Die Digitalisierung verändert den Schulalltag und bringt viele neue Möglichkeiten mit sich. Gleichzeitig stellt sie Schulen vor die Aufgabe, nicht nur ihre technische Infrastruktur zu modernisieren, sondern vor allem pädagogische, organisatorische und personelle Prozesse neu zu denken. In einer Kultur der Digitalität, in der Kommunikation, Partizipation und Vernetzung zentrale Prinzipien sind, rückt die Praxis der Zusammenarbeit verstärkt ins Zentrum. Ein Beitrag von Eliane Burri und Tobias Röhl.
Dieser Beitrag stützt sich einerseits auf Erkenntnisse aus der Fachliteratur und andererseits auf eine qualitative Fallanalyse an einer Deutschschweizer Volksschule. Die Ergebnisse zeigen eindrücklich, dass Zusammenarbeit nicht nur unterstützend wirkt, sondern eine zentrale Gelingensbedingung für digitale Schulentwicklung darstellt.
Digitale Schulentwicklung ist Teamarbeit
Schulleitungen, Lehrpersonen, ICT-Support, Fachpersonen mit spezifischen pädagogischen Aufgaben, etwa in der Heilpädagogik, Betreuung oder im Bereich Musikschule ─ sie alle tragen in unterschiedlicher Weise zur digitalen Entwicklung bei. Es geht dabei nicht nur um technische Fragen, sondern um gemeinsame Haltungen, abgestimmte Prozesse und geteilte Verantwortung:
«Ja, das ganze Kommunizieren ist etwas, das mega wichtig ist momentan. Sei das in der Zusammenarbeit mit anderen Lehrpersonen, mit den Eltern, mit den Kindern, mit allen möglichen Leuten, die hier eingeschaltet sind, die ein Teil sind vom Ganzen sind.» Lehrperson
Unter diesen Bedingungen gelingt es nur mit klaren Zuständigkeiten und gelebter Kooperation, das Thema Digitalisierung kontinuierlich weiterzuentwickeln. In der untersuchten Schule übernehmen beispielsweise Lehrpersonen mit Medienaffinität eine wichtige Brückenfunktion. Sie motivieren Kolleg:innen, stellen Materialien zur Verfügung und fördern den informellen Wissenstransfer. Nicht selten unterstützen sie ihre Kolleg:innen ganz ohne offizielle Funktion. Es sind eben weniger die grossen «Player» wie Microsoft und Google, sondern vielmehr die unscheinbaren Akteure vor Ort, die den digitalen Wandel auf den Boden bringen und nachhaltige Veränderungen anstossen.
Digitale Werkzeuge – Instrumente für gelingende Kooperation
Ob Protokolle, Elternkommunikation oder Unterrichtsmaterialien, digitale Tools sind heute aus der Schulorganisation nicht mehr wegzudenken. Doch ihr Nutzen hängt wesentlich von der Art ihrer Anwendung ab:
«Für mich persönlich […] ist eine gute Zusammenarbeit auch sehr geprägt von der entsprechenden Nutzung der Tools, damit die Zusammenarbeit vereinfacht wird.» Schulleitung
In der Praxis bedeutet das etwa, dass Sitzungen mit kollaborativen Dokumenten vorbereitet werden, dass in der Schule ein einheitliches Dateisystem genutzt wird oder dass Supportanfragen über ein zentrales Ticketsystem laufen. Besonders wirksam zeigt sich dies, wenn der pädagogische und technische ICT-Support eng zusammenarbeiten und ihre Expertise regelmässig mit dem Kollegium teilen. In der untersuchten Schule wurde dies durch kurze Wege und eine enge Abstimmung innerhalb der Schule aber auch mit Verwaltung und Behörde realisiert.
Gemeinsames Zielbild als Orientierung
Neben Tools und Strukturen braucht Zusammenarbeit auch eine gemeinsame Richtung. In den Interviews wurde immer wieder betont, wie wichtig ein geteiltes Verständnis darüber ist, was Schule mit digitalen Mitteln erreichen will:
«Wenn man gemeinsam etwas erreichen will, ist es aus meiner Sicht fast zwingend, dass man in die gleiche Richtung schaut. » Pädagogischer ICT-Support
Ein solches Zielbild kann in kollegialen Prozessen, in Steuergruppen oder bei der partizipativen Überarbeitung eines Medienkonzepts entwickelt werden. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten sich darin wiederfinden. Von der Kindergartenlehrperson über Betreuungspersonen bis zur Verwaltung und Behörde.
Wenn die Zusammenarbeit ins Stocken gerät
Doch auch die Fallanalyse zeigt, Zusammenarbeit ist nicht selbstverständlich. Unterschiedliche Haltungen gegenüber Digitalisierung, Zeitmangel, unklare Erwartungen oder technologische Überforderung können Prozesse verlangsamen oder blockieren. Gerade in heterogenen Schulteams ist es entscheidend, Differenzen nicht als Hindernis zu sehen, sondern als Anlass für Reflexion und Austausch:
«Ein intelligent gebündelter Informationsfluss macht das Arbeiten definitiv einfacher. » Lehrperson
In der untersuchten Schule wurde beispielsweise bewusst auf strukturelle Vereinfachung geachtet. Abläufe sind klar definiert, es gibt zentrale Ablageorte und die Verwendung der verschiedenen Kommunikationskanäle ist im Team abgestimmt. Das schuf auch für Kolleg:innen, die sich im digitalen Raum weniger sicher fühlen, Verlässlichkeit.
