Tiefenlektüre

Maryanne Wolfe, Schnelles Lesen, langsames Lesen

Die digitalen Medien haben unser Verhalten nachhaltig verändert. Wir lesen häufiger am Bildschirm – flüchtiger und mit kognitiver Ungeduld. Das wirke sich, so die Kognitions- und Literaturwissenschaftlerin Maryanne Wolf, auf unser Gehirn aus.

In der Evolution des Menschen taucht das Lesen relativ spät auf und muss als künstliche kulturelle Errungenschaft erst mühsam erlernt werden. Dabei bilden sich spezielle Leseschaltkreise aus. Damit uns die Fähigkeit zur Tiefenlektüre nicht abhanden kommt, plädiert die Autorin für eine Neuorientierung in der Lehrerausbildung. Es gelte sicherzustellen, dass Kinder schon früh die Fähigkeit des vertieften Lesens kennen und schätzen lernen. Wolf wünscht sich für unsere Kinder eine «mediale Zweisprachigkeit». Sie sollen versierte, flexible Code-Switcher werden, die zwischen Druck- und Digitalmedien wechseln und auch die noch kommenden Kommunikationsformen optimal nutzen können.

Daniel Ammann, Akzente 3 (2019), S. 35.

Wolfe, Maryanne. Schnelles Lesen, langsames Lesen: Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen. Aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg. Illustrationen: Catherine Stoodley. München: Penguin, 2019. 300 Seiten.

Astrid – Gegen alle Konventionen

Woher kommt die Traurigkeit in Astrid Lindgrens Kinderbüchern? Etwa wenn Pippi am Weihnachtsabend in den Himmel schaut und ihrer verstorbenen Mutter vorschwindelt, dass sie ganz viele Geschenke erhalten habe, nur damit sich diese keine Sorgen macht. Antworten finden sich im Film Astrid.

Dieser beleuchtet ein dunkles Kapitel in der Biografie der Kinderbuchautorin: Bei ihrer ersten Stelle verliebt sich Astrid in den verheirateten Herausgeber einer Lokalzeitung. Als sie schwanger wird, entscheidet sie sich gegen ein Leben in Sicherheit, gegen die Ehe mit dem Kindsvater und wählt den Weg gegen alle Konventionen ihrer Zeit. So wächst ihr Sohn Lasse zuerst bei einer Pflegemutter in Kopenhagen auf. Dort lebt er so lange, bis er Astrid als Mutter nicht mehr erkennt und nur widerwillig mit ihr nach Schweden zurückkehrt. Nach einer schwierigen Annäherung zwischen Mutter und Sohn erobert sie schliesslich sein Herz mit – wie könnte es anders sein – einer selbst erfundenen Geschichte.

Martina Meienberg

Astrid. Schweden/Dänemark 2018. Regie: Pernille Fischer Christensen. DVD Berlin: DCM Film Distribution, 2019.

Die Rezension ist erschienen in Akzente 3 (2019): S. 34.

Trinken in Kairo

Snooker in Kairo. (C. H. Beck, 2018)

Waguih Ghali hat in seinem kurzen Leben nur einen Roman geschrieben. 1964 erschienen, wurde Snooker in Kairo im Arabischen Frühling neu gelesen. In den Beschreibungen der postrevolutionären Zeit nach Nassers Militärputsch fanden die Demonstrierenden Parallelen zur politischen Gegenwart und zu ihrem Lebensgefühl.

Ram ist der komische und traurige Held dieses Romans. Er gehört der Oberschicht an, ist aber immer pleite. Er ist Kommunist und verachtet die Armen. Sein Englisch ist besser als sein Arabisch, jedoch hasst er die Kolonialmacht. Zynismus und Selbsthass sind seine Reaktion auf diese Widersprüche. Und der Alkohol hilft: Meist ist Ram betrunken oder auf der Suche nach dem nächsten Drink. Snooker in Kairo ist schnell und direkt, voller Situationskomik und bitterem Scharfsinn, zeitlos und von aktueller Brisanz. Ein Glück, dass das Meisterwerk der ägyptischen Literatur nun auf Deutsch vorliegt.

Drei Geschwister finden sich im Zimmer eines Sanatoriums wieder, in dem Thedor, der jüngere Bruder, behandelt wird. Altersmässig stehen sie mitten im Leben, die Situation erscheint aber Lorenz, dem älteren Bruder, «als wäre es wie früher». Und so vereint scheinen die drei nun zu sein, dass die Ich-Erzählung von Lorenz im kollektiven Wir endet.

Erik Altorfer, Akzente 3 (2019), S. 35.

