Was, wenn ich nicht weiss, was ich will?

Sie schaut mich an. Ich schaue nach unten, beschämt. Dazwischen liegen 200 Kilometer, eine Grenze und zwei Computer. Kurz zuvor hatte ich ihr gesagt, was passiert war. Sie wusste es schon, ahnte es zumindest. Ich wusste, dass sie es wusste.
Sie redet auf mich ein, weint, ist wütend. Enttäuschung und Trauer treffen mich, als wäre sie ganz nah. Ich? Ich weiss nicht, was ich fühlen soll. Fühle viel, denke wenig.
Hätte ich nur gewusst, was ich will. Gesagt, was ich will.
Fünf Tage zuvor wollte sie zu mir kommen. Wir würden darüber reden, hatten wir gesagt. Das war der Plan. Doch an der Grenze wurde sie zurückgeschickt. Kein Schweizer Pass, kein Wohnsitz, mich besuchen sei kein legitimer Grund. Also umkehren einsteigen und zurückfahren. Sie schon wieder in Freiburg, ich, immer noch in Zürich.

In Zürich: Dachterrasse, Wein, Sommerabend, noch mehr Wein, Küsse. Scheisse. Fuck. Zu weit, zu nah, zu spät.
Eigentlich, eigentlich, aber eigentlich ist sie alles, was ich will, alles, was ich je wollte, alles, was ich mir erträumen konnte und mehr. Wenn ich sie anschaue, wenn ich bei ihr bin, wenn sie da ist, dann geht’s mir gut, dann fühl ich mich wohl. Bei ihr bin ich angekommen und mit ihr neu geboren. Aber ich rede nicht über Probleme, ich rede nicht über Bedürfnisse und Wünsche. Weil es mir doch gut geht, gut gehen sollte, weil ich glücklich bin, glücklich sein sollte.

digital painting, 2020, elena wirth

Doch was weiss ich schon über die Liebe? Über Verlangen? Über Treue? Nichts. Absolut nichts. Und trotzdem liebe ich, verlange ich, vertraue ich.
Wir haben uns verloren, haben uns gefunden und verlieren uns erneut.
Jetzt stehen wir da zwischen Zärtlichkeit und Angst.

Hätte ich nur gewusst, was ich will. Gesagt, was ich will.
Was, wenn ich nicht weiss, was ich will?

Angelica Bühler studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Geschichte eines heldenhaften Mädchens

Malala Yousafzai. Malalas magischer Stift.
Zürich: NordSüd, 2018. 48 Seiten.

Als Malala in Pakistan aufwuchs, wünsch­te sie sich einen magischen Stift, mit dem sie ihre Träume ver­wirk­lichen könnte. Doch als sie älter wurde, änderte sich die Welt um sie und damit änderten sich auch ihre Wünsche. Das Recht, in die Schule zu gehen, wurde ihr verwehrt, nur weil sie ein Mäd­chen war. – Martina Meien­berg hat das ausser­gewöhnliche Bilder­buch in einem Medien­tipp für die Zeit­schrift Akzente (4/2019, S. 34) vorgestellt.

Fünf Uhr

Seit fünf Wochen klingelt mein Wecker fünf Tage in der Woche um fünf Uhr. Zu Beginn ging ich davon aus, dass ich mich daran gewöhnen würde. Jeden Morgen redete ich mir ein, dass sich mein Körper einfach noch an den neuen Schlafrhythmus gewöhnen müsse. Mit der Zeit würde alles besser werden. Es wurde nicht besser. Noch immer sträubt sich am Morgen jede Faser meines Körpers dagegen, aus dem Bett zu steigen und den in diesen Momenten nahezu unerträglich scheinenden Weg ins Badezimmer anzutreten. Dass mit Routine und Übung alles einfacher wird, ist eine der Lebenslügen, die ich mir immer wieder erzähle: Wenn ich genug trainiere, werde ich mit meinem Velo bald ganz entspannt die Berge hochfahren können. Wenn ich mir den Samstagmorgen immer fix zum Putzen einplane, werde ich mich mit der Zeit gar nicht mehr über das Putzen nerven. Wenn ich mich immer gesund ernähre, werde ich mich irgendwann gar nicht mehr nach Burger und Pommes sehnen.

