Herbst: Utopie vs. Realität

Ein ganz normaler Streifzug durch die Instagram-Accounts meiner Lieblingsinfluencerinnen beweist mir immer wieder, wie schön der Herbst doch sein kann. Ich scrolle mir den Daumen wund und alles, was ich sehe, sind die Sonnenseiten dieser Jahreszeit.

Auch mein Freundeskreis probiert mir den Herbst schmackhaft zu machen. «Lass uns doch an einem Sonntagmorgen gemütlich im Bächlihof in Jona brunchen gehen!», «Wie wär’s mit einer Halloween-Party? Aber komm verkleidet!», «Oh, ich hätte schon Lust auf eine feine Kürbissuppe …» bis hin zu meiner Freundin, die findet, wir sollten an einem «sonnigen Nachmittag im bunten Wald» spazieren gehen.

All diese interessanten Aktivitäten, all diese traumhaften Bilder auf Instagram – trotzdem kann ich mich nicht mit dem Herbst anfreunden. Jeder Tag startet gleich: Ich stehe morgens um 7 Uhr auf, ziehe die Vorhänge zur Seite und alles, was ich sehe ist … nichts! Es ist dunkel und neblig. Die Sonne geht erst um 07:32 Uhr auf – falls sie sich gegen den Nebel behaupten kann. Meist bleiben die Tage trostlos und grau.

Doch das ist noch lange nicht alles. Ist es mal nicht neblig, beschert uns der Herbst gerne einmal wochenlangen Regen. Und bei starkem Wind bringt auch ein Regenschirm nichts mehr. Er verliert an Halt, biegt sich nach Aussen und landet direkt im Müll. Davon ist auf Social Media aber nichts zu sehen. Denn eins ist klar: Der Instagram-Herbst bringt mehr Sonne mit sich als ein zweiwöchiger Sommerurlaub im Fotohotspot Bali.

Marcos Romero

Traumberufe anno 2020

Ich behaupte, dass jeder und jede von uns als Kind einen Traumberuf hatte: Meiner war bestimmt Astronaut, soweit ich mich erinnere. Ist es nun vorbei mit klassischen Traumberufen von Kindern? Die Zeit ist im Wandel und mit ihr verändert sich auch die Art und Weise, wie wir unsere professionelle Karriere sehen und gestalten können. Was meine Eltern sich nie hätten vorstellen können, ist für mich Alltag. Heute gibt es Antworten auf Fragen, die man früher gar nicht gestellt hatte.

Das beste Beispiel hierfür ist der sogenannte Influencer. Der «Beeinflusser» ist grundsätzlich eine Person des (mehr oder weniger) öffentlichen Interesses, die sich auf sozialen Medien selbst inszeniert, darstellt und eine beträchtliche Anzahl von Fanatikern belustigt. Doch die Frage ist: Wie ernährt man damit seine Familie?

Traumberufe

Da die meisten Influencer sowieso noch jung sind und die Welt ganz eigen sehen, mache ich mir keine Sorgen um ihre Familien. Tatsächlich erhalten sie pro Klick und pro Person, die ihre Videos anschaut, einen Geldbatzen, der in grösseren Mengen längst für eine Familie ausreicht. Zudem gestalten Influencer ihren Inhalt auch mit gesponserten Marketingkampagnen für irgendwelche Spiele oder Energy-Drinks.

Gut für sie, oder?

Ich sehe kein Problem darin. Wenn man auf diese Weise erfolgreich werden kann, dann ist es so. Obwohl man sich dies früher nicht hätte denken können, ist es heute die Realität. Sogar auf Berufsmessen für Jugendliche ist der Beruf des Influencers gut vertreten, in fünf Jahren kann man sicher die Lehrstelle und die Berufsmatura auf diesem Fachgebiet abschliessen.

So unvorstellbar. Und doch so echt. Wie der Wunsch, ein Astronaut zu werden.

