Sie

Qasim A. Khan

(c) Qasim A, Khan

Ich sehe sie als eine, die lernt. Nicht nur aus Büchern, sondern aus Gesten, aus Sprache, aus Zurückhaltung. In ihr verbinden sich Bildung und Anstand so selbstverständlich, dass nichts vorgeführt wirkt. Sie geht ihren Weg still, beinahe wie jemand, der sich einer inneren Ordnung verpflichtet weiss.

Mich beeindruckt, wie sorgfältig sie wirkt und zugleich wie schlicht. Wie ernst sie ist, ohne streng zu sein. Wie ruhig, ohne fern zu wirken. Würde scheint bei ihr kein Ziel zu sein, sondern ein Zustand. Schweigen ist für sie kein Rückzug, sondern Ausdruck.

Nichts an ihr wirkt zufällig, nichts absichtlich. Als hätte selbst das Unruhige bei ihr gelernt, Mass zu halten.

In ihrem Gesicht finde ich weder grelle Freude noch erschöpfte Schwermut. Keine Überladung der Gefühle, keine Müdigkeit des Empfindens. Alles ist klar, gesammelt, frei von innerem Lärm. Sie trägt ihre Stimmungen, statt sie zu zeigen.

Sobald ich da bin, verändert sich ihr Schweigen. Es wird feiner, genauer, gedankenvoller, überlegter. Nicht abweisend, nicht offen, sondern suchend. Als würde etwas in ihr plötzlich denken; als würde aus einer entrückten Gestalt für einen Augenblick eine Fragende werden.

Doch sie öffnet sich nicht – nicht mir. Vielleicht nicht einmal sich selbst. Ich stosse an eine Grenze, die nicht hart ist, sondern still. Eine solche Rätselhaftigkeit habe ich selten gesehen. Je näher man ihr kommt, desto mehr bleibt sie bei sich.

Wenn sich alle versammeln, wenn Namen genannt und Wege angeboten werden, tritt sie nicht vor. Sie sucht keine Vorstellung, keine Bühne. Sie bleibt zurück, unbewegt, als wüsste sie, dass Nähe nicht gemacht wird, sondern entsteht.

Und ich bleibe der, der schaut – nicht der, der nimmt.

Qasim A. Khan ist Tutor am Schreibzentrum der PH Zürich.

Impossible Loves

von Heyi Wang

Dear Z,

There are things unfolding now but I lack the courage to lay them bare in front of you.

This past Saturday in Thun, as I was strolling along the lake and watching a boat rhythmically sliced through the mirror-still water, I found myself lost in my memories. With every step along the promenade, I was walking again on the streets in our hometown, the one cradled in snow and sculpted from ice. Then it was all about you. you.

I dedicated every step to remind myself of your eyes, and every breath to recall the time when your hand was in mine. On that bitterly cold morning you once again brought a ghost of warmth into my weary soul.

Z, you must know, I have carried our memory into every season that has followed. But you, it seems, remained behind, forever freeze-framed in a midsummer night. Ever since then with the passing years, your face has grown blurred, then blurrier still. How do I dare claim to miss you? I had long since ceased my reckless hope for your arrival, but my mind surrenders to the persistence of our memory.

I told myself again, again and again: in the years to come, when memories well up in an unending tide, I will silently recite your name countless times like a prayer, and gently, yet firmly, let my heart shed its tears. I offer to bear those scars, so that in the end, I may lie down, bare, in those warm, tear-carved ravines, never to grieve again.

(c) Heyi Wang

Hi E,

It was a summer full of tears, hugs, endless goodbyes and little flying kisses. We exchanged names on a white T-shirt, in rainbow colours. I’m not sure about you but as a grown-up, among those kids, I’m used to saying goodbyes. Are you? But something else happened, right? You and I were sitting in a café at the back of the College, sipping cappuccino and latte. You were making me laugh so hard with your weird dinner recipe, and you praised how good I was at my job. Is it ever possible? To love you and hold you outside of this space? For us to be lovers through another identity, where gender and ethnicity do not matter? The helplessness of knowing that you have a whole life ahead and I am only granted, at best, the briefest chapter, or none. Our temporary encounters and promises we can’t keep.

But you and I, is it ever possible?

