Die Katze lässt das Mausen nicht

Seit der Corona-Zeit geniesst unsere Katze besonders viel Streicheleinheiten und bedankt sich für diese zusätzliche Aufmerksamkeit in Form von nächtlichen Beuten, die sie stolz auf dem Teppich vor meinem Bett platziert. Mehrmals pro Woche werde ich von jämmerlichem Gepiepe geweckt. Dieses eine Mal war es wohl eine widerspenstige Maus, die sich mit allen Mitteln gewehrt hatte. Auch wenn von diesem kleinen Nager am nächsten Morgen jede Spur fehlte, hatte er im Gesicht und Fell unserer Katze böse Bisswunden hinterlassen. Ich möchte gar nicht ins Detail gehen, aber es war kein schöner Anblick und musste vom Tierarzt untersucht werden.

Jäger der Nacht

Nun war ich also mit meiner Katze auf dem Beifahrersitz auf dem Weg zu diesem Termin. Obwohl die Strassen seit dem Lockdown ziemlich leer waren, hatten sich heute anscheinend besonders viele Leute dazu entschlossen, mit dem Auto zur Arbeit zu gehen. Als wäre dieser unerwartete Stau noch nicht genug, sass in diesem grauen Opel vor mir noch ein Sonntagsfahrer. An jedem Lichtsignal bremste er schon viel zu früh ab, liess jeden Fussgänger über die Strasse und fuhr maximal 40 km/h. Seit dem Lockdown war ich mir so stressige Situationen einfach nicht mehr gewohnt.

Erschöpft liess ich mich im Wartezimmer des Tierarztes in einen Stuhl sinken. Bald streckte die Praxisassistentin ihren Kopf zur Tür hinein, um mich freundlich aufzurufen. Ihr Lächeln fror aber sofort ein: «Oh, Sie sind das!» Sie war diese lahme Schnecke, die mir vorher auch noch den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hatte. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie unangenehm und eisig die Stimmung während der ganzen Untersuchung war. Aber hey, meine Katze ist wieder fit und geht fleissig auf nächtliche Jagd. Was man für seine Vierbeiner nicht alles in Kauf nimmt …

Corinne Zahnd studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Niemals den Helden begegnen

Emily Dickinson (Hailee Steinfeld unter ihrer Eiche
(Screenshot aus der TV-Serie «Dickinson», S1E04)

Autorinnen und Autoren können zu persönlichen Helden werden. Aber in ihren eigenen Romanen kommen sie mitunter ganz schlecht weg. Deshalb «Niemals den Helden begegnen», wie Henry David Thoreau in der Serie «Dickinson» zur Dichterin Emily Dickinson sagt. – Eine Spurensuche von Daniel Ammann (NZZ vom 14.8.2020, S. 30).

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. München: dtv, 2014. (Verfilmung: The Fault in Our Stars. USA 2014. Regie: Josh Boone.)
Alina Bronsky: Und du kommst auch drin vor. München: dtv, 2017 (Taschenbuchausgabe 2020).
Matthew Quick: Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu machen. Aus dem amerikanischen Englisch von Knut Krüger. München: dtv, 2018.

In Liebe, eure Nachbarn von oben

Wohnkonstellationen polarisieren. Während die einen sich zu fünft in einer Dreizimmerwohnung ansiedeln, lassen sich die anderen zu zweit in der gleichen Wohnung einen Stock tiefer nieder. Das führt zu Konflikten. Dabei sind Gut und Böse nicht immer so eindeutig zuzuschreiben, wie es im gängigen Treppenhaustratsch häufig geschieht. Von einer besonderen Art der Konfliktbewältigung erzählt Natascha Hossli, wenn sie die «Lauten» von oben den «Braven» von unten einen Brief schreiben lässt. 

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Bereits seit 2009 entsteht jedes Jahr ein Büchlein mit Texten aus Schreib-Events und Wettbewerben. Gedruckte Exemplare können für CHF 2.– beim Schreibzentrum erworben werden.

