführung.

Am dritten Tag führe ich vor allem Gespräche. Während den zwei Tagen in denen ich an der Schule bereits präsent bin und mit vielen Personen kleine Gespräche geführt habe, ist eine Bezeihung entstanden, welche bereits ein gewisses Vertrauen beinhaltet. So habe ich heute sowohl mit einer Gruppe Lehrpersonen und später auch noch mit einer Gruppe Schüler/innen ein Interview geführt. Die Kunst der Interviewführung besteht darin, die Fragen, welche wir an allen Schule standardmässig stellen, in den Gesprächsverlauf einzubauen, konzentriert hinzuhören und Themen aufzunehmen. Gleichzeitig ist es wichtig,  den Gesprächsverlauf möglichst wenig zu leiten, da sonst die Gefahr besteht, dass die Teilnehmenden so antwortet, wie ich frage und nicht wie sie denken. Eine besondere Herausforderung beim heutigen Interview war es, die Schüler/innen zum Erzählen zu bringen. Vier der sechs teilnehmenden Schüler/innen haben nur wenig gesprochen. Durch Anlächeln, Ansprechen, Ermutigen oder Anpassen der Fragen versuchte ich, alle miteinander ins Gespräch zu bringen.

 

 

 

 

 

Die Interviews sind immer sehr spannend, da sie Themen nochmals auf eine andere Art auf den Punkt bringen. So meint eine Lehrperson im Interview, dass sie den Job des Schulleiters nicht möchte. Als Begründung gibt sie an, dass sie auch noch ein Privatleben haben möchte. Oder eine Schülerin, welche lange nichts gesagt hat, erzählt auf einmal von einem Konflikt, den sie in der Klasse mit einer Lehrperson hatten. Sie hätten sich entschieden damit zum Schulleiter zu gehen und dieser hat sich der Sache angenommen. Er reagiert noch am gleichen Tag, vermittelte und es konnte eine gute Lösung gefunden werden. Ein Schüler reagiert auf die Geschichte mit der Bemerkung: «Das ist das tolle an unserem Schulleiter. Wenn man ein Problem hat, dann reagiert er sofort und schiebt es nicht auf die lange Bank». Eine Qualität, welche auch von den Lehrpersonen im Interview so genannt wurde. «Ich sehe den Schulleiter nicht sehr oft. Aber wenn ich ihn brauche, dann ist er sofort da und handelt. Man kann ihn jederzeit aufs Handy anrufen. Das Handy ist sein zweites Zuhause.»

 

 

 

 

 

 

Die Unterschiedlichkeit und gleichzeitige Gleichheit zwischen den Schulleitenden ist etwas das mich während den vielen Feldphasen an den Siegerschulen des Deutschen Schulpreises am meisten aufgefallen ist. Jede Schulleiterin und jeder Schulleiter tut es auf seine Art, hat seine Ecken und Kanten und doch tun sie im Grunde genommen Ähnliches. Dieses Ähnliche wollen wir finden. Mit den Feldphasen ist das Forschungsprojekt noch lange nicht abgeschlossen. Eine Studentische Mitarbeiterin transkribiert die über 100 von uns geführten Interviews. Diese werden wir danach codieren und in Kategorien zusammensetzen, so dass wir am Schluss aus den Dokumenten der Schule, den Beobachtungen und den Interviews Merkmale für das Schulleitungshandeln von pädagogisch erfolgreiche Schulen erhalten. Wir sind schon jetzt gespannt, was wir finden werden. Ich werde sicher immer wieder davon hier im Blog erzählen und präsentieren.

 

 

 

 

 

Drei intensive Forschungstage liegen hinter mir und ich laufe müde und beschenkt mit meinem Koffer zum Bahnhof. Irgendwo zwischen Schule und Bahnhof entdecke ich an einem DDR-Plattenbau das folgende Grafiti (siehe Foto): «Ich liebe dich – NIEMAND». Ein poetisches und nachdenkliches Grafiti zugleich. Gerade darum bin ich als Schulleitungsforscher unterwegs. Natürlich will ich verstehen, was die Schulleitungen an diesen pädagogisch hervorragenden Schule machen um diese hohe Qualität zu erhalten. Aber eigentlich treibt mich der Wunsch, dass möglichst alle Kinder solche Schulen besuchen können.

Forschungstagebuch 2/3

Im Rahmen des Forschungsprojektes ‘Von den Besten lernen – Schulleitungshandeln an den Siegerschulen des Deutschen Schulpreises’ reist Niels Anderegg für drei Tage an eine Siegerschule des Deutschen Schulpreises nach Ostdeutschland. Jeden Tag berichtet er im Blog Schulführung.

