Hartmut Rosas neues Buch Situation und Konstellation ─ Vom Verschwinden des Spielraums trifft einen wunden Punkt der Gegenwart. Wir leben in Gesellschaften, die zunehmend von Algorithmen, Formularen und automatisierten Entscheidungslogiken durchdrungen sind und bemerken kaum, was wir dabei verlieren. Eine Buchrezension von Olaf Köster-Ehling über das schleichende Verschwinden unseres Handlungsspielraums und was das mit uns macht.
Die Kernthese: Konstellationen fressen Situationen
Der Soziologe unternimmt den Versuch, Problemlagen unserer Gesellschaft mit zwei zentralen Begriffen zu fassen: der Konstellation und der Situation. Konstellationen zeichnen sich durch ein starres Regelwerk aus, das meist gemäss binärer Unterscheidungen funktioniert. Situationen hingegen sind weniger klar definiert, dynamisch gedacht und bedürfen der Initiative des Einzelnen.
Klingt theoretisch? Ist es nicht. Ob es die Lehrerin ist, die beim Benoten keinen Ermessensspielraum mehr hat, die Ärztin, die mehr Zeit mit dem Bildschirm verbringt als mit ihren Patient:innen, oder der Schiedsrichter, dessen Instinkt dem Videobeweis weichen muss: Der Wandel vollzieht sich still und unaufhaltsam. Vor allem im Berufsalltag geben Vorschriften, Formulare, Algorithmen und Apps immer öfter vor, wie Entscheidungen zu treffen sind – Schritt für Schritt, ohne Abweichung.
Das Problem liegt nicht darin, dass es Regeln gibt, denn Regeln braucht jede Gesellschaft. Das Problem entsteht, wenn starre Konstellationen lebendige Situationen vollständig überlagern und kein Raum mehr bleibt für Ermessen, Empathie und menschliches Urteil.
Vom Handelnden zum Vollziehenden
An die Stelle situationssensiblen Überlegens tritt die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen. «Stimme zu» / «Stimme nicht zu» – so werden Handelnde zu Vollziehenden. Wer kennt das nicht: Man klickt sich durch ein bürokratisches System, füllt das vorgegebene Feld aus, auch wenn es die eigene Realität gar nicht abbildet und am Ende hat man «entschieden», ohne wirklich entschieden zu haben. Rosa benennt, was viele spüren: Wir verlieren uns selbst als handelnde Subjekte.
Die Folge: Ohnmacht und Energieverlust
Wenn Ermessensspielräume verschwinden und Kreativität aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht. Das ist mehr als ein soziologischer Befund – es ist eine Beschreibung kollektiver Erschöpfung. Politikverdrossenheit, Burnout, Demokratiemüdigkeit: Vieles lässt sich auf genau diesen Mechanismus zurückführen.
Rosas Antwort: Spielräume zurückgewinnen
Rosa bleibt nicht bei der Diagnose stehen. Er plädiert für eine reflektierte Modernisierung der Moderne: für Institutionen, die nicht nur Effizienz, sondern auch situative Urteilskraft ermöglichen; für Technologien, die unterstützen, ohne zu substituieren und für Organisationsformen, die Vertrauen vor Kontrolle stellen. Er schreibt kein rückwärtsgewandtes Manifest, er fragt, wie wir Systeme gestalten können, die den Menschen als urteilendes, handelndes Wesen ernst nehmen.
Fazit
Situation und Konstellation ist ein Buch zur richtigen Zeit. In einer Gesellschaft, die mehr und mehr von Algorithmen und Automatismen gesteuert wird, erinnert Rosa daran, was auf dem Spiel steht: nicht nur Effizienz oder Gerechtigkeit, sondern die menschliche Fähigkeit, wirklich zu handeln und damit die Grundlage für ein lebendiges, resonantes Leben.
Zum Autor

Olaf Köster-Ehling ist Dozent an der PH Zürich und war davor 18 Jahre als Schulleiter tätig und fünf Jahre als Bildungsexperte für eine gemeinnützige Stiftung im pädagogischen Feld unterwegs. Er ist promovierter Erziehungswissenschaftler und hat sich auf pädagogische Schulführung, Leadership und Kommunikation spezialisiert.
Redaktion: Melina Maerten
Beitragsbild: Buchcover, Suhrkamp Verlag
Literaturnachweis
Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp Verlag, 2026. 247 Seiten, 25 EUR.