Hybris überwinden

Nicht auf andere Menschen runterschauen, weniger urteilen und vor allem die eigene Überlegenheit immer wieder hinterfragen: hehre Ziele, die sich Lorenz Vogel steckt und die ihm ermöglichen, neugierig durch die Welt zu gehen und auch den grössten menschlichen Sonderlichkeiten mit einer gewissen Gelassenheit zu begegnen. Und wenn alle guten Vorsätze versagen, hilft Atemtechnik und Nasenwurzelmassage, denn der Anblick einer Tarantelhaut am stillen Örtchen ist wirklich nichts für schwache Mägen. 

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Flipped Classroom auf dem Prüfstand

Wäre es nicht schön, könnte man die Lernzeit in der (hoch)schulischen Bildung höchst (inter)aktiv nutzen? Das kann gelingen, wenn Lernende vorbereitet in die Veranstaltung kommen. Das setzt wiederum voraus, dass Lehrende ihnen zuvor (digital) eine Wissensgrundlage zur Verfügung stellen. Der «Flipped Classroom» scheint das zu ermöglichen. – Maik Philipp stellt das Konzept in seinem Beitrag auf dem Lifelong-Learning Blog auf den empirischen Prüfstand.

Flipped Classroom scheint sich in den Geistes- und Sozialwissenschaften besonders zu bewähren.

Maik Philipp ist Professor für Deutschdidaktik an der PH Zürich und arbeitet im Schreibzentrum.

Was, wenn ich nicht weiss, was ich will?

Sie schaut mich an. Ich schaue nach unten, beschämt. Dazwischen liegen 200 Kilometer, eine Grenze und zwei Computer. Kurz zuvor hatte ich ihr gesagt, was passiert war. Sie wusste es schon, ahnte es zumindest. Ich wusste, dass sie es wusste.
Sie redet auf mich ein, weint, ist wütend. Enttäuschung und Trauer treffen mich, als wäre sie ganz nah. Ich? Ich weiss nicht, was ich fühlen soll. Fühle viel, denke wenig.
Hätte ich nur gewusst, was ich will. Gesagt, was ich will.
Fünf Tage zuvor wollte sie zu mir kommen. Wir würden darüber reden, hatten wir gesagt. Das war der Plan. Doch an der Grenze wurde sie zurückgeschickt. Kein Schweizer Pass, kein Wohnsitz, mich besuchen sei kein legitimer Grund. Also umkehren einsteigen und zurückfahren. Sie schon wieder in Freiburg, ich, immer noch in Zürich.

In Zürich: Dachterrasse, Wein, Sommerabend, noch mehr Wein, Küsse. Scheisse. Fuck. Zu weit, zu nah, zu spät.
Eigentlich, eigentlich, aber eigentlich ist sie alles, was ich will, alles, was ich je wollte, alles, was ich mir erträumen konnte und mehr. Wenn ich sie anschaue, wenn ich bei ihr bin, wenn sie da ist, dann geht’s mir gut, dann fühl ich mich wohl. Bei ihr bin ich angekommen und mit ihr neu geboren. Aber ich rede nicht über Probleme, ich rede nicht über Bedürfnisse und Wünsche. Weil es mir doch gut geht, gut gehen sollte, weil ich glücklich bin, glücklich sein sollte.

digital painting, 2020, elena wirth

Doch was weiss ich schon über die Liebe? Über Verlangen? Über Treue? Nichts. Absolut nichts. Und trotzdem liebe ich, verlange ich, vertraue ich.
Wir haben uns verloren, haben uns gefunden und verlieren uns erneut.
Jetzt stehen wir da zwischen Zärtlichkeit und Angst.

Hätte ich nur gewusst, was ich will. Gesagt, was ich will.
Was, wenn ich nicht weiss, was ich will?

Angelica Bühler studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Geschichte eines heldenhaften Mädchens

Malala Yousafzai. Malalas magischer Stift.
Zürich: NordSüd, 2018. 48 Seiten.

Als Malala in Pakistan aufwuchs, wünsch­te sie sich einen magischen Stift, mit dem sie ihre Träume ver­wirk­lichen könnte. Doch als sie älter wurde, änderte sich die Welt um sie und damit änderten sich auch ihre Wünsche. Das Recht, in die Schule zu gehen, wurde ihr verwehrt, nur weil sie ein Mäd­chen war. – Martina Meien­berg hat das ausser­gewöhnliche Bilder­buch in einem Medien­tipp für die Zeit­schrift Akzente (4/2019, S. 34) vorgestellt.