Mein 2. Forschungstag beginnt heute früh am Morgen. Um 7 Uhr treffe ich in der Schule ein und habe Zeit, im Lehrer/innen-Zimmer noch einen Kaffee zu trinken. Mehr als der Kaffee interessiert mich jedoch die Art und Weise wie die Lehrpersonen und Schüler/innen am Morgen an der Schule ankommen. Und ich werde nicht enttäuscht. Seit einigen Tagen sind viele Schüler/innen krank und auch bei den Lehrpersonen gibt es mehrere Absenzen. Zudem sind diese Woche noch einige Lehrpersonen im Skilager. Heute gibt es drei zusätzliche Krankmeldungen – insgesamt fehlen 15 von 40 Lehrpersonen. Ein Lehrer meldet sich ganz kurzfristig ab, da seine Tochter krank ist. Alle Stunden müssen von den anwesenden Lehrpersonen übernommen oder Klassen zusammen unterrichtet werden. Und das an einem Tag, wo sowohl der Schulleiter als auch seine Stellvertreterin nicht an der Schule sind. Jetzt zeigt sich, ob und wie Distributed und Teacher Leadership funktioniert. Und ja, es funktioniert. Mit einer grossen Gelassenheit wird organisiert und eingeteilt. Als ich den Lehrer, der auch Mitglied der erweiterten Schulleitung ist, darauf anspreche, zuckt er nur mit den Schultern. «Iss einfach so», meint er und erklärt, dass die Prozesse und Verantwortlichkeiten geklärt seien. «Jetzt springe ich ein und ein anderes Mal springt jemand für mich ein». Was er nicht sagt, ich aber eindrücklich erlebe, ist, dass die Schüler/innen es sich gewohnt sind, selbstständig zu arbeiten. Dies wird im regulären Unterricht eingeübt und von ihnen verlangt und funktioniert auch, wenn keine Lehrperson direkt anwesend ist. Im Laufe des Tages begegne ich immer wieder Schüler/innen, welche für sich selbstständig arbeiten. Es ist ein ganz normaler Schulalltag – nur mit etwas weniger Lehrpersonen.

Diese Selbständigkeit ist ein Produkt ihres pädagogischen Verständnisses und Handelns, wird mir erklärt. Schüler/innen müssen involviert werden, sie müssen ihren Fragen nachgehen können und verstehen, dass die Schule wegen ihnen stattfindet. Das bedeutet nicht, dass sie nur das machen, worauf sie Lust haben. Vielmehr bedeutet es, dass sie einbezogen sind, dass sie Teil und nicht nur Objekt der Schule sind und dass sie verstehen, was sie warum machen. Diese Haltung, welche über viele Jahre aufgebaut worden ist, wird von allen gelebt, wie der heutige Tag eindrücklich demonstriert.

 

 

 

 

 

Aber eigentlich will ich heute beschreiben, was ich als Forscher den ganzen Tag so mache. Die Aufgabe ist relativ einfach: Ich gehe den Alltag der Schule mit, beobachte und notiere meine Beobachtungen. Ich bin gewissermassen ein Schwimmer im Schulalltag und lass mich durch das Schulhaus treiben. Konkret habe ich am Morgen einen Lehrer mit seiner Klasse begleitet, habe ihn im Lehrer/innen-Zimmer beobachtet, im Unterricht und im Flur. Ich versuche, so viel wie möglich von dem, was ich sehe und wahrnehme, zu notieren. Dabei hat es Dinge, welche mich sofort anspringen und in denen ich Zusammenhänge sehe. Gleichzeitig gibt es auch Dinge, welche mir auf den ersten Blick nicht wesentlich erscheinen. Erst im Nachhinein, bei der Auswertung, erhalten sie plötzlich eine Relevanz. Dadurch habe ich die Möglichkeit, auch Neues zu entdecken und zu verstehen. Und gleichzeitig gibt es immer wieder Momente, in denen ich meine, etwas verstanden zu haben. Wenn ich meine Beobachtungsnotizen im Nachhinein auswerte, merke ich, dass das, was ich meine, Verstanden zu haben, nur die halbe Wahrheit ist und es Hinweise gibt, welche genau dagegen sprechen. Forschung ist ein langsames Suchen, Herantasten, Finden und Verwerfen. Meistens alles gleichzeitig. In der Feldphase geht es aber ‘nur’ um das Aufnehmen.  Das Verstehen brauche ich nur, um meinen Beobachtungen eine gewisse, jedoch nicht zu enge Richtung zu geben.

Neben dem Beobachten ist ein zweites, wesentliches Element das Führen von Gesprächen. Am zweiten und dritten Tag ist man an einer Schule nicht mehr fremd und die Lehrpersonen und Schüler/innen beginnen einem anzusprechen und Fragen zu stellen. Ungefragt beginnen die Leute zu erzählen und ich kriege viel authentischere Antworten, als wenn ich in einer Interviewsituation die Personen befragen würde (was ich jedoch auch immer wieder mache).

