Eine Delegation von 14 Personen aus der Schweiz besuchte Ende April 2026 im Rahmen des Projekts #schuleverantworten ihre Kolleg:innen in Niederösterreich. Im Zentrum standen Schulbesuche und der fachliche Austausch zur Frage, wie Lernen, Führung und Schulentwicklung in unterschiedlichen Kontexten gestaltet werden. Niels Anderegg gibt Einblick in Eindrücke und weiterführende Fragen aus dieser Begegnung.
Die PH Niederösterreich und die PH Zürich betreiben gemeinsam das Projekt #schuleverantworten. Viermal im Jahr erscheint ein Web-Journal, welches sich an Führungspersonen von Schulen richtet und kostenlos abonniert werden kann. Parallel zum Web-Journal wird jeweils ein Web-Dialog veranstaltet, in welchem sich Führungspersonen aus der Schweiz und Österreich zum Thema des Web-Journals anregen lassen und austauschen können. Am Projekt beteiligen sich sowohl Mitarbeitende der beiden Hochschulen als auch Führungspersonen von unterschiedlichen Schulformen aus beiden Ländern. Gemeinsam bilden sie das Redaktionsteam und das Editorial Board. Ziel von #schuleverantworten ist es, Entwicklungen, Erfahrungen und Erkenntnisse praktisch und wissenschaftlich im Dialog zwischen schulischen Führungspersonen länderübergreifend zu teilen.
Um den Austausch auch innerhalb des #schuleverantworten-Teams zu stärken, organisierten Stefanie Michel und Frank Brückel zum zweiten Mal gegenseitige Besuche. Finanziell unterstützt werden die Besuche von Movetia.
Vom 27. bis 29. April 2026 besuchte eine Delegation von 14 Personen aus der Schweiz ihre Kolleg:innen in Niederösterreich. Sie haben ein reiches und interessantes Programm zusammengestellt. Vom Kindergarten über die Volksschule und das Gymnasium bis zu Berufsschulen erhielten die Teilnehmenden während fünf verschiedener Schulbesuche vertiefende Einblicke in das österreichische Schulsystem und den Alltag als Schulleiter:in in Österreich. An einem Nachmittag fand zudem ein inhaltlicher Austausch zur Leseförderung und zur Frage der Förderung von Deutsch als Zweitsprache statt und an einem anderen Nachmittag eine Redaktionssitzung zur Weiterentwicklung der gemeinsamen Produkte.

Nachfolgend finden Sie einige persönliche Eindrücke von Teilnehmenden über einzelne Elemente der Reise.
Lernen durch Perspektivenwechsel
Frank Brückel, PHZH: Der Besuch bei den Kolleg:innen aus Niederösterreich bietet eine wertvolle Gelegenheit, die eigene Praxis an einer «anderen, bekannten und doch fremden» Praxis zu spiegeln. Im Austausch stellen sich immer wieder zentrale Fragen: Was beeindruckt mich und warum? Was irritiert mich? Und schliesslich: Was nehme ich für meine eigene Praxis mit? Besonders eindrücklich sind die grosse Gastfreundschaft sowie die grosszügige Zeit, die uns unsere Partner:innen schenken, um ihren Alltag offen mit uns zu teilen und gemeinsam über Schule und Unterricht nachzudenken.
Wenn Lernende die Schule erklären – Eindrücke aus der HLA Baden
Reto Wegmüller, KBZ Zug: Im beschaulichen Städtchen Baden bei Wien liegt die HLA Baden – eine berufsbildende Schule mit einem breiten Angebot, das von Businessmanagement bis zu Media Design reicht. Was beim Besuch besonders in Erinnerung bleibt, ist der Stolz, mit dem die Lernenden durch die Räumlichkeiten führten und das Lehren und Lernen an ihrer Schule erläuterten. Sie ermöglichten dabei nicht nur Einblicke in ihren Schulalltag, sondern schufen auch Raum für einen direkten Dialog. Diese Begegnung auf Augenhöhe zeigt, wie stark eine Schulkultur von innen heraus geprägt wird.
Ein zentrales Element aller Ausbildungen ist ein dreimonatiges Pflichtpraktikum im Bereich Gastronomie und Tourismus – unabhängig vom eigentlichen Ausbildungsschwerpunkt. Ergänzt wird dies durch «Cooperatives Offenes Lernen (COOL)», ein didaktisches Konzept, das Selbstverantwortung und Eigeninitiative in den Mittelpunkt stellt. Diese Eindrücke wecken Fragen: Welche Impulse lassen sich aus den Erfahrungen der HLA Baden aufnehmen? Würde ein institutioneller Austausch zwischen Lernenden und Lehrenden beider Schulen Mehrwert schaffen? Und was würde es für die Berufsbiografie unserer Lernenden bedeuten, ein Praktikum in einem fachfremden Bereich zu absolvieren? Der Besuch hat gezeigt: Manchmal braucht es den Blick über die eigene Schulkultur hinaus, um das Potenzial des eigenen Handelns neu zu entdecken.
Beteiligung von Anfang an
Patricia Wegmüller, Schule Sonnenberg, Thalwil: Die HLA Baden hat bereits gezeigt, wie selbstverständlich ältere Lernende ihre Schule mitgestalten. Der Besuch im Landeskindergarten Biondekgasse wirft dabei eine interessante Anschlussfrage auf: Wie früh kann Beteiligung beginnen?
Im Gespräch mit den Pädagog:innen wird deutlich, dass Partizipation hier sehr früh ansetzt. Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren besuchen den Kindergarten – ein Angebot, das zwar nur teilweise obligatorisch ist, aber von einem grossen Teil der Familien genutzt wird. Die Pädagog:innen verstehen sich als «Ermöglicher:innen von Lernprozessen». Kinder werden als kompetente Ko-Konstrukteur:innen ihrer Entwicklung wahrgenommen. Sie greifen Erfahrungen aus ihrer Lebenswelt auf, setzen eigene Impulse und gestalten ihre Lernwege aktiv mit. Ein Beispiel dafür blieb besonders in Erinnerung: Eine Gruppe von Kindern erinnerte sich an einen Besuch am Weihnachtsmarkt – und entwickelte daraus die Idee, selbst einen zu organisieren. Nicht im Winter, sondern im Juni. Die Idee wurde aufgenommen und weiterverfolgt. So entstand aus einer Alltagserfahrung ein gemeinsames Projekt, das nicht geplant war, aber möglich gemacht wurde.
Vielleicht knüpft daran eine einfache, aber weiterführende Frage an: Wo beginnt Beteiligung – und wie wird sie im eigenen Kontext sichtbar?
Was Rückzugshöhlen über Pädagogik verraten
Eliane Burri, PHZH: Schon beim Eintreten in den NÖ Landeskindergarten Baden habe ich eine besondere Ruhe wahrgenommen. Die Räume sind in unterschiedliche Spiel- und Erfahrungsbereiche gegliedert: für Bewegung, Gestalten und konzentriertes Tun. Besonders geblieben sind mir die kleinen Rückzugshöhlen und die angenehme Akustik. Sie bieten Kindern Orte zum Beobachten und Innehalten. Gerade daran wird für mich spürbar, wie Betreuung und Begleitung hier nicht nur in Konzepten festgehalten sind, sondern auch im Raum Form annehmen. Es zeigt sich, wie eng pädagogisches Verständnis und Raumgestaltung zusammenhängen. Im Gespräch mit den Gastgeber:innen, den Pädagog:innen, der Leitung und der Trägerschaft wurde zudem nachvollziehbar, dass diese Gestaltung kein Zufall ist, sondern auf Abstimmung und auf einer geteilten Vorstellung davon beruht, wie Kinder im Alltag begleitet werden.

