Growth Mindset als gemeinsame Verantwortung: Im April 2025 durften Heike Beuschlein und Frank Brückel bei den 11. Rechtenthaler Gesprächen zur Schulentwicklung in Südtirol ihre Arbeit mit dem Schulentwicklungsrad vorstellen. Unter dem Leitthema «Growth Mindset als VerANTWORTung. SINNstiftendes Lernen im Kontext von Kontinuität und Veränderung» bot die Tagung im Schloss Rechtenthal Bildungsinteressierten aus Südtirol, Tirol und Bayern Raum für den Dialog über nachhaltige Schulentwicklung in einer Zeit grosser Herausforderungen und Veränderungen.
Wir möchten hier einen Einblick geben, wie wir das Schulentwicklungsrad bei dieser Gelegenheit eingesetzt haben und wie es sich international in unterschiedlichen Themenfeldern sowie auf verschiedenen Ebenen des Bildungssystems anwenden lässt.
Schulentwicklung als gemeinsame Aufgabe im Mehrebenensystem
Die Rechtenthaler Gespräche sind geprägt vom Anspruch, Menschen aus Schulen, Bildungsverwaltung und Wissenschaft zusammenzubringen. Das passte hervorragend zu unserem Ansatz: Schulentwicklung gelingt besonders gut, wenn sie als Aufgabe im Mehrebenensystem verstanden wird. Schulen, Behörden, Hochschulen – alle haben ihre Rolle. Das Schulentwicklungsrad hilft dabei, diese Rollen und deren Zusammenspiel sichtbar zu machen und zu gestalten.
Wir haben in unserer Keynote und den Workshops gezeigt, wie das Rad dabei als Analyse-, Planungs- und Reflexionsinstrument dient. Anhand des Projekts Learning Support Teams (LST) konnten wir verdeutlichen, wie eine inklusive, ressourcenorientierte Zusammenarbeit aufgebaut wird:
- Unterricht wird gemeinsam geplant, durchgeführt und reflektiert.
- Lehrpersonen und Fachpersonen werden gestärkt, um Herausforderungen gesund zu bewältigen.
- Alle Schüler:innen sollen möglichst in ihrer gewohnten Klassensituation lernen können.
Dieses Beispiel machte auch den Teilnehmenden in Südtirol deutlich. Nachhaltige Schulentwicklung bedeutet nicht nur einmalige Reformen, sondern Beharrlichkeit, Sinnstiftung und Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Ein zentraler Gedanke unserer Arbeit mit dem Schulentwicklungsrad lautet: Growth Mindset ist keine individuelle Haltung allein, sondern eine gemeinsame Verantwortung. Wir haben in Südtirol diskutiert, wie Führungspersonen auf allen Ebenen eine Kultur fördern können, in der Lernen und Verändern möglich wird.
Das heisst auch:
- Differenzen im System nicht einfach wegdiskutieren, sondern sichtbar machen und gemeinsam bearbeiten.
- Unterschiedliche Handlungslogiken und Erwartungen anerkennen.
- Sich bewusst sein, dass Schulentwicklung emotional sein darf und Widerstände dazugehören.
Das Schulentwicklungsrad bietet hier einen Rahmen, um solche Fragen systematisch und gemeinsam zu durchdenken, sei es in einer Schulleitungssitzung, einem Steuergruppentreffen oder in einem Gespräch zwischen Schulamt und Hochschule.
Prozesslogik und Handlungslogiken
In den Workshops in Rechtenthal haben wir zwei Perspektiven vertieft.
Von der Idee zur Umsetzung: Wie kann aus einer gemeinsamen Vision konkrete Praxis werden? Wir zeigten die Prozesslogik hinter den Learning Support Teams, bei denen Unterrichtsteams und Behörden auf freiwilliger Basis zusammenarbeiten und Ressourcen sinnvoll bündeln.
Synergien schaffen: Unterschiedliche Handlungslogiken wiepädagogische, organisatorische und rechtliche treffen in jedem Schulentwicklungsprojekt aufeinander. Im Workshop arbeiteten wir daran, wie diese Diversität produktiv genutzt und nicht als Hindernis erlebt wird.
Das Schulentwicklungsrad half den Teilnehmenden dabei, die eigenen Projekte zu reflektieren und Ansatzpunkte für den Transfer zu finden.
Internationale Anwendung und andere Kontexte
Unsere Arbeit in Südtirol ist Teil einer wachsenden internationalen Nutzung des Schulentwicklungsrads. Auch in der Schweiz selbst arbeiten wir seit Jahren auf unterschiedlichen Ebenen
- mit einzelnen Schulen, die Unterrichtsentwicklung mit Steuergruppenarbeit verbinden wollen,
- mit Gemeinden und Kantonen, die Schulentwicklungsprojekte mit mehreren Schulen koordinieren,
- in Partnerschaften zwischen Hochschulen und Bildungsverwaltung (etwa im Projekt Learning Support Teams, an dem Behörden aus mehreren Kantonen und aus Liechtenstein beteiligt sind).

