«Mein Vater kehrte nach Hause zurück, ich wanderte aus»

Jagt sie weg! Die Schwarzenbach-Initiative und die italienischen Migranten. (Orell Füssli, 2020)

In seinem halb autobiografischen, halb historischen Buch Jagt sie weg! erzählt Concetto Vecchio von seinen Eltern, einfachen Sizilianern, und von weiteren Migranten, die in den 1960er-Jahren ihr Glück in der Schweiz suchten, aber auf unverhohlenen Fremdenhass stiessen, als Arbeitskräfte ausgebeutet und als Menschen ausgegrenzt wurden.
Schreib­zentrums­mitarbeiter Erik Altdorfer stellt das Buch in seinem Akzente-Medientipp ausführlich vor und blickt zurück auf die Situation der Saisonniers in den ausgehenden 1960er-Jahren.

Unsoziale Medien

Das Dilemma mit den
sozialen Medien. (Netflix, 2020)

Lassen wir mit der Verbreitung und Nutzung von Social Media zu, dass unser gesellschaftlicher Zusammenhalt kaputtgeht, dass wir manipuliert werden, dass wir süchtig oder depressiv werden?
Mit diesen Fragen setzt sich das kritische Dokudrama «The Social Dilemma» (Netflix, 2020) auseinander. Schreibzentrumsmitarbeiter und Medienpädagoge Peter Holzwarth stellt den Film in seinem Akzente-Medientipp kurz vor.

Wenn Grossmutter vergesslich wird

Auch Kinder und Jugendliche kommen im Alltag mit Demenzkranken in Berührung. Wie muss es sich anfühlen, wenn man allmählich den Verstand verliert? Davon erzählen Autorinnen und Autoren wie Jenny Downham, Tamara Bos und Allan Stratton. In ihren eindrücklichen Geschichten greifen sie zwar das schwierige Thema Alzheimer auf, rücken dabei aber die komplizenhaften Beziehungen zwischen betroffenen Grossmüttern und ihren mutigen Enkelinnen ins Zentrum. Das ist Lesestoff für jedes Alter.
In seinem Beitrag «Grossmutters löchriges Gedächtnis» (Neue Zürcher Zeitung 19.12.2020, S. 39) wirft Daniel Ammann einen Blick in aktuelle Bilderbücher und Jugendromane, die sich mit Demenz befassen.

Plötzlich passen die verschiedenen Bruchstücke des Wissens nicht mehr zusammen. Die Puzzleteile ergeben das Bild eines Gehirns.
Simon Tanner / NZZ

Frauke Angel und Stephanie Brittnacher: Oma Kuckuck. Aachen: Edition Pastorplatz, 2020. 34 Seiten. Ab 5 Jahren.

Maja Gerber-Hess: Als Oma noch Tango tanzte. Mit Illustrationen von Nicole Lang. Glarus: Baeschlin, 2013. 104 Seiten. Ab 8 Jahren.

Jenny Downham: Obwohl es dir das Herz zerreisst. Aus dem Englischen von Astrid Arz. München: cbt, 2017. 480 Seiten. Ab 14 Jahren.

Tamara Bos: Romys Salon. Mit Vignetten von Petra Baan. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Hildesheim: Gerstenberg, 2018, 192 Seiten.
Verfilmung: Romys Salon. Deutschland/Niederlande 2019. Regie: Mischa Kamp. Drehbuch: Tamara Bos. / DVD 2020.

Allan Stratton: Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause. Aus dem Englischen von Manuela Knetsch. München: Hanser, 2020. 256 Seiten.
Orig. The Way Back Home. Toronto: Scholastic Canada, 2017. 264 Seiten.

Wer hat das Zeug zum Schreibgenie?

In der «Seitenblick»-Kolumne von Akzente (Heft 4/2020, S. 9) fragt sich Schreibberater und Zentrumsleiter Alex Rickert diesmal, was es mit den Schreibgenies eigentlich auf sich hat. Liegt das Talent schon in den Genen, braucht es für Schreibkompetenz einen hohen IQ oder muss man sich einfach mehr Mühe geben und viel üben, um Herausragendes zu leisten?