Forgive me, please, I’m still learning all different kinds of goodbyes, and your presence provides yet another possibility. But the beauty of this, at the end of the summer in 2025, I am completely, and incandescently in love with you. That I would carry this love to my next journey, learn about myself and try to be the best I could. And so will you.

And when we meet again, is it ever possible for us to be friends? Nothing else but friends.

(c) Heyi Wang

Heyi (Ivy) Wang war 2025 Erasmus Austauschstudentin an der PHZH. Sie studiert am University College London (BA Education Studies).

About Belonging

Emily Kiss

(c) Emily Kiss – Emily Kiss ist Tutorin am Schreibzentrum der PH Zürich

We are citizens of the world

Bound to a place every being calls their home

There are no borders where nature found beauty

Rivers, lakes, and sea connecting every life

Where I live, you may live

Where I breathe, you may breathe

For I am you and you are me

There is no winner where someone else loses

To win is to love and live

Thrive and sleep, without fear

We eat the fruit another once grew

With hope and care

A dream of a better place

They planted the seed

Of the freedom we were born with

We live where once one lived

Who spoke in tongues

Foreign and beautiful

They protected us

Not knowing we would come

They fought for us

Not knowing whether we would ever be

We must protect them

Not knowing if they’ll come

We must fight for them

Even if we don’t know their names

Because we know that they are

We were blessed with the privilege to rest;

Dumb luck.

I fight for those unable to fight

I speak for those who were silenced

Helpless and vulnerable I stand

Fractured and harmed I stand

Weak and broken I stand

For everyone who can‘t.

Karl kämpft um Komfort

Zumindest glaubte er das. Kein Tag begann, bevor die Kaffeemaschine knarrte wie ein knurrender Kater, der keine Kuschellaune hat. „Kaffee klärt den Kopf“, das pflegte Karl zu sagen. Heute allerdings klärte sich gar nichts.

Kaum war der Kaffee fertig, klingelte das Handy. Kein Klingeln, eigentlich – ein kreischendes Katastrophenkonzert. Kollegin Karin klagte. „Karl, du kennst die Kundenkorrektur nicht?“ Karl knirschte: „Klar, äh, warte kurz … äh … nein, keine Ahnung.“

Karin legte entsetzt auf. Und Karls Kaffee: schwappte, tropfte, überlief –
und irgendwann merkte Karl, dass auch er selbst überlief: „So schmeckt Anpassung“, dachte Karl. Verdünnt und unentschlossen.

Der Kaffee stand daneben, unbeachtet, und wurde langsam zu einer kalten, festen Realität: Routine, die ihre Wärme verloren hat – besonders dann, wenn er ihn beim Genuss etwas verschüttet.

(c) Flurina Kunz

„Koffein ist Charakterbildung“, murmelte er kämpferisch, während er den nächsten Krug kochte. Vielleicht würde ihn die nächste Kanne aus der Katastrophe retten. Kompromisslos. Er starrte die Kanne so lange an in der Hoffnung, sie könnte ihm die kosmische Kurzgeschichte des Lebens erzählen. Alles fängt heiß an – und endet lauwarm. „So schmeckt Kontrolle“, dachte Karl. Bitter und unbeweglich. Er kippte also den kalten Kaffee hinunter. Kein Genuss – eher ein kleiner Krampf der Kehle.

Doch Karl kannte keine Gnade. Er beschloss, sich nicht kleinkriegen zu lassen. Er kochte einen dritten Kaffee. Diesmal stellte er sich daneben, wie ein Kapitän, der das Kentern seiner Kaffeetemperatur verhindern will. Da klingelte die Tür. Paketbote. „Einmal kurz unterschreiben?“ Karl unterschrieb. Kam zurück. Er atmete tief ein und fragte sich, ob er selbst vielleicht auch schon halb in der Luft hing – in einem Zustand zwischen Antrieb und Auflösung. Der Kaffee war heute schlichtweg nicht zu geniessen.

Also setzte er eine vierte Kanne auf: Er lachte. Laut, erleichtert, fast glücklich. „Vielleicht bin ich auch nur Wasser mit Koffein – ständig im Wandel.“ Nichts bleibt heiß. Nicht der Kaffee, nicht die Karriere, nicht das Karma. Aber man kann immer wieder eine neue Kanne kochen. Und das – fand Karl – war eigentlich ganz komfortabel.

