Nicht Schein nur Sein Sei achtsam. Sei aufrichtig. Sei aufgeschlossen. Sei ausdauernd. Sei bescheiden. Sei demütig. Sei dankbar. Sei ehrlich. Sei empathisch. Sei engagiert. Sei flexibel. Sei freundlich. Sei fürsorglich. Sei geduldig. Sei gelassen. Sei grosszügig. Sei hartnäckig. Sei hingebungsvoll. Sei hilfsbereit. Sei kommunikativ. Sei kreativ. Sei kooperativ. Sei lieb. Sei mitfühlen. Sei nachdenklich. Sei optimistisch. Sei respektvoll. Sei selbstbewusst. Sei selbstreflektiert. Sei tolerant. Sei unvoreingenommen. Sei verständnisvoll. Sei vertrauenswürdig. Sei verzeihend. Sei zielstrebig. Sei zuverlässig. Sei vieles, nur eines, undankbar, das sei nicht.
(c) Léjla Rüegg
Léjla Rüegg ist Tutorin am Schreibzentrum der PH Zürich.
Manchmal hätte ich gerne einen Arzt, der mich aufschneiden und in mich reinschauen könnte. Der mir genau sagen könnte, wo meine Ecken und Kanten sind. Der mir sagen könnte, an welcher Kreuzung ich falsch abgebogen und weshalb ich den Hang hinunter gefahren bin.
Diese Welt ist schon schwierig genug für Menschen, die alles «figured out» haben, die wissen, wer sie sind.
Wie schwierig ist sie also für die andern, die nicht wissen, wer sie sind.
Und sowieso, wie findet man das überhaupt heraus und woher weiss man, dass das, was man herausgefunden hat, stimmt, wenn einem das nicht von einem Arzt, der einen aufschneidet, bestätigt wird?
Woher weiss ich, was meine Lieblingsfarbe ist? Ist das biologisch irgendwo in meiner DNA eingraviert oder habe ich mir das mit fünf einfach angefangen einzureden?
Woher weiss ich, was mir im Leben wichtig ist, wie ich mich kleiden möchte und was für ein Beruf am besten zu mir passt?
Und woher weiss ich, weshalb und wie mich welche Ereignisse so geprägt haben, wie sie mich eben geprägt haben?
Kann das nicht einfach der Arzt für mich rausfinden? Kann er mir nicht sagen, weshalb meine Lieblingsfarbe Rosa ist und weshalb ich Lehrerin werden muss und weshalb mich meine letzte Beziehung kaputt gemacht hat?
Hat sie mich kaputt gemacht? Oder war ich vielleicht schon immer kaputt?
Hier Herr Doktor, nehmen Sie das Messer und fangen Sie an!
(c) Petra Kamm
Petra Kamm ist Tutorin am Schreibzentrum der PH Zürich.
Ich sehe sie als eine, die lernt. Nicht nur aus Büchern, sondern aus Gesten, aus Sprache, aus Zurückhaltung. In ihr verbinden sich Bildung und Anstand so selbstverständlich, dass nichts vorgeführt wirkt. Sie geht ihren Weg still, beinahe wie jemand, der sich einer inneren Ordnung verpflichtet weiss.
Mich beeindruckt, wie sorgfältig sie wirkt und zugleich wie schlicht. Wie ernst sie ist, ohne streng zu sein. Wie ruhig, ohne fern zu wirken. Würde scheint bei ihr kein Ziel zu sein, sondern ein Zustand. Schweigen ist für sie kein Rückzug, sondern Ausdruck.
Nichts an ihr wirkt zufällig, nichts absichtlich. Als hätte selbst das Unruhige bei ihr gelernt, Mass zu halten.
In ihrem Gesicht finde ich weder grelle Freude noch erschöpfte Schwermut. Keine Überladung der Gefühle, keine Müdigkeit des Empfindens. Alles ist klar, gesammelt, frei von innerem Lärm. Sie trägt ihre Stimmungen, statt sie zu zeigen.
Sobald ich da bin, verändert sich ihr Schweigen. Es wird feiner, genauer, gedankenvoller, überlegter. Nicht abweisend, nicht offen, sondern suchend. Als würde etwas in ihr plötzlich denken; als würde aus einer entrückten Gestalt für einen Augenblick eine Fragende werden.
Doch sie öffnet sich nicht – nicht mir. Vielleicht nicht einmal sich selbst. Ich stosse an eine Grenze, die nicht hart ist, sondern still. Eine solche Rätselhaftigkeit habe ich selten gesehen. Je näher man ihr kommt, desto mehr bleibt sie bei sich.