Leselisten ohne Ende

Was soll man bloss lesen?, fragt sich Daniel Ammann in seinem Akzente-Medientipp und konsultiert drei Bücher, die sich mit dem literarischen Kanon beschäftigen, persönliche Empfehlungen aussprechen, aber auch einen kritischen Blick auf den unüberschaubaren Buchmarkt und die vielen Literaturpreise werfen.

Von Robotern und Menschen

In seinem Beitrag im Lifelong-Learning-Blog des Zentrums für Hochschuldidaktik und -entwicklung (ZHE) beschäftigt sich Peter Holzwarth mit ethischen Aspekten der Digitalisierung und fragt provokativ: Sind Menschen die besseren Roboter?

https://blog.phzh.ch/zhe/digitalisierung-und-ethik/

Traumberufe anno 2020

Ich behaupte, dass jeder und jede von uns als Kind einen Traumberuf hatte: Meiner war bestimmt Astronaut, soweit ich mich erinnere. Ist es nun vorbei mit klassischen Traumberufen von Kindern? Die Zeit ist im Wandel und mit ihr verändert sich auch die Art und Weise, wie wir unsere professionelle Karriere sehen und gestalten können. Was meine Eltern sich nie hätten vorstellen können, ist für mich Alltag. Heute gibt es Antworten auf Fragen, die man früher gar nicht gestellt hatte.

Das beste Beispiel hierfür ist der sogenannte Influencer. Der «Beeinflusser» ist grundsätzlich eine Person des (mehr oder weniger) öffentlichen Interesses, die sich auf sozialen Medien selbst inszeniert, darstellt und eine beträchtliche Anzahl von Fanatikern belustigt. Doch die Frage ist: Wie ernährt man damit seine Familie?

Traumberufe

Da die meisten Influencer sowieso noch jung sind und die Welt ganz eigen sehen, mache ich mir keine Sorgen um ihre Familien. Tatsächlich erhalten sie pro Klick und pro Person, die ihre Videos anschaut, einen Geldbatzen, der in grösseren Mengen längst für eine Familie ausreicht. Zudem gestalten Influencer ihren Inhalt auch mit gesponserten Marketingkampagnen für irgendwelche Spiele oder Energy-Drinks.

Gut für sie, oder?

Ich sehe kein Problem darin. Wenn man auf diese Weise erfolgreich werden kann, dann ist es so. Obwohl man sich dies früher nicht hätte denken können, ist es heute die Realität. Sogar auf Berufsmessen für Jugendliche ist der Beruf des Influencers gut vertreten, in fünf Jahren kann man sicher die Lehrstelle und die Berufsmatura auf diesem Fachgebiet abschliessen.

So unvorstellbar. Und doch so echt. Wie der Wunsch, ein Astronaut zu werden.

Nicholas Rilko studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Warum Fernunterricht das Klassenzimmer nicht ersetzen kann

Tutor Lorenz Vogel
(Illustration: Elisabeth Moch)

Als die Schulen schlossen, jubelten wohl viele unserer Schülerinnen und Schüler. Schon in den Wochen davor fragten mich manche immer wieder mit schelmischen Blicken, wann es denn so weit sei. Andere suchten das Gespräch mit mir, weil sie Angst vor einer Ansteckung hatten. Ich versuchte zu beruhigen, konnte aber meine eigene Ungewissheit nicht verbergen. Der Entschluss des Bundesrates im März, die Schotten dicht zu machen, schuf Erleichterung auf beiden Seiten. 

Es folgte der Fernunterricht, der – so gut er bei uns auch gemeistert wurde – viele Gründe offenbarte, warum er die Zusammenkunft im Klassenzimmer nicht ersetzen kann. Am eindrücklichsten fand ich dabei, wie gerne die Schülerinnen und Schüler letztendlich in die Schule kommen.

Dies zeigte sich in der Lockerungsphase ab Mitte Mai: Endlich konnten die Teenager wieder unter Gleichaltrigen sein und wieder so etwas wie eine autonome Gesellschaftsform ausserhalb der elterlichen Obhut leben. Wie wichtig dies für Heranwachsende in einer demokratischen Gesellschaft ist, zeigte sich mitunter in der hochpolitischen Stimmung eines Grossteils meiner Klasse. Corona und «Black Lives Matter» bewegte die Schülerinnen und Schüler sichtlich und ich beschloss, ihnen im Unterricht eine Plattform für diesen Austausch zu geben. In den Lektionen «Bildnerisches Gestalten» betrachteten wir aktuelle Werke von politischen Künstlern wie Banksy; im Englisch schrieben sie opinion texts. Dabei kamen ein paar der spannendsten Lektionen meines bisherigen Lehrerdaseins heraus. Ein Austausch in dieser Qualität ist im Fernunterricht schwer vorstellbar. 