Flurina Kunz

Umwege

Die Hitze war fast schon erdrückend. Dreiunddreissig Grad auf dem Planetenweg. Die Luft zitterte sichtbar, als fürchtete sie sich vor der eigenen Glut. Katjas Wasser war fast aufgebraucht. Seit einer halben Stunde hoffte sie auf einen Brunnen. Auf einem oft begangenen Wanderweg wie diesem sollten doch welche stehen. Oder war die Abzweigung vor einer Viertelstunde doch falsch gewesen? Vielleicht war sie gar nicht mehr auf dem offiziellen Weg. Das würde erklären, warum keine Menschenseele zu sehen war.

Eine weitere halbe Stunde verging. Jedes Rascheln klang für Katja inzwischen wie Wasserrauschen. Sie hätte umkehren können. Aber es war zu spät. Sie war zu weit gegangen. Noch immer redete sie sich ein, bald käme ein Brunnen. Schritt für Schritt schwand diese Hoffnung, doch weiter geradeaus zu gehen, erschien ihr als einzige sinnvolle Option. Dann entdeckte sie einen schmalen Trampelpfad. Von dort erklang leise etwas: ein Rascheln oder Rauschen. Bei der Hitze konnte sie es nicht einordnen. Kurzerhand bog sie ab. Der Pfad führte in den Wald, weg vom brennenden Himmel. Endlich Schatten.

Der Weg war schmal, aber nicht wild. Er wirkte wie nur von wenigen Menschen betreten. Dort musste ein Brunnen sein. Es klang danach. Nach einigen hundert Metern öffnete sich eine Lichtung. In ihrer Mitte stand eine Holzhütte. Umgeben von dichtem Wald. Nur dieser Pfad führte dorthin. Unglaublich. Vielleicht konnte sie dort nach Wasser fragen. Normalerweise bat sie keine Fremden um Hilfe, aber heute blieb ihr nichts anderes übrig. Sie klopfte. Keine Antwort. Auch beim zweiten und dritten Mal blieb es still. Zögerlich drückte sie die Klinke. Die Tür liess sich öffnen.

Ihr Blick fiel auf eine winzige Küche. Ein tropfender Wasserhahn über einer Schale mit Birchermüesli-Resten. Wer wohnte hier? Doch für Fragen war keine Zeit. Katja drehte den Hahn auf. Kaltes, klares Wasser strömte heraus. Ihre Rettung. Sie trank, atmete auf, wusch sich das Gesicht. Für einen Moment war alles ruhig. Der Raum wirkte bewohnt und doch verlassen. Neben der Tür lehnte ein Wanderstock. Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagener Notizblock. Nur ein Satz war zu lesen: „Manche Umwege führen heimlicher zum Ziel.“

Nachdem sie ihre Flasche gefüllt hatte, verliess sie die Hütte. Nicht, dass noch jemand zurückkam und sie dort erwischte. Der Pfad lag ruhig vor ihr. Die Luft war still, die Hitze vom Wald gedämpft. Katja ging auf dem Trampelpfad zurück. Und tatsächlich, wie es der Satz im Notizbuch angedeutet hatte, erreichte sie nach etwa zehn Minuten bei der vorherigen Abzweigungsweg eine Gabelung. Dort stand ein Wegweiser: „Planetenweg“. Katja blieb stehen. Stimmen von anderen Wandernden waren zu hören. Schritte. Lachen. Sie war zurück. Instinktiv drehte sie sich noch einmal um. Die Hütte war im Wald zwischen den Bäumen kaum zu erkennen. Nur der Schatten eines Daches schimmerte leicht durch das Blattwerk. Oder bildete sie sich das nur ein?

Katja fasste den Rucksack fester und ging weiter. Sie war unendlich froh, wieder auf den Planetenweg zurückgefunden zu haben.

J.S. studiert an der PH Zürich.