Nicholas Rilko studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Warum Fernunterricht das Klassenzimmer nicht ersetzen kann

Tutor Lorenz Vogel
(Illustration: Elisabeth Moch)

Als die Schulen schlossen, jubelten wohl viele unserer Schülerinnen und Schüler. Schon in den Wochen davor fragten mich manche immer wieder mit schelmischen Blicken, wann es denn so weit sei. Andere suchten das Gespräch mit mir, weil sie Angst vor einer Ansteckung hatten. Ich versuchte zu beruhigen, konnte aber meine eigene Ungewissheit nicht verbergen. Der Entschluss des Bundesrates im März, die Schotten dicht zu machen, schuf Erleichterung auf beiden Seiten. 

Es folgte der Fernunterricht, der – so gut er bei uns auch gemeistert wurde – viele Gründe offenbarte, warum er die Zusammenkunft im Klassenzimmer nicht ersetzen kann. Am eindrücklichsten fand ich dabei, wie gerne die Schülerinnen und Schüler letztendlich in die Schule kommen.

Dies zeigte sich in der Lockerungsphase ab Mitte Mai: Endlich konnten die Teenager wieder unter Gleichaltrigen sein und wieder so etwas wie eine autonome Gesellschaftsform ausserhalb der elterlichen Obhut leben. Wie wichtig dies für Heranwachsende in einer demokratischen Gesellschaft ist, zeigte sich mitunter in der hochpolitischen Stimmung eines Grossteils meiner Klasse. Corona und «Black Lives Matter» bewegte die Schülerinnen und Schüler sichtlich und ich beschloss, ihnen im Unterricht eine Plattform für diesen Austausch zu geben. In den Lektionen «Bildnerisches Gestalten» betrachteten wir aktuelle Werke von politischen Künstlern wie Banksy; im Englisch schrieben sie opinion texts. Dabei kamen ein paar der spannendsten Lektionen meines bisherigen Lehrerdaseins heraus. Ein Austausch in dieser Qualität ist im Fernunterricht schwer vorstellbar. 

Lorenz Vogel studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.
Der Text ist erschienen als Kolumne im Magazin für die Mitarbeitenden der PH Zürich, inside 3/2020, S. 21.

Nebel im Kopf

Der Duft von frisch geschnittenem Gras
Vögel formieren sich nach einem eigen orchestrierten Schwarm
wer ist die Dirigentin?
Die Sonne durchbricht den Morgennebel
taucht die Hausdächer in warmen Glanz

Das Gewitter in meinem Kopf zieht rasch weiter
Ich gseh öpis, wo du nöd gsehsch!
Brauchen Sie Unterstützung?
Bitte, bitte bitter!
Entschleunigung
Sie alle buhlen um meine Aufmerksamkeit

Müde, in sich gekehrte Gesichter
still alle – die Menschen dahinter
vergraben hinter «20 Minuten» oder dem Smartphone
da durchbrechen fröhliche Kinderstimmen diese unheimliche Stille

Links wurde meine Mutter aufgebahrt und kremiert
Abschied nehmen von so vielem
entsteht dadurch Platz für Neues?

Die Hausruine starrt mich aus dunklen Augen an
Erinnerungen an ihre Bewohner kommen hoch
Urs an der Dialysemaschine
Elsbeth in der Küche
David, der als Kleinkind ins Feuer fiel
an seinen älteren Bruder Simon habe ich keine Erinnerung
obwohl ich mit ihm in den Kindergarten ging

Hinter dem Haus ein grosser Garten mit Hühnern
der Hahn fiel uns Kinder von hinten an
verteidigte er sein Harem, seine ungeborenen Kinder?
Einmal waren wir bei einer Schlachtung dabei
mussten das Huhn auch ohne Kopf noch festhalten
sonst wäre es über das Hausdach davongeflogen
Habe ich das wirklich geglaubt, damals?

 

Petra Hänni studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

PH Goes Poetry 4th Edition: And the Winners are …

Bewölkt, regnerisch und kalt. Doch nicht einmal Petrus konnte die Stimmung am «PH Goes Poetry»-Finale 2020 vermiesen. Mithilfe des engagierten Kafi-Schnauz-Teams und der Videocrew vom DLE, aber natürlich vor allem einem topmotivierten Publikum fand die Endrunde des Schreibwettbewerbs am Campus der PHZH statt.

