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Neue Wege der Mitarbeitendenbeurteilung: Das Vierjahreszyklus-Modell der Schule Hedingen setzt auf kollegiale Hospitation 

Die Schule Hedingen im Kanton Zürich geht neue Wege in der Mitarbeitendenbeurteilung (MAB). Unter der Leitung von Rita Sauter wurde ein innovatives Modell eines Vierjahreszyklus entwickelt, das kollegiale Hospitationen und ein Mitarbeitendengespräch (MAG) mit vertiefter Mitarbeitendenbeurteilung in den Mittelpunkt stellt. Dieser Ansatz fördert eine tiefere, gemeinschaftliche Reflexion pädagogischer Praktiken und ist ein wesentlicher Bestandteil der umfassenden Personalführung und -förderung. 

Auslöser für die Entwicklung des Modells 

Ab dem Schuljahr 2021 wurden die Beurteilungsverfahren (MAB) für Lehrpersonen und Schulleitungen im Kanton Zürich vereinfacht und an die neuen gesetzlichen Grundlagen angepasst. Die Beurteilung von Lehrpersonen erfolgt nun jährlich im Rahmen der Mitarbeitendengespräche (MAG). Für die Beurteilung der Lehrpersonen ist die Schulleitung abschliessend verantwortlich. Die Mitarbeitendenbeurteilung (MAB) soll Teil einer umfassenden Personalführung und Personalförderung sein. Es geht um eine Gesamtwürdigung der Leistungen und des Verhaltens während einer bestimmten Beurteilungsperiode (in der Regel ein Schuljahr). Dazu gehört mindestens ein Besuch durch die Schulleitung im Unterricht der zu beurteilenden Lehrperson pro Jahr, ein jährliches Mitarbeitendengespräch mit einer Rückmeldung zum Unterrichtsbesuch, die Beurteilung der Ziele des Vorjahres und die Zielvereinbarung für das nächste Jahr sowie die Beurteilung der Leistungen und des Verhaltens der Lehrperson. Die Beurteilung wird im kantonalen Beurteilungsdokument in einer vierstufigen Skala dem VSA (Volksschulamt) übermittelt: I (übertrifft die Anforderungen), II (erfüllt die Anforderungen vollumfänglich), III (erfüllt die Anforderungen teilweise), IV (erfüllt die Anforderungen nicht). Eine gute oder sehr gute Beurteilung ermöglicht eine Lohnentwicklung für die Mitarbeitenden. Bei ungenügender Gesamtbewertung infolge ungenügender Leistungen oder unbefriedigendem Verhalten kann eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter entlassen werden, wenn dies in einer MAB festgestellt wurde und sich nach einer Bewährungszeit von höchstens drei Monaten in einer zweiten MAB keine deutlichen Verbesserungen zeigen. Bei genügender Gesamtbewertung kann eine Entlassung (wiederum nach Ansetzen einer Bewährungszeit) dann sachlich gerechtfertigt sein, wenn es sich bei den ungenügenden Teilbewertungen um wesentliche Aspekte der Tätigkeit handelt. 

Für viele Schulen ist die neue Praxis unbefriedigend. Dies gilt auch für Rita Sauter, Schulleiterin der Schule Hedingen: «Es ist mir unmöglich, mit allen Mitarbeitenden ein tiefgehendes MAG mit entsprechender MAB zu führen – die Zeit fehlt einfach. Beschränken wir uns jährlich auf flüchtige Gespräche und oberflächliche Beurteilungen, so stagniert die Entwicklung des Personals, zumindest durch meine Einflussnahme. Das ganze Team der Stufenleitenden und ich sind uns einig, dass wertvolle Aspekte unserer Arbeit verloren gehen. Wir plädieren dafür, die umfassenden MAB für alle beizubehalten, unabhängig davon, ob die Beurteilungen sehr gut, ausreichend oder ungenügend ausfallen.» Zusammen mit ihrem Leitungsteam hat sie überlegt, wie eine sinnvolle Praxis unter Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen aussehen könnte.  

Zusätzlich sah sie sich als Schulleiterin von 430 Schüler:innen, die von etwa 60 Lehr- und Fachpersonen in 21 Klassen und fünf Stufen in altersdurchmischten Klassen unterrichtet werden, schon immer als nicht hinreichend kompetent an, den Unterricht aller Klassenstufen zu beurteilen, darunter auch solche, die sie selbst noch nicht unterrichtet hat. «Ich bin keine Sekundarlehrperson, auch wenn ich bereits Vertretungen übernommen habe, und dennoch soll ich den Lehrpersonen sagen, wie sie es machen sollen? Im Raum nebenan unterrichtet eine Französischlehrperson mit weit mehr Fachkenntnissen als ich, die die Lehrpersonen effektiver fördern könnte.» Nach zahlreichen Überlegungen und Sondierungsgesprächen hat Rita Sauter zuerst dem Schulleitungsteam, bestehend aus fünf Stufenleitungen, Leitung der Sonderschule und Leitung der Verwaltung, dann der Schulkonferenz und schliesslich der Schulbehörde den Vorschlag eines Vierjahreszyklus unterbreitet. 