Blumengartenseelen

(anonym)

Sie fährt mit ihren wunden Händen durch die stacheligen Halme der Gräser. Im Streifgang durch das Labyrinth der grauen Ackerfliessen sah sie sich den Garten an. Scheusslich. Sie wandert durch die Gartengleise ihrer nicht mehr grünen Lunge. Die Schösslinge pieken in ihre raue hartgewordene Haut, sie schmerzt nicht. Nicht mehr. Erfolglos tasten die spiessigen Stängel ihre hornige Handfläche ab. Lilia arbeitete schon zu lange im Garten, zu oft hat sie das Unkraut aus dem Boden gezogen, zu oft die Halme beschnitten. Ihre Hände aufgeschrammt. Sich aufgeschrammt. Es tut nichts weh. Alles tut weh. Schlingende Stängel überwuchern den Acker, die von breiten Blättern überzogen sind, die sich über die Erde beugen. In ihrer Grösse überschatten sie kleine Triebe. Winzige Schösslinge, die sich erfolglos aus dem Boden kämpfen, strampelnd, nach Sonnenlicht quengelnd. Wo ist die Sonne? Lilia schiebt ihre blasse Hand an einen Trieb, er ist schon befallen. Grau und borstig. Sie lässt ihn zurück, verkümmert im Schatten seines Beetes. Der Boden ist hart. Sie greift nach ihrer kleinen Schaufel, mit dem Wunsch, den dunklen Grund zu lockern. Die Fläche ist von unzähligen mikroskopisch kleinen Steinchen besiedelt, die ihre Finger spiessen und ihr Ziel erschweren. Sie kann die Erde nicht lockern, sie ist zäh.

Früher stand Lilia mit einer Ambition im Garten. Dem Traum, in ihrem Garten, mit ihm und mit ihren Blumen aufzugehen. Ihre Saat beim Wachsen zu beobachten. Sie träumte, wie sich zarte gelbe, rosa Blüten aus ihren Knospen schälen und im Wind wippen würden. Wie sie wachsen würden. Früher goss sie behutsam ihre Saat. Sie nährte sie mit frischem Wasser. In den Träumereien würden es die Blüten aufsaugen und ihre Ärmchen zu ihr strecken. Eine Leidenschaft. Eine Illusion. Lilia liebte die Vorstellung ihres bunt bewachsenen Gartens. Nun schaudert es ihr, wenn sie in die kahle Landschaft blickt. Hart und grau. Ihre Lust vergangen, ihr Traum versickert in der dunklen Erde. Sie möchte ihre Schaufel beiseitelegen. Es kann keine Schönheit geschaffen werden, Blumen können so nicht wachsen, es verwelkt alles. Es gibt nur noch Unkraut. Kein Garten, auf dem man bauen kann und sie nicht fürs Gärtnern gebaut.

Florian geht es ähnlich. Er sehnt sich nach Sonne, ist des Schatten leid. Sein Augenschein richtet sich auf Lilia, die noch immer durch die dunklen Beete irrt. «Lilia, leg die Schaufel noch nicht weg.» Er offeriert ihr, an seinem Vorhaben teilzunehmen. Sie würden sich gemeinsam ein kleines Beet vornehmen. Einen Ort, an dem es noch Sonnenstrahlen gibt. Das kleinste Beet von allen, das am Rande steht. Dort, wo die Erde noch atmet. Lilia kann das Beet vor lauter Unkraut nicht mehr sehen. «Florian, der Garten ist zu gross, ich mag nicht.» Er nimmt sie an der Hand und zeigt ihr seinen Fund. Das Beet, an das sich die Sonnenstrahlen kurz vor Untergang schmiegen und die letzten Minuten des Tages die Erde wärmen. «Lilia schau, wir können nicht den ganzen Garten bewältigen, aber wir können im Kleinen beginnen. Nur ein schmales Stück, ein bescheidenes Eck Erde. Ein Experiment. Aber nicht bedeutungslos, nicht kärglich, weil es uns wieder Freude schenkt. Wir werden es besäen, es umsorgen. Für unsere Blumengartenseele.»

