Alpine Katakombenschulen

Ein idyllisches Bergdorf in Südtirol – doch die Zeiten sind hart. Die Leute werden vor die Wahl gestellt: entweder nach Deutschland auszuwandern oder als Bürger zweiter Klasse in Italien zu bleiben. Trina entscheidet sich für ihr Dorf, ihr Zuhause. Als die Faschisten ihr verbieten, als Lehrerin tätig zu sein, unterrichtet sie heimlich. Und als ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser überfluten will, leistet sie Widerstand – mit Leib und Seele.

Erik Altorfer, Mitarbeiter des Schreibzentrums an der PH Zürich, stellt den Roman von Marco Balzano in einem Akzente-Medientipp vor (2/2021, S. 39).

Ein Hochhaus voller Geschichten

Ein Hochhaus mit 102 Etagen. Da kommt einiges an Geschichten zusammen. Wie bei einer technischen Zeichnung ist das Haus aufgeschnitten: Der Blick ins Innere der Wohnungen zeigt eine Momentaufnahme des Lebens seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Das Ergebnis ist eine grosse, collageartige Erzählung – kein Gesellschaftsroman, sondern ein Hausroman.

Das einzigartige Web-Comic-Bauprojekt von Katharina Greve gibt es inzwischen auch als Buch. Im Akzente-Heft 2/2021 (S. 38) stellt Schreib­zentrums­mitarbeiterin Martina Meienberg Das Hochhaus in einem Medientipp vor und lässt uns in ein paar der Wohnungen reinschauen.

Eyn thugendlehrstûck

um eynen gar wunderlichen sûndfall wie er sich zuogetragen anno Domini 1998 zuo Eton im kônigthum Ænglandia.

Eyn furmalig doctor und arg quacksalber, zum geschlecht geheißen Wakefield, publicierte eyn gewitzt lûgschrift zum zweck der buurenfângerey, in der geredet ward von eynem tyflischen vakzin, das muntere kindlein an authismen kranken ließ./ Gar vîl doctoren und grûndlich bewandert leut sahen, daſʒ diese geschicht ein lûgenmaar war und beeylten sich, das ângstlich und argwônlich volch zu beschwôren, îren kindlein das vakzin zu geben, auf daſʒ sie nicht an der Maserenseuch zugrund gehen mûssen./ Doch vîl volchsleute verwahret sich und îre bâlger fortan vor dem schûtzend vakzin und sahen in dem quacksalber Wakefield eyn klug und muotig mann, der wahr zuo înen sprach./

Eyn berufsschreyberling vom geschlechtsnamen Deer, gar verwundert ûber den unselig lûgeneyffer des furmalig doctori, entlarvte nach eyner grûndlich sucherey, daſʒ Wakefield von riichtumsgyr getrieben dîse truggeschicht gesponnen hatt./ Nicht nur ward îm eyn stattlich vermôgen von den advocaten aberglâubig edelleut gegeben, auf daſʒ er die so beschriebene lûgschrift verfasst, er besass noch dazuohin eyn patent fûr eyn anderes vakzin, das er dem volch als heilsam fûr îre zart und schuldlos kindlein pries./

Fûrderhin gebannt aus dem kreis der doctoren durch seyn gyrgetrieben lûgwerch, flûchtet

Wakefield zuo den spinnerten und argseligen leut, die der medicinisch vernûnfteley standhaft trutzen./ Umschaart von eydechsenleut, silberpapîrmûtzen, stubenhexen und judenfeynden muss Wakefield furtan seyne lûgenmaar tag um tag beschwôren, um so seyn brot zu verdienen./

Anno 2016 ward der quacksalber gesehen auf eyner vermaledeiten chrûzfâhre vor Mexico fûr ebendies volch, wie er gequâlet und ermûdet an eynem tische sass, umringt von allerley spinntisierern./

Wohl wûnscht sich der furmalige doctor Wakefield, daſʒ er sich nicht aus goldgyr um seyn ansehen und die gesellschaft bewanderter leut gebracht hätt./ Doch wie er sich versûndigt, verbannt er sich in die Hôll des stumpfsinns und der forcht wohl bis zum Jûngsten Tag.

