Textfetzen

Im Moment befinde ich mich im Austauschsemester in Cardiff. Ich wohne mit fünf Mitbewohner*innen zusammen in einem Haus mit einem kleinen „Garten“. Dieser 15-Quadratmeter-Teerplatz hat mich während zwei Lockdowns am Leben gehalten. Ich sass, ich las und ich genoss die Sonne und den Regen. Nichts konnte mich daran hindern, draussen zu sitzen, meinen Tee zu trinken und eine Kippe nach der anderen zu rauchen. Nun bin ich aber schon wieder auf der Suche nach einer Wohnung in Zürich. „Auf der Suche“ ist etwas gut gemeint, zu aktiv, ein wenig gelogen. Zwei gute Freundinnen haben die ganze Arbeit getan und auch eine charmante Wohnung im Herzen der Stadt gefunden, die sogar preislich tragbar ist.
Einziger Haken: Kein Balkon.
Kann ich auf diesen Luxus verzichten?
Wohl eher nicht.
Tue ich es trotzdem, weil ich zu faul bin, etwas Neues zu suchen?
Ziemlich sicher.

Luxus in Zürich
Zürich im Luxus
Zürich nur mit Luxus

Wir als Zürcher*innen sind uns oft nicht bewusst, wie gierig und süchtig wir nach Luxus sind. Natürlich wissen wir, dass wir in einer der reichsten und teuersten Stadt der Welt wohnen, doch dass wir ohne unseren Lebensstandard – der sehr wohl luxuriös ist – ziemlich verzweifeln, fällt erst in der Pandemie auf. Wir verzichten ungern auf ein Abendessen in einem trendigen Restaurant oder auf ein Bier in der Lieblingskneipe. Tanzen in einem überfüllten Club war lange noch möglich. Im Vergleich zu anderen Ländern leben wir hier noch mit sehr vielen Freiheiten.
Denn wir verlassen uns ja auf „gesunden Menschenverstand“ und „Eigenverantwortung“.

digital painting, 2020, sooji kim

Verstand und Gefühl
Verstand mit Gefühl
Gefühl mit Verstand

Wer sich mit Jane Austen auskennt, kennt „Sense and Sensibility“. In der deutschen Übersetzung heisst der Roman „Verstand und Gefühl“. Die Geschichte handelt von zwei Schwestern, deren Charakter grundsätzlich im Kontrast stehen. Elinor, die ältere Schwester, handelt gerne mit Verstand und gibt selten ihre Gefühle preis. Marianne spricht aus ihrem Herzen und lässt sich von ihren Gefühlen und Emotionen leiten.

Denial and shame
Shame in denial
Denial, shame and inebriation

She looks at me. I look at her, ashamed. Between us there are twenty centimetres, a sink and the mirror on the wall. I wash my hands, my face and stare at my reflection again.
Big pupils, small eyes. A lot of different highs, little consciousness.
I stumble out of the bathroom. Pleased with my condition, but annoyed to feel the urge to be intoxicated. Or am I annoyed at the sober reality?
Smoke until you vomit. Drink until you fall. Swallow until you feel numb.
I tell myself it wouldn’t happen too often, it’s just a phase.
That’s me. But that’s not what I was expecting to become, not what I was hoping to be.

Angelica Maria Bühler studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Herbst: Utopie vs. Realität

Ein ganz normaler Streifzug durch die Instagram-Accounts meiner Lieblingsinfluencerinnen beweist mir immer wieder, wie schön der Herbst doch sein kann. Ich scrolle mir den Daumen wund und alles, was ich sehe, sind die Sonnenseiten dieser Jahreszeit.

Auch mein Freundeskreis probiert mir den Herbst schmackhaft zu machen. «Lass uns doch an einem Sonntagmorgen gemütlich im Bächlihof in Jona brunchen gehen!», «Wie wär’s mit einer Halloween-Party? Aber komm verkleidet!», «Oh, ich hätte schon Lust auf eine feine Kürbissuppe …» bis hin zu meiner Freundin, die findet, wir sollten an einem «sonnigen Nachmittag im bunten Wald» spazieren gehen.

