Wie Lehrkräfte Onboarding durch die Schulleitung erleben

Startklar oder allein gelassen? Wie Lehrkräfte Onboarding durch die Schulleitung erleben

Schulisches Onboarding ist ein komplexer Integrationsprozess mit vielen Zwischenräumen: Neue Lehrkräfte werden in ihre Aufgaben, das Kollegium und die schulische Kultur eingeführt. Ein gelungener Onboarding-Prozess geht folglich deutlich über organisatorische Einweisungen hinaus – er inkludiert neben der strukturellen und administrativen Rahmung auch die soziokulturelle Integration, die Orientierung in Bezug auf Werte und Entwicklungsziele der Schule. Schliesslich sind im Onboarding auch die individuellen Erwartungen der neuen Lehrperson wesentlich, die oft auf eine Diskrepanz zwischen eigenen beruflichen Rollenvorstellungen und realem Alltag hindeuten. Welche Rolle die Schulleitung in diesem Prozess aus der Sicht von Lehrkräften einnimmt oder einnehmen soll, schildern Christine Ottner-Diesenberger, Birgit Neger und Birgit Pecoraro der PH Wien anhand einer durchgeführten Analyse.

Individuelle Onboarding-Erfahrungen von Lehrpersonen verschiedener Schulformen in Österreich wurden retrospektiv reflektiert und analysiert. Dabei zeigt sich, dass Schulleiter:innen nicht nur als organisatorische Instanz wahrgenommen werden, sondern als entscheidende Gestalter:innen des gesamten Einstiegsprozesses.[1]

Durchaus prägend, wenig überraschend ist der Erstkontakt: Ist er gelungen, ermöglicht er Orientierung und signalisiert Offenheit und Wertschätzung. Lehrpersonen erinnern sich konkret an das erste Gespräch mit der Schulleitung oder der erweiterten Führungsebene. Aussagen wie «Besonders positiv war das erste Gespräch mit meinem Abteilungsleiter» (BMHS, AK2513 (Mittleren und Höheren Schulen)) verweisen darauf, wie frühe Interaktionen mit der Führungsebene den weiteren Verlauf beeinflussen. Umgekehrt wird fehlende Präsenz der Schulleitung unmittelbar negativ bewertet (MS, ES2521): Wenn Führung in dieser Phase nicht sichtbar oder ansprechbar ist, entsteht schnell das Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein.

Ein zentrales Ergebnis der Analyse ist, dass administrative Defizite unabhängig von der Schulart besonders stark ins Gewicht fallen. Fehler oder Unklarheiten in organisatorischen Abläufen werden schnell als Zeichen mangelnder Führungskompetenz gedeutet und wirken demotivierend. Gleichzeitig reicht aber eine rein administrative Perspektive nicht aus. Lehrpersonen betonen immer wieder die Bedeutung einer «offenen Tür» der Direktion, des Feedbacks und der persönlichen Ansprache durch die Schulleitung. Über alle Schularten hinweg zeigt sich daher, dass Lehrkräfte der Schulleitung eine sehr anspruchsvolle Rolle beim Onboarding zuschreiben: Sie soll sowohl strukturelle Klarheit schaffen als auch soziale Integration ermöglichen. Einerseits erwarten neue Lehrpersonen also klare Abläufe, transparente Informationen und funktionierende administrative Prozesse. Andererseits messen sie der Schulleitung auch die Aufgabe zu, aktive Beziehungen zu gestalten, Zugehörigkeit zu fördern und den «Spirit» der Schule zu vermitteln (VS, BM2531).

[1] Dass diese Wahrnehmungen keine Einzelfälle sind, belegt eine kriteriengeleitete qualitative Analyse von 72 Retrospektiven. Diese wurden im Rahmen des österreichischen Hochschullehrgangs‚ Schulen professionell führen – Vorqualifikation‘ (2024/25) an der Pädagogischen Hochschule Wien erhoben und geben tiefe Einblicke in die Mechanismen des Berufseinstiegs. Der Blogbeitrag resümiert die wesentlichen Ergebnisse. Die im Text genannten Verweise und Zitate  beziehen sich auf die Kodierung Untersuchungsmaterials.  Eine umfangreichere Publikation der Blogautorinnen dazu ist in Vorbereitung.

Schulartenspezifische Akzente

Dennoch zeigen sich darüber hinaus schulartenspezifische Akzentuierungen. In den Volksschulen (VS) und Mittelschulen (MS) wird die Rolle der Schulleitung besonders stark im Bereich der sozialen Integration verortet. Hier erwarten Lehrkräfte, dass die Leitung aktiv Verbindungen im Kollegium herstellt, Mentoring-Strukturen initiiert und ein unterstützendes Klima schafft. Aussagen wie die Bedeutung der «Chemie» im Team (VS, BH2530) oder das Gefühl, bei Herausforderungen aufgefangen zu werden, zeigen, wie eng Führung hier mit Beziehungsarbeit verknüpft ist.