Von der Schreyberin und Zeychnerin Lisa Thwaini zuo Zurichen anno Domini 2021

  • Diese frühneuzeitlich anmutende Moralerzählung basiert auf der Geschichte des britischen Arztes Andrew Wakefield, der durch seine als Schwindel entlarvte Studie zu einem angeblichen Zusammenhang der MMS-Impfung und Autismus zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Wakefield gilt als zentrale Figur in verschwörungstheoretischen Kreisen, weil er die längst widerlegten Ergebnisse seiner Impfstudie nach wie vor propagiert. Anscheinend sei Wakefield aber nicht besonders glücklich darüber, sein Dasein unter Verschwörungstheoretiker*innen zu fristen, die er im Grunde verachten würde. So zumindest spekulierte ein Journalist, der Wakefield 2016 auf einer Kreuzfahrt für Verschwörungstheoretiker*innen begegnete. Wakefields Engagement erkläre sich wohl weniger aus (pseudowissenschaftlicher) Überzeugung als aus einem Mangel an anderen Verdienstmöglichkeiten, zumal er nach seiner Überführung mit einem Berufsverbot belegt wurde. So gesehen könnte Wakefield nicht einmal mehr als charismatischer Spinner durchgehen, sondern erschiene einfach als Typ, dessen finanzielles Kalkül nicht aufgegangen ist. Mehr Entzauberung geht kaum. Mehr Verzauberung aber auch nicht, weil sich aus dieser Vorlage eine nahezu märchenhafte Geschichte über Schuld und Sühne spinnen lässt, die in ihrer Rundheit wie aus der Zeit gefallen wirkt.

Lisa Thwaini studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Punktlandung

Lesen hat mit Immersion zu tun. Wir tauchen ein und folgen den Figuren ins Abenteuer. Der Blick auf eine bedruckte Textseite lässt davon noch nichts erahnen. Die Buchstabenwand steht zwischen uns und der fiktionalen Erlebniswelt. Bilder hingegen ziehen uns schnell hinüber auf die andere Seite. So einfach macht es uns Martin Panchaud mit seiner Graphic Novel allerdings nicht. – Daniel Ammann stellt den Gewinner des Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreises in einem Akzente-Medientipp vor.

Pickel sind nicht schön

Ich habe einen Pickel auf meiner Nas,
der ist so gross, das macht keinen Spass.
So kann ich mich nicht zeigen!
Ich brüll ihn an, doch wie unerhört … er tut nichts dergleichen.

Ich merk, so werd ich den nicht los.
Überleg mir einen Plan, schliesslich bin ich ja Philosoph.
Ich hab’s! Ich gib diesem Kerl einfach ein anderes Gesicht!
«Das ist Florian aus meinem Dorf. Bitte verzeiht ihm seine Macken,
      er kommt aus der Unterschicht.»

So geht mein Leben aus dem Affekt weiter,
an meiner Seite mein Alter Ego und dieser ganze Eiter.
Ich habe mich langsam an dieses Ding gewöhnt,
find es heimlich toll, wie es meine Nase krönt.

Doch es wird zum furchtbaren Polyp, ich glaub, ich habe
        zu viel dran rumgedrückt,
Es hat sich entzündet, es pocht und macht mich verrückt.
Es ist mir über den Kopf gewachsen, ich sehe gar nix.
Doch es bleibt Teil von mir, es steht direkt auf meinem Nasenspitz.

Zu viel Ekelhaftes gegessen, jetzt habe ich diesen Ausdruck
        im Gesicht.
Flüstere diesem faulen, feigen Eiter ins Ohr: «Erbrich dich, und
        du erblickst das Licht!»
Und endlich erlöst mich die schamerfüllte Offenbarung:
Es gibt keinen Erguss, es bleibt nur die Erfahrung.

© David Sucari

David Sucari studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Tutorinnen und Tutoren schreiben für «Akzente»: Studi-Kolumne 2/2021

Seit 2009 schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums schon für das Magazin der PH Zürich. In Heft 2/2021 von «Akzente» fragt sich Angelica Bühler in der Studierendenkolumne auf Seite 25, warum sie das ewige Warten so sehr aus der Ruhe bringt …

Heute mal Rockstar mit Zauberhut

 Strümpfe schwarz und blickdicht
 Stiefel bis zum Knie
 KLICK KLACK, laut
 im rassigen Takt 
 der Hintergrundmusik
 auf grauem Asphalt.
 Kompromisslos kraftvoll,
 entschieden voran. 

 Mit jedem Schritt 
 ein kleiner Samen gesät
 spriesst ein Blütenkopf
 aufmüpfig und mit 
 zugekniff’nen Augen
 frech
 die Zunge rausstreckt. 

