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Zwischen Verlangsamen und Beschleunigen

Beobachtungen von der European Conference on Educational Research (ECER) 2026 in Tampere ─ Einmal im Jahr trifft sich die europäische Bildungsforschung für eine Woche in einer anderen Stadt. Dieses Jahr im August ging es nach Tampere in Finnland mit mehreren Tausend Teilnehmenden aus ganz Europa und darüber hinaus. Irene Lampert war mit einem eigenen Symposium dort und berichtet von ihren Erfahrungen und was sie daraus mitnimmt.

Man muss sich die ECER weniger als Kongress mit grosser Bühne vorstellen, sondern eher als Stadt aus kleinen Räumen. In gut tausend Programmpunkten wird parallel präsentiert und diskutiert, meist in Gruppen von fünfzehn bis vierzig Personen. Die Forschenden organisieren sich in Netzwerken, die über Jahre zusammenwachsen. Es gibt eines für Schulführung, eines für Bildung für nachhaltige Entwicklung, eines für Berufsbildung, insgesamt vierunddreissig. Wer teilnimmt, hat also fast immer die Wahl zwischen zehn oder fünfzehn Präsentationen und Gesprächen, die gleichzeitig stattfinden. Was man hört, hängt davon ab, wofür man sich entschieden hat. Was man verpasst, erfährt man meist gar nicht.

Ich war mit einem eigenen Symposium vor Ort. Ein Symposium ist ein Format, bei dem mehrere Forschungsgruppen ihre Arbeiten zu einer gemeinsamen Frage präsentieren und gemeinsam diskutieren. Am Ende verbindet eine eingeladene Fachperson, die sogenannte Discussant, die verschiedenen Aussagen und teilt ihre Gedanken und Ideen mit den Anwesenden. Unser Symposium hiess «Leadership for Sustainability» und fragte danach, welche Bedingungen Schulführung braucht, damit Nachhaltigkeit an einer Schule mehr wird als ein Projekt. Beteiligt waren Niels Anderegg, Jasmin Kolb und ich von der PH Zürich, Daniel Sundberg und Katarina Ståhlkrantz von der Linné-Universität in Schweden sowie Ronni Laursen von der Universität  Arhus in Dänemark (siehe Foto v. l.). Guri Skedsmo von der Oslo Metropolitan University hat die Rückmeldung übernommen.

Die Frage, die blieb

Skedsmo hörte aus unseren drei Beiträgen ein und dasselbe Muster heraus. Alle drei Präsentationen liefen auf verteilte, partizipative Führung hinaus, als Gegenentwurf zur heroischen Schulleitung, die alles allein trägt. Dann hielt sie dagegen. Partizipation braucht Zeit. Sie erhöht den Abstimmungsaufwand. Unter welchen Bedingungen also wird verteilte Führung tatsächlich nachhaltig, und wann wird sie selbst zu einer weiteren Quelle von Beschleunigung?

Für mich hat die Tagung an diesem Punkt erst richtig angefangen. Skedsmo hatte zwei Themen benannt, Beschleunigung und Fragmentierung, beide habe ich in den folgenden Tagen überall wiedergefunden.

Fragmentierung, zuerst an der Sprache

Zwei Stunden vor uns lief im selben Netzwerk ein Symposium mit dem Titel «One Size Policies Rarely Fit All». Auch dort ging es um Sustainable Leadership. Gemeint war aber etwas anderes, nämlich die Haltbarkeit des Amtes. Wie halten Schulleitungen durch; in ländlichen schottischen Gemeinden, in irischen Schulen unterschiedlichster Prägung, in Schweden. Bei uns ging es um ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit und darum, was Führung dafür herstellen muss. Dieselben zwei englischen Wörter, zwei verschiedene Gegenstände, im selben Netzwerk, am gleichen Nachmittag.

Zeitgleich lief im Nachhaltigkeitsnetzwerk eine Session zu Schulführung, und parallel zu unserem Symposium tagte dieselbe Community über Bildung in Zeiten der Polykrise. Wer beide Seiten hören wollte, musste sich an einem einzigen Nachmittag zweimal entscheiden. Das ist keine Panne der Organisation, sondern die normale Folge eines Programms dieser Grösse. Es zeigt aber, wie Fachgemeinschaften aneinander vorbeiarbeiten können, obwohl sie dieselbe Frage stellen.

Vorhanden ist nicht dasselbe wie verankert

Wie das konkret aussieht, hat mir am Mittwochabend Nicole Ackermann von der PH Zürich gezeigt. Sie hat zusammen mit Thomas Ruoss von der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung und Luca Moser untersucht, wie Nachhaltigkeit in Schweizer Lehrmitteln für den Wirtschaftsunterricht auf der Sekundarstufe II vorkommt. Über neunzig Prozent dieser Lehrmittel stammen von privaten Anbietern, meist Verlagen, und die meisten Autor:innen kommen aus der Praxis, nicht aus der Forschung. Das Thema selbst fehlt nicht. Ökologie, Klima und Umweltpolitik tauchen in neun von zehn Lehrmitteln auf. Die interessante Frage stellt sich erst danach, nämlich wie ausführlich und wie anspruchsvoll das geschieht. Genau dort zeigen sich deutliche Unterschiede.