Lorenz Vogel studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.
Der Text ist erschienen als Kolumne im Magazin für die Mitarbeitenden der PH Zürich, inside 3/2020, S. 21.

Nebel im Kopf

Der Duft von frisch geschnittenem Gras
Vögel formieren sich nach einem eigen orchestrierten Schwarm
wer ist die Dirigentin?
Die Sonne durchbricht den Morgennebel
taucht die Hausdächer in warmen Glanz

Das Gewitter in meinem Kopf zieht rasch weiter
Ich gseh öpis, wo du nöd gsehsch!
Brauchen Sie Unterstützung?
Bitte, bitte bitter!
Entschleunigung
Sie alle buhlen um meine Aufmerksamkeit

Müde, in sich gekehrte Gesichter
still alle – die Menschen dahinter
vergraben hinter «20 Minuten» oder dem Smartphone
da durchbrechen fröhliche Kinderstimmen diese unheimliche Stille

Links wurde meine Mutter aufgebahrt und kremiert
Abschied nehmen von so vielem
entsteht dadurch Platz für Neues?

Die Hausruine starrt mich aus dunklen Augen an
Erinnerungen an ihre Bewohner kommen hoch
Urs an der Dialysemaschine
Elsbeth in der Küche
David, der als Kleinkind ins Feuer fiel
an seinen älteren Bruder Simon habe ich keine Erinnerung
obwohl ich mit ihm in den Kindergarten ging

Hinter dem Haus ein grosser Garten mit Hühnern
der Hahn fiel uns Kinder von hinten an
verteidigte er sein Harem, seine ungeborenen Kinder?
Einmal waren wir bei einer Schlachtung dabei
mussten das Huhn auch ohne Kopf noch festhalten
sonst wäre es über das Hausdach davongeflogen
Habe ich das wirklich geglaubt, damals?

 

Petra Hänni studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Ungehorsam

Ich sitze im Tram Richtung Helvetia und fahre durch die Zeit. Gestalten und Gesichter huschen, Geschichten ziehen vorbei. Auf dem Bundesplatz sitzt die Klimajugend und singt.

Nächster Halt: 1989. Sonniger Wintertag, frostgetrocknet. An der Reuss zieht es. Die Füsse gefroren, eisiger Wind im Kragen. Luzern erwartet seinen neuen Bundesrat. Bunte Wimpel, Trachtenmädchen, Bratwurst vom Grill.

Der Herr verkauft Stumpen, baut Fahrräder. Auch für die Armee. Ein entschlossener Gesell.

«Hausmänner statt Wehrmänner» steht auf einem Transparent. Am Rand des Festplatzes lungern einige Revolutionäre beim Ufer-Steg. Sie haben ihre Babys aus den Kinderwagen genommen und wiegen sie auf dem Arm, während sie Blumen verteilen. Die Kleinen, quengelig, mögen nicht mehr warten.

Gefahr droht dennoch nicht. Einige ältere Herren – Aktivdienstgeneration – haben alles im Griff. Einst haben sie an der Grenze den Hitler vertrieben. Da werden sie mit ein paar Kommunisten auch noch fertig. Mit Schimpf haben sie die Bande umzingelt und halten die Wartenden in Schach. Diese verweigern beleidigt den Streit: Die Demo hat doch noch gar nicht angefangen!

Dann bewahrheitet sich an den Rentnern, wovor diese Rüstigen selbst immer warnen: Mangelnde Verteidigungsbereitschaft lädt zu Gewalt. Berauscht durch ihren Anfangserfolg sinnen die Herren auf den Endsieg und greifen den Kessel an. Hauend und stechend gehen sie mit ihren Schirmen auf die Pazifisten los. Aus einer geplatzten Stirn strömt Blut, Kinderwägen und Väter straucheln, rückwärts treten Füsse in den Fluss, Hände mengen sich an Kragen, es wird um Stoff gerungen, an Fahnen gezerrt, die Jugend belehrt und – da sich diese nicht mal wehrt – mit Watschen bekehrt. Aber es sind zu viele: Die aufgewiegelten Massen – mindestens zwölf müssen es sein, Frauen, Kind und Kegel – verschanzen sich hinter dem Buggy. Dort können sie sich halten, hoffen auf Entsatz. Doch dann kommt die Kavallerie: Die Stadtpolizei eilt den Gerechten zu Hilfe, das gibt den Ausschlag. Endlich treibt das Banner in der Reuss: Hausmänner und Blumen gehen den Bach runter.

