November-Hund

von Peter Alexander Kaiser

©Peter A. Kaiser

Manchmal im November, wenn bleich mir der Nebel kommt, sitze ich trübe am Fenster.

Welchen Sinn macht es, frage mich, täglich neu Sinn zu behaupten? Wo doch: Rings frisst ihn die Welt – schneller als Deutsche Dogge Pizza.

Dummfug und Wirrsinn überrollen mich: Das Tier kriegt Diabetes. Der Arzt nennt es Zucker – vom Fett will nicht wissen. Gibt ihm Medikamente. Die hält es für Smarties. Geht vor den Hund, der Hund.

Menschen laufen zum falschen Gleis. Könnten gerade noch. Aber.

Kinder seh ich lachend rennen, schreien, schrammen und flennen.

Aus der Zeitung flattern faltrige Motten. Kobolde sind’s. Gespenster. Jage sie durch die Luft mit Besen. Treff ich – bloss: werden’s drei. Applaudieren eins dem andern und höhnen laut und frei.

Auf Knien – verzweifelt – raffe all die Dinge zusammen, die heruntergefallen sind. Mehr, denn je kann halten. Entgleiten mir immer neu.

Wenn nicht bald jemand, denke. Aber niemand. So klar in trüber Suppe seh gewiss.

Verstecken vielleicht? Endlos im weiten Weiss? Tauchen in die Herbstdämmerung? Ohne Zweck! Findet dich. Und dann.

Denn «wir gehen nicht unter in den Niederlagen, sondern in den Kämpfen, die wir nicht führen».

Seh’s, aber sehnt’, es nicht zu sehn. Ertrage zu tragen ohne Fragen – wozu, kann mir eh keiner sagen. Bloss: Wie lange, möcht wissen, muss noch das leichte Lichte ich missen?

Und wenn dann denk, keine Lust mehr hab, seh mich selbst: Schatten in weissen Schwaden. Moosfeuchter Finsterbaum. Hart noch, sich daran den Kopf zu stossen. Morsch genug, dereinst zu fallen.

Liegen dann im Schnee. Wie hinein in schon so manchen Frühling. Mit diesem aber zeitlos vergehn. Zwischen den ersten Blumen verwehn …

Und wenn jetzt grad so schön meinen Frieden gemacht hab, rufen sie von unten zum Essen und der Tisch ist noch nicht gedeckt und wo nicht sollte, liegt Zeug herum und es gibt unerledigte Dinge zu erledigen und schnatternd Nebensächliches zu besprechen und ursächlich Sachliches zu berechnen und alles ist und wird nun wieder: wild-wind-wirbliger Wiedersinn. Aber halt doch: Lebens-Zugewinn!

Ich bin, sage mir.

Verwundbares Tier.
Mutig durstige Lebensgier.

Klagen, aber wagen wir!

Peter Alexander Kaiser ist Autor, Sekundarlehrer und Tutor am Schreibzentrum der PH Zürich

Freundschaft ist krass

In letzter Zeit denke ich viel über Freundschaft nach. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass ich gerade durch eine kleine Krise torkle und sehr dankbar bin für die Unterstützung, die ich auf meinem Weg erhalte. Ich staune manchmal über die Macht, die Freundschaft hat: Mir geht es ausnahmslos immer besser in Gesellschaft meiner Freundinnen. Wie krass, dass man im Laufe seines Lebens Menschen findet, die diese Wirkung auf einen haben, nicht? Wie kommt es, dass man solche Menschen um sich sammeln kann?

War es Zufall, dass genau eine meiner besten Freundinnen am ersten Tag im Gymnasium neben mir sass? Und dass wir uns eigentlich schon vorher hätten kennen sollen, weil unsere Eltern sich kannten?

War es Schicksal, dass es nicht nur mich, sondern auch eine andere Freundin aus dem Gymi ohne rationalen Grund nach Basel zog? Wollte uns das Schicksal wenigstens ein bekanntes Gesicht in dieser damals fremden Stadt bereithalten?