Wir konnten viele neue und alte Gesichter sehen und spannende, emotionale und tiefgründige Texte hören, während uns die bekannten Slam-Poetry Grössen Joël Perrin und Lukas Becker als Moderatoren hervorragend durch den Abend führten und eigene Texte performten.

Der Poetry Slam stand unter dem Titel «Das Meer zwischen uns» und kam in Zusammenarbeit mit der Uni Zaghouan in Tunesien (ermöglicht im Rahmen des SINAN-Projekts) zustande, an welcher ebenfalls Texte unter diesem Titel entstehen.

Die PH-Publikumsjury hatte schwierige Entscheidungen zu treffen, aber am Ende des Abends stachen die Siegerinnen und Sieger klar heraus. Die mitreissenden Texte regten zum Nachdenken an, sorgten für Lacher und machten das Ausharren in der herbstlichen Kälte wett! Das Publikum zeichnete die besten Texte aus, und so dürfen wir hier die Siegertexte von PH Goes Poetry 2020 vorstellen:

Der Erstplatzierten und damit Triplegewinnerin (nach 2017 und 2018!) Nadja Isler gelang es, die Zuhörer*innen auf eine Reise in die eigene Kindheit zu entführen. Sie erinnerte an die «Räuber und Poli»-Spiele, das laute und fröhliche Kinderspiel, das sich hier rasant zu einer Trennung der Ausländerkinder von den Schweizer Kindern durch eine Schweizer Nachbarin zuspitzte. Die Kluft zwischen «einheimisch» und «ausländisch» wird durch weitere Momentaufnahmen im Leben einer Heranwachsenden aufgerissen. Sie zeigt erschreckend klar, wie sehr sich das Einwirken von Erwachsenen mit Stereotypisierungen auf die Freundschaft zwischen spielenden Kinder auswirkt und sich diese zu Abgrenzung und Fremdheit entwickelt. Die Subtilitäten des Alltagsrassismus werden in diesem brillanten Text ebenso angesprochen wie die kleinen Unterschiede, die eine sogenannte Chancengleichheit in Frage stellen.

Monique Honegger (2. Rang) nutzte ihre Affinität zu Wortspielen, indem sie eine innige Liebesgeschichte verschleiert-poetisch auf die Bühne bringt. Gekonnt werden dabei aktuelle Themen wie Umweltverschmutzung, die Distanz zum Mitmenschen und das Altern eingewoben. Der Text lebt von vielen Wortschöpfungen – wunderbar abstrusen Begriffen wie «Nacktmullen». Der Interpretationsspielraum liegt beim Publikum und beinhaltet alles: von der schieren Problematik der Informationsüberflutung bis zum Unvermögen den Moment zu leben.

Peter Kaisers Schreibstil ist unverkennbar und der letztjährige Sieger (diesmal reichte es wieder auf das Podest: Bronze!) versteht es, die dunkelsten und leichtesten Emotionen in seinem Text zu verweben. Ungeschönt erzählt er vom vollgepackten Leben. Es ist eine Herausforderung und braucht viel Kraft, die Schicksalsschläge der Nächsten zu vertuschen. Aber diese Kraft ist als Schutzschild unabdingbar, stösst einen Keil in die Nähe zu Bekannten, die die Wirklichkeit des Gegenübers nicht nachvollziehen können, und kann vielleicht nur durch Zynismus genährt werden. Auch bei Peter Kaiser geht es um den Abstand zum Mitmenschen und den Versuch, diesen durch das Aussprechen der innersten Konflikte gegenüber dem Publikum zu überbrücken.

Wir gratulieren den Gewinnerinnen und dem Gewinner ganz herzlich zum wohlverdienten Sieg! Vielen Dank auch an alle weiteren Finalistinnen und Finalisten, die ihre Texte dem Publikum mit grossem Elan vorgetragen haben.

Alles hat ein Ende, doch bei uns ist noch lange keines in Sicht! 😊 An der Langen Nacht der aufgeschobenen Arbeiten am 3.11.2020 wollen wir noch einmal die Sieger*innen sehen und ihre Texte hören. Lasst euch diese Chance nicht entgehen!