Wenn sich alle versammeln, wenn Namen genannt und Wege angeboten werden, tritt sie nicht vor. Sie sucht keine Vorstellung, keine Bühne. Sie bleibt zurück, unbewegt, als wüsste sie, dass Nähe nicht gemacht wird, sondern entsteht.
Und ich bleibe der, der schaut – nicht der, der nimmt.
Qasim A. Khan ist Tutor am Schreibzentrum der PH Zürich.
There are things unfolding now but I lack the courage to lay them bare in front of you.
This past Saturday in Thun, as I was strolling along the lake and watching a boat rhythmically sliced through the mirror-still water, I found myself lost in my memories. With every step along the promenade, I was walking again on the streets in our hometown, the one cradled in snow and sculpted from ice. Then it was all about you. you.
I dedicated every step to remind myself of your eyes, and every breath to recall the time when your hand was in mine. On that bitterly cold morning you once again brought a ghost of warmth into my weary soul.
Z, you must know, I have carried our memory into every season that has followed. But you, it seems, remained behind, forever freeze-framed in a midsummer night. Ever since then with the passing years, your face has grown blurred, then blurrier still. How do I dare claim to miss you? I had long since ceased my reckless hope for your arrival, but my mind surrenders to the persistence of our memory.
I told myself again, again and again: in the years to come, when memories well up in an unending tide, I will silently recite your name countless times like a prayer, and gently, yet firmly, let my heart shed its tears. I offer to bear those scars, so that in the end, I may lie down, bare, in those warm, tear-carved ravines, never to grieve again.
(c) Heyi Wang
Hi E,
It was a summer full of tears, hugs, endless goodbyes and little flying kisses. We exchanged names on a white T-shirt, in rainbow colours. I’m not sure about you but as a grown-up, among those kids, I’m used to saying goodbyes. Are you? But something else happened, right? You and I were sitting in a café at the back of the College, sipping cappuccino and latte. You were making me laugh so hard with your weird dinner recipe, and you praised how good I was at my job. Is it ever possible? To love you and hold you outside of this space? For us to be lovers through another identity, where gender and ethnicity do not matter? The helplessness of knowing that you have a whole life ahead and I am only granted, at best, the briefest chapter, or none. Our temporary encounters and promises we can’t keep.
But you and I, is it ever possible?
Forgive me, please, I’m still learning all different kinds of goodbyes, and your presence provides yet another possibility. But the beauty of this, at the end of the summer in 2025, I am completely, and incandescently in love with you. That I would carry this love to my next journey, learn about myself and try to be the best I could. And so will you.
And when we meet again, is it ever possible for us to be friends? Nothing else but friends.
(c) Heyi Wang
Heyi (Ivy) Wang war 2025 Erasmus Austauschstudentin an der PHZH. Sie studiert am University College London (BA Education Studies).
Zumindest glaubte er das. Kein Tag begann, bevor die Kaffeemaschine knarrte wie ein knurrender Kater, der keine Kuschellaune hat. „Kaffee klärt den Kopf“, das pflegte Karl zu sagen. Heute allerdings klärte sich gar nichts.
Kaum war der Kaffee fertig, klingelte das Handy. Kein Klingeln, eigentlich – ein kreischendes Katastrophenkonzert. Kollegin Karin klagte. „Karl, du kennst die Kundenkorrektur nicht?“ Karl knirschte: „Klar, äh, warte kurz … äh … nein, keine Ahnung.“
Karin legte entsetzt auf. Und Karls Kaffee: schwappte, tropfte, überlief – und irgendwann merkte Karl, dass auch er selbst überlief: „So schmeckt Anpassung“, dachte Karl. Verdünnt und unentschlossen.
Der Kaffee stand daneben, unbeachtet, und wurde langsam zu einer kalten, festen Realität: Routine, die ihre Wärme verloren hat – besonders dann, wenn er ihn beim Genuss etwas verschüttet.
(c) Flurina Kunz
„Koffein ist Charakterbildung“, murmelte er kämpferisch, während er den nächsten Krug kochte. Vielleicht würde ihn die nächste Kanne aus der Katastrophe retten. Kompromisslos. Er starrte die Kanne so lange an in der Hoffnung, sie könnte ihm die kosmische Kurzgeschichte des Lebens erzählen. Alles fängt heiß an – und endet lauwarm. „So schmeckt Kontrolle“, dachte Karl. Bitter und unbeweglich. Er kippte also den kalten Kaffee hinunter. Kein Genuss – eher ein kleiner Krampf der Kehle.