 Der Mantel lang und schwer
 massiver Kunstfellkragen
 im dynamischen Schwung
 des Schrittes hinterlässt 
 wabernde, 
 in Sonnenlicht getränkte
 gleissende Luftmassen
 Atome, unübersehbar
 glitzernd
 und mit Sinn gefüllt. 

 Haare störrisch 
 halb aufgetürmt
 schief wie Peace-A
 halb fallengelassen
 achtlos
 wie manche Zigaretten
 erinnern daran, 
 mal wieder wild zu leben
 und einen ******* drauf zu geben
 was andere denken.
 Natürlich trotzdem nicht 
 über Leichen gehen
 viel lieber Mut geben. 

 Sonnenbrille nicht auf,
 viel lieber 
 Blicke sprechen lassen!
 Diese scharf & bestimmt,
 geradeaus
 und unausweichlich
 doch ab und an
 ein breites Lächeln 
 weil gutes Gitarrenriff /
 packender Bass /
 treibendes Schlagzeug.
 Das fätzt ... 

 Alles in allem
 die rohe Kraft
 Selbstverständlichkeit 
 und wilde Grazie
 eines Tigers,
 in Freiheit lebend.
 Nicht das Bedürfnis
 sich zu erklären.
 Es würd’ auch niemand fragen! 

 Ein anderer Tag
 langes Blumenkleid, ganz zart
 sanft wehend im Wind
 Sandalen aus Leder
 ganz und gar nicht
 geschwind. 

 Wie verkleidest du dich heut?

«wizard hat», Acryl auf Leinwand, 100 x 70 cm, Kelly Vass
 

Kelly Vass studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Grosse Brüder, kleine Brüder

Acht Neuübersetzungen von Orwells 1984 hat uns dieses Jahr beschert. Unter anderem gibt es den Klassiker jetzt sogar als Jugendroman in der Rotfuchs-Reihe von Rowohlt oder als Graphic Novel. Den grossen dystopischen Roman sollte nicht nur jede:r kennen, sondern auch gelesen haben … und dann erneut lesen. Nicht weniger als die Zukunft steht auf dem Spiel.

Unter dem Titel «Orwells Zukunft ist längst Gegenwart» wirft Daniel Ammann in der NZZ vom 8.4.2021 (S. 30) auch einen Blick auf zeitgenössische Werke und Adaptionen, die von Orwells Schreckensvision inspiriert sind und die Geschichte totaler Überwachung in unsere Gegenwart übersetzen – allen voran Margaret Atwood mit The Handmaid’s Tale.

Nutze ihn aus

Es ist Samstagabend und ich sitze in meiner Küche auf dem braunen Lederstuhl zwischen der Tür und dem weissen Frühstückstisch. Ein gelber Hocker steht so in der Ecke, dass er jedes Mal weggeschoben werden muss, wenn der Putzschrank gebraucht wird. Vor mir der Herd, darunter der Backofen, nebenan der Abfalleimer und drüber das Waschbecken, rechts davon die Balkontür, davor ein roter Stuhl, noch eine viertel Drehung nach rechts: da der Kühlschrank.
Besuch betritt den Raum.

Er läuft zur Balkontür.
Nimmt den roten Stuhl.
Schiebt ihn zum Tisch.
Setzt sich hin.

Sie läuft zum Putzschrank.
Nimmt den gelben Hocker.
Schiebt ihn zum Tisch.
Setzt sich hin.

Er läuft zum Waschbecken.
Nimmt sich ein grosses Glas.
Füllt es mit Wasser auf.
Bleibt da stehen.

Sie läuft zum Herd.
Nimmt sich einen sauberen Lappen.
Putzt die Herdplatte.
Setzt sich drauf.

Wir sitzen auf dem Stuhl.
Trinken ein Glas Wein.
Heben die Hand senkrecht vor uns hin.

Raum, der nicht genutzt wird.
Raum, der empört.

Wir erzählen von uns.
Erzählen, erzählen und erzählen.
Analysieren die letzten Minuten.
Schämen uns.

Raum, der nicht genutzt werden darf.
Raum, der empört.

Nun fordere ich dich auf:

Stehe da, stehe dort.
Stehe mittendrin und nebenan.

Hebe die Hand,
Hebe sie höher,
Hebe sie an.

Mach den Spagat,
Sitz auf den Boden,
Lege dich hin.

Nutze den Raum,
Nutze ihn aus.

Raum ist Luxus, 2021, (c) Angelica Bühler

Angelica Bühler studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.