Und wie ihr uns kennt, ist dies noch längst nicht alles: Wir sind bereits jetzt an der Themenfindung des nächstjährigen PH-Slams und können es kaum erwarten, den Kick-off für den Schreibwettbewerb 2021 «PH Goes Poetry 5th Edition» zu lancieren und auch im nächsten Jahr von euch zu lesen und hören! Stay tuned.

Euer Mr. Write-Team,

Janine Eberle & Nicholas Rilko

Ungehorsam

Ich sitze im Tram Richtung Helvetia und fahre durch die Zeit. Gestalten und Gesichter huschen, Geschichten ziehen vorbei. Auf dem Bundesplatz sitzt die Klimajugend und singt.

Nächster Halt: 1989. Sonniger Wintertag, frostgetrocknet. An der Reuss zieht es. Die Füsse gefroren, eisiger Wind im Kragen. Luzern erwartet seinen neuen Bundesrat. Bunte Wimpel, Trachtenmädchen, Bratwurst vom Grill.

Der Herr verkauft Stumpen, baut Fahrräder. Auch für die Armee. Ein entschlossener Gesell.

«Hausmänner statt Wehrmänner» steht auf einem Transparent. Am Rand des Festplatzes lungern einige Revolutionäre beim Ufer-Steg. Sie haben ihre Babys aus den Kinderwagen genommen und wiegen sie auf dem Arm, während sie Blumen verteilen. Die Kleinen, quengelig, mögen nicht mehr warten.

Gefahr droht dennoch nicht. Einige ältere Herren – Aktivdienstgeneration – haben alles im Griff. Einst haben sie an der Grenze den Hitler vertrieben. Da werden sie mit ein paar Kommunisten auch noch fertig. Mit Schimpf haben sie die Bande umzingelt und halten die Wartenden in Schach. Diese verweigern beleidigt den Streit: Die Demo hat doch noch gar nicht angefangen!

Dann bewahrheitet sich an den Rentnern, wovor diese Rüstigen selbst immer warnen: Mangelnde Verteidigungsbereitschaft lädt zu Gewalt. Berauscht durch ihren Anfangserfolg sinnen die Herren auf den Endsieg und greifen den Kessel an. Hauend und stechend gehen sie mit ihren Schirmen auf die Pazifisten los. Aus einer geplatzten Stirn strömt Blut, Kinderwägen und Väter straucheln, rückwärts treten Füsse in den Fluss, Hände mengen sich an Kragen, es wird um Stoff gerungen, an Fahnen gezerrt, die Jugend belehrt und – da sich diese nicht mal wehrt – mit Watschen bekehrt. Aber es sind zu viele: Die aufgewiegelten Massen – mindestens zwölf müssen es sein, Frauen, Kind und Kegel – verschanzen sich hinter dem Buggy. Dort können sie sich halten, hoffen auf Entsatz. Doch dann kommt die Kavallerie: Die Stadtpolizei eilt den Gerechten zu Hilfe, das gibt den Ausschlag. Endlich treibt das Banner in der Reuss: Hausmänner und Blumen gehen den Bach runter.

Und gerade jetzt, dümmster Moment, kommt JP um die Ecke: Fünfzehn Jahr, krauses Haar, liebenswerter Chaot von der Revolutionären Jugend – wie immer zu spät mit seiner riesigen roten Sowjetfahne, auf die er so stolz ist. Weil sie so gross ist. Und so rot.

Nächster Halt: Zurück in Bern. Schmierikon. Ich schlage die Zeitung auf. Alles wird dreckig jetzt. Zwei Erwachsene reden gemeinsam mehr vulgäres Zeug als fünfhundert engagierte Jugendliche. Was diese um der Sache willen hinkriegen – Selbstdisziplin –, machen jene mit Unbeherrschtheit binnen Sekunden platt. «Wer hat angefangen?» – Ernsthaft jetzt? Sind wir denn im …?! Keine Gewalt, auch nicht mit Worten. Niemanden beleidigen! Die Jugendlichen haben das in ihren Aktionstrainings geübt. Aber kann man sowas auch von Volksvertretern verlangen?