All diese interessanten Aktivitäten, all diese traumhaften Bilder auf Instagram – trotzdem kann ich mich nicht mit dem Herbst anfreunden. Jeder Tag startet gleich: Ich stehe morgens um 7 Uhr auf, ziehe die Vorhänge zur Seite und alles, was ich sehe ist … nichts! Es ist dunkel und neblig. Die Sonne geht erst um 07:32 Uhr auf – falls sie sich gegen den Nebel behaupten kann. Meist bleiben die Tage trostlos und grau.

Doch das ist noch lange nicht alles. Ist es mal nicht neblig, beschert uns der Herbst gerne einmal wochenlangen Regen. Und bei starkem Wind bringt auch ein Regenschirm nichts mehr. Er verliert an Halt, biegt sich nach Aussen und landet direkt im Müll. Davon ist auf Social Media aber nichts zu sehen. Denn eins ist klar: Der Instagram-Herbst bringt mehr Sonne mit sich als ein zweiwöchiger Sommerurlaub im Fotohotspot Bali.

Marcos Romero

Traumberufe anno 2020

Ich behaupte, dass jeder und jede von uns als Kind einen Traumberuf hatte: Meiner war bestimmt Astronaut, soweit ich mich erinnere. Ist es nun vorbei mit klassischen Traumberufen von Kindern? Die Zeit ist im Wandel und mit ihr verändert sich auch die Art und Weise, wie wir unsere professionelle Karriere sehen und gestalten können. Was meine Eltern sich nie hätten vorstellen können, ist für mich Alltag. Heute gibt es Antworten auf Fragen, die man früher gar nicht gestellt hatte.

Das beste Beispiel hierfür ist der sogenannte Influencer. Der «Beeinflusser» ist grundsätzlich eine Person des (mehr oder weniger) öffentlichen Interesses, die sich auf sozialen Medien selbst inszeniert, darstellt und eine beträchtliche Anzahl von Fanatikern belustigt. Doch die Frage ist: Wie ernährt man damit seine Familie?

Traumberufe

Da die meisten Influencer sowieso noch jung sind und die Welt ganz eigen sehen, mache ich mir keine Sorgen um ihre Familien. Tatsächlich erhalten sie pro Klick und pro Person, die ihre Videos anschaut, einen Geldbatzen, der in grösseren Mengen längst für eine Familie ausreicht. Zudem gestalten Influencer ihren Inhalt auch mit gesponserten Marketingkampagnen für irgendwelche Spiele oder Energy-Drinks.

Gut für sie, oder?

Ich sehe kein Problem darin. Wenn man auf diese Weise erfolgreich werden kann, dann ist es so. Obwohl man sich dies früher nicht hätte denken können, ist es heute die Realität. Sogar auf Berufsmessen für Jugendliche ist der Beruf des Influencers gut vertreten, in fünf Jahren kann man sicher die Lehrstelle und die Berufsmatura auf diesem Fachgebiet abschliessen.

So unvorstellbar. Und doch so echt. Wie der Wunsch, ein Astronaut zu werden.

Nicholas Rilko studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Warum Fernunterricht das Klassenzimmer nicht ersetzen kann

Tutor Lorenz Vogel
(Illustration: Elisabeth Moch)

Als die Schulen schlossen, jubelten wohl viele unserer Schülerinnen und Schüler. Schon in den Wochen davor fragten mich manche immer wieder mit schelmischen Blicken, wann es denn so weit sei. Andere suchten das Gespräch mit mir, weil sie Angst vor einer Ansteckung hatten. Ich versuchte zu beruhigen, konnte aber meine eigene Ungewissheit nicht verbergen. Der Entschluss des Bundesrates im März, die Schotten dicht zu machen, schuf Erleichterung auf beiden Seiten. 

Es folgte der Fernunterricht, der – so gut er bei uns auch gemeistert wurde – viele Gründe offenbarte, warum er die Zusammenkunft im Klassenzimmer nicht ersetzen kann. Am eindrücklichsten fand ich dabei, wie gerne die Schülerinnen und Schüler letztendlich in die Schule kommen.