Besuch in der Praxisschule der PH Niederösterreich
Niels Anderegg, PHZH: Direkt auf dem Campus der PH Niederösterreich befindet sich die Praxisvolksschule der Hochschule. Es ist eine Volksschule (1.-4. Klasse) mit acht Klassen. Die Schule bietet den Studierenden die Möglichkeit, Praxiserfahrungen zu machen. Es besteht aber auch die Möglichkeit, an der Schule Dinge auszuprobieren und zu erforschen. Noch während des Besuchs kamen mir sofort viele Ideen, was ich in Zürich an einer Praxisschule der PHZH forschend ausprobieren würde. Beispielsweise wäre es sehr spannend an einer Schule während drei bis vier Jahren die pädagogischen Teams zu begleiten und gemeinsam zu schauen, wie es gelingt, die pädagogische Arbeit zu stärken. Gemeinsam forschend unterwegs zu sein, würde alle stärken und die Möglichkeit geben, auch mal Rollen zu tauschen. So war ich dann auch nicht überrascht, dass die Schulleiterin der Praxisschule promoviert hat.
Was gute Schule prägt
Rafael Summerauer, Tagesschule Schauenberg, Zürich: Die Schulbesuche in Niederösterreich haben mir erneut gezeigt, wie stark Schule auch ein Abbild gesellschaftlicher Entwicklungen und historischer Prägungen ist. In vielen Begegnungen wurde sichtbar, dass Strukturen und Rollenverständnisse teilweise noch stärker hierarchisch geprägt sind, als ich es aus meinem eigenen Kontext kenne. Gleichzeitig entstand bei mir der Eindruck, dass viele Mitarbeitende in Schulen und Bildungsinstitutionen einen grossen Spagat leisten müssen: zwischen formellen Vorgaben und dem Anspruch, Bildung konsequent am Kind auszurichten. Dieses Spannungsfeld wirkte nach aussen teilweise diffus – und gerade deshalb haben mich die Überzeugung und das Engagement einzelner Akteur:innen besonders beeindruckt.
Überrascht hat mich zudem, wie vergleichsweise unkritisch über Herausforderungen gesprochen wurde. Das führte bei mir zur Frage, wie Innovation in bestehenden Strukturen entstehen kann und welche blinden Flecken das eigene System möglicherweise mit sich bringt. Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Wert solcher Begegnungen: sich bewusst zu machen, wie stark Schule gesellschaftlich geprägt ist – und sich immer wieder zu fragen, woran wir gute Schule eigentlich ausrichten wollen. Nicht primär an Konventionen oder Ideologien, sondern an einer nachhaltigen und humanistischen Bildung. Trotz aller Unterschiede wurde im Austausch auch deutlich, was uns verbindet: die gemeinsame Überzeugung, dass gute Schule auch auf einer klaren Haltung und gelebten Werten basiert.
INFOBOX
Vom 15. bis 17. September 2026 werden die Kolleg:innen aus Niederösterreich nach Zürich zum Gegenbesuch kommen. Leser:innen, welche Interesse haben, sich am Austausch zu beteiligten, melden sich bitte bei stefanie.michel@phzh.ch oder frank.brückel@phzh.ch.
Zum Autor

Niels Anderegg leitet das Zentrum Management und Leadership an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Teacher Leadership und gemeinschaftliche Schulführung, Leadership for Learning und die Professionalisierung von Führungspersonen.
Redaktion: Melina Maerten
Beitragsbilder: Stefanie Michel, PHZH