Bin ich froh, fährt das Tram weiter.

Die Stadtpolizei hat die Fahne mittlerweile konfisziert. Monate früher als in Moskau fällt die UdSSR an der Reuss. Ach JP – Revolutionär und Freund von Gandhi! Deine Ideen sind noch wirrer als dein Haar …! Auch die Kinderwagen sind inzwischen – des Platzes verwiesen – mutlos entrollt. Kampfmontur hat äusserst beruhigende Wirkung.

Stille auch auf dem Bundesplatz. Tag danach. Den Müll auf den Strassen kann man kehren. Aber bei den Erwachsenen – kommt mir vor – hilft keine Dusche. Dreck, geschleudert, bleibt kleben. Und wie reinigt man – kommt mir vor – befleckte Kinderseelen? Nichts als Schmutz. Kein Wort von Klimaschutz.

«Wer hat angefangen?» – Echt jetzt?!

In Luzern sitze ich inzwischen neben JP auf dem Posten. Der Polizist vor uns hat Zeit.

Ich bin eigentlich nur als Übersetzer dabei. Weil JP den Ton nie trifft: Dauernd deuten die Beamten seine Leidenschaft als Trotz.

«Nur mal am Rande: Wie züchtet man eigentlich einen Camenisch?»

Gekommen sind wir wegen der Fahne. Nicht, dass mir an der das Geringste liegt. Die Sowjetunion ist so gut wie Geschichte. Wegdemonstriert von Menschen. Die haben sich versammelt. Friedlich. Trotz Verbot. Das finde ich alles gut so.

Aber um die Meinungsfreiheit sorg ich mich. Und um JP («Denn sie wissen nicht, was sie …»): Der trifft vielleicht den Ton nicht immer, aber er ist da. Lebt und denkt. Vielleicht auch oft krude und verkehrt, aber stets mit seinem eigenen Kopf, der Tropf.

Und plötzlich wird es ernst. Für die Klimaschützer. Für JP. Der Polizist will ihn nicht mehr gehen lassen, kriegt er ihn schon endlich zu fassen. Für die freie Meinung wird nun die Rechnung präsentiert. Nicht noch erst lange rumlamentiert. Ritalin in Vollmontur, das kostet eben. Diese Pille wird nicht umsonst gegeben!

Wenn alles Watschen nicht hilft und nicht die Polizei, dann ist noch lange nichts vorbei. Bleibt noch die Schweizer Wunderwaffe: Gerichtsvollzug, Betreibungsamt. Würgegriff der anderen Art – Luft abdrücken durch Pfänden.

Das funktioniert: Kindheit beendet. Leben verbaut. Und Ruhe ist. Nächster Halt: Amtshausgasse. – Echt jetzt …?

Peter A. Kaiser studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Tutorinnen und Tutoren schreiben für «Akzente»: Studi-Kolumne 3/2020

Seit über zehn Jahren schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums für das Magazin der PH Zürich. In Heft 3/2020 von «Akzente» will es Natascha Hossli in der Studierendenkolumne auf Seite 25 nun doch langsam mit dem Älterwerden probieren. Höchste Zeit. Immerhin geht sie auf die Dreissig zu und wird gelegentlich schon von Achtzehnjährigen gesiezt.

Die Katze lässt das Mausen nicht

Seit der Corona-Zeit geniesst unsere Katze besonders viel Streicheleinheiten und bedankt sich für diese zusätzliche Aufmerksamkeit in Form von nächtlichen Beuten, die sie stolz auf dem Teppich vor meinem Bett platziert. Mehrmals pro Woche werde ich von jämmerlichem Gepiepe geweckt. Dieses eine Mal war es wohl eine widerspenstige Maus, die sich mit allen Mitteln gewehrt hatte. Auch wenn von diesem kleinen Nager am nächsten Morgen jede Spur fehlte, hatte er im Gesicht und Fell unserer Katze böse Bisswunden hinterlassen. Ich möchte gar nicht ins Detail gehen, aber es war kein schöner Anblick und musste vom Tierarzt untersucht werden.

