Rick Bachmann

Ist die «Gute Schule» noch dieselbe?

Reto Kuster im Gespräch mit Rick Bachmann, Rektor der Schulen «Sek eins Höfe» in Pfäffikon (SZ). Sie erhalten einen Einblick in seine Erfahrungen innerhalb der letzten Monate, in die digitale Entwicklung und ob das einen Einfluss auf die «Gute Schule» hat.

Die Resonanz in den letzten Wochen und Monaten zu den Schulschliessungen war beachtlich. Es wurde intensiv in den Medien darüber berichtet, wie Familien und Schulen den Lockdown bewältigt haben. Umfragen, ja sogar Studien sind im Eiltempo aufgesetzt und publiziert worden. Zahlen und Fakten zum (Fern-)Lernen waren plötzlich für eine breite Öffentlichkeit von grossem Interesse. Es haben sich neue Stimmen in die Diskussion über die «Gute Schule» eingebracht. Themen wie Digitalisierung oder Kommunikation sind omnipräsent, andere haben an Sichtbarkeit verloren.

Ist das nur ein vorübergehender Effekt oder verändert sich das Bild der «Guten Schule» nachhaltig? Wie reagiert man schulintern auf diese Entwicklungen? Müssen Schwerpunkte infrage gestellt, Programminhalte neu besprochen oder angepasst werden? Oder sind diese Fragen obsolet, weil man sich auf dem Weg zurück zur «alten» Normalität befindet? Ich möchte es genau wissen und frage nach bei Rick Bachmann, Rektor der Schulen «Sek eins Höfe». Die Wahl meines Gesprächspartners ist nicht zufällig, wie die weiteren Ausführungen verdeutlichen.

Vor sechs Jahren habe ich Rick Bachmann im Rahmen einer schulinternen Veranstaltung mit dem Titel «Die Volksschule im Jahr 2030» kennengelernt. Ziel des Anlasses, an dem über 80 Lehrpersonen der Oberstufen Wollerau, Freienbach und Pfäffikon teilgenommen haben, war es, Szenarien für die Zukunft im Hinblick auf das Gestalten optimaler Lernbedingungen für die Schülerinnen und Schüler zu entwickeln.

Rick, diese Veranstaltung 2014 mit dem ganzen Schulteam zum Thema «Volksschule 2030», welche Bedeutung hat sie für dich aus heutiger Sicht?

Es war ein Kick-off, ein Verstärken der Entwicklung, die bereits in den Nullerjahren bei uns begonnen hat. Schon 2005 haben wir zukunftsweisende Projekte lanciert. Die Veranstaltung, die wir 2014 durchgeführt haben, hat diese Perspektive wieder in den Vordergrund gerückt und uns abermals herausgefordert, darüber nachzudenken, wohin sich die Schule bis 2030 entwickeln könnte.

Es wurde über Trends und mögliche Erwartungen an Schule und Lehrpersonen nachgedacht. «Stehenbleiben» war definitiv nie eine Option für uns. Ich war schon immer der Überzeugung, dass die Schulentwicklung nicht «revolutionär», sondern «evolutionär» gestaltet werden muss. Also in kleinen Schritten vorangehen und nicht abrupt von heute auf morgen alles umstellen. Schulentwicklungsprozesse brauchen Zeit, sind eine Herausforderung und man muss mit den Ängsten und Zweifeln der Beteiligten sorgfältig umgehen.

Ihr habt 2014 intensiv über die Anschaffung und die Verwendung von Tablets diskutiert. Ich vermute, aufgrund eurer langjährigen Beschäftigung mit digitalen Medien und Tools ist euch die Umstellung auf das Fernlernen nicht so schwergefallen. Oder täusche ich mich da?

Es ist definitiv so, wir haben dann 2015 mit einer Tablet-Pilotklasse und danach mit der flächendeckenden Einführung begonnen. Alle Schülerinnen und Schüler verfügen nun schon seit mindestens drei Jahren über ein persönliches Gerät. So haben wir in den vergangenen Jahren wichtige Erfahrungen zu technischen und pädagogischen Aspekten sammeln können.

Wir haben beispielsweise schnell gemerkt, dass wir zusätzliche Netzwerkkapazitäten schaffen müssen, damit die «Eins-zu-eins-Ausstattung» reibungslos funktioniert. Seit Herbst 2019 sind wir nun technologisch in allen Oberstufenschulhäusern optimal eingerichtet. Rückblickend waren diese Entwicklungen der vergangenen Jahre ein Glücksfall. Dazu kommt, dass wir kurz nach den Sportferien ein Fernlern-Szenario aufgrund der Meldungen über Covid-19 in Betracht gezogen und ein Fernlern-Probetag für den 17. März mit allen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern geplant haben. Aus dem Probelauf wurde dann gleich der Ernstfall, was so natürlich niemand erwartet hätte.

