Wie entstehen neue Wirklichkeiten? Vermutlich nicht dadurch, dass wir immer wieder dieselben Fragen stellen und dieselben Wege gehen. Genau dieser Überzeugung widmete sich das Symposium «Handle unüblich. Neue Wirklichkeiten wagen – Eine lustvolle Anstiftung zur kreativen Problemlösung.» der PH Zürich. Stefanie Michel-Loher und Frank Brückel blicken auf die Veranstaltung zurück.
Unübliches Handeln war am Symposium nicht nur Thema, sondern wurde selbst zum Prinzip der Veranstaltung. Statt auf klassische Referate zu setzen, wurden die Teilnehmenden eingeladen, sich auf ungewohnte Formate einzulassen, miteinander zu experimentieren und neue Denk- und Handlungsräume zu erkunden. Impressionen des Symposiums zeigt dieser Film von Oliver Müller, Mediamatiker PH Zürich.
Wie neue Wirklichkeiten entstehen
Mit ihrer inspirierenden Art zeigten die Künstler Frank und Patrik Riklin eindrücklich auf, wie ungewöhnliche Ideen Veränderungen anstossen können und dass oft gerade das vermeintlich Verrückte den Blick auf neue Möglichkeiten eröffnet. Anhand von Beispielen – von der Geschichte einer Fliege bis zu ungewöhnlichen Projekten der kreativen Stadtentwicklung – zeigten sie, wie neue Wirklichkeiten entstehen können, wenn man gewohnte Denkpfade verlässt. Die von ihnen entwickelte «Formel zur Herstellung neuer Wirklichkeiten»* floss direkt in die Team-Challenge des Tages ein und wurde damit für die Teilnehmenden unmittelbar erfahrbar – nicht nur gehört, sondern angewendet.
Unüblich handelte auch das OK
Auch das Organisationsteam (OK) hat sich selbst beim Wort genommen. Es gab eine Ad-hoc-Ausstellung, die während des Tages entstand, sowie KI-generierte Songs, die aus den von Teilnehmenden eingereichten Problemen und Lösungsideen komponiert wurden. Wer schon einmal ein Symposium oder eine Tagung organisiert hat, weiss: Auch das ist ein Stück «unübliches Handeln» – nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell und im Vertrauen darauf, dass ein offenes Format trägt.