Jäger der Nacht

Nun war ich also mit meiner Katze auf dem Beifahrersitz auf dem Weg zu diesem Termin. Obwohl die Strassen seit dem Lockdown ziemlich leer waren, hatten sich heute anscheinend besonders viele Leute dazu entschlossen, mit dem Auto zur Arbeit zu gehen. Als wäre dieser unerwartete Stau noch nicht genug, sass in diesem grauen Opel vor mir noch ein Sonntagsfahrer. An jedem Lichtsignal bremste er schon viel zu früh ab, liess jeden Fussgänger über die Strasse und fuhr maximal 40 km/h. Seit dem Lockdown war ich mir so stressige Situationen einfach nicht mehr gewohnt.

Erschöpft liess ich mich im Wartezimmer des Tierarztes in einen Stuhl sinken. Bald streckte die Praxisassistentin ihren Kopf zur Tür hinein, um mich freundlich aufzurufen. Ihr Lächeln fror aber sofort ein: «Oh, Sie sind das!» Sie war diese lahme Schnecke, die mir vorher auch noch den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hatte. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie unangenehm und eisig die Stimmung während der ganzen Untersuchung war. Aber hey, meine Katze ist wieder fit und geht fleissig auf nächtliche Jagd. Was man für seine Vierbeiner nicht alles in Kauf nimmt …

Corinne Zahnd studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Aller Anfang … ist leicht

Im besten Fall läuft es so: Der erste Satz zieht uns über die Schwelle und hinter uns fällt die Tür zu. Nicht umsonst heisst es, der erste Satz sei der wichtigste überhaupt, von ihm hänge das Schicksal des Textes ab. Aus dem gleichen Grund wird sprichwörtlich behauptet, anfangen sei schwierig.

Ich muss widersprechen. Aller Anfang ist leicht. Alle Türen stehen offen. Vor uns liegt ein Feld der unbegrenzten Möglichkeiten. Wer eine packend Geschichte erzählen will, hat die wirklichen Hürden und Hindernisse alle noch vor sich.

Schwer fällt am ersten Satz höchstens die Entscheidung. Die Last unendlich vieler Optionen kann einen lahmlegen. Aber wir können auch einfach alle Varianten notieren, die uns einfallen, und später entscheiden, womit wir am besten beginnen. 

Um dem Geheimnis des Anfangs auf die Spur zu kommen, sammle ich schon seit vielen Jahren erste Sätze. Offenbar bin ich da nicht der Einzige (und sicher nicht der Erste). In seinem Buch «Jemand musste Josef K. verleumdet haben …»: Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten (C.H. Beck, 2020) unternimmt auch der Germanist Peter-André Alt den Versuch, etwas Ordnung ins Chaos der Romananfänge zu bringen.

Zur PDF-Fassung des Medientipps in Akzente geht es hier.

Zu guter Letzt
Sogar ein bisschen Statistik ist dabei ganz aufschlussreich. Über 8000 Wörter machen die 250 zitierten Anfangssätze aus. Die häufigsten semantischen Begriffe (und Substantive) sind dabei:
Zeit und Jahr (je 16), Mensch und Buch (15), Welt und Geschichte (14). Das reicht zwar noch nicht für ein Rezept, ist aber immerhin schon ein Anfang.

Niemals den Helden begegnen

Emily Dickinson (Hailee Steinfeld unter ihrer Eiche
(Screenshot aus der TV-Serie «Dickinson», S1E04)

Autorinnen und Autoren können zu persönlichen Helden werden. Aber in ihren eigenen Romanen kommen sie mitunter ganz schlecht weg. Deshalb «Niemals den Helden begegnen», wie Henry David Thoreau in der Serie «Dickinson» zur Dichterin Emily Dickinson sagt. – Eine Spurensuche von Daniel Ammann (NZZ vom 14.8.2020, S. 30).

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. München: dtv, 2014. (Verfilmung: The Fault in OurStars. USA 2014. Regie: Josh Boone.)
Alina Bronsky: Und du kommst auch drin vor. München: dtv, 2017 (Taschenbuchausgabe 2020).
Matthew Quick: Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu machen. Aus dem amerikanischen Englisch von Knut Krüger. München: dtv, 2018.