Das ist im Kleinen dasselbe Bild, das wir in unserer eigenen Arbeit finden. Nachhaltigkeit ist an den Schulen angekommen. Sie steht in Lehrplänen, in Lehrmitteln, in Leitbildern. Ob Nachhaltigkeit das Handeln prägt, entscheidet sich woanders.

Dasselbe Argument, anderes Thema

Am Mittwoch bin ich bewusst in die Sessions zu künstlicher Intelligenz gegangen, weil dieses Thema die Schulen gerade mit voller Wucht erreicht. Dort haben Carlo Perrotta von der Universität Oxford sowie Neil Selwyn und Adriana Szili von der Monash University eine These vertreten, bei der ich innerlich genickt habe. Die Nutzung generativer KI durch Lehrpersonen sei keine individuelle Entscheidung für oder gegen ein Werkzeug. Sie sei eine kollektive Bindung. Nicht die einzelne Lehrperson steigt ein, sondern ein Kollegium bindet sich an eine Erwartung.

Das ist strukturell exakt unser Argument. Nachhaltiges Handeln hängt nicht an der Kompetenz einzelner Personen, sondern an der Kultur einer Schule und daran, worauf Führung ihre Aufmerksamkeit richtet. Zwei Forschungsgemeinschaften kommen zur selben Einsicht, und soweit ich sehe, haben sie keinen Kontakt zueinander.

Weil mir das nicht aus dem Kopf ging, habe ich das Programm später durchgesucht. Von den gut tausend Programmpunkten führen dreiundsiebzig Nachhaltigkeit im Titel, neunundfünfzig künstliche Intelligenz oder Digitalisierung und dreiundfünfzig Führung. Drei grosse Gespräche also. Nachhaltigkeit und Führung kamen in vier Sessions zusammen, KI und Führung ebenfalls in vier. Nachhaltigkeit und KI in einer einzigen, und die kam aus der Medienpädagogik. Die Zählung sieht nur Titel und keine Inhalte, sie ist also grob. Sie sagt trotzdem etwas über ein Feld, in dem die beiden Themen, die in jeder Schulleitungsweiterbildung gleichzeitig auf dem Tisch liegen, weitgehend getrennt verhandelt werden.

Was ich mitnehme

Skedsmos unbequemste Frage in meinem Symposium war die nach dem Handlungsspielraum. Was können Schulleitungen tun, wenn die Bedingungen ungünstig sind? Gibt es Beispiele von Leitungen, die Zeit schützen, Prozesse bewusst verlangsamen, Verantwortung umverteilen oder politische Erwartungen umformen?

Verlangsamen. Im selben Programm wurde denselben Tag über Beschleunigung verhandelt. Das muss kein Widerspruch sein, aber es ist auch keine Kleinigkeit. Wenn Nachhaltigkeit in Schulen Zeit braucht, gemeinsame Aufmerksamkeit und Kontinuität, und wenn gleichzeitig mit KI ein Werkzeug Einzug hält, dessen ganzes Versprechen Tempo heisst, dann ist das eine Führungs- und keine Technikfrage.

Ihre letzte Frage richtete sich an uns als Lehrende. Sollen wir vor allem einzelne Führungspersonen entwickeln, Organisationen umbauen oder die Steuerungsbedingungen verändern? Darauf habe ich keine Antwort. Ich nehme aus Tampere mit, dass wir sie nicht getrennt beantworten können.

INFOBOX

Die nächste ECER findet am 30. August bis 3. September 2027 in Debrecen, Ungarn, statt. Einige Mitglieder aus dem Zentrum Management und Leadership, der PH Zürich, werden wieder an der Konferenz teilnehmen. Die Mitglieder sind an der PH Zürich im Bereich Schulführung tätig. Informieren Sie sich auf dieser Themenseite über Angebote für Schulleitungen, Behörden und Teacher Leader.

Zur Autorin

Irene Lampert

Irene Lampert ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin und Expertin im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) sowie Schulführung. Sie arbeitet als Dozentin an der PHZH im Zentrum Management und Leadership. Sie leitet mehrere Lehrgänge und forscht im Bereich Leadership for Sustainability.  

Redaktion: Melina Maerten
Beitragsbild: zVg

Beiträge und Literaturverzeichnis

Ackermann, N., Ruoss, T., & Moser, L. (2026, 19. August). Representation of sustainability in economic education: An analysis of textbooks for upper secondary schools in Switzerland [Konferenzbeitrag]. European Conference on Educational Research (ECER) 2026, Tampere, Finnland.

Lampert, I., Kolb, J., Ståhlkrantz, K., & Anderegg, N. (2026, 18. August). Leadership for Sustainability [Symposiumsbeitrag]. European Conference on Educational Research (ECER) 2026, Tampere, Finnland.

Perrotta, C., Selwyn, N., & Szili, A. (2026, 19. August). «Getting on board the AI train»: Teacher use of GenAI as a matter of collective attachment rather than individual adoption [Konferenzbeitrag]. European Conference on Educational Research (ECER) 2026, Tampere, Finnland.

Schlieszus, A.-K., & Holst, J. (2026, 21. August). School culture as driver, barrier and integral part of sustainability transitions at schools [Symposiumsbeitrag]. European Conference on Educational Research (ECER) 2026, Tampere, Finnland.

Skedsmo, G. (2026, 18. August). Discussant response: Leadership for Sustainability [Symposiumsbeitrag]. European Conference on Educational Research (ECER) 2026, Tampere, Finnland.

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