Ghali, Waguih. Snooker in Kairo. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. München: C. H. Beck, 2018. 256 Seiten.

Der Weg zum Erfolg

Reicht Talent, um es im Sport, in der Musik oder als Autor·in an die Spitze zu schaffen? Oder kann es jeder und jede mit entsprechendem Einsatz und beharrlichem Training zur Meisterschaft bringen? Unter dem Titel «Übung macht den Meister – oder doch nicht?» fragt Daniel Ammann im Lifelong Learning Blog, was es mit Begabung, jahrelanger Berufserfahrung und den berühmten 10’000 Übungsstunden auf sich hat.

Herr Ibis in St. Gallen – ein Nachtrag zum Literaturfestival

Der Autor Daniel Ammann hat am Literaturfestival Wortlaut aus
«Der weisse Schatten und andere Geschichten» gelesen.

«Ideen, Wörter und Sätze, die irgendwann zu Text, zu Literatur werden wollen», antwortete der Autor Daniel Ammann auf die Frage, was ihn zum Schreiben inspiriere. Entstanden ist eine ganze Sammlung von Kurzgeschichten Der weisse Schatten und andere Geschichten (2018). Eine Kostprobe gabs am diesjährigen St. Galler Literaturfestival Wortlaut: «Das Tonband läuft, aber ich habe noch kein einziges Wort rausgebracht. Ich lege mir die Sätze zurecht wie Sezierbesteck. Ich baue Druck auf. Es muss authentisch klingen. Mann muss die Angst in der Stimme spüren», so der Protagonist in «Stimmprobe». Nichts dergleichen war beim Autor zu vernehmen – souverän las Daniel Ammann aus seinem neuesten Werk und erntete grossen Beifall an der vollbesetzten Ostschweizer Bühne im Splügeneck. Zwar hat Daniel Ammann die Frage offen gelassen, was mit Herrn Ibis (der Schlüsselfigur seiner gleichnamigen Kurzgeschichte) geschehen ist. Mit Sicherheit lässt sich aber sagen, dass sowohl der Autor als auch Herr Ibis gut beim Publikum angekommen sind.    

Eine Rezension zum Kurzgeschichtenband «Der weisse Schatten und andere Geschichten» (2018) von Daniel Ammann ist im Akzente (4/2018) erschienen. 


Die Ritter von Crongton

Alex Wheatle: Die Ritter von Crongton

McKay und seine Kumpels Liccle Bit und Jonah wetteifern in Alex Wheatles fulminantem Jugendroman um die coolsten Sprüche und kabbeln sich hin und wieder. Aber wenn es hart auf hart kommt, halten die drei Jungs aus South Crongton zusammen wie die Ritter der Tafelrunde. – Daniel Ammann hat den Jugendroman für Buch & Maus besprochen (1/2019, S. 35; siehe auch in der SIKJM-Rezensionsdatenbank).

Wheatle, Alex. Die Ritter von Crongton. Aus dem Englischen von Conny Lösch. München: Verlag Antje Kunstmann, 2019. 256 Seiten.

Willkommen in QualityLand

In QualityLand gibt es für jedes Problem eine App. Man braucht sich nicht über ein schreiendes Kind aufzuregen, sondern lässt ihm beim Arzt einen Hormonchip einpflanzen und drückt auf dem QualityPad die Taste beruhigen.

QualityLand von Marc-Uwe Kling

Eine Portion Progesteron lässt das Kind im Nu verstummen. Etwas komplexer wird es bei selbstfahrenden Autos. Wer soll bei einem Unfall überfahren werden, ein Milliardär oder eine Gruppe von Kindern? Das kommt ganz auf den Besitzer des Fahrzeugs an, denn die eine Moral gibt es nicht, das Auto des Umweltschützers hat eine andere als jenes des Drogendealers. Fest steht: In QualityLand kosten moralisch enthemmte Autos mehr und die Lösung der moralischen Dilemmas bleibt den Maschinen überlassen. Für Menschen lautet die Antwort auf alle Fragen, die sie betreffen, «ok». Sollen Maschinen künftig menschlicher und Menschen digitaler werden? Diese Frage stellt sich den Lesern von Marc-Uwe Klings Dystopie. Noch gibt es mehr Antwortoptionen als «ok».

Martina Meienberg

Kling, Marc-Uwe. QualityLand. Berlin: Ullstein, 2017. 384 Seiten.

Die Rezension ist erschienen in Akzente 1 (2019): S. 35.