 

 

 

 

 

Im Verlauf des Tages habe ich auch die Aussenstelle besucht. Die Aussenstelle ist ein altes Schulhaus, das eigentlich nicht mehr benutzt werden kann, jedoch auf Grund des Platzmangels von der Schule genutzt wird. Gerade für mich als Schweizer war es wieder einmal beeindruckend zu sehen, wie trotz schlechten Rahmenbedingungen guter Unterricht gehalten werden kann. Gleichzeitig ist die Situation für die Lehrpersonen belastend. Und hier kommen wir wieder auf die Frage der Schulführung zu sprechen. Dem Schulleiter dieser Schule gelingt es immer wieder, Gelder für seine Schule zu finden und die politischen Behörden davon zu überzeugen, dass nun etwas geschehen muss. Ein schönes Beispiel dafür ist die ehemalige Turnhalle (siehe erstes Foto). Diese sollte eigentlich abgerissen werden. Ein Schüler hatte jedoch die Idee, dass daraus Werkstätten entstehen könnten. Obwohl das Geld für den Abriss bereits budgetiert war, gelang es dem Schulleiter alle davon zu überzeugen, dass die alte Turnhalle zu Werkstätten und die Schule sich dadurch stärker der Berufsorientierung widmen kann. Über verschiede Fördermittel gelang es, aus der alten Halle ein pädagogisches Bijou zu machen. Als vor einigen Wochen der Bundespräsidenten die Schule besuchte, wurden die Foto- und Filmaufnahmen just in dieser Halle gemacht. Der Schulleiter hat sich gefreut wie ein kleines Kind.

 

 

 

 

 

Den Begriff Feldphase nehme ich am Ende des Tages dann auch noch wörtlich. Nach vielen Stunden des Sitzens geniesse ich es, noch kurz vor dem Eindunkeln über die Felder des gefrorenen Moors zu joggen und mich zu bewegen. Ein guter Ort, um über die Eindrücke und Erkenntnisse des Tages nachzudenken.

Niels Anderegg, Zentrumsleiter Management und Leadership PH Zürich

Forschungstagebuch 1/3

Im Rahmen des Forschungsprojektes ‘Von den Besten lernen – Schulleitungshandeln an den Siegerschulen des Deutschen Schulpreises’ reist Niels Anderegg für drei Tage an eine Siegerschule des Deutschen Schulpreises nach Ostdeutschland. Jeden Tag berichtet er im Blog Schulführung.

Normalerweise reise ich jeweils am Vortag an, so dass ich am ersten Tag ausgeruht an die Schule gehen kann. Leider ist es dieses Mal nicht möglich. So nehme ich um 20 Uhr im Hauptbahnhof Zürich den Nachtzug in Richtung Berlin.

 

 

 

 

 

Das schöne am Nachtzug ist, dass man gleich mit einem Fläschchen Vino Spumante begrüsst wird. Und auch sonst ist es in meinem Zimmerlein gemütlich, so dass ich noch einen Fachartikel für das Forschungstreffen vom Montag lesen und dann bald tief und fest einschlafen kann.

Da ich umsteigen muss, werde ich schon um 5 Uhr geweckt. Immerhin mit einem Frühstück. Dann heisst es umsteigen und mit der S-Bahn in eine kleine Provinzstadt fahren, das Hotel suchen, den Koffer einstellen und ab an die Schule. Ich bin schon sehr gespannt was mich erwartet. Auch wenn ich bereits viel über die Schule gelesen habe, so ist die erste Begegnung an der Schule doch immer wieder überraschend. Michael Schratz spricht immer wieder davon, dass man sich in eine Schule ‘hineinspüren’ muss. Und genau so ist es auch heute wieder.

 

 

 

 

 

 

Als ich in der Schule ankomme überkommt mich wieder einmal das eigenartige Gefühl, dass man ‘Schule spürt’. Das mag nun, gerade in einem Bericht eines Forschers eigenartig klingen, aber ich mache immer wieder die Erfahrung, dass ich in ein Schulhaus hineinkomme und sogleich die Qualität dieser Schule fühlen kann. Und da geht schon das Forschen los. Was spricht mich an? Was macht diesen Ort besonders?