Vernetzen und weiterdenken
Ein zukunftsgerichteter Blick auf Zusammenarbeit überschreitet die Grenzen der eigenen Schule. Kooperationen mit anderen Schulen, mit Behörden oder mit Pädagogischen Hochschulen trugen in der Fallstudie dazu bei, neue Impulse aufzunehmen, Ressourcen zu bündeln und Konzepte weiterzuentwickeln. Auch informelle Netzwerke wie etwa Social Media oder persönliche Kontakte wurden von mehreren Lehrpersonen als inspirierend und praxisnah beschrieben:
«Vor allem, wenn es wieder Neuerungen oder frische Konzepte gibt, dass eben nicht jede Gemeinde dann je nachdem ein Konzept aus dem Boden stampfen muss, sondern dass man voneinander profitiert. Das ist zum einen sehr positiv und zum anderen muss man manchmal nachziehen, wenn man mithalten will.» Schulleitung
Netzwerke mit unterschiedlichen Kooperationspartner:innen gelten als förderlich für das Schulsystem. Sie fördern nicht nur den Austausch, sondern auch die Innovationsbereitschaft. Sie eröffnen neue Perspektiven, die bestehende Routinen ergänzen und Weiterentwicklungen anregen können.
Schule im digitalen Wandel gestalten heisst gemeinsam handeln
Die Fallanalyse zeigt, dass sich digitale Schulentwicklung nicht auf einzelne Rollen und Aufgaben oder Massnahmen beschränken lässt. Vielmehr zeigt sich ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Akteur:innen auf unterschiedlichen Ebenen von der Einzelschule über die Verwaltung bis hin zu Fachstellen. Die jeweiligen Rollen werden dabei nicht als unveränderbar verstanden, sondern je nach Kompetenz und Haltung in Bezug auf digitale Entwicklungen individuell ausgestaltet.
Digitale Schulentwicklung entsteht im Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven. Wo die Zuständigkeiten abgestimmt sind und die Zusammenarbeit an den Schnittstellen gelingt, kann Schule im digitalen Wandel gemeinsam weiterentwickelt werden.
Ein gemeinsam entwickeltes Zielbild der Schule im digitalen Wandel dient dabei als Orientierungsrahmen. Es unterstützt die Abstimmung zwischen den Beteiligten und trägt dazu bei, dass die Akteur:innen den Veränderungsprozess bewusst gestalten können.
Digitale Schulentwicklung stellt ein Aushandlungsprozess dar, in dem unterschiedliche Rollen, Perspektiven und Zuständigkeiten aufeinandertreffen und koordiniert werden.
INFOBOX
Die PH Zürich bietet eine grosse Auswahl an Weiterbildungen im Bereich digitale Bildung. Informieren Sie sich über die aktuellsten Ausschreibungen:
UNM-Tagung zum Thema Unterrichten mit neuen Medien
SCHILW zu Digitaler Bildung
Digitalen Wandel an Schulen begleiten, unterstützen und mitgestalten im Lehrgang CAS Pädagogischer ICT-Support.
CAS Digital Leadership in Education: Der CAS unterstützt Führungspersonen im Bildungsbereich dabei, den digitalen Wandel aktiv in ihrer Organisation zu gestalten.
Im Lehrgang CAS Schule entwickeln mit dem Schulentwicklungsrad ein eigenes Projekt planen und umsetzen.
Die Schule der Zukunft gestalten: Das Spiel ImagineED regt an, Schule neu zu denken. Es kommt im September 2025 auf den Markt.
Zu den Autorinnen

Eliane Burri leitet das Zentrum Medienbildung und Informatik an der Pädagogischen Hochschule
Zürich. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Digital Leadership in Education und die Begleitung von Schulen im digitalen Wandel.

Tobias Röhl ist Dozent für Digitales Lernen und Lehren am Zentrum Medienbildung und Informatik der PH Zürich. Sein Arbeitsschwerpunkt ist der digitale Wandel im Bildungsbereich, insbesondere der Einsatz digitaler Medien im Unterricht sowie die Vernetzung und Datafizierung von Schulen.
Redaktion: Melina Maerten
Beitragsbild: UNM-Tagung, von Tamara Menzi PHZH,
überarbeitet von Grafik PHZH
Literaturnachweise
- Burri, Eliane. 2024. Digitale Transformation – wer gestaltet den Wandel an Schulen? Zeitschrift #schuleverantworten 2.
- Endberg, Manuela, Anna Heinemann, Marco Hasselkuss, und Lisa Gageik. 2022. «Editorial: Schulentwicklungsprozesse für Bildung in der digitalen Welt: Akteurskonstellationen, Kommunikationswege und Kooperationsstrukturen». MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung 49 (November)
- Drossel, K., Schulz-Zander, R., Lorenz, R., & Eickelmann, B. (2016). Gelingensbedingungen IT-bezogener Lehrerkooperation als Merkmal von Schulqualität (S. 143–167).
- Röhl, Tobias. 2023. «Mittendrin – der pädagogische ICT-Support an Zürcher Volksschulen und gemeinschaftliche Führung». In Digital Leadership – Schulen im digitalen Wandel führen, herausgegeben von Tobias Röhl, Johannes Breitschaft, Eliane Burri, und Nicole Wespi, 140–149. Bern: hep.
- Stalder, Felix. 2019. Kultur der Digitalität. 4. Auflage. Berlin: Suhrkamp.