Aber noch immer läuft mir beim Anblick von Fast-Food-Buden das Wasser im Mund zusammen, noch immer verspüre ich beim Polieren der Wasserhähne keine Begeisterung, noch immer brennen meine Muskeln, wenn ich einen Pass hochfahre und noch immer verfluche ich meinen Wecker jeden Morgen aufs Neue. Viele der wichtigen Dinge im Leben werden wohl immer schmerzhaft und anstrengend bleiben, egal wie sehr ich mich um Routine bemühe. Und da frage ich mich manchmal schon, warum ich mir diese Plagerei eigentlich antue. Doch dann sehe ich, wie die Sonne hinter dem Säntis aufgeht und sich im Zürichsee spiegelt, oder ich ertappe mich dabei, wie ich im streifenfrei-polierten Spiegel selbstverliebt meine Radlerwaden bewundere. Und plötzlich erscheint mir die Welt doch nicht mehr so ungerecht. Zumindest so lange, bis um fünf Uhr der Wecker läutet.

Peter Fäh studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Da fehlen mir die Worte

In Gullivers Reisen* wird an einer Akademie eine Debatte darüber geführt, wie man die Sprache verbessern könnte. Ein Professor schlägt vor, «die Rede zu verkürzen, indem man alle vielsilbigen Wörter so zurechtstutzt, dass nur noch eine Silbe übrig bleibt». Ferner könne man alle Verben und Partizipien künftig weglassen, «weil alle vorstellbaren Dinge der Wirklichkeit ja ohnehin nur Substantiva seien». Der Satiriker Jonathan Swift hat sich also vor dreihundert Jahren schon Gedanken über «Einfache Sprache» gemacht.

Dinge statt Worte

Ein anderes Projekt ging noch einen Schritt weiter und bezweckte gleich sämtliche Wörter abzuschaffen: Da es sich bei Wörtern lediglich um «Namen für die Dinge» handle, könne man stattdessen ja einfach die Dinge mit sich tragen, die man benötigt, «um Sachen auszudrücken, über die man sich jeweils unterhalten wolle.»

Nun können wir vielleicht ohne Wörter, aber bestimmt nicht ohne Begriffe auskommen. Beispiele für Kommunikation jenseits der artikulierten oder geschriebenen Wortsprache stellt Andrea Weller-Essers in einem kleinen Band aus dem Duden Verlag vor.

*Jonathan Swift. Gullivers Reisen. Aus dem Englischen übersetzt von Christa Schuenke. Nachwort von Dieter Mehl. Zürich: Manesse, 2017.

Die Menschen, die wir sind

Abgesehen von der globalen Pandemie, die uns immer noch beschäftigt, passiert aktuell auch noch ziemlich viel anderes auf diesem Planeten. Klimaerwärmung beispielsweise. Flüchtlingskrisen. Frauenstreiks.

Und: Rassismus und Diskriminierung. Jetzt, hier, überall.

«I can’t breathe.»

Auch ich bin Teil eines Systems, das Weisse in so vielen Situationen bevorzugt. Ein System, das Schwarze und People of Colour, Asiat*innen oder Angehörige indigener Völker ausgrenzt, diskriminiert, mit misstrauischem Blick taxiert, zu Minderheiten macht. Auch ich bin Teil des Problems, wenn ich mich nicht aktiv dagegen ausspreche und aktiv dagegen vorgehe. Denn schlussendlich ist Stillschweigen bei Ungerechtigkeiten auch immer eine Form der Zustimmung.

«I can’t breathe.»

Ich weiss nicht, wo wir anfangen sollen bei diesem Missstand, der unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten wie ein Parasit befällt. Wie wir endlich begreifen können, dass keiner und keine besser ist als das Gegenüber. Dass jeder Glaube und jede Herkunft Berechtigung hat, anerkannt werden sollte, und dennoch absolut nichts über einen Menschen aussagt.

Es braucht aber jetzt eine Veränderung, dringend.

Ich für meinen Teil beginne mit der Sprache. Sie steht uns allen zur freien Verfügung und wir haben es selber in der Hand, welche Worte wir verwenden, ob wir «rassistische Witze» tolerieren, ob wir uns bei Diskussionen über «die Ausländer, die immer …» beteiligen, ob wir stillschweigend zuhören oder ob wir endlich damit anfangen, uns dagegen auszusprechen, und Partei ergreifen für jene, die es leid sind, den Kampf ständig alleine auszufechten.

Lasst uns gemeinsam kämpfen.

Denn, egal ob Held oder einfach nur Nachbarin:

Wir alle sind Menschen.