Und war es einfach Glück, dass da jemand war, die zuerst nur ein Hobby mit mir teilte, bevor sie zu einer nicht mehr wegdenkbaren Bereicherung meines Lebens wurde? Ein Mensch, der so oft so ähnlich und doch so anders tickt als ich?

Natürlich, definitive Antworten auf diese Fragen gibt es nicht. Ich als sehr unreligiöse, nicht gläubige Person kann nicht viel mit Schicksal anfangen – und tendiere eher dazu, alle grossen und kleinen Begebenheiten des Lebens als Zufälle zu sehen. Zufälle, die entweder zu etwas Neuem führen oder völlig spurlos durch unser Leben ziehen. Diese Freundschaften, sie haben wohl mit zufälligen Begegnungen begonnen und sind mit zufälligen Ereignissen tiefer geworden – und jetzt kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie mein Leben ohne diese Aneinanderreihung von Zufällen aussehen würde. Und ich bin unglaublich dankbar dafür, dass wir gemeinsam lachen, essen, weinen, diskutieren, reisen, tanzen und einfach sein können. Wie krass, dass manche Zufälle zu solch tiefen Verbindungen führen können.

Schöne Freundschaft – schöne Zeiten © Natascha Hossli

Natascha Hossli

Eyn thugendlehrstûck

um eynen gar wunderlichen sûndfall wie er sich zuogetragen anno Domini 1998 zuo Eton im kônigthum Ænglandia.

Eyn furmalig doctor und arg quacksalber, zum geschlecht geheißen Wakefield, publicierte eyn gewitzt lûgschrift zum zweck der buurenfângerey, in der geredet ward von eynem tyflischen vakzin, das muntere kindlein an authismen kranken ließ./ Gar vîl doctoren und grûndlich bewandert leut sahen, daſʒ diese geschicht ein lûgenmaar war und beeylten sich, das ângstlich und argwônlich volch zu beschwôren, îren kindlein das vakzin zu geben, auf daſʒ sie nicht an der Maserenseuch zugrund gehen mûssen./ Doch vîl volchsleute verwahret sich und îre bâlger fortan vor dem schûtzend vakzin und sahen in dem quacksalber Wakefield eyn klug und muotig mann, der wahr zuo înen sprach./

Eyn berufsschreyberling vom geschlechtsnamen Deer, gar verwundert ûber den unselig lûgeneyffer des furmalig doctori, entlarvte nach eyner grûndlich sucherey, daſʒ Wakefield von riichtumsgyr getrieben dîse truggeschicht gesponnen hatt./ Nicht nur ward îm eyn stattlich vermôgen von den advocaten aberglâubig edelleut gegeben, auf daſʒ er die so beschriebene lûgschrift verfasst, er besass noch dazuohin eyn patent fûr eyn anderes vakzin, das er dem volch als heilsam fûr îre zart und schuldlos kindlein pries./

Fûrderhin gebannt aus dem kreis der doctoren durch seyn gyrgetrieben lûgwerch, flûchtet

Wakefield zuo den spinnerten und argseligen leut, die der medicinisch vernûnfteley standhaft trutzen./ Umschaart von eydechsenleut, silberpapîrmûtzen, stubenhexen und judenfeynden muss Wakefield furtan seyne lûgenmaar tag um tag beschwôren, um so seyn brot zu verdienen./

Anno 2016 ward der quacksalber gesehen auf eyner vermaledeiten chrûzfâhre vor Mexico fûr ebendies volch, wie er gequâlet und ermûdet an eynem tische sass, umringt von allerley spinntisierern./

Wohl wûnscht sich der furmalige doctor Wakefield, daſʒ er sich nicht aus goldgyr um seyn ansehen und die gesellschaft bewanderter leut gebracht hätt./ Doch wie er sich versûndigt, verbannt er sich in die Hôll des stumpfsinns und der forcht wohl bis zum Jûngsten Tag.

