Ausschnitt Lernbericht

Angemessene und transparente Beurteilung für Schüler:innen mit Deutsch als Zweitsprache

Wer Deutsch als Zweitsprache (DaZ) lernt, muss alle Fachinhalte im Medium der noch nicht vollständig ausgebauten Zweitsprache erschliessen. DaZ-Lernende verfügen folglich lange Zeit über andere Lernvoraussetzungen als ihre deutschsprachigen Mitschüler:innen. Wie kann dieser Tatsache in der Beurteilungspraxis der Schule Rechnung getragen werden? Angemessene Beurteilungsverfahren für DaZ-Lernende werden vom VSA des Kantons Zürich zwar skizziert, im Schulfeld haben sich diese jedoch noch nicht überall durchgesetzt. Katja Schlapper Gappisch.

Für mehr als ein Drittel aller Schüler:innen im Kanton Zürich ist die Unterrichtssprache Deutsch ihre Zweitsprache. Bis die schulsprachlichen Fähigkeiten der DaZ-Lernenden das Niveau ihrer deutschsprachigen Mitschüler:innen erreicht haben, dauert es bis zu sechs Jahre oder länger. Während dieser Zeit müssen alle Fachinhalte in der noch nicht vollständig ausgebauten Zweitsprache erschlossen werden.

Lernziele sollen erreichbar sein

Solange die Lernvoraussetzungen der DaZ-Lernenden stark von denjenigen ihrer deutschsprachigen Mitschüler:innen abweichen, ist das Setzen gemeinsamer Lernziele für alle infrage gestellt. Wer die Schulsprache als Zweitsprache lernt, kann in den ersten Jahren die Grundansprüche des Lehrplans in gewissen Fachbereichen nicht erreichen.

Vom VSA ist vorgesehen, dass in diesem Fall angepasste Lernziele vereinbart werden. Diese werden in Zusammenarbeit zwischen Klassen- und DaZ-Lehrperson und allfälligen weiteren Beteiligten im Rahmen eines DaZ-Standortgesprächs festgelegt. Dabei handelt es sich nicht um eine generelle Lernzielbefreiung, sondern um eine Anpassung der Grundansprüche mit Blick auf die Zweitspracherwerbssituation.

Lernbericht statt Note

Wurden im DaZ-Standortgespräch individuelle Lernziele festgelegt, die wesentlich von den Grundansprüchen des Lehrplans abweichen, erfolgt in Deutsch und möglicherweise in weiteren sprachabhängigen Fachbereichen keine Benotung im Zeugnis. Anstelle der Deutschnote wird der Hinweis «Lernt Deutsch als Zweitsprache. Verzicht auf Noten gemäss § 10 des Zeugnisreglements» vermerkt.

Der Verzicht auf Noten erfordert obligatorisch einen Lernbericht, der dem Zeugnis beigelegt wird. In diesem Lernbericht werden die angepassten Lernziele und deren Erreichung beschrieben. Dies ist bis ins dritte Jahr des DaZ-Lernens möglich. Ein Lernbericht kann auch beigelegt werden, wenn die Grundansprüche des Lehrplans zwar erreicht werden, die Benotung jedoch aufgrund der zweitsprachlichen Lernbedingungen nicht dem Potenzial einer Schülerin oder eines Schülers entspricht.

Informations- und Motivationsfunktion

Ein Lernbericht bietet sich als Gefäss an, um die Lernfortschritte in DaZ (und in weiteren sprachabhängigen Fächern) detailliert und ressourcenorientiert darzustellen. Lernberichte nehmen eine wichtige Informations- und Motivationsfunktion für DaZ-Lernende ein. In Kenntnis der hohen Bedeutung einer positiven Selbstwirksamkeitserwartung ist eine gerechte und angemessene Leistungsbeurteilung nicht zu unterschätzen. Das Verfahren, eine Zeugnisnote durch einen Lernbericht zu ergänzen, ist laut VSA besonders bei Schullaufbahnentscheiden zu berücksichtigen.

DaZ-Lehrpersonen als Teacher Leader

Die Beurteilung und Lernstandsüberprüfung der DaZ-Lernenden liegt in der gemeinsamen Verantwortung von Klassen- und DaZ-Lehrperson. Im Sinne von Teacher Leadership kommt DaZ-Lehrpersonen aufgrund ihrer fachspezifischen Zusatzkompetenzen eine besondere Informations- und Unterstützungsfunktion im Schulteam zu. In der Verantwortung der Schulleitung liegt es, diese Funktion zu stützen und sicherzustellen, dass die Schule über eine angemessene und transparente Beurteilungspraxis für alle Schüler:innen verfügt.

INFOBOX

Dieser Beitrag basiert auf den folgenden vom VSA des Kantons Zürich herausgegebenen Broschüren: «Beurteilung und Schullaufbahnentscheide», «Angebote für Schülerinnen und Schüler mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen: Beurteilung im Zeugnis und in Lernberichten», «Angebote für Schülerinnen und Schüler mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen: Deutsch als Zweitsprache (DaZ) in Aufnahmeunterricht und Aufnahmeklasse».

Informationen zum Lehrgang «CAS Deutsch als Zweitsprache» finden Sie auf unserer Homepage.

Zur Autorin

Katja Schlatter Gappisch

Katja Schlatter ist Dozentin für Deutsch als Zweitsprache an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Sie leitet die Lehrgänge CAS DaZ und ist für deren Weiterentwicklung verantwortlich. Zusammen mit Yvonne Tucholski und Fabiola Curschellas hat sie das Handbuch «DaZ unterrichten» im Schulverlag plus herausgegeben.

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: Katja Schlapper Gappisch

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