Von Vögeln und Menschen

Susanne Röckel: Der Vogelgott

Drei Geschwister finden sich im Zimmer eines Sanatoriums wieder, in dem Thedor, der jüngere Bruder, behandelt wird. Altersmässig stehen sie mitten im Leben, die Situation erscheint aber Lorenz, dem älteren Bruder, «als wäre es wie früher». Und so vereint scheinen die drei nun zu sein, dass die Ich-Erzählung von Lorenz im kollektiven Wir endet. – Erik Altorfers Medientipp in der Online-Ausgabe von Akzente 4 (27.2.2019).

Röckel, Susanne. Der Vogelgott. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2018. 269 Seiten.

Gleich geht’s los

Aufschieben gehört zum Studentenleben und ist anstrengend. Anstatt die freigeschobene Zeit für etwas Sinnvolles zu nutzen – zum Beispiel Freunde treffen oder Sport treiben – plagt das schlechte Gewissen.

Vom Aufschieber zum Lernprofi

So entsteht laut Fabian Grolimund «Müllzeit». Der Psychologe und Lerncoach zeigt, wie sich diese in Arbeits- oder Freizeit umwandeln lässt. Er verspricht: «Bessere Noten, weniger Stress, mehr Freizeit.» Dazu vergleicht er «machende» und «aufschiebende» Studierende, erläutert, wie Letztere die Prokrastination überwinden und stellt 25 erfolgversprechende Übungen vor. Im zweiten Teil geht es um Strategien zur Prüfungsvorbereitung und zum Schreiben von Arbeiten (Literatursuche, wissenschaftliches Schreiben). Aber auch der Umgang mit Langeweile in Vorlesungen, Veränderung der Schlafgewohnheiten oder geeignete Lernorte sind Themenbereiche, die Grolimund ausführt. Die humorvolle und fordernde Art des Autors und das praxisorientierte Training motivieren zum Weiterlesen und Ausprobieren.

Julia Bärtschi

Felix Grolimund. Vom Aufschieber zum Lernprofi: Bessere Noten, weniger Stress, mehr Freizeit. Freiburg i. Br.: Verlag Herder, 2018. 192 Seiten.

Die Rezension ist erschienen in Akzente 4 (2018): S. 35.

Teuflische Muse

Wenn ein Film oder eine TV-Serie ankündigt, alles beruhe auf einer wahren Geschichte (nur die Namen seien geändert worden, um die Opfer zu schützen), so ist dieser Hinweis stets mit Vorsicht zu geniessen. Man möchte sogar behaupten, es handle sich dabei um ein Fiktionalitätssignal erster Ordnung. In Roman Polanskis Film nach einem Roman von Delphine de Vigan ist das nicht anders.

Die Schriftstellerin Delphine (Emmanuelle Seigner) hat mit einem Schlüsselroman einen grossen Coup gelandet. Bei einer Signierstunde auf der Pariser Buchmesse stehen die Leute Schlange und versichern der sichtlich erschöpften Autorin ein ums andere Mal, wie aussergewöhnlich und beeindruckend ihre Geschichte sei. Aber der autobiografische Roman trägt Delphine auch Kritik ein. In einem anonymen Brief wird ihr vorgeworfen, sie hätte ihre Mutter verkauft und ihre Familiengeschichte zu Geld gemacht. «Glaubst du, du kommst einfach so davon, weil du dein Buch einen Roman nennst und weil du ein paar Namen geändert hast?» Als Nächstes möchte Delphine eine erfundene Geschichte erzählen. Aber sie steckt fest. Auch ihre neue Freundin L. (Eva Green), die sie nach der Lesung kennengelernt hat, versucht mit allen Mitteln, Delphine von ihrem Vorhaben abzubringen und stattdessen ihre wahre Geschichte zu schreiben. «Du willst ja nur deshalb zur Fiktion zurückkehren, weil du dein verborgenes Buch nicht schreiben willst.»

Nach und nach mutiert die geheimnisvolle L. («elle») zur dämonischen Muse, die Delphine psychisch unter Druck setzt und ihr Leben zunehmend an sich reisst. Am Ende scheint zwar Normalität einzukehren, aber was Wahrheit und was Einbildung ist, bleibt Spekulation. Delphines Lektorin ist vom neuen Buch begeistert. Aber wer hat es geschrieben?

Daniel Ammann

Nach einer wahren Geschichte. (D’après une histoire vraie.) Frankreich/Polen/Belgien 2017. Regie: Roman Polanski. Berlin: Studiocanal Home Entertainment (Arthaus) 2018. DVD.

Delphine de Vigan. Nach einer wahren Geschichte. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Köln: DuMont, 2017. 348 Seiten.

Die Rezension ist erschienen in der Online-Ausgabe von Akzente 4 (28.11.2018).