Jedes Ende ein neuer Anfang?

Zurzeit scheint bei vielen Menschen die Zeit stillzustehen. Keine Termine, keine Treffen. Ist man aber ehrlich mit sich selbst, muss man sich eingestehen, dass der Stillstand eine Illusion ist. Das Leben steht täglich im Zeichen des Wandels, ob wir es wahrnehmen, ist eine andere Sache. Mit jedem Tag werden wir älter und viele von uns sehen sich mit neuen Herausforderungen konfrontiert – alles Hinweise auf Veränderung.

Tutorin Antonia Rakita
(Illustration: Elisabeth Moch)

Für mich persönlich lautete die Veränderung vor kurzer Zeit «Abschluss des Studiums». Nach viereinhalb Jahren neigt sich das zu Ende, was ich gut gekannt und gern gemacht habe. Obwohl mir bewusst war, dass dieser Moment irgendwann kommen würde, war ich doch nicht darauf vorbereitet, welches Gefühl diese Veränderung in mir hervorrufen würde. Wie ein Mixgetränk setzt es sich aus mehreren Bestandteilen zusammen: Einerseits ist es gekennzeichnet durch Freude und Stolz, dass sich meine erbrachten Leistungen letztendlich ausgezahlt haben, anderseits ist der Abschluss von Traurigkeit geprägt, da sich nun die Wege trennen und ich meine liebgewonnenen Studienkolleginnen und -kollegen nicht mehr so oft treffen werde.

Wirklich realisieren werde ich das Ganze wahrscheinlich aber erst dann, wenn ich das Diplom in der Hand halte. Jedoch schätze ich die Wahrscheinlichkeit, dass eine offizielle Diplomfeier möglich sein wird, die den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt initiiert, als gering ein. Dennoch hoffe ich, zumindest im kleinen Kreis die Möglichkeit zu haben, den Masterabschluss und den damit verbundenen Neuanfang zelebrieren zu können.

Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, liebe Leserinnen und Leser, werden Sie gemerkt haben, dass ich mich trotz Abschluss meines Studiums nicht von Ihnen verabschiedet habe. Das liegt daran, dass ich Ihnen an dieser Stelle neu von meinen Erfahrungen als Berufseinsteigerin berichten werde. Ich hoffe, Sie werden auch diese Kolumnen so gerne lesen wie die bisherigen.

Antonia Rakita studiert an der PH Zürich auf der Sekundarstufe I und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.
Der Text ist erschienen als Kolumne im Magazin für die Mitarbeitenden der PH Zürich, inside 1/2021, S. 21.

Es kam etwas dazwischen

Peru vor einem Jahr
es kam etwas dazwischen
Titicacasee und Machu Picchu
lang davon geträumt
alles geplant und bezahlt
es kam etwas dazwischen

Die Taufe hätten wir gefeiert
in Cusco, der Königsstadt
dazwischen den Regenbogenberg bestiegen
es kam etwas dazwischen

Die Grenzen sind zu
alle Flüge gestrichen
niemand soll mehr aus dem Haus
bleibt daheim und bleibt gesund
es kam etwas dazwischen

Die Todeszahlen steigen
wieso bleibt ihr nicht daheim
wieso bleibt ihr nicht gesund
weil wir es nicht können
weil wir kein Haus besitzen
weil wir bald verhungern

Und plötzlich verschieben sich die Realitäten
was beklag ich mich über meine zerplatzte Reise
wieso traure ich dem verlorenen Geld hinterher
es geht mir gut und ich besteig unseren Hausberg
die Natur blüht und der Himmel ist blau
so blau wie die Maske im Gesicht

Zuerst nur einzeln
dann immer mehr
meistens blau
manchmal weiss, schwarz oder bunt

Wie die ersten Blumen
einzeln zuerst
dann immer mehr
strecken nach dem Winter
ihre Köpfe der Sonne entgegen

Wie die ersten Vögel
einzeln zuerst
dann immer mehr
verlassen ihr Nest
fliegen der Sonne entgegen

(Foto (c) Britta Kim Hänni)

Petra Hänni studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Tools für Medienkompetenz

Therapie-Tools Prob­lematische Medien­nutzung (Beltz, 2020)

Digitale Medien bilden einen zentralen Bestandteil der heutigen Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Zum einen bieten sie vielfältige Möglichkeiten zur aktiven Teilhabe an der Gesellschaft, aber gleichzeitig stellen sie auch hohe Anforderungen an die Medienkompetenzen derjenigen, die sie nutzen.
In seinem Akzente-Medientipp (1/2021, S. 39) stellt Schreib­zentrums­mitarbeiter und Medienpädagoge Peter Holzwarth eine aktuell Publikation mit Tools und Präventionsansätzen für einen kritischen Umgang mit Medien vor.

