Leseförderung auf allen Kanälen

Wie erreicht man möglichst viele Kinder und Jugendliche und unter ihnen gerade auch die weniger Leseaffinen? Das fragen die Redaktorinnen in der dritten Ausgabe 2021 der Fachzeitschrift Buch & Maus. Im ganzen Heft geht es also ums Lesen und um Geschichten – ein Thema, das im digitalen Getöse manchmal unterzugehen droht. Auf sechs Heftseiten ist auch die PH Zürich prominent mit Beiträgen und Projektberichten vertreten.

In der Rubrik «Aus den Seiten gehüpft» widmet sich Daniel Ammann vom Schreibzentrum der aktuellen TV-Kinderserie Ghostwriter aus dem Hause Sesame Workshop (USA 2019–2021; dt. Titel: Vier Freunde und die Geisterhand) und wirf einen Blick zurück in die 1970er-Jahre, als Lemmi und die Schmöker im deutschen Kinderfernsehen junge Zuschauerinnen und Zuschauer mit audiovisuellen Buchinszenierungen fürs Lesen begeistern wollte.

Hannah Levinson, Isaac Arellanes, Justin Sanchez and Amadi Chapata in Staffel 2 von «Ghostwriter» ( Apple TV+).

Solide Argumente statt lauter Rhetorik?

Die eigene Meinung kundzutun ist das eine. Das kann man lautstark und emotional tun. Wer hingegen überzeugen will, muss nicht nur die Materie beherrschen, sondern stichhaltig argumentieren. In seinem Beitrag im Life­long Learning Blog zeigt Schreibzentrumsleiter Alex Rickert, worauf es beim logischen Denken ankommt und wie man Scheinargumente entlarvt. – Machen Sie den Schnelltest.

Schach ist Trumpf

Das Leben ist ein Spiel. So wird gern behauptet. Aber nach welchen Regeln wird hier gespielt? Mischt der Zufall die Karten oder haben wir unser Geschick wie im Schach selbst in der Hand? Das klassische Königsspiel mit seiner Kriegssymbolik taucht als Motiv in zahllosen Geschichten auf und bietet sich immer wieder als sinnfällige Metapher für die Welt an.

In seinem Beitrag «Ein Brett, das die Welt bedeutet» (NZZ 24.7.2021, S. 32–33) begibt sich Daniel Ammann in Filmen und Romanen auf Spurensuche.

Für Beth Harmon (Anya Taylor-Joy) in der Netflix-Serie «The Queen’s Gambit» dreht sich alles um die 64 Felder.

Grosse Brüder, kleine Brüder

Acht Neuübersetzungen von Orwells 1984 hat uns dieses Jahr beschert. Unter anderem gibt es den Klassiker jetzt sogar als Jugendroman in der Rotfuchs-Reihe von Rowohlt oder als Graphic Novel. Den grossen dystopischen Roman sollte nicht nur jede:r kennen, sondern auch gelesen haben … und dann erneut lesen. Nicht weniger als die Zukunft steht auf dem Spiel.

Unter dem Titel «Orwells Zukunft ist längst Gegenwart» wirft Daniel Ammann in der NZZ vom 8.4.2021 (S. 30) auch einen Blick auf zeitgenössische Werke und Adaptionen, die von Orwells Schreckensvision inspiriert sind und die Geschichte totaler Überwachung in unsere Gegenwart übersetzen – allen voran Margaret Atwood mit The Handmaid’s Tale.

Haben die Musen ausgedient?

Woher nehmen Schriftsteller:innen eigentlich ihre Einfälle? – In seinem Essay in der Neuen Zürcher Zeitung (6.2.2021, S. 37) geht Daniel Ammann dieser Frage auf den Grund. Unter dem Titel «Die beste Idee kommt in der Badewanne» lässt er Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, aber auch Forscher:innen, die sich aus wissenschaftlicher Sicht mit künstlerischer Inspiration, Kreativität und Erfolg befassen.

War sie Charles Dickens’ Muse? Er selbst beschrieb sein Tagwerk nüchterner: Um sieben nehme er ein kaltes Bad, dann schufte er bis drei Uhr nachmittags. (Felicity Jones als Nelly Ternan, Filmstill aus dem «The Invisible Woman») – Imago (NZZ)

https://www.nzz.ch/feuilleton/kreativitaet-woher-kommen-die-besten-ideen-so-antworten-profis-ld.1594063

For there is always poetry

… if only we are brave enough to write it.1

Das Inaugurationsgedicht von Amanda Gorman

We are striving to forge our union with purpose.
To compose a country committed to all cultures, colors, characters, and conditions of man.
And so we lift our gaze, not to what stands between us,
but what stands before us.
We close the divide because we know to put our future first,
we must first put our differences aside.

Aus: «The Hill We Climb» von Amanda Gorman

Welchen Stellenwert haben Gedichte in unserer Gesellschaft? Lustige Gedichte auf Hochzeiten, die sich reimen? Klassische Gedichte in Schulbüchern? Rap Lyrics auf den Handys jugendlicher Hip-Hop-Fans?

«The Hill We Climb» von Amanda Gorman – zur Amtseinführung von Joe Biden am 20. Januar 2021 rezitiert – macht deutlich, dass Gedichte kein Schattendasein fristen müssten.

Ihr Gedicht bringt Hoffnung zum Ausdruck. Hoffnung, die viele Menschen in den USA und auf der ganzen Welt in Anbetracht des Machtwechsels empfinden.

Ihr Gedicht bringt das Ideal einer heilenden, vereinteren Gesellschaft zum Ausdruck, in der Verschiedenheit respektiert wird und in der demokratische Werte gelebt und verteidigt werden: «But while democracy can be periodically delayed, it can never be permanently defeated.»