Von der Schreyberin und Zeychnerin Lisa Thwaini zuo Zurichen anno Domini 2021

  • Diese frühneuzeitlich anmutende Moralerzählung basiert auf der Geschichte des britischen Arztes Andrew Wakefield, der durch seine als Schwindel entlarvte Studie zu einem angeblichen Zusammenhang der MMS-Impfung und Autismus zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Wakefield gilt als zentrale Figur in verschwörungstheoretischen Kreisen, weil er die längst widerlegten Ergebnisse seiner Impfstudie nach wie vor propagiert. Anscheinend sei Wakefield aber nicht besonders glücklich darüber, sein Dasein unter Verschwörungstheoretiker*innen zu fristen, die er im Grunde verachten würde. So zumindest spekulierte ein Journalist, der Wakefield 2016 auf einer Kreuzfahrt für Verschwörungstheoretiker*innen begegnete. Wakefields Engagement erkläre sich wohl weniger aus (pseudowissenschaftlicher) Überzeugung als aus einem Mangel an anderen Verdienstmöglichkeiten, zumal er nach seiner Überführung mit einem Berufsverbot belegt wurde. So gesehen könnte Wakefield nicht einmal mehr als charismatischer Spinner durchgehen, sondern erschiene einfach als Typ, dessen finanzielles Kalkül nicht aufgegangen ist. Mehr Entzauberung geht kaum. Mehr Verzauberung aber auch nicht, weil sich aus dieser Vorlage eine nahezu märchenhafte Geschichte über Schuld und Sühne spinnen lässt, die in ihrer Rundheit wie aus der Zeit gefallen wirkt.

Lisa Thwaini studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Pickel sind nicht schön

Ich habe einen Pickel auf meiner Nas,
der ist so gross, das macht keinen Spass.
So kann ich mich nicht zeigen!
Ich brüll ihn an, doch wie unerhört … er tut nichts dergleichen.

Ich merk, so werd ich den nicht los.
Überleg mir einen Plan, schliesslich bin ich ja Philosoph.
Ich hab’s! Ich gib diesem Kerl einfach ein anderes Gesicht!
«Das ist Florian aus meinem Dorf. Bitte verzeiht ihm seine Macken,
      er kommt aus der Unterschicht.»

So geht mein Leben aus dem Affekt weiter,
an meiner Seite mein Alter Ego und dieser ganze Eiter.
Ich habe mich langsam an dieses Ding gewöhnt,
find es heimlich toll, wie es meine Nase krönt.

Doch es wird zum furchtbaren Polyp, ich glaub, ich habe
        zu viel dran rumgedrückt,
Es hat sich entzündet, es pocht und macht mich verrückt.
Es ist mir über den Kopf gewachsen, ich sehe gar nix.
Doch es bleibt Teil von mir, es steht direkt auf meinem Nasenspitz.

Zu viel Ekelhaftes gegessen, jetzt habe ich diesen Ausdruck
        im Gesicht.
Flüstere diesem faulen, feigen Eiter ins Ohr: «Erbrich dich, und
        du erblickst das Licht!»
Und endlich erlöst mich die schamerfüllte Offenbarung:
Es gibt keinen Erguss, es bleibt nur die Erfahrung.

© David Sucari

David Sucari studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Heute mal Rockstar mit Zauberhut

 Strümpfe schwarz und blickdicht
 Stiefel bis zum Knie
 KLICK KLACK, laut
 im rassigen Takt 
 der Hintergrundmusik
 auf grauem Asphalt.
 Kompromisslos kraftvoll,
 entschieden voran. 

 Mit jedem Schritt 
 ein kleiner Samen gesät
 spriesst ein Blütenkopf
 aufmüpfig und mit 
 zugekniff’nen Augen
 frech
 die Zunge rausstreckt. 

 Der Mantel lang und schwer
 massiver Kunstfellkragen
 im dynamischen Schwung
 des Schrittes hinterlässt 
 wabernde, 
 in Sonnenlicht getränkte
 gleissende Luftmassen
 Atome, unübersehbar
 glitzernd
 und mit Sinn gefüllt. 

 Haare störrisch 
 halb aufgetürmt
 schief wie Peace-A
 halb fallengelassen
 achtlos
 wie manche Zigaretten
 erinnern daran, 
 mal wieder wild zu leben
 und einen ******* drauf zu geben
 was andere denken.
 Natürlich trotzdem nicht 
 über Leichen gehen
 viel lieber Mut geben. 