Duft der grossen weiten …

Neue Wohnung, neues Glück: Hastig noch schnell in den Laden, ein paar Putzmittel beliebig. Dann – zurück, Stunden später – die erste schmutzige Tasse. Und da trifft es mich. Wie nur etwas dich treffen kann, das dir langsam in die Nase kriecht und sich in deinem Gehirn erst neblig verbreiten muss, ehe es – kritische Masse – auf einen Schlag seine Wirkung tut.

Aber wonach riecht es?

Fernes Land, Meer und Sonne – klar. Ein viel zu teurer Ferienkomplex. Mutter unwohl: Nichts kaputt! Vater genervt: Man darf doch wohl! Streit im Flur. Uns Kindern egal: Wir lieben den Zitronenduft. Im Frottee aus der Hotelwäscherei umschlingt er behütend unsere sandigen Körper, während wir Gelati lutschen.

(© Foto: Peter A. Kaiser)

Schon alles?

Vater vermag eine der Fünfzimmer. Zwei davon auf unserer Etage. Oben – Attika – wohnen nur die Nachbarn: Das Marmorbad war aber nicht inklusive, mussten sie selbst! Mutter nickt.

Einzelsohn, dumpf und dicklich, mein Schulfreund: Kein schlechter.

Spielen nur in dieser Welt oder der andern. Bald nie bei ihm. Denn wo es so lockend nach Ägypten riecht, Geheimnis und Abenteuer, nach Aufbruch und Werden, der grossen weiten …, da gilt: Nichts anfassen, Schuhe aus, Perser! Dafür ist es bei uns wohnlicher, sagt Mama, und man darf auch mal.

Darum dieser Schmerz?

Einmal, zwei Sommer lang, als ich Teenager war und noch nicht wusste, wo ich hingehöre, habe ich einen Augenblick voll und ganz in diesem Zitronenduft gelebt. Meine erste Freundin roch so. Ihre Eltern waren gar nicht mal reich und äusserst sozial. Ich durfte bei ihnen übernachten. Das Einfamilienhaus stand mitten im gelben Korn. Jeden Tag – Julihitze – sind wir Hand in Hand durch die Felder und haben von der Zukunft gesprochen. Sie fand mich klug, sah mich an der Uni. Ich unterstützte sie in Heilpädagogik. Ihre Mutter – katholisch-liberal – mochte mich, bat aber um eins: Kinder erst nach der Rekrutenschule!

Aber dann wollte ich plötzlich nicht mehr studieren, fand das Militär nicht mehr toll und begann zu rauchen. Und auf einmal war er weg, der Zitronenduft. Und ich wusste, wo ich hingehöre.

Danach dann für Jahrzehnte die Hausmarke eines grossen Detaillisten. War mir auch egal.

Keine Kinder. Das nicht: Egal.

Und jetzt?

Freu ich mich über meine Wohnung. Kaufe Lavendel, Orange, Sandelholz und gleich nachher mach ich mich auf ins Reisebüro. Und sage mir – auch wenn ich denk, dass ich lüge: So alt bist du doch gar noch nicht …!

Peter A. Kaiser studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Tutorinnen und Tutoren schreiben für «Akzente»: Studi-Kolumne 1/2021

Seit 2009 schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums schon für das Magazin der PH Zürich. In Heft 1/2021 von «Akzente» macht sich Jacqueline Makrucki in der Studierendenkolumne auf Seite 25 Gedanken, ob es in der Agenda vielleicht noch eine Rubrik für spontane Termine bräuchte …

Das M steht für Mirco

Wenn Mirco die Papiertüten der Migros sah, die recycelbaren mit dem orangen M drauf, dann überlegte er sich manchmal, wie es wohl wäre, wenn das M nicht für Migros, sondern für Mirco stehen würde. Es wurde ihm jedes Mal nach nicht allzu langer Zeit schwindelig von dem Gefühl, dass sich alles nur um ihn drehen könnte.

Doch dann besann er sich darauf, dass die Farbe Orange gar nicht zu ihm passte. Ein Lagerfeuer in der Dunkelheit leuchtete in hungrigem Orange, oder ein kraftvoller Sonnenaufgang. Er war weder hungrig noch kraftvoll. Charakterlich gesehen natürlich. Denn jetzt, wo er so darüber nachdachte, meldete sich doch ein leichtes Hungergefühl, aber das bezog sich auf den Duft vom Grillhähnchenstand neben der Migros, und nicht auf das Leben im Allgemeinen.