Lilia und Florian treffen sich nun ab und zu vor Sonnenuntergang bei ihrem Beet und packen an. Sie machen sich daran, das sonnige Eck zu pflegen. Sie säen einen Samen und erzählen sich Geschichten über die Pflanzen. Ein erster Trieb spriesst. Lilia nimmt ihre Hände behutsam und legt sie an den Trieb. Das feine Blatt kitzelt ihre Haut. Sie spürt es, ihr Hände werden weich. Als Florian schon weg ist, nimmt sie die Schaufel. Sorgfältig führt sie die eiserne Kante Richtung Boden. Die Erde beginnt sich langsam zu wölben, sie ist nicht mehr so hart. «Danke Florian», flüstert Lilia den Knospen zu.

Anonym studiert an der PHZH im Studiengang Primarstufe

Ein Kranz aus Dornen

Qasim A. Khan

Manchmal frage ich mich, was das für Menschen sind, denen Liebe selbst mit Liebe begegnet. Mir hingegen schenkten selbst meine sehnsüchtigsten Bitten nach Liebkosung nur Schmerz: wollt’ ich Blüten, erhielt ich Dornen. Auf der Suche nach dem Glück fand ich nur den Staub vergangener, zerplatzter Träume. Und wenn ich mich nach Liedern voller Zuneigung sehnte, blieb mir nichts als die Kälte eines stummen Seufzers.

Die Menschen, die mich trösten wollten, haben oft nur meine Last erhöht. Jeder Begleiter, dem ich vertraute, blieb gerade lang genug, um Hoffnung zu wecken – und verschwand dann plötzlich, als hätt’ er sich nur kurz verirrt. Wer hält schon inne für einen Werther, der zu viel fühlt? Niemand hat Zeit, um die Hände eines überschwänglichen Träumenden zu halten! Selbst mein eigener Schatten schien sich manchmal zu fürchten, mich gar zu verachten.

Wenn man das Leben nennt, so lebe ich eben weiter – ohne Klage, mit geschlossenen Lippen. Warum sollte ich mich vor dem Schmerz fürchten? Er ist mein alter Bekannter. Einer, der nicht klopft, sondern eintritt. Und jedes Mal bringt er sich gleich hundertfach mit.

Ja! Das ist’s, was man Leben nennt: ein schönes Missverständnis mit schlechter Dramaturgie, in dem wenigstens das Leiden mir treu war.

(c) Qasim A. Khan

Qasim A. Khan ist Tutor am Schreibzentrum der PH Zürich.

Der Drachenflieger

Leila Nyffenegger

Der Wind streicht über seine Nähte, hebt ihn fast an. Die Schnur an seinen Seiten gespannt, der Drachenflieger steigt. Höher und höher, bis er nur noch ein tanzender Punkt im Blauen ist. Er spürt jede Bewegung, jede Böe, als wäre sie Teil von ihm. Der Himmel ruft, und mit jedem Meter fühlt er sich leichter.

(c) Leila Nyffenegger

Seine Seile lösen sich von der Erde, sein Körper streckt sich der Sonne entgegen. Der Wind trägt ihn, nein, verwandelt ihn. Nähte werden zu Schuppen, Stoff wird zu Flügeln, die sich mit einem majestätischen Schlag entfalten. Ein heisser Atem glüht in seiner Brust. Kein Spielzeug mehr, keine Freizeitbeschäftigung – er ist ein Drache.

Mit donnernden Schwingen jagt er durch den Himmel, steigt in die höchsten Strömungen, taucht durch goldene Wolken. Unter ihm breiten sich Felder, Wälder und Dörfer aus wie Muster eines vertrauten Teppichs. Er spürt die Kraft in seinem Leib, das Feuer, das tief in ihm flackert. Ein letztes Mal reisst er das Maul auf und speit Flammen in den sinkenden Tag. Die Glut tanzt in der Luft, verweht mit der Dunkelheit.

Dann spürt er, wie die Schwere zurückkehrt. Der Wind verliert seine Stimme, die Flügel werden wieder Stoff, die Schuppen verblassen. Langsam, ganz langsam sinkt er herab. Die Schnur ist wieder fest im Boden verankert. Der Drachen segelt herab, sanft, als hätte er nie losgelassen.

Reglos liegt er auf dem Gras, die Schnur um ihn herum. Die glitzernden Funken auf den Nähten sind erloschen. Ein letzter Blick zum Horizont zeigt die Sonne, die mit dem Feuer untergeht.

Er ist wieder ein Drachenflieger.

Leila Nyffenegger ist Tutorin am Schreibzentrum der PH Zürich.