 Sonnenbrille nicht auf,
 viel lieber 
 Blicke sprechen lassen!
 Diese scharf & bestimmt,
 geradeaus
 und unausweichlich
 doch ab und an
 ein breites Lächeln 
 weil gutes Gitarrenriff /
 packender Bass /
 treibendes Schlagzeug.
 Das fätzt ... 

 Alles in allem
 die rohe Kraft
 Selbstverständlichkeit 
 und wilde Grazie
 eines Tigers,
 in Freiheit lebend.
 Nicht das Bedürfnis
 sich zu erklären.
 Es würd’ auch niemand fragen! 

 Ein anderer Tag
 langes Blumenkleid, ganz zart
 sanft wehend im Wind
 Sandalen aus Leder
 ganz und gar nicht
 geschwind. 

 Wie verkleidest du dich heut?

«wizard hat», Acryl auf Leinwand, 100 x 70 cm, Kelly Vass
 

Kelly Vass studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Nutze ihn aus

Es ist Samstagabend und ich sitze in meiner Küche auf dem braunen Lederstuhl zwischen der Tür und dem weissen Frühstückstisch. Ein gelber Hocker steht so in der Ecke, dass er jedes Mal weggeschoben werden muss, wenn der Putzschrank gebraucht wird. Vor mir der Herd, darunter der Backofen, nebenan der Abfalleimer und drüber das Waschbecken, rechts davon die Balkontür, davor ein roter Stuhl, noch eine viertel Drehung nach rechts: da der Kühlschrank.
Besuch betritt den Raum.

Er läuft zur Balkontür.
Nimmt den roten Stuhl.
Schiebt ihn zum Tisch.
Setzt sich hin.

Sie läuft zum Putzschrank.
Nimmt den gelben Hocker.
Schiebt ihn zum Tisch.
Setzt sich hin.

Er läuft zum Waschbecken.
Nimmt sich ein grosses Glas.
Füllt es mit Wasser auf.
Bleibt da stehen.

Sie läuft zum Herd.
Nimmt sich einen sauberen Lappen.
Putzt die Herdplatte.
Setzt sich drauf.

Wir sitzen auf dem Stuhl.
Trinken ein Glas Wein.
Heben die Hand senkrecht vor uns hin.

Raum, der nicht genutzt wird.
Raum, der empört.

Wir erzählen von uns.
Erzählen, erzählen und erzählen.
Analysieren die letzten Minuten.
Schämen uns.

Raum, der nicht genutzt werden darf.
Raum, der empört.

Nun fordere ich dich auf:

Stehe da, stehe dort.
Stehe mittendrin und nebenan.

Hebe die Hand,
Hebe sie höher,
Hebe sie an.

Mach den Spagat,
Sitz auf den Boden,
Lege dich hin.

Nutze den Raum,
Nutze ihn aus.

Raum ist Luxus, 2021, (c) Angelica Bühler

Angelica Bühler studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Es kam etwas dazwischen

Peru vor einem Jahr
es kam etwas dazwischen
Titicacasee und Machu Picchu
lang davon geträumt
alles geplant und bezahlt
es kam etwas dazwischen

Die Taufe hätten wir gefeiert
in Cusco, der Königsstadt
dazwischen den Regenbogenberg bestiegen
es kam etwas dazwischen

Die Grenzen sind zu
alle Flüge gestrichen
niemand soll mehr aus dem Haus
bleibt daheim und bleibt gesund
es kam etwas dazwischen

Die Todeszahlen steigen
wieso bleibt ihr nicht daheim
wieso bleibt ihr nicht gesund
weil wir es nicht können
weil wir kein Haus besitzen
weil wir bald verhungern

Und plötzlich verschieben sich die Realitäten
was beklag ich mich über meine zerplatzte Reise
wieso traure ich dem verlorenen Geld hinterher
es geht mir gut und ich besteig unseren Hausberg
die Natur blüht und der Himmel ist blau
so blau wie die Maske im Gesicht