Doch Karl kannte keine Gnade. Er beschloss, sich nicht kleinkriegen zu lassen. Er kochte einen dritten Kaffee. Diesmal stellte er sich daneben, wie ein Kapitän, der das Kentern seiner Kaffeetemperatur verhindern will. Da klingelte die Tür. Paketbote. „Einmal kurz unterschreiben?“ Karl unterschrieb. Kam zurück. Er atmete tief ein und fragte sich, ob er selbst vielleicht auch schon halb in der Luft hing – in einem Zustand zwischen Antrieb und Auflösung. Der Kaffee war heute schlichtweg nicht zu geniessen.
Also setzte er eine vierte Kanne auf: Er lachte. Laut, erleichtert, fast glücklich. „Vielleicht bin ich auch nur Wasser mit Koffein – ständig im Wandel.“ Nichts bleibt heiß. Nicht der Kaffee, nicht die Karriere, nicht das Karma. Aber man kann immer wieder eine neue Kanne kochen. Und das – fand Karl – war eigentlich ganz komfortabel.
Die Hitze war fast schon erdrückend. Dreiunddreissig Grad auf dem Planetenweg. Die Luft zitterte sichtbar, als fürchtete sie sich vor der eigenen Glut. Katjas Wasser war fast aufgebraucht. Seit einer halben Stunde hoffte sie auf einen Brunnen. Auf einem oft begangenen Wanderweg wie diesem sollten doch welche stehen. Oder war die Abzweigung vor einer Viertelstunde doch falsch gewesen? Vielleicht war sie gar nicht mehr auf dem offiziellen Weg. Das würde erklären, warum keine Menschenseele zu sehen war.
Eine weitere halbe Stunde verging. Jedes Rascheln klang für Katja inzwischen wie Wasserrauschen. Sie hätte umkehren können. Aber es war zu spät. Sie war zu weit gegangen. Noch immer redete sie sich ein, bald käme ein Brunnen. Schritt für Schritt schwand diese Hoffnung, doch weiter geradeaus zu gehen, erschien ihr als einzige sinnvolle Option. Dann entdeckte sie einen schmalen Trampelpfad. Von dort erklang leise etwas: ein Rascheln oder Rauschen. Bei der Hitze konnte sie es nicht einordnen. Kurzerhand bog sie ab. Der Pfad führte in den Wald, weg vom brennenden Himmel. Endlich Schatten.
Der Weg war schmal, aber nicht wild. Er wirkte wie nur von wenigen Menschen betreten. Dort musste ein Brunnen sein. Es klang danach. Nach einigen hundert Metern öffnete sich eine Lichtung. In ihrer Mitte stand eine Holzhütte. Umgeben von dichtem Wald. Nur dieser Pfad führte dorthin. Unglaublich. Vielleicht konnte sie dort nach Wasser fragen. Normalerweise bat sie keine Fremden um Hilfe, aber heute blieb ihr nichts anderes übrig. Sie klopfte. Keine Antwort. Auch beim zweiten und dritten Mal blieb es still. Zögerlich drückte sie die Klinke. Die Tür liess sich öffnen.
Ihr Blick fiel auf eine winzige Küche. Ein tropfender Wasserhahn über einer Schale mit Birchermüesli-Resten. Wer wohnte hier? Doch für Fragen war keine Zeit. Katja drehte den Hahn auf. Kaltes, klares Wasser strömte heraus. Ihre Rettung. Sie trank, atmete auf, wusch sich das Gesicht. Für einen Moment war alles ruhig. Der Raum wirkte bewohnt und doch verlassen. Neben der Tür lehnte ein Wanderstock. Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagener Notizblock. Nur ein Satz war zu lesen: „Manche Umwege führen heimlicher zum Ziel.“
Nachdem sie ihre Flasche gefüllt hatte, verliess sie die Hütte. Nicht, dass noch jemand zurückkam und sie dort erwischte. Der Pfad lag ruhig vor ihr. Die Luft war still, die Hitze vom Wald gedämpft. Katja ging auf dem Trampelpfad zurück. Und tatsächlich, wie es der Satz im Notizbuch angedeutet hatte, erreichte sie nach etwa zehn Minuten bei der vorherigen Abzweigungsweg eine Gabelung. Dort stand ein Wegweiser: „Planetenweg“. Katja blieb stehen. Stimmen von anderen Wandernden waren zu hören. Schritte. Lachen. Sie war zurück. Instinktiv drehte sie sich noch einmal um. Die Hütte war im Wald zwischen den Bäumen kaum zu erkennen. Nur der Schatten eines Daches schimmerte leicht durch das Blattwerk. Oder bildete sie sich das nur ein?
Katja fasste den Rucksack fester und ging weiter. Sie war unendlich froh, wieder auf den Planetenweg zurückgefunden zu haben.