Er war weder flauschig, wie das glänzende hellorangene Fell seiner Nachbarskatze, die ihm um die Beine strich, sobald sie ihn sah, noch war er auffordernd wie das Orange der Ampel, die er gerade ansteuerte. Wie immer war er hin- und hergerissen, weil er nach all diesen Jahren noch nicht verstanden hatte, ob das Ampelorange ihn nun aufforderte, noch schnell über die Strasse zu huschen, oder doch stehen zu bleiben, um auf das gebieterische Rot zu warten. Meistens verfiel er aus reiner Unsicherheit in ein leichtes Joggen, nur um dann in letzter Sekunde zu zögern, abrupt zu stoppen und auf das sichere Grün zu warten.

Er war eben doch lieber korrekt, so wie das Häkchen früher, welches in mehrfacher Wiederholung seine Schularbeiten zierte. Tiefdunkelgrün leuchteten sie gemeinsam mit dem stolzen Lächeln seiner Eltern um die Wette. Gleichzeitig erfüllte ihn dann eine angenehme Wärme, so wie wenn er sich auf den moosbedeckten Stein setzte, der sich direkt auf der Waldlichtung hinter seinem Elternhaus befindet und somit immer von der Sonne gewärmt wurde. Mirco mochte diesen Ort, seit er ihn das erste Mal entdeckt hatte, als er überwältigt von der kräftezehrenden Buntheit dieser Welt schutzsuchend durch das Dickicht des Waldes gestreift war und sich von den verschiedenen Grüntönen beruhigen hatte lassen.

Eigentlich sollte es ein grünes M sein, dachte sich Mirco schlussendlich. Sobald er zu Hause ankäme, würde er einen Leserbrief schreiben.

Mircos Farbspektrum (Kollage: Laura Bachmann)

Laura Bachmann studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Zwischen zwei Welten

Ronya Othmann:
Die Sommer
(Hanser, 2020)

Leyla ist die Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden … Das ergreifende Debüt der Gewinnerin des Publikumspreises beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2019 erzählt vom Dasein zwischen zwei Welten.
Schreib­zentrums­mitarbeiter Erik Altorfer stellt den Roman Die Sommer von Ronya Othmann in seinem Akzente-Medientipp vor.

Horoskop – reiner Hokuspokus?

Erst letztens war ich mit meiner Schulkasse auf einem Tagesausflug im Technorama in Winterthur. Ein wunderbarer Lernort für alle Naturwissenschaften. Ich war schon gespannt, die Reaktionen der Kinder auf Experimente zu Schwerkraft, Licht und vielem mehr zu sehen.

Jedoch wurde ich gleich zu Beginn der Reise mit der wahrscheinlich kompliziertesten Frage des Tages konfrontiert: «Sie, Herr Rilko, isch das i dene Horoskop echt wahr?», fragte mich einer meiner Schüler.

Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Antwort das Kind nicht zufriedenstellen würde. Obwohl ich selber die Tendenz habe, mich als «Waage» zu sehen, also als Teil eines sozialen Konstrukts, in das die Oktoberkinder zufällig hineingeboren werden, kann ich eine solche Definition meinerseits nicht wissenschaftlich begründen. Es wirft nämlich viel zu viele Fragen auf: Bin ich, nur weil ich im Herbst geboren wurde, emotional sensitiver? Habe ich wirklich ein besseres Verhältnis zu Wassermännern als andere? Ist mein Bruder als Widder nur anders, weil die Erde zum Zeitpunkt seiner Geburt an einem anderen Punkt im Weltall stand?

Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung. Die Begründung wäre eine wunderschöne Alternative, die unterschiedlichen Charaktere der Menschen zu erklären. Doch ist sie nicht so standfest, als man sie den Kindern gegenüber einfach so vertreten könnte.

Also habe ich mich nach einem kurzen Denkprozess für ein klassisches Ausweichmanöver entschieden: «Entweder glaubsch dra oder nöd. Was staht denn bi dim?»

Nicholas Rilko studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Wörter einfangen

Wörter sitzen nicht still. Dennoch versuchen Lexikografen sie von Zeit zu Zeit einzufangen. Sie nehmen ihre Personalien auf, gleichen die etymologische DNA ab und stecken sie in Wortverzeichnisse. – In seinem Akzente-Medientipp geht es einmal mehr um eingewanderte Wörter, unübersetzbare Begriffe und die Geschichte des Schotten James Murray, der vor 140 Jahren damit begann, den gesamten englischen Wortschatz für das Oxford English Dictionary zu erfassen.

Tutorinnen und Tutoren schreiben für «Akzente»: Studi-Kolumne 4/2020

Seit zwölf Jahren schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums schon für das Magazin der PH Zürich. In Heft 4/2020 von «Akzente» fragt Nicholas Rilko in der Studierendenkolumne auf Seite 25, ob und wie Kreativität und Digitalität zusammenhängen. Für ihn ist der Fall klar: Videospiele fördern unsere Kreativität, denn sie verlangen Flexibilität und Einfallsreichtum. Mit anderen Worten: Sie bringen uns bei, wie sich Probleme (e)kreativ lösen lassen.