Fünf Uhr

Seit fünf Wochen klingelt mein Wecker fünf Tage in der Woche um fünf Uhr. Zu Beginn ging ich davon aus, dass ich mich daran gewöhnen würde. Jeden Morgen redete ich mir ein, dass sich mein Körper einfach noch an den neuen Schlafrhythmus gewöhnen müsse. Mit der Zeit würde alles besser werden. Es wurde nicht besser. Noch immer sträubt sich am Morgen jede Faser meines Körpers dagegen, aus dem Bett zu steigen und den in diesen Momenten nahezu unerträglich scheinenden Weg ins Badezimmer anzutreten. Dass mit Routine und Übung alles einfacher wird, ist eine der Lebenslügen, die ich mir immer wieder erzähle: Wenn ich genug trainiere, werde ich mit meinem Velo bald ganz entspannt die Berge hochfahren können. Wenn ich mir den Samstagmorgen immer fix zum Putzen einplane, werde ich mich mit der Zeit gar nicht mehr über das Putzen nerven. Wenn ich mich immer gesund ernähre, werde ich mich irgendwann gar nicht mehr nach Burger und Pommes sehnen.

Aber noch immer läuft mir beim Anblick von Fast-Food-Buden das Wasser im Mund zusammen, noch immer verspüre ich beim Polieren der Wasserhähne keine Begeisterung, noch immer brennen meine Muskeln, wenn ich einen Pass hochfahre und noch immer verfluche ich meinen Wecker jeden Morgen aufs Neue. Viele der wichtigen Dinge im Leben werden wohl immer schmerzhaft und anstrengend bleiben, egal wie sehr ich mich um Routine bemühe. Und da frage ich mich manchmal schon, warum ich mir diese Plagerei eigentlich antue. Doch dann sehe ich, wie die Sonne hinter dem Säntis aufgeht und sich im Zürichsee spiegelt, oder ich ertappe mich dabei, wie ich im streifenfrei-polierten Spiegel selbstverliebt meine Radlerwaden bewundere. Und plötzlich erscheint mir die Welt doch nicht mehr so ungerecht. Zumindest so lange, bis um fünf Uhr der Wecker läutet.

Peter Fäh studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Die Menschen, die wir sind

Abgesehen von der globalen Pandemie, die uns immer noch beschäftigt, passiert aktuell auch noch ziemlich viel anderes auf diesem Planeten. Klimaerwärmung beispielsweise. Flüchtlingskrisen. Frauenstreiks.

Und: Rassismus und Diskriminierung. Jetzt, hier, überall.

«I can’t breathe.»

Auch ich bin Teil eines Systems, das Weisse in so vielen Situationen bevorzugt. Ein System, das Schwarze und People of Colour, Asiat*innen oder Angehörige indigener Völker ausgrenzt, diskriminiert, mit misstrauischem Blick taxiert, zu Minderheiten macht. Auch ich bin Teil des Problems, wenn ich mich nicht aktiv dagegen ausspreche und aktiv dagegen vorgehe. Denn schlussendlich ist Stillschweigen bei Ungerechtigkeiten auch immer eine Form der Zustimmung.

«I can’t breathe.»

Ich weiss nicht, wo wir anfangen sollen bei diesem Missstand, der unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten wie ein Parasit befällt. Wie wir endlich begreifen können, dass keiner und keine besser ist als das Gegenüber. Dass jeder Glaube und jede Herkunft Berechtigung hat, anerkannt werden sollte, und dennoch absolut nichts über einen Menschen aussagt.

Es braucht aber jetzt eine Veränderung, dringend.

Ich für meinen Teil beginne mit der Sprache. Sie steht uns allen zur freien Verfügung und wir haben es selber in der Hand, welche Worte wir verwenden, ob wir «rassistische Witze» tolerieren, ob wir uns bei Diskussionen über «die Ausländer, die immer …» beteiligen, ob wir stillschweigend zuhören oder ob wir endlich damit anfangen, uns dagegen auszusprechen, und Partei ergreifen für jene, die es leid sind, den Kampf ständig alleine auszufechten.

Lasst uns gemeinsam kämpfen.

Denn, egal ob Held oder einfach nur Nachbarin:

Wir alle sind Menschen.

Ronja Stamm studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.