Sie fährt mit ihren wunden Händen durch die stacheligen Halme der Gräser. Im Streifgang durch das Labyrinth der grauen Ackerfliessen sah sie sich den Garten an. Scheusslich. Sie wandert durch die Gartengleise ihrer nicht mehr grünen Lunge. Die Schösslinge pieken in ihre raue hartgewordene Haut, sie schmerzt nicht. Nicht mehr. Erfolglos tasten die spiessigen Stängel ihre hornige Handfläche ab. Lilia arbeitete schon zu lange im Garten, zu oft hat sie das Unkraut aus dem Boden gezogen, zu oft die Halme beschnitten. Ihre Hände aufgeschrammt. Sich aufgeschrammt. Es tut nichts weh. Alles tut weh. Schlingende Stängel überwuchern den Acker, die von breiten Blättern überzogen sind, die sich über die Erde beugen. In ihrer Grösse überschatten sie kleine Triebe. Winzige Schösslinge, die sich erfolglos aus dem Boden kämpfen, strampelnd, nach Sonnenlicht quengelnd. Wo ist die Sonne? Lilia schiebt ihre blasse Hand an einen Trieb, er ist schon befallen. Grau und borstig. Sie lässt ihn zurück, verkümmert im Schatten seines Beetes. Der Boden ist hart. Sie greift nach ihrer kleinen Schaufel, mit dem Wunsch, den dunklen Grund zu lockern. Die Fläche ist von unzähligen mikroskopisch kleinen Steinchen besiedelt, die ihre Finger spiessen und ihr Ziel erschweren. Sie kann die Erde nicht lockern, sie ist zäh.
Früher stand Lilia mit einer Ambition im Garten. Dem Traum, in ihrem Garten, mit ihm und mit ihren Blumen aufzugehen. Ihre Saat beim Wachsen zu beobachten. Sie träumte, wie sich zarte gelbe, rosa Blüten aus ihren Knospen schälen und im Wind wippen würden. Wie sie wachsen würden. Früher goss sie behutsam ihre Saat. Sie nährte sie mit frischem Wasser. In den Träumereien würden es die Blüten aufsaugen und ihre Ärmchen zu ihr strecken. Eine Leidenschaft. Eine Illusion. Lilia liebte die Vorstellung ihres bunt bewachsenen Gartens. Nun schaudert es ihr, wenn sie in die kahle Landschaft blickt. Hart und grau. Ihre Lust vergangen, ihr Traum versickert in der dunklen Erde. Sie möchte ihre Schaufel beiseitelegen. Es kann keine Schönheit geschaffen werden, Blumen können so nicht wachsen, es verwelkt alles. Es gibt nur noch Unkraut. Kein Garten, auf dem man bauen kann und sie nicht fürs Gärtnern gebaut.
Florian geht es ähnlich. Er sehnt sich nach Sonne, ist des Schatten leid. Sein Augenschein richtet sich auf Lilia, die noch immer durch die dunklen Beete irrt. «Lilia, leg die Schaufel noch nicht weg.» Er offeriert ihr, an seinem Vorhaben teilzunehmen. Sie würden sich gemeinsam ein kleines Beet vornehmen. Einen Ort, an dem es noch Sonnenstrahlen gibt. Das kleinste Beet von allen, das am Rande steht. Dort, wo die Erde noch atmet. Lilia kann das Beet vor lauter Unkraut nicht mehr sehen. «Florian, der Garten ist zu gross, ich mag nicht.» Er nimmt sie an der Hand und zeigt ihr seinen Fund. Das Beet, an das sich die Sonnenstrahlen kurz vor Untergang schmiegen und die letzten Minuten des Tages die Erde wärmen. «Lilia schau, wir können nicht den ganzen Garten bewältigen, aber wir können im Kleinen beginnen. Nur ein schmales Stück, ein bescheidenes Eck Erde. Ein Experiment. Aber nicht bedeutungslos, nicht kärglich, weil es uns wieder Freude schenkt. Wir werden es besäen, es umsorgen. Für unsere Blumengartenseele.»
Lilia und Florian treffen sich nun ab und zu vor Sonnenuntergang bei ihrem Beet und packen an. Sie machen sich daran, das sonnige Eck zu pflegen. Sie säen einen Samen und erzählen sich Geschichten über die Pflanzen. Ein erster Trieb spriesst. Lilia nimmt ihre Hände behutsam und legt sie an den Trieb. Das feine Blatt kitzelt ihre Haut. Sie spürt es, ihr Hände werden weich. Als Florian schon weg ist, nimmt sie die Schaufel. Sorgfältig führt sie die eiserne Kante Richtung Boden. Die Erde beginnt sich langsam zu wölben, sie ist nicht mehr so hart. «Danke Florian», flüstert Lilia den Knospen zu.
Anonym studiert an der PHZH im Studiengang Primarstufe