Die Tramfahrt

Der Vollmond schien diese Nacht voller denn je. Es war kurz nach zwölf und die Acht fuhr beim Stauffacher ein. Bea hatte schon genug gewartet. Ganze zehn Minuten auf ein Tram zu warten, war hier schon eher eine Zumutung. Und es war fast leer. Nur noch eine ältere Dame, die ganz vorne sass. Sich die Augen reibend – es war schliesslich schon spät – setzte sich Bea auf den erstbesten Platz im hinteren Drittel des Trams. Ächzend fuhr es los. Sie dachte kurz daran, dass es wohl auch müde sein musste nach so einem langen Tag.

Heute ging es bis Endstation. Bis nach Hause. Das war der Plan. Bei der Bäckeranlage stieg nun auch die ältere Dame aus. Wo die wohl wohnte? Wohl in einer malerischen Altbauwohnung hier draussen irgendwo. Die Gedanken wurden immer langsamer. Das auf Bea leicht gedimmt wirkende Licht des Trams half irgendwie auch nicht. Ach egal, ein bisschen Schlaf vorzuholen konnte ja nie schaden… Das Surren des Rollens auf der Schiene wurde immer gleichtöniger und monotoner. Sie döste langsam und gemächlich weg. Konnte wohl nichts schiefgehen. Sie musste ja sowieso bis Endstation. Dort wird man im Notfall auch immer geweckt.

Augen auf. Dunkelheit. Die Augen mussten sich kurz ein paar Sekunden daran gewöhnen, dass sie nicht mehr im Schlaf waren. Warte mal… Sie war immer noch im Tram! Einfach die Lichter waren aus. Das konnte doch nicht sein, sie konnte doch nicht… Draussen waren Trams an Trams. Sie war wahrhaftig dort gelandet, wo sich die Trams «Gute Nacht» sagten. Manchmal konnte Schlafen schon wie Zeitreisen sein. Schnell rannte sie zur Tür, die sich zu ihrem Glück immer noch öffnen liess. Hier in der Halle war es gespenstisch still. Kein Mensch weit und breit mehr zu hören. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte die Tramchauffierende sie einfach so vergessen?

Sie blickte aufs Handy. 1:22. Naja, wenigstens hab’ ich schon ein bisschen erholsamen Schlaf bis hierhin gehabt. Der Ausgang aus dem Tramdepot war glücklicherweise schnell gefunden. Und nun stand sie hier draussen am Escher-Wyss-Platz. Wenigstens bis hierhin hatte es das Tram geschafft. Sie schickte ein Schmunzeln in die kalte Nachtluft. Der Vollmond leuchtete grell auf sie hinab und begleitete sie nun die letzten mühseligen Schritte nach Hause.

Anonymous studiert an der PH Zürich.

Die Stille

Nadia Gsell

Foto: Dorell Tibbs (Unsplash)

Es war zuerst das Summen: oder mehr, das Fehlen des Summens.

Das Summen, das man immer hörte, vom Kühlschrank, irgendein elektrisches Summen, wenn alles still war.

Doch es verschwand.

Eine ungemütliche, fast unaushaltbare Stille legte sich in den Raum.

Panik machte sich in mir breit.

Mit schnell rasendem Puls greife ich zum Telefon und versuche laute Musik zu starten.

Doch kein Laut entflieht dem Summen des Geräts.

Mir wird flau im Magen und ich versuche mich stützend an der Wand den Weg an die frische Luft zu finden.

Auch draussen, es ist still.

Ich sehe meine Nachbarin mit einem Lächeln, wie jeden Tag um 11.30, ihre Blumen giessen.

Das Plätschern auf die Erde, so ein bekanntes Geräusch.

Es ist verschwunden.

Die Stille scheint mich zu verschlingen.

Mein Körper fängt an zu zittern, ich drehe mich um und sehe einen Umschlag auf meiner Veranda.

«Hör genau hin. Es hat nie aufgehört»

Mein Herz rast. Ich halte die Luft an und lausche.

Da war es.

Tief vibrierend wie ein Schlag, der unter der Oberfläche der Stille lag. Und es kam näher.

Die Stille war zu Ende und es blieb nur noch die Angst.