In Südtirol arbeiten wir mit der Bildungsdirektion auch über die Rechtenthaler Gespräche hinaus zusammen, etwa in Workshops mit Schulführungsteams rund um die Umsetzung der Bildungsoffensive «Wege in die Bildung 2030». Dabei zeigt sich immer wieder, dass dasas Schulentwicklungsrad kein «Rezept» ist, sondern ein Strukturierungshilfsmittel für den Dialog. Es kann genutzt werden, um Ziele zu klären, Rollen und Verantwortlichkeiten abzustimmen, und um ein gemeinsames Verständnis für nachhaltige Entwicklung zu fördern.
Informeller Austausch und Netzwerken: Vertrauen als Grundlage
Neben den formellen Programmpunkten war vor allem der informelle Austausch ein echtes Highlight. Die Gespräche in Pausen oder beim Kaffee halfen, Fragen zu vertiefen und Verbindungen zu knüpfen. Besonders eindrucksvoll war der Abend im Versuchszentrum Laimburg mit einer spannenden Führung, hervorragender Weinverkostung und einem stimmungsvollen Buffet im Felsenkeller. Diese besonderen Momente bauten Barrieren ab, ermöglichten Begegnungen auf Augenhöhe und stärkten das Miteinander. Solche Erlebnisse schaffen Vertrauen – die unverzichtbare Grundlage für echte Kooperation und gelingende Schulentwicklung.

Sinnstiftend und beharrlich
Schulentwicklung ist komplex. Sie braucht Sinnstiftung, ein geteiltes Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, dranzubleiben, auch wenn es langwierig und anstrengend ist. Das Schulentwicklungsrad unterstützt uns dabei, diese Arbeit gemeinsam, systemisch und kontextsensibel zu gestalten – in der Schweiz, in Südtirol und in anderen internationalen Kooperationen.
INFOBOX
Weiterbildungsangebote, in denen Sie das Modell Schulentwicklungsrad lernen zu nutzen, finden Sie auf unserer Seite zum Thema Schulentwicklung.
Zur Autorin

Heike Beuschlein leitet das Zentrum Schule und Entwicklung. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in der Weiterbildung und Begleitungen von Schulleitungen und Schulteams in Entwicklungsprozessen.
Zum Autor

Frank Brückel arbeitet in der Schnittstelle zwischen Forschung, Entwicklung und Beratung. Dabei drehen sich seine Tätigkeiten um die Fragen, wie Schulen und Gemeinden bei ihren vielfältigen Schulentwicklungsbemühungen unterstützt werden können. Er begleitet Schulen und leitet verschiedene Lehrveranstaltungen zu Schulentwicklung. Daneben interessieren ihn lokale, regionale, nationale und internationale bildungspolitische Entwicklungen. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei die Vernetzung mit nationalen und internationalen Partnern.
Literaturnachweis

Redaktion: Melina Maerten
Beitragsbilder: zVg / Bildungsinteressierte aus Südtirol, Tirol und Bayern