Mir fällt sogleich auf, dass Schülerinnen und Schüler überall am Arbeiten sind: Auf dem Gang, in kleinen Nischen und in den Schulzimmern, welche alle offene Türen haben. Hier wird mit einer Ernsthaftigkeit gearbeitet und gelernt, die spürbar ist. Dieser erste Eindruck wird sich im Verlauf des Tages weiter bestätigen und ich finde sowohl bei den Beobachtungen als auch in den Gesprächen mit dem Schulleiter und verschiedenen Personen immer wieder hinweise, warum dies an dieser Schule so ist. Und genau darum geht es mir in diesen drei Tagen: Ich möchte verstehen wie diese Schule ‘tickt’ und was die Schulleitung dafür macht.

 

 

 

 

 

Im Schulsekretariat treffe ich den Schulleiter zusammen mit den beiden Sekretärinnen und dem Hausmeister bei einem Kaffeeklatsch. Das Wort Beziehung wird während dem ganzen Tag immer wieder fallen. «Die wichtigste Aufgabe als Schulleiter ist es die Beziehungen zu den Menschen zu pflegen und zu gestalten». Auf dem Rundgang durch das Schulhaus spricht der Schulleiter immer wieder Schülerinnen oder Schüler an, murmelt dem einem zu, dass der Vortrag hervorragend war und sagt zum anderen, dass er dies toll gemacht habe. Auf meine Frage, ob er denn alle 450 Schülerinnen und Schüler kenne, schaut er mich nur erstaunt an. Später, im Verlaufe des Tages wird er zu Schulleitenden, welche auf Hospitation sind, sagen, dass er über den Unterricht und die Schülerinnen und Schüler wenig wisse, da seien die Lehrpersonen die Profis und die wissen ganz viel. 10 Minuten später, als eine der hospitierenden Schulleiterin von ihrer Beobachtung einer schwierigen Situation in einer Klasse berichtet, meint der Schulleiter: «Ach ja, Sie waren wohl in der 9b». Und berichtet dann, dass es dort momentan nicht so rund läuft und erzählt von den Gründen weshalb das momentan so ist und was sie dagegen unternehmen. Als ich ihn später darauf anspreche und meine, dass ich es ihm nicht abnehme, dass er nicht so viel über den Unterricht und die Schülerinnen und Schüler weiss, muss er schmunzeln. «Mir ist es wichtig, dass die Schulleitenden den Lehrpersonen vertrauen und ihnen die Möglichkeit geben auszuprobieren und ihr Ding zu machen». Hier kommt wieder die Beziehungsgestaltung ins Spiel. «Lehrpersonen und auch Schülerinnen und Schüler müssen die Möglichkeit haben ihre Ideen umzusetzen und auszuprobieren. Dazu brauchen sie mein Vertrauen und meine Wertschätzung. Die gebe ich ihnen durch mein Interesse und meine Präsenz». Der Schulleiter kontrolliert nicht, sondern ermutigt. Und er ist neugierig. Immer wieder fragt er Schülerinnen und Schüler, welche irgendwo am Arbeiten sind, was sie gerade tun. Er lässt es sich erklären und ist begeistert. Am Ende des Tages meint er bedauernd, dass er so gerne an allen Präsentationen der Projektarbeiten der Schülerinnen und Schüler dabei sein möchte. Aber das sei unmöglich. Ein Projekt hat es ihm dann jedoch so angetan, dass er versucht seine Termine so zu schieben, dass er an dieser Präsentation dabei sein kann. Dieses Team (der Projektunterricht an dieser Schule findet immer in Teams statt) geht der Frage nach, in wie weit die momentane Regierungsbildung in Deutschland mit der Situation der Weimarer Republik verglichen werden kann. «Auf diese Fragestellung muss man doch zuerst einmal kommen. Und das von Schülerinnen und Schüler die mitten in der Pubertät stecken und alle sagen, dass sie keinen Bock auf Lernen haben». Wie war das mit dem ersten Eindruck: Die Ernsthaftigkeit mit welcher hier gearbeitet wird.

Am Ende des Tages habe ich über 10 Seiten Beobachtungen in mein Forschungstagbuch getippt und das erste Interview mit dem Schulleiter geführt. Mit vielen Eindrücken und neuen Fragen und Hinweisen verlasse ich die Schule und gehe ins Hotel. Dort gehe ich nochmals meine Notizen durch und schreibe mir Stichworte, Eindrücke und Fragen auf. Ich bin schon gespannt auf den nächsten Tag. Ich werde um 7 Uhr einen Lehrer treffen und ihn und seine Klasse dann durch den Morgen begleiten. Ich freue mich darauf.

Nach der Nacht im Schlafwagen freue mich nun auf mein Hotelbett. Zuerst muss nun jedoch noch die Mailflut aus dem Büro bearbeitet werden. Auch als Forscher ist man immer noch ein Stück mit dem Büroalltag verbunden.

Niels Anderegg, Zentrumsleiter Management und Leadership PH Zürich