Und gerade jetzt, dümmster Moment, kommt JP um die Ecke: Fünfzehn Jahr, krauses Haar, liebenswerter Chaot von der Revolutionären Jugend – wie immer zu spät mit seiner riesigen roten Sowjetfahne, auf die er so stolz ist. Weil sie so gross ist. Und so rot.

Nächster Halt: Zurück in Bern. Schmierikon. Ich schlage die Zeitung auf. Alles wird dreckig jetzt. Zwei Erwachsene reden gemeinsam mehr vulgäres Zeug als fünfhundert engagierte Jugendliche. Was diese um der Sache willen hinkriegen – Selbstdisziplin –, machen jene mit Unbeherrschtheit binnen Sekunden platt. «Wer hat angefangen?» – Ernsthaft jetzt? Sind wir denn im …?! Keine Gewalt, auch nicht mit Worten. Niemanden beleidigen! Die Jugendlichen haben das in ihren Aktionstrainings geübt. Aber kann man sowas auch von Volksvertretern verlangen?

Bin ich froh, fährt das Tram weiter.

Die Stadtpolizei hat die Fahne mittlerweile konfisziert. Monate früher als in Moskau fällt die UdSSR an der Reuss. Ach JP – Revolutionär und Freund von Gandhi! Deine Ideen sind noch wirrer als dein Haar …! Auch die Kinderwagen sind inzwischen – des Platzes verwiesen – mutlos entrollt. Kampfmontur hat äusserst beruhigende Wirkung.

Stille auch auf dem Bundesplatz. Tag danach. Den Müll auf den Strassen kann man kehren. Aber bei den Erwachsenen – kommt mir vor – hilft keine Dusche. Dreck, geschleudert, bleibt kleben. Und wie reinigt man – kommt mir vor – befleckte Kinderseelen? Nichts als Schmutz. Kein Wort von Klimaschutz.

«Wer hat angefangen?» – Echt jetzt?!

In Luzern sitze ich inzwischen neben JP auf dem Posten. Der Polizist vor uns hat Zeit.

Ich bin eigentlich nur als Übersetzer dabei. Weil JP den Ton nie trifft: Dauernd deuten die Beamten seine Leidenschaft als Trotz.

«Nur mal am Rande: Wie züchtet man eigentlich einen Camenisch?»

Gekommen sind wir wegen der Fahne. Nicht, dass mir an der das Geringste liegt. Die Sowjetunion ist so gut wie Geschichte. Wegdemonstriert von Menschen. Die haben sich versammelt. Friedlich. Trotz Verbot. Das finde ich alles gut so.

Aber um die Meinungsfreiheit sorg ich mich. Und um JP («Denn sie wissen nicht, was sie …»): Der trifft vielleicht den Ton nicht immer, aber er ist da. Lebt und denkt. Vielleicht auch oft krude und verkehrt, aber stets mit seinem eigenen Kopf, der Tropf.

Und plötzlich wird es ernst. Für die Klimaschützer. Für JP. Der Polizist will ihn nicht mehr gehen lassen, kriegt er ihn schon endlich zu fassen. Für die freie Meinung wird nun die Rechnung präsentiert. Nicht noch erst lange rumlamentiert. Ritalin in Vollmontur, das kostet eben. Diese Pille wird nicht umsonst gegeben!

Wenn alles Watschen nicht hilft und nicht die Polizei, dann ist noch lange nichts vorbei. Bleibt noch die Schweizer Wunderwaffe: Gerichtsvollzug, Betreibungsamt. Würgegriff der anderen Art – Luft abdrücken durch Pfänden.

Das funktioniert: Kindheit beendet. Leben verbaut. Und Ruhe ist. Nächster Halt: Amtshausgasse. – Echt jetzt …?

Peter A. Kaiser studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.