Sie adressiert ihr Gedicht mit den Worten «Mr. President, Dr. Biden, Madam Vice-President, Mr. Amhoff, Americans and the world» und betont damit die globale Relevanz ihrer Worte. Rechtspopulismus stellt ein Problem dar, das die USA mit vielen Ländern der Erde teilen. Der Begriff «Trumpismus» suggeriert zu Unrecht einen länder- und personen­spezifischen Problemkomplex und wird der globalen Bedeutung nicht gerecht. «The Hill We Climb» kann also auch viele Menschen ausserhalb der USA trösten und motivieren, deren Gesellschaften gespalten und deren Demokratien bedroht sind.

Nochmals die Frage: Welchen Stellenwert haben Gedichte in unserer Gesellschaft? Und: Welchen Stellenwert haben Gedichte an unserer Hochschule?

Eine längere Tradition haben die Schreibwettbewerbe des Schreibzentrums, 2021 zum Thema «Spiel mir das Lied».

Möglicherweise könnten gesellschaftliche Ereignisse wie die Rezitation von Amanda Gorman einem etwas vernachlässigten Textgenre zu neuer Bedeutung verhelfen.

1      In Anlehnung an Amanda Gormans Zeilen: «For there is always light (…) If only we’re brave enough to be it.»

Peter Holzwarth ist Dozent für Medienbildung und Mitarbeiter des Schreibzentrums.

Wenn Grossmutter vergesslich wird

Auch Kinder und Jugendliche kommen im Alltag mit Demenzkranken in Berührung. Wie muss es sich anfühlen, wenn man allmählich den Verstand verliert? Davon erzählen Autorinnen und Autoren wie Jenny Downham, Tamara Bos und Allan Stratton. In ihren eindrücklichen Geschichten greifen sie zwar das schwierige Thema Alzheimer auf, rücken dabei aber die komplizenhaften Beziehungen zwischen betroffenen Grossmüttern und ihren mutigen Enkelinnen ins Zentrum. Das ist Lesestoff für jedes Alter.
In seinem Beitrag «Grossmutters löchriges Gedächtnis» (Neue Zürcher Zeitung 19.12.2020, S. 39) wirft Daniel Ammann einen Blick in aktuelle Bilderbücher und Jugendromane, die sich mit Demenz befassen.

Plötzlich passen die verschiedenen Bruchstücke des Wissens nicht mehr zusammen. Die Puzzleteile ergeben das Bild eines Gehirns.
Simon Tanner / NZZ

Frauke Angel und Stephanie Brittnacher: Oma Kuckuck. Aachen: Edition Pastorplatz, 2020. 34 Seiten. Ab 5 Jahren.

Maja Gerber-Hess: Als Oma noch Tango tanzte. Mit Illustrationen von Nicole Lang. Glarus: Baeschlin, 2013. 104 Seiten. Ab 8 Jahren.

Jenny Downham: Obwohl es dir das Herz zerreisst. Aus dem Englischen von Astrid Arz. München: cbt, 2017. 480 Seiten. Ab 14 Jahren.

Tamara Bos: Romys Salon. Mit Vignetten von Petra Baan. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Hildesheim: Gerstenberg, 2018, 192 Seiten.
Verfilmung: Romys Salon. Deutschland/Niederlande 2019. Regie: Mischa Kamp. Drehbuch: Tamara Bos. / DVD 2020.

Allan Stratton: Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause. Aus dem Englischen von Manuela Knetsch. München: Hanser, 2020. 256 Seiten.
Orig. The Way Back Home. Toronto: Scholastic Canada, 2017. 264 Seiten.

Von Robotern und Menschen

In seinem Beitrag im Lifelong-Learning-Blog des Zentrums für Hochschuldidaktik und -entwicklung (ZHE) beschäftigt sich Peter Holzwarth mit ethischen Aspekten der Digitalisierung und fragt provokativ: Sind Menschen die besseren Roboter?

https://blog.phzh.ch/zhe/digitalisierung-und-ethik/

Niemals den Helden begegnen

Emily Dickinson (Hailee Steinfeld unter ihrer Eiche
(Screenshot aus der TV-Serie «Dickinson», S1E04)

Autorinnen und Autoren können zu persönlichen Helden werden. Aber in ihren eigenen Romanen kommen sie mitunter ganz schlecht weg. Deshalb «Niemals den Helden begegnen», wie Henry David Thoreau in der Serie «Dickinson» zur Dichterin Emily Dickinson sagt. – Eine Spurensuche von Daniel Ammann (NZZ vom 14.8.2020, S. 30).

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. München: dtv, 2014. (Verfilmung: The Fault in OurStars. USA 2014. Regie: Josh Boone.)
Alina Bronsky: Und du kommst auch drin vor. München: dtv, 2017 (Taschenbuchausgabe 2020).
Matthew Quick: Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu machen. Aus dem amerikanischen Englisch von Knut Krüger. München: dtv, 2018.

Flipped Classroom auf dem Prüfstand

Wäre es nicht schön, könnte man die Lernzeit in der (hoch)schulischen Bildung höchst (inter)aktiv nutzen? Das kann gelingen, wenn Lernende vorbereitet in die Veranstaltung kommen. Das setzt wiederum voraus, dass Lehrende ihnen zuvor (digital) eine Wissensgrundlage zur Verfügung stellen. Der «Flipped Classroom» scheint das zu ermöglichen. – Maik Philipp stellt das Konzept in seinem Beitrag auf dem Lifelong-Learning Blog auf den empirischen Prüfstand.

Flipped Classroom scheint sich in den Geistes- und Sozialwissenschaften besonders zu bewähren.

Maik Philipp ist Professor für Deutschdidaktik an der PH Zürich und arbeitet im Schreibzentrum.