Das Vierjahreszyklus-Modell 

Im ersten Schuljahr finden gegenseitige Hospitationen in Dreier-Teams statt, die sich auf die Bereiche Zusammenarbeit und Unterricht konzentrieren. Zudem führen die Schulleitung und die Leitung der Sonderpädagogik einen Unterrichts-Walkthrough durch. Ein Austausch im Stufenteam über die Ergebnisse der Hospitation mündet in die Festlegung eines Stufenziels sowie eines individuellen Ziels, welches die Lehrpersonen für sich selbst aufgrund der Hospitation setzen und auch nicht kommunizieren müssen. Im zweiten Schuljahr sind ein Mitarbeitendengespräch (MAG) sowie eine verkürzte Mitarbeitendenbeurteilung (MAB) vorgesehen. Der Prozess des zweiten Jahres wiederholt sich im dritten Schuljahr mit Schwerpunkt auf Unterrichtsgestaltung und Klassenführung. Das vierte Schuljahr umfasst ein MAG sowie eine vertiefte MAB, in dem alle Tätigkeitsbereiche – Klassenführung, Unterrichtsgestaltung, Schule und Zusammenarbeit, Weiterbildung – evaluiert werden. Zusätzlich erfolgt die Überprüfung der individuellen Zielvereinbarung.  

Eine Ausweitung des Modells durch die Implementierung eines 360°-Feedbacks wurde von der Schulkonferenz aufgrund des hohen Aufwands vorerst abgelehnt. 

Rückmeldung und Entwicklung durch Kollegialität 

Ein zentrales Element des Modells ist die kollegiale Rückmeldung. Lehrkräfte erhalten durch die Hospitationen direktes Feedback von ihren Peers, was eine offene und unterstützende Feedbackkultur schafft. «Es geht darum, voneinander zu lernen und sich gemeinsam weiterzuentwickeln», betont Sauter. Dieser Ansatz hilft, die Isolation zu durchbrechen, die Lehrkräfte oft im Klassenzimmer erfahren können. 

Die Rolle der Schulleitung 

Während die Schulleitung traditionell die Hauptverantwortung für die Beurteilung trägt, ermöglicht das neue Modell eine breitere Beteiligung durch die Einführung von Stufenzielen und individuellen Zielen, die aus den Hospitationen hervorgehen. «Das gibt uns die Möglichkeit, viel zielgerichteter und individueller auf die Bedürfnisse und Stärken jeder Lehrkraft einzugehen», erklärt Sauter. 

Die Gesamtbeurteilung ist fast immer eine II 

Die Einführung in die gegenseitige Hospitation erfolgt durch die Stufenleitungen. Die Hospitationen werden in 3er Gruppen selbständig durchgeführt, rückgemeldet und reflektiert. In den fünf Stufenteams werden unter Anwesenheit der Schulleitung die Hospitationen ausgewertet. Aus dem Gespräch heraus wird ein Stufenziel formuliert und in das Formular Mitarbeiterbeurteilung übertragen. Das persönliche Ziel darf, muss aber nicht eingetragen werden. Auf dem Formular ist ein Feld für ein Feedback an die Schulleitung, Leitung Sonderpädagogik und Stufenleitung, Schlussbemerkungen und die Möglichkeit zur Besprechung mit der Schulleitung oder den Vorgesetzten der Schulleitung vorgesehen. Die Gesamtbeurteilung ist immer eine II. «Das VSA sagt ganz klar, die II ist die übliche Beurteilung und sonst ist es ausserordentlich. Bei der vertieften Beurteilung, also alle vier Jahre kann es bei uns eine I geben, diese Einstufung fällt im nächsten Jahr wieder auf eine II. Bei III oder IV gibt es sowieso ein Gespräch ausserhalb der Hospitation, mit Besuch und enger Begleitung.» Rita Sauter überlegt sich, auch beim MAG mit vertiefter MAB auf die I zu verzichten. «Wenn jemand eine II statt einer I erhält, kann man sich die Rückmeldung sparen, da sie nicht mehr gehört wird. Wenn jemand das Gefühl hat, er oder sie habe eine sehr gute Leistung erbracht und dann eine II erhält, hat dies ein viel höheres Gewicht als Worte. Dabei finde ich die Worte eigentlich wichtig.» 