Zuerst nur einzeln
dann immer mehr
meistens blau
manchmal weiss, schwarz oder bunt

Wie die ersten Blumen
einzeln zuerst
dann immer mehr
strecken nach dem Winter
ihre Köpfe der Sonne entgegen

Wie die ersten Vögel
einzeln zuerst
dann immer mehr
verlassen ihr Nest
fliegen der Sonne entgegen

(Foto (c) Britta Kim Hänni)

Petra Hänni studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Duft der grossen weiten …

Neue Wohnung, neues Glück: Hastig noch schnell in den Laden, ein paar Putzmittel beliebig. Dann – zurück, Stunden später – die erste schmutzige Tasse. Und da trifft es mich. Wie nur etwas dich treffen kann, das dir langsam in die Nase kriecht und sich in deinem Gehirn erst neblig verbreiten muss, ehe es – kritische Masse – auf einen Schlag seine Wirkung tut.

Aber wonach riecht es?

Fernes Land, Meer und Sonne – klar. Ein viel zu teurer Ferienkomplex. Mutter unwohl: Nichts kaputt! Vater genervt: Man darf doch wohl! Streit im Flur. Uns Kindern egal: Wir lieben den Zitronenduft. Im Frottee aus der Hotelwäscherei umschlingt er behütend unsere sandigen Körper, während wir Gelati lutschen.

(© Foto: Peter A. Kaiser)

Schon alles?

Vater vermag eine der Fünfzimmer. Zwei davon auf unserer Etage. Oben – Attika – wohnen nur die Nachbarn: Das Marmorbad war aber nicht inklusive, mussten sie selbst! Mutter nickt.

Einzelsohn, dumpf und dicklich, mein Schulfreund: Kein schlechter.

Spielen nur in dieser Welt oder der andern. Bald nie bei ihm. Denn wo es so lockend nach Ägypten riecht, Geheimnis und Abenteuer, nach Aufbruch und Werden, der grossen weiten …, da gilt: Nichts anfassen, Schuhe aus, Perser! Dafür ist es bei uns wohnlicher, sagt Mama, und man darf auch mal.

Darum dieser Schmerz?

Einmal, zwei Sommer lang, als ich Teenager war und noch nicht wusste, wo ich hingehöre, habe ich einen Augenblick voll und ganz in diesem Zitronenduft gelebt. Meine erste Freundin roch so. Ihre Eltern waren gar nicht mal reich und äusserst sozial. Ich durfte bei ihnen übernachten. Das Einfamilienhaus stand mitten im gelben Korn. Jeden Tag – Julihitze – sind wir Hand in Hand durch die Felder und haben von der Zukunft gesprochen. Sie fand mich klug, sah mich an der Uni. Ich unterstützte sie in Heilpädagogik. Ihre Mutter – katholisch-liberal – mochte mich, bat aber um eins: Kinder erst nach der Rekrutenschule!

Aber dann wollte ich plötzlich nicht mehr studieren, fand das Militär nicht mehr toll und begann zu rauchen. Und auf einmal war er weg, der Zitronenduft. Und ich wusste, wo ich hingehöre.

Danach dann für Jahrzehnte die Hausmarke eines grossen Detaillisten. War mir auch egal.

Keine Kinder. Das nicht: Egal.

Und jetzt?

Freu ich mich über meine Wohnung. Kaufe Lavendel, Orange, Sandelholz und gleich nachher mach ich mich auf ins Reisebüro. Und sage mir – auch wenn ich denk, dass ich lüge: So alt bist du doch gar noch nicht …!

Peter A. Kaiser studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Das M steht für Mirco

Wenn Mirco die Papiertüten der Migros sah, die recycelbaren mit dem orangen M drauf, dann überlegte er sich manchmal, wie es wohl wäre, wenn das M nicht für Migros, sondern für Mirco stehen würde. Es wurde ihm jedes Mal nach nicht allzu langer Zeit schwindelig von dem Gefühl, dass sich alles nur um ihn drehen könnte.