Ihr konntet also auch in dieser Krise proaktiv handeln?

Auf jeden Fall. Und dies war nur möglich, weil wir sowohl mit den Behörden als auch im Schulleitungsteam sehr gut zusammenarbeiten. Wir haben schon immer versucht, gemeinsam nach vorn zu blicken und pädagogisches Handeln mit unternehmerischem Denken zu verbinden. So kann ich heute sagen, dass ich auch aus pädagogischer Sicht voll und ganz hinter unserer Digitalisierungsstrategie der letzten Jahre stehe.

Welche waren für dich als Rektor die grössten Herausforderungen in den letzten drei Monaten?

Wir haben besonders auf zeitnahe Kommunikation geachtet. Sobald also neue Informationen von Bund oder Kanton veröffentlicht worden sind, haben wir diese aufbereitet und mit Hinweisen zum Vorgehen in unserer Schule gekoppelt. Das Ziel war, allen Beteiligten die grösstmögliche Sicherheit in dieser unüberschaubaren Situation zu geben. Ohne Wochenendarbeit war dies natürlich nicht zu machen.

Herausfordernd war auch, dass wir uns auf eine gemeinsame Arbeitsweise und auf eine zielführende Arbeitsorganisation mit dem ganzen Schulteam einigen mussten. Erst danach war inhaltliches Arbeiten mit den Schülerinnen und Schülern möglich. Eine weitere und wichtige Frage war jene zur Belastung aller Beteiligten. Wir mussten herausfinden, wie lange die Arbeitsphasen für die Jugendlichen am Computer dauern konnten und was für die Lehrpersonen leistbar war. Da hat es auch einige Justierungen gebraucht.

Du leitest zusammen mit drei Schulleitungen den Schulverbund «Sek eins Höfe» mit drei Oberstufenschulen. Wird sich, bedingt durch die Erfahrungen aus dem Lockdown, an eurer Führungsarbeit etwas verändern?

Ich denke nicht. Die Führungsarbeit und die Weiterentwicklung der Schule werden sich als solche aus meiner Sicht nicht verändern. Unsere Aufgabe ist aber jetzt, die Erfahrungen in den Jahrgangsteams zu sammeln und gemeinsam zu analysieren. Dieser Erfahrungsschatz sollte nicht verloren gehen. Erste Ergebnisse zeichnen im Übrigen ein erstaunlich positives Bild: Flexible Tagesgestaltung, eigenverantwortliches Lernen oder die neuen Rollenerfahrungen der Lehrpersonen im Rahmen der individuellen Lernbegleitung wurden sehr geschätzt.

Also hat sich das Bild der «Guten Schule» für dich in den letzten drei Monaten nicht verändert?

Nein, die pädagogischen und betrieblichen Ziele sind für uns dieselben geblieben. Gut möglich aber, dass wir in Zukunft asynchrone Arbeits- und Lernsequenzen in unser Programm aufnehmen. Diese müssen dann vielleicht nicht zwingend vor Ort stattfinden. Natürlich nur nach Klärung von rechtlichen und schulorganisatorischen Fragen.

Im Hinblick auf die «Gute Schule» gilt es auch den Kompetenzgewinn bei den Jugendlichen und den Lehrpersonen im Bereich des digitalen Lernens herauszustreichen. Da ist, obwohl wir schon vor der Pandemie gut unterwegs waren, noch einmal ein grosser Schritt gemacht worden. Auch wir vom Führungsteam haben zur Art und Weise der Bewältigung dieser Krise positives Feedback erhalten, was uns sehr gefreut hat. Unter dem Strich haben wir viele Impulse für die Unterrichtsentwicklung erhalten, die ich enorm wertvoll finde.

Ein Dankeschön an Rick Bachmann für dieses Gespräch und den Einblick in seine Erfahrungen!

INFOBOX

Reto Kuster leitet zusammen mit Nina-Cathrin Strauss und Niels Anderegg das Modul «Gute Schule». Es kann als einzelnes Modul oder im Rahmen des CAS Pädagogische Schulführung besucht werden. Melden Sie sich jetzt an. Lust auf mehr gute Schule? Im Mai/Juni 2021 führt unsere Studienreise für Führungspersonen nach Innsbruck.

Zum Autor

Reto Kuster ist Dozent im Zentrum Management und Leadership an der PH Zürich. Als Berater und Dozent beschäftigt er sich mit Themen rund um Schulführung und Schulentwicklung. Er leitet unter anderem den Lehrgang Pädagogische Schulführung und ist Mitglied der Gruppe QuinTaS  mit Schwerpunkt Qualität und Aufbau von Tagesschulen. Weiter ist er in der Beratung von Organisationen und Führungspersonen im Bildungsbereich tätig.

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: zVg

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