Was bleibt vom Symposium?
Rückmeldungen von Teilnehmenden zeigen, dass die Impulse über das Symposium hinauswirken:
Peter Gilbert, Schulleiter Lakeside School, ist besonders in Erinnerung geblieben, dass kreative Lösungen oft mit den richtigen Fragen beginnen. Diese Haltung hat er in seinen Alltag mitgenommen und teilt seither bewusst auch verrückte Fragen mit Freunden, Kolleg:innen und seiner Familie. Sein Fazit:
«Neue Wirklichkeiten entstehen, wenn wir mutig sind und uns weiter aus unserer Komfortzone herauswagen. Probieren Sie es einfach aus und bitten Sie hinterher um Verzeihung! Go for it, just do it!»
Barbara Vollmer, wissenschaftliche Mitarbeiterin Universität Bamberg, verbindet die Beispiele der Brüder Riklin mit der Zuversicht, «dass wir als Gesellschaft eine nachhaltige Zukunft gestalten können». Seither achtet sie noch bewusster auf kreative Impulse und geht ihnen nach:
«Neue Wirklichkeiten entstehen, wenn wir zulassen, wonach wir uns sehnen – auch wenn es zunächst absolut abwegig und verrückt erscheint.»
Daniela Wettstein, selbstständig im Bereich Begleitung von Schulen und Mitglied der Schulbehörde Limmattal sowie der Schulkommission Kantonsschule Zürcher Unterland, nahm vor allem die Haltung mit, dass Veränderungen nicht entstehen, wenn wir immer gleich handeln. In ihrem Führungsalltag lässt sie deshalb bewusst Raum für spontane Ideen und unerwartete Entwicklungen:
«Neue Wirklichkeiten entstehen, wenn wir neugierig andere Möglichkeiten suchen – gerade dort, wo wir im ersten Moment glauben, die Antwort schon zu kennen.»
Markus Zollinger, Abteilungsleiter Bildung Uster, übertrug den Gedanken des unüblichen Handelns unmittelbar in seinen Führungsalltag: Eine Vakanz in einer Co-Schulleitung besetzte er nicht wie gewohnt, sondern initiierte ein Überbrückungs-Schulleitungsteam, das die Führung gemeinsam trägt. Darin sieht er eine spannende Form von Teacher Leadership und ist überzeugt:
«Neue Wirklichkeiten entstehen, wenn wir an Veränderungen glauben und bereit sind, gewohnte, lieb gewonnene Trampelpfade zu verlassen.»
Cathy Caviezel, Dozentin an der PH Zürich, klingt besonders die Erfahrung nach, gemeinsam mit zunächst unbekannten Menschen Ideen zu entwickeln und zu erleben, wie daraus mit wachsendem Vertrauen neue Energie entsteht. Auch im Alltag probiert sie Unübliches aus, etwa E-Mails konsequent zu löschen, die sie nichts angehen. Ihre Schlussfolgerung:
«Neue Wirklichkeiten entstehen, wenn wir öfter fragen: ‹Warum eigentlich nicht?› anstatt ‹Warum?›.»
Fazit
Die Rückmeldungen zeigen eindrücklich, wie unterschiedlich unübliches Handeln aussehen kann. Es beginnt mit einer ungewöhnlichen Frage, einer kreativen Idee, einer bewusst anders getroffenen Führungsentscheidung oder dem Mut, Verantwortung neu zu denken. Es braucht nicht immer eine grosse Innovation. Gemeinsam ist all diesen Erfahrungen die Bereitschaft, Vertrautes zu hinterfragen und neue Möglichkeiten auszuprobieren. Oft sind es kleine Entscheidungen, die den Blick auf neue Möglichkeiten öffnen.
Dem OK des Symposiums war es von Anfang an klar: Neue Wirklichkeiten entstehen nicht an einem einzelnen Tag. Es ist entscheidend, was nach dem Symposium passiert. Oder wie die Konzeptkünstler Riklin im Interview sagten:
Patrik: «Im besten Fall gehen die Teilnehmenden mit einem positiven inneren Brand nach Hause und versuchen, an ihrer eigenen Schule unüblich zu handeln – im konstruktiven Sinne.»
Frank: «Das Symposium ist dann erfolgreich, wenn das Unübliche erfolgt und Einzug in neue Denk- und Verhaltensweisen hält.»
INFOBOX
Wer den Dialog weiterführen und das Zusammenspiel von Kreativität und Führung vertiefen möchte, ist herzlich zum kostenlosen Web-Dialog «Kreativität & Führung» am 21. Oktober um 14.30 Uhr eingeladen. Wir freuen uns auf den weiteren Austausch und das gemeinsame Teilen der verschiedenen Erfahrungen.
*Die Formel zur Herstellung neuer Wirklichkeiten ist im neu erschienenen Sammelband «Leadership out of Boxes - Führung und Kreativität im Fokus» zu finden.
Zu den Autor:innen

Stefanie Michel-Loher arbeitet im Zentrum Management und Leadership. Sie ist Studiengangsleiterin des DAS Schulleitung und Co-Tagungsverantwortliche des Symposiums Personalmanagements: «Handle unüblich! Neue Wirklichkeiten wagen – Eine lustvolle Anstiftung zur kreativen Problemlösung».

Frank Brückel ist Dozent im Zentrum Schule und Entwicklung an der PH Zürich. Er leitet die Arbeitsgruppe Tagesschule und ist zudem Mitglied im Leitungsteam MAS Weiterbildungsstudien. Er kennt sich speziell in Schulentwicklung, Ganztagesbildung und Professionalisierung bei Lehrpersonen aus
Redaktion: Melina Maerten
Beitragsbild: Tamara Menzi, Marketing und Kommunikation PHZH