Ronja Stamm studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Alles nur eine Phase

Tutorin Antonia Stopic
(Illustration: Elisabeth Moch)

Haben Sie das neue Jahr mit Vorsätzen begonnen oder lassen wir das hinter uns? Ich mache mir nicht viel daraus und nutze den Neujahresschwung lieber für einen persönlichen Rückblick. Besonders beschäftigt hat mich letztes Studienjahr das Thema «Vier Phasen der Freundschaft». Wenn Sie sich nun kopfkratzend die Frage stellen «Welche vier Phasen genau?», lautet meine Antwort: Keine Sorge, es ist und war kein Modulinhalt an der PH. Vielmehr handelt es sich um ein Konzept eigener Kreation:

Die vier Phasen der Freundschaft beginnen mit der «Einöde», welche typisch für den Beginn jedes Studiums und dadurch gekennzeichnet ist, dass man keine Menschenseele wirklich kennt. Nimmt man nun die Fährte von Kommilitonen auf, mit denen man einige oberflächliche Gemeinsamkeiten teilt, tritt man in die zweite Phase ein, nämlich in das «Rudel», wobei die Mentoratsgruppe für dessen Bildung eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

Um die dritte Phase zu erreichen, nämlich die «Verdichtung», ist individueller Einsatz gefragt. Das Ziel: Die Mitmenschen um sich herum genug gut kennenzulernen, um herauszufinden, ob man auf derselben Wellenlänge ist oder, wie in meinem Fall, ob sie den eigenen Humor teilen. Ein wildes Ausschnauben durch die Nase meines jeweiligen Gegenübers ist für mich Zeichen genug dafür, dass sich meine schelmischen Bemühungen für die Auflockerung der Modulpause bewähren. Ausserdem teile ich diesen Tipp gerne, auch wenn er selbstverständlich erscheint: Freunde deiner Freunde kennenlernen. Dies aus zwei Gründen. Erstens ist man unter Freunden stets ungezwungen, zweitens sind die eigenen Freunde immer eine gute Referenz für die eigene Art. «Friede, Freunde, Eierkuchen» lautet die letzte Phase und ich muss zugeben, je näher das Ende meines Studiums rückt, umso mehr wundert es mich, wie es in Zukunft um meine mittlerweile lieb gewonnenen Freundschaften stehen wird. Eine nicht vollends zufriedenstellende, dennoch ehrliche Antwort ist: Nur die Zeit wird dies zeigen.

Antonia Stopic studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.
Der Text ist erschienen als Kolumne im Magazin für die Mitarbeitenden der PH Zürich, inside 1/2020, S. 21.

Helden, die (wir) nicht bleiben

Wie Nicholas vor zwei Wochen beschäftigen mich Helden. Eine neue Wohnung wie Natascha hätt ich auch, die staubt seit Mai wegen Corona ohne Möbel vor sich hin. Aber das ist die kleinere Geschichte. Wenngleich «Staub zu Staub»: Da wär ich beim Thema.

Neulich abends vor dem Fernseher hat mich das Entsetzen gepackt. Ist mir bewusst geworden: Viele Junge heute kennen Clint Eastwood nicht mehr. Jedenfalls nicht in Poncho und mit Hut. Das wäre zu verkraften, aber was soll ich ihnen dann mit Brando kommen, Dean oder Hopper? Ganz zu schweigen vom Rainer Werner oder den Ganzgrossen hinter der Kamera?

Auch das wär zu verkraften – was ist schon Film? Dürrenmatt dann vielleicht? Auch nicht? Dutschke oder King? Dylan oder wenigstens Jagger? «Cassius Clay» am Ende oder – hallo, wir sind in Zürich! – Roger Berbig? Alles Fehlanzeige!

Relikte. Spuren in der Zeit

Ich sinniere zurück in meine Jugend und erinnere mich: Im riesigen Dschungel der Welt habe ich mir einst meinen Weg gebahnt, meinen Verstand als Machete: Habe Helden erwogen und wieder gefällt. Neue erwählt und durch andere ersetzt. Glauben gezüchtet und gejätet. Mal hoffend, meist hadernd bin ich auf der Suche nach Autorität zwar nicht fündig, aber allmählich selbst eine geworden.

Die Suche hat mich geformt. Meine Aussenkanten definieren Menschen: Ich bin verletzt wie Hopper oder Saint Phalle, lebenshungrig wie Dean, wünsche mir den Scharfsinn von Dürrenmatt oder Beauvoir, den Mut von Ali, messe mich an der Aufrichtigkeit eines Dylan. Und gefalle mir ab und an ganz gern ein wenig bockig. Wie Eastwood.

Aber: Clint Eastwood …? – Wer war das noch gleich? – Wie könnt ich das je erklären …

Ich bin dann haltlos schlafen gegangen und habe von einem alten Freund geträumt. Wir sassen in einem Café und ich erzählte ihm von meinem Leben.

