Mit dem Buch «Level up» bieten Geneviève Appenzeller und Tanja Alvesalo, zwei Schulleiterinnen, einen Leitfaden hin zur kooperativen Schulkultur. Das Buch hat nicht weniger vor, als «einen neuen Weg aus der Sackgasse»* zu zeigen. Niels Anderegg schildert in der folgenden Rezension seine Einschätzungen und Gedanken zum Buch.
Als eine Freundin von mir, mich auf das Buch «Level up» aufmerksam machte und mich fragte, ob ich eine Rezension dazu schreiben könnte, habe ich trotz meiner vollen Agenda sehr gerne zugesagt. Einerseits weil ich es sehr schätze, wenn nicht nur Wissenschaftler:innen, sondern auch Praktiker:innen (oder noch besser gemeinsam) schreiben und ihr Wissen und ihre Erfahrung mit anderen teilen. Andererseits weil mich der Untertitel «Wie kooperative Schulkultur Motivation, Selbstführung und Resilienz stärken» sehr angesprochen hat.
Eine reichhaltige Fundgrube von vielen praktischen Ideen für die Gestaltung von Schule
Das Buch von Geneviève Appenzeller und Tanja Alvesalo umfasst 170 Seiten, ist in vier Kapiteln gegliedert. Die sehr lesefreundliche Strukturierung des Buches lässt gut zu, dass zwischen den verschiedenen Abschnitten hin und her gesprungen und selektiv gelesen werden kann. So bin ich beispielsweise nach der Einführung (User’s Guide) gleich mit dem Kapitel zu den Schüler:innen gestartet.
Das Buch besteht aus vielen sehr konkreten Beispielen, welche zu einer kooperativen Schulkultur beitragen. Beispielsweise begegneten mir zu Beginn die Respektlotsen, eine erweiterte Form von Peacemaker. «Die Schule bildet Schülerinnen und Schüler, die schon höhere Personal- und Sozialkompetenzen mitbringen, in eigens dafür konzipierten Workshops zu Botschafterinnen und Botschafter der Schulwerte aus.» (Seite 65f). Mir scheinen die Respektlotsen eine sehr kluge Form, Schüler:innen in die Gestaltung von Schule und deren Kultur einzubeziehen. Wenn die Workshops so gestaltet sind, dass die Schüler:innen nicht nur in den Werten und ihrer Aufgabe unterrichtet werden, sondern eine gemeinsame Auseinandersetzung über die Werte der Schule stattfindet, entstehen gemeinsame Werte. Idealerweise gibt es sowohl bei den Schüler:innen als auch bei den Lehrer:innen Respektlotsen, welche jeweils innerhalb ihrer Peers Einfluss im Sinne der Werte der Schule nehmen. Der Workshop könnte dann zu einer gemeinsamen Arbeitsgruppe «Schulwerte» umgewandelt werden.
Beim ersten Kapitel zu den Eltern ist mir besonders das Eltern-Kind-Lehrperson-Gespräch aufgefallen. Ich nehme an (oder hoffe es), dass es an vielen Schulen selbstverständlich ist, dass die Kinder und Jugendlichen an Schulischen Standortgesprächen dabei sind. Schliesslich geht es vorwiegend um sie. Die Gestaltung eines solchen Gesprächs ist jedoch äusserst voraussetzungsreich, damit mit und nicht über das Kind. beziehungsweise die Jugendlichen gesprochen wird. Im Buch finden sich viele sehr konkrete Hinweise und Ermutigungen, dieses Element an der Schule einzuführen oder zu stärken. Für mich sind die konkreten Hinweise manchmal zu rezeptartig, beispielsweise wenn angegeben wird, dass die Lehrperson vor dem Gespräch darüber nachdenken soll, welche Themen angesprochen werden. Für mich ist dies eine Selbstverständlichkeit und gehört zur Professionalität jeder Lehrperson. In der Hektik des Schulalltags kann es aber passieren, dass dieser Punkt allenfalls vor dem Gespräch zu wenig beachtet wurde (deshalb ist es sicher sinnvoll, dass er im Buch erwähnt wird) und das Gespräch deshalb nicht optimal verläuft. Dies führt mich zum dritten Beispiel aus der reichhaltigen Fundgrube, das ich in dieser Rezension ansprechen möchte: Umgang mit der Fehlerkultur.
Entlastung als vielleicht heimliche Botschaft des Buches
Im dritten Kapitel, welches sich den Lehrpersonen zuwendet, wird die Intervision als wesentliche Möglichkeit zum Aufbau einer Fehlerkultur dargestellt. Auch hier wird auf wenigen Seiten sehr ökonomisch das Thema Fehlerkultur aufgegriffen und die Einführung von Intervision sehr praxisnahe eingeführt. Im Sinne von «Level Up» halte ich die Entwicklung einer Fehlerkultur als sehr entscheidend. Wenn ich vorhin von Professionalität gesprochen habe, meine ich, dass Lehrpersonen beziehungsweise alle Mitarbeitenden an einer Schule immer wieder gemeinsam im Austausch sein müssen, um zu schauen, was gelingt und wo es Entwicklungsbedarf gibt. Die Intervision ist ein Kernelement zur Stärkung einer Fehlerkultur und zugleich der Professionalität.