Doch dann besann er sich darauf, dass die Farbe Orange gar nicht zu ihm passte. Ein Lagerfeuer in der Dunkelheit leuchtete in hungrigem Orange, oder ein kraftvoller Sonnenaufgang. Er war weder hungrig noch kraftvoll. Charakterlich gesehen natürlich. Denn jetzt, wo er so darüber nachdachte, meldete sich doch ein leichtes Hungergefühl, aber das bezog sich auf den Duft vom Grillhähnchenstand neben der Migros, und nicht auf das Leben im Allgemeinen.

Er war weder flauschig, wie das glänzende hellorangene Fell seiner Nachbarskatze, die ihm um die Beine strich, sobald sie ihn sah, noch war er auffordernd wie das Orange der Ampel, die er gerade ansteuerte. Wie immer war er hin- und hergerissen, weil er nach all diesen Jahren noch nicht verstanden hatte, ob das Ampelorange ihn nun aufforderte, noch schnell über die Strasse zu huschen, oder doch stehen zu bleiben, um auf das gebieterische Rot zu warten. Meistens verfiel er aus reiner Unsicherheit in ein leichtes Joggen, nur um dann in letzter Sekunde zu zögern, abrupt zu stoppen und auf das sichere Grün zu warten.

Er war eben doch lieber korrekt, so wie das Häkchen früher, welches in mehrfacher Wiederholung seine Schularbeiten zierte. Tiefdunkelgrün leuchteten sie gemeinsam mit dem stolzen Lächeln seiner Eltern um die Wette. Gleichzeitig erfüllte ihn dann eine angenehme Wärme, so wie wenn er sich auf den moosbedeckten Stein setzte, der sich direkt auf der Waldlichtung hinter seinem Elternhaus befindet und somit immer von der Sonne gewärmt wurde. Mirco mochte diesen Ort, seit er ihn das erste Mal entdeckt hatte, als er überwältigt von der kräftezehrenden Buntheit dieser Welt schutzsuchend durch das Dickicht des Waldes gestreift war und sich von den verschiedenen Grüntönen beruhigen hatte lassen.

Eigentlich sollte es ein grünes M sein, dachte sich Mirco schlussendlich. Sobald er zu Hause ankäme, würde er einen Leserbrief schreiben.

Mircos Farbspektrum (Kollage: Laura Bachmann)

Laura Bachmann studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Horoskop – reiner Hokuspokus?

Erst letztens war ich mit meiner Schulkasse auf einem Tagesausflug im Technorama in Winterthur. Ein wunderbarer Lernort für alle Naturwissenschaften. Ich war schon gespannt, die Reaktionen der Kinder auf Experimente zu Schwerkraft, Licht und vielem mehr zu sehen.

Jedoch wurde ich gleich zu Beginn der Reise mit der wahrscheinlich kompliziertesten Frage des Tages konfrontiert: «Sie, Herr Rilko, isch das i dene Horoskop echt wahr?», fragte mich einer meiner Schüler.

Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Antwort das Kind nicht zufriedenstellen würde. Obwohl ich selber die Tendenz habe, mich als «Waage» zu sehen, also als Teil eines sozialen Konstrukts, in das die Oktoberkinder zufällig hineingeboren werden, kann ich eine solche Definition meinerseits nicht wissenschaftlich begründen. Es wirft nämlich viel zu viele Fragen auf: Bin ich, nur weil ich im Herbst geboren wurde, emotional sensitiver? Habe ich wirklich ein besseres Verhältnis zu Wassermännern als andere? Ist mein Bruder als Widder nur anders, weil die Erde zum Zeitpunkt seiner Geburt an einem anderen Punkt im Weltall stand?

Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung. Die Begründung wäre eine wunderschöne Alternative, die unterschiedlichen Charaktere der Menschen zu erklären. Doch ist sie nicht so standfest, als man sie den Kindern gegenüber einfach so vertreten könnte.

Also habe ich mich nach einem kurzen Denkprozess für ein klassisches Ausweichmanöver entschieden: «Entweder glaubsch dra oder nöd. Was staht denn bi dim?»

Nicholas Rilko studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.