Das persönliche Gespräch wird von einem Teil der Lehrpersonen vermisst 

Die kollegiale Hospitation als ein wesentlicher Bestandteil bei der Beurteilung hat im Team grosse Resonanz gefunden und wird als gewinnbringend eingeschätzt. «Das eine Team hat zurückgemeldet, dass das intensive Hineinsehen sehr gut war und sie es sehr geschätzt haben. Gleichzeitig haben sie gesagt, dass sie das Gespräch mit mir vermisst haben. Das fand ich spannend. Ein persönliches Gespräch mit mir ist sowieso immer möglich; ich werde es so anpassen, dass, wenn ich die Daten für Gesprächstermine herausgebe, sich auch diejenigen eintragen können, die im Hospitationszyklus waren. Das sind dann sehr offene Gespräche, klar gebe ich eine Rückmeldung und sie können Dinge einbringen, die sie beschäftigen.»  

Gemeinschaftliche Schulführung auch bei der Beurteilung der Mitarbeitenden 

Die Schule Hedingen verfolgt das Modell einer gemeinschaftlichen Schulführung. «Unser Führungsmodell ist besonders: Ich übernehme die Gesamtleitung, und die Schulleitung umfasst auch fünf Stufenleitungen. Beispielsweise hat die Stufenleitung der Sekundarstufe, ganz nach dem Prinzip des Teacher Leaderships, einen 21-prozentigen Anteil an Schulleitungsaufgaben in ihrem Anstellungsvertrag. Unsere Schule besteht aus vier verschiedenen Schulhäusern, in jedem Schulhaus ist eine andere Stufe angesiedelt und zusätzlich sind da noch die Kindergärten, jeweils geleitet von einer Person aus der Stufenleitung.» Auf diese Weise gestalten Teacher Leader die Schule gemeinschaftlich mit und nehmen Führungsaufgaben sowie Verantwortung wahr. Die Klassenstruktur ist ebenfalls unkonventionell. «Seit dem Schuljahr 2018/2019 führen wir schulweit altersdurchmischte Klassen. Vom Kindergarten bis zur Mittelstufe sind es jeweils zwei Jahrgänge pro Klasse, in der Oberstufe sogar drei. Wir sind überzeugt von diesem Modell, da es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, voneinander zu lernen. Dieses Miteinander- und Voneinanderlernen ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Schulkultur und fliesst auch in die Beurteilung unserer Mitarbeitenden ein.»  

Fazit 

Das Vierjahreszyklus-Modell der Schule Hedingen zeigt, wie durch kreative Anpassungen und den Mut zur Veränderung eine tiefere und wirksamere Mitarbeitendenbeurteilung erreicht werden kann. Es ermöglicht ein Mitarbeitendengespräch (MAG) mit einer vertieften Mitarbeitendenbeurteilung (MAB) für alle Lehrpersonen und fördert die Personalentwicklung, wie sie vom Kanton angedacht wurde. Und nicht zuletzt: «Zehn Mitarbeitendengespräche mit vertiefter Beurteilung sind leistbar», so Rita Sauter. 

INFOBOX

Falls Sie Interesse haben, mehr über gemeinschaftliche Schulführung und/oder Personalführung zu lernen, bieten die Wahlpflichtmodule Gemeinschaftliche Schulführung und Kompetenzkarten Personalführung die Möglichkeit sich mit der informellen und formellen Führungsstruktur der eigenen Schule auseinandergesetzt und die Potenziale von Lehrpersonen sichtbar zu machen.

Zu den Autorinnen

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Franziska Kamm hat demokratiepädagogische Schulentwicklung und soziale Kompetenzen an der FU Berlin studiert. Sie ist im Zentrum für Management & Leadership als Lehrgangsleiterin im CAS Quereinstieg Schulleitung tätig und berät Lehrpersonen, Schulleitungen, Behörden sowie Schulen. Sie beschäftigt sich mit der Frage, welchen Beitrag Führung zur Gestaltung, Entwicklung und Realisierung von demokratischen Schulen leisten kann. Sie hat jahrelang ein Ideenbüro geleitet und war in zahlreichen demokratiepädagogischen Projekten aktiv. Die wichtige pädagogische ‚Arbeit‘ besteht für sie darin, Gelegenheiten für einen ‚Realitätscheck‘ zu schaffen.

Rita Sauter ist Schulleiterin an der Schule Hedingen. Insgesamt zählt die Schule Hedingen etwa 430 Schülerinnen und Schüler, welche von etwa 60 Lehr- und Fachpersonen in 21 Klassen in 5 Stufen unterrichtet werden. Alle Klassen werden in altersdurchmischten Klassen geführt. Ab kommenden Sommer wird Rita an die Scuola Svizzera in Bergamo wechseln und Mirjam Probst neu die Schulleitung übernehmen.

Redaktion: Jasmin Kolb
Titelbild: PHZH Datenbank

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