Wesentlich finde ich hier – und auch an vielen anderen Stellen im Buch – den Verweis auf die Förderung von Gesundheit bei den Lehrpersonen. Im komplexen Umfeld einer Schule passieren immer wieder Fehler oderes gelingt nicht immer alles optimal (kann es auch gar nicht). Sich dem bewusst zu sein, darüber zu sprechen, entlastet und führt zu einem höheren Wohlbefinden.
Sich entlasten zu können, ist für mich die heimliche Botschaft und der grösste Wert in diesem Buch. Dabei meint Entlastung nicht weniger zu machen, sondern eingebunden zu sein, sich selbst sein zu dürfen, sich einbringen zu können und vieles mehr. Dabei richtet sich die Entlastung nicht nur an die Lehrpersonen, sondern auch an die Eltern und die Schüler:innen. Diese Ausdehnung der Perspektiven auf die Eltern und Schüler:innen ist für mich der zweite grosse Pluspunkt des Buches. Ich bin sehr überzeugt davon, dass Schüler:innen und Eltern noch sehr viel stärker in die Schule eingebunden sein sollten, als dies heute in vielen Schulen der Fall ist. Im Buch wird dies sehr deutlich und hat mich sehr gefreut.
Weg aus der Sackgasse?
Das Buch zeigt aus guten Gründen keinen Weg aus der Sackgasse. Ich halte die se Metapher für das Thema Schulentwicklung als unsinnig und gefährlich (*«einen neuen Weg aus der Sackgasse» (finden Sie im Buch auf Seite 10)). Die Metapher würde ja sagen, dass es mit der Schule nicht mehr weitergeht, dass wir alles neu machen müssen und das Bisherige keinen Wert hatte. Das Buch zeigt jedoch genau das Gegenteil. Keine der verschiedenen Ideen der reichhaltigen Fundgrube waren für mich – und wahrscheinlich auch für die meisten Leser:innen – neu. All die verschiedenen Elemente sind wesentliche Bausteine einer guten Schule. Die Schule weiterzuentwickeln, bedeutet einzelne dieser Elemente in den Blick zu nehmen, allenfalls weiterzuentwickeln oder sich dafür zu sensibilisieren. Genau darauf fokussiert das Buch richtigerweise. Entscheidend ist die Tiefenstruktur der Handlungen: Also nicht, dass ein Kind beim Eltern-Lehrpersonen-Gespräch am Tisch sitzt, sondern dass es sich einbringen kann und Teil des Dialogs ist. Um solche Dinge in den Blick zu nehmen, bietet das Buch eine ausgezeichnete Gelegenheit. In diesem Sinne bin ich froh, dass das Buch kein Weg aus der Sackgasse ist, sondern die Weiterentwicklung unterstützt. Dadurch gerät die Schule gar nie in die Sackgasse.
Diversität mit- und weiterdenken
Das Buch ist stellenweise stark aus der Perspektive des Bildungsbürgertums geschrieben und hat dadurch teilweise eine etwas eingeschränkte Perspektive. Beispielsweise werden im Kapitel zu den Eltern verschiedene Elternbildungsanlässe vorgeschlagen. Diese sind sehr wertvoll, übersehen jedoch, dass es auch Eltern gibt, welche aus welchen Gründen auch immer, solche Anlässe nicht besuchen können oder wollen. Als Reaktion darauf gibt es Schulen, welche Eltern zum Besuch von Elternabenden verpflichten (oder versuchen es zumindest) oder akzeptieren, dass nur ein Teil der Elternschaft teilnimmt (und verlieren damit einen Teil der Eltern). Beides halte ich nicht für zielführend.
Wenn von Zukunftsfähigkeit gesprochen wird, dann scheint mir die Frage, wie alle Bevölkerungsschichten einbezogen werden können, zentral. Dies gilt nicht nur für die Frage der im Buch erwähnten Elternveranstaltungen, sondern ganz generell. Wie ein solcher Einbezug gelingen kann, weiss ich nicht, halte ihn aber für höchst relevant: für das Lernen der Schüler:innen, aber auch für den Zusammenhalt unserer demokratischen Gesellschaft.
Der Dialog scheint mir ein zentrales Element einer kooperativen Schulkultur zu sein. Beispielsweise auch über die Werte der Schule, welche von den Respektlotsen gefördert werden. Die Haltung des Dialogs schwingt im ganzen Buch mit. Wünschenswert ist es aus meiner Sicht, dass nicht nur die Eltern und die Schüler:innen miteinbezogen werden, sondern alle Eltern und alle Schüler:innen. Ich weiss, dass die beiden Autor:innen dieses Anliegen teilen, und in diesem Sinne ist es auch keine Kritik am Buch, sondern ein Beitrag, um gemeinsam über kooperative Schulkultur und deren Gestaltung weiterzudenken.
INFOBOX
Das Buch «Level up» ist 2026 im hep Verlag erschienen und wurde von Geneviève Appenzeller und Tanja Alvesalo herausgegeben. Emmanuelle Brunet, Simone Schwank, Caroline Spirig und Branka Rezan haben weitere Beiträge zum Buch beigesteuert.
Zum Autor

Niels Anderegg leitet das Zentrum Management und Leadership an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Teacher Leadership und gemeinschaftliche Schulführung, Leadership for Learning und die Professionalisierung von Führungspersonen.
Redaktion: Melina Maerten
Beitragsbild: hep Verlag