Etwas verschoben ist der Fokus in den Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS): Hier wird die Schulleitung stärker als kulturelle und strategische Instanz wahrgenommen. Eine Kultur der «offenen Tür» gilt als sichtbares Zeichen von Wertschätzung und Führungsqualität. Lehrpersonen erwarten, dass die Leitung Orientierung gibt, Entscheidungen transparent macht und die schulischen Werte glaubwürdig vertritt. Die Schulleitung fungiert hier weniger als unmittelbare Unterstützerin im Alltag, sondern vielmehr als Rahmensetzerin für eine funktionierende Organisation.

In den Berufsbildenden Mittleren und Höheren Schulen (BMHS) rückt die administrative Dimension etwas stärker in den Vordergrund: Lehrkräfte bewerten die Qualität des Onboardings hier häufiger vor allem anhand der strukturellen Organisation. Funktionierende Abläufe, vollständige Informationen und eine klare Einführung in Systeme und Prozesse werden als Ausdruck von Professionalität und Wertschätzung interpretiert. Gleichzeitig zeigt sich aber auch hier, dass ohne persönliche Ansprache selbst die beste Organisation unvollständig bleibt.

Damit verdichtet sich die Rolle der Schulleitung zu einer Art «Scharnierfunktion» im Onboarding-Prozess. Sie verbindet strukturelle, soziale und individuelle Dimensionen und sorgt dafür, dass diese ineinandergreifen. Eine «offene Tür», regelmässige Gespräche und sichtbare Präsenz werden häufig nicht als Zusatz, sondern als zentrale Führungsaufgabe verstanden. Besonders deutlich wird dies in Aussagen, die sich auf fehlende Unterstützung beziehen: Wenn die Schulleitung nicht aktiv wird, entsteht ein Vakuum, das weder durch das Kollegium noch durch individuelle Initiativen vollständig ausgeglichen werden kann.

Nicht unwesentlich ist zudem, dass Lehrkräfte der Schulleitung zwar eine Schlüsselrolle für ein gelungenes Onboarding zuschreiben, nicht aber die alleinige Verantwortung. Sie erwarten keine permanente Begleitung, wohl aber klare Signale, dass Unterstützung verfügbar ist. Führung im Onboarding wird demnach mehr als Angebot verstanden denn als Kontrolle – zu viel Kontrolle «würde den meisten wenig Gefühl der Sicherheit vermitteln, sondern eher der totalen Überwachung.» (VS, ND2525)

Zusammenfassend lässt sich sagen: Ob neue Lehrkräfte ihren Einstieg als «startklar» oder als «allein gelassen» erleben, hängt in entscheidender Weise von der Rolle der Schulleitung im Onboarding ab. Sie fungiert als Taktgeberin für Strukturen, Impulsgeberin für Kultur und als zentrale Ansprechperson für individuelle Anliegen. Je nach Schulart variieren die Akzente zwischen administrativer Klarheit, kultureller Orientierung und sozialer Integration. Konstant bleibt jedoch die Erwartung, dass Schulleiter:innen im Onboarding präsent, ansprechbar und aktiv gestaltend wirken. Damit wird deutlich: Ein gelungener Start ist kein Zufallsprodukt – sondern das Ergebnis bewusster Führung, die den Unterschied zwischen Orientierung und dem Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein, macht.

INFOBOX

Das Zentrum Management und Leadership (MAL) an der PH Zürich pflegt einen freundschaftlichen Kontakt zu verschiedenen Hochschulen im deutschsprachigen Raum. Dies in der Überzeugung, dass die unterschiedlichen Kontexte und Kulturen insbesondere im Bereich der Schulführung hilfreich für das von- und miteinander lernen ist. So auch in diesem Beitrag von Kolleginnen der Pädagogischen Hochschule Wien.

Im Bereich des Personalmanagements bietet das Zentrum MAL zurzeit die folgenden Module an: Personalmanagement in der Schulleitungspraxis (Präsenz) und Personalgewinnung als Führungsaufgabe (Online oder Präsenz).

Zu den Autorinnen

Christine Ottner-Diesenberger ist Hochschulprofessorin für Fachdidaktik Geschichte und Politische Bildung an der Pädagogischen Hochschule Wien. Sie lehrt und forscht hier in der Aus-, Fort- und Weiterbildung in den Bereichen Politische Bildung und Schulmanagement. Aktuell leitet sie den Hochschullehrgang European Citizenship Education in Kooperation mit dem Europäischen Parlament in Österreich.

Birgit Neger hat Geschichte, Germanistik und Theaterpädagogik in Wien studiert und leitet an der Pädagogischen Hochschule Wien den Bereich Leadership.
Als Lehrgangsleitung für Schulen prof. führen – Neue Vorqualifikation beschäftigt sie sich in Forschung und Lehre mit der Qualifizierung neuer Schulleitungen sowie mit Storytelling im Bildungsbereich.

Birgit Pecoraro hat Lehramt Musikpädagogik und Psychologie, Philosophie und Pädagogik an den Universitäten Salzburg und Graz studiert und leitet an der Pädagogischen Hochschule Wien den Bereich Leadership. Sie beschäftigt sich als Fortbildungsentwicklerin und Tagungsleiterin mit allen Fragen zu Führung, ein besonderer Schwerpunkt ist Positive Leadership und PERMA-Lead.

Redaktion: Melina Maerten
Beitragsbild: Bildarchiv PHZH

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