Arno Gadola war einst «kleiner» Pfleger der Psychiatrie, aber mit grosser Vision: Aus eigener Kraft schuf er in Bern die Organisation Pro Vita 24. Dieser Spitexdienst betreut psychisch Kranke zu Hause und sichert ihnen so Freiheit und Würde. Daneben hat sich Arno sehr für Kunst interessiert und ausgestellt. Auch mich. Nur wenige Wochen nach seinem grossen Fest, dem zehnten Jubiläum seiner Firma, hat er mir von seiner Diagnose erzählt. Er starb nach langer Krankheit. Arno widme ich den folgenden Text, der am nächsten Morgen entstand.

Verblassen

Ich habe bedeutende Menschen gekannt. Du kennst sie nicht, ihre Namen standen nicht in der Zeitung. Aber sie haben die Welt geschaufelt mit grossen Kellen und ich kam mir wichtig vor, sie zu kennen.

Sie sind gestorben und es blieb mir nichts von ihnen als Erinnern. Bleicher, mit jedem Versuch zu erzählen. Unnütz an dem Ort, wo die Welt nun dreht. Milliarden neuer Geschichten jede Sekunde spülen sie hinweg in dem Strom der Zeit, in das Meer des Vergessens.

Hilflos schaue ich zu, wie diese Menschen verschwinden. Und mit jedem ein Teil von mir. Meine eigne Bedeutung verblasst: Weniger und weniger habe ich zu erzählen. Bald bin ich nichts mehr. Und dann bin ich nicht mehr.

Und es wird an Dir sein zu sagen: Ich habe bedeutende Menschen gekannt.

Peter A. Kaiser studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Die Nachbarin, die ich nicht sein wollte

Corona-Zeit war und ist Gammellook-Zeit. Und auch ein bisschen Räumen-wir-später-auf-Zeit. Zumindest bei mir. Die perfekte Zeit also, um seine neuen Nachbarn kennenzulernen – oder?

Mein Freund und ich haben nämlich inmitten dieser komischen Zeit beschlossen, nach Zürich zu ziehen. In die Wohnung neben meiner besten Freundin – und über den erwähnten neuen Nachbarn. Diese neuen Nachbarn haben ein Zügelunternehmen. Und weil wir vor allem anfangs nicht so Fan waren von der Idee, unseren gesamten Haushalt wegen Social Distancing ganz alleine zu zügeln, haben wir beschlossen, ebendiese Nachbarn doch mal anzufragen, was denn das Für-uns-Zügeln so kosten würde. Nach einem etwas verwirrenden Telefonat warteten wir auf die Terminbestätigung für eine Besichtigung unseres «Hausstandes» per Mail. Als diese nach drei Tagen noch immer nicht kam, hatten wir uns schon vorgenommen, nochmal zu schreiben – als es an der Türe klingelte. Mitten in der Corona-Gammel-Zeit. Ich also ohne BH, im alten Trainer, mit zwei grossen, nicht-überschminkten Pickeln im Gesicht und mit einer nicht gerade perfekt aufgeräumten Wohnung. Nach kurzem Hin und Her beschlossen wir, die fremden Klingler reinzulassen und stellten mit leichtem Schreck fest, dass unsere neuen Nachbarn vor uns standen – und gerne mal die Wohnung anschauen würden, so um eine realistische Offerte erstellen zu können. Sie seien eben auf dem Heimweg gerade bei uns vorbeigefahren, da habe es sich halt angeboten, spontan vorbeizukommen. Sie hätten sich vor zehn Minuten per Mail angemeldet.

Seasons for all
Züglete mitten im Semester, mitten in der Corona-Zeit.

Details erspare ich euch, aber lasst euch gesagt sein, dass eine weitere Auswirkung von Corona seither darin besteht, dass wir uns unseren neuen Nachbarn nicht mit einem kleinen Essenskorb, unserem schönsten Outfit und bestem Lächeln vorstellen konnten. Aber naja, immerhin kennen sie uns jetzt schon in einem realistischeren Setting – ich geniesse es jedenfalls, mich auch in der ersten Woche völlig okay zu fühlen, wenn ich meinen Nachbarn auf dem Weg in die Waschküche im Trainer und mit Strubbelhaaren begegne.

Natascha Hossli studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Vom Leben und vom Schreiben

«Wir alle sind Fiktion, aber das glauben wir nicht, weil wir uns mitten in ihr befinden wie in einem Fortsetzungsroman», meint Doris Dörrie in ihrer wunderbaren Einladung zum Schreiben. Ja, denn das Leben schreibt keine Geschichten, die machen wir in unseren Köpfen. Deshalb ist Schreiben (und Lesen) gelegentlich sogar mehr als Leben. 

Daniel Ammann stellt Leben, schreiben, atmen (Diogenes, 2019) in der Akzente-Ausgabe 1/2020 (S. 34) in einem Medientipp vor.