Dies zeigte sich in der Lockerungsphase ab Mitte Mai: Endlich konnten die Teenager wieder unter Gleichaltrigen sein und wieder so etwas wie eine autonome Gesellschaftsform ausserhalb der elterlichen Obhut leben. Wie wichtig dies für Heranwachsende in einer demokratischen Gesellschaft ist, zeigte sich mitunter in der hochpolitischen Stimmung eines Grossteils meiner Klasse. Corona und «Black Lives Matter» bewegte die Schülerinnen und Schüler sichtlich und ich beschloss, ihnen im Unterricht eine Plattform für diesen Austausch zu geben. In den Lektionen «Bildnerisches Gestalten» betrachteten wir aktuelle Werke von politischen Künstlern wie Banksy; im Englisch schrieben sie opinion texts. Dabei kamen ein paar der spannendsten Lektionen meines bisherigen Lehrerdaseins heraus. Ein Austausch in dieser Qualität ist im Fernunterricht schwer vorstellbar. 

Lorenz Vogel studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.
Der Text ist erschienen als Kolumne im Magazin für die Mitarbeitenden der PH Zürich, inside 3/2020, S. 21.

Nebel im Kopf

Der Duft von frisch geschnittenem Gras
Vögel formieren sich nach einem eigen orchestrierten Schwarm
wer ist die Dirigentin?
Die Sonne durchbricht den Morgennebel
taucht die Hausdächer in warmen Glanz

Das Gewitter in meinem Kopf zieht rasch weiter
Ich gseh öpis, wo du nöd gsehsch!
Brauchen Sie Unterstützung?
Bitte, bitte bitter!
Entschleunigung
Sie alle buhlen um meine Aufmerksamkeit

Müde, in sich gekehrte Gesichter
still alle – die Menschen dahinter
vergraben hinter «20 Minuten» oder dem Smartphone
da durchbrechen fröhliche Kinderstimmen diese unheimliche Stille

Links wurde meine Mutter aufgebahrt und kremiert
Abschied nehmen von so vielem
entsteht dadurch Platz für Neues?

Die Hausruine starrt mich aus dunklen Augen an
Erinnerungen an ihre Bewohner kommen hoch
Urs an der Dialysemaschine
Elsbeth in der Küche
David, der als Kleinkind ins Feuer fiel
an seinen älteren Bruder Simon habe ich keine Erinnerung
obwohl ich mit ihm in den Kindergarten ging

Hinter dem Haus ein grosser Garten mit Hühnern
der Hahn fiel uns Kinder von hinten an
verteidigte er sein Harem, seine ungeborenen Kinder?
Einmal waren wir bei einer Schlachtung dabei
mussten das Huhn auch ohne Kopf noch festhalten
sonst wäre es über das Hausdach davongeflogen
Habe ich das wirklich geglaubt, damals?

 

Petra Hänni studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

PH Goes Poetry 4th Edition: And the Winners are …

Bewölkt, regnerisch und kalt. Doch nicht einmal Petrus konnte die Stimmung am «PH Goes Poetry»-Finale 2020 vermiesen. Mithilfe des engagierten Kafi-Schnauz-Teams und der Videocrew vom DLE, aber natürlich vor allem einem topmotivierten Publikum fand die Endrunde des Schreibwettbewerbs am Campus der PHZH statt.

Wir konnten viele neue und alte Gesichter sehen und spannende, emotionale und tiefgründige Texte hören, während uns die bekannten Slam-Poetry Grössen Joël Perrin und Lukas Becker als Moderatoren hervorragend durch den Abend führten und eigene Texte performten.

Der Poetry Slam stand unter dem Titel «Das Meer zwischen uns» und kam in Zusammenarbeit mit der Uni Zaghouan in Tunesien (ermöglicht im Rahmen des SINAN-Projekts) zustande, an welcher ebenfalls Texte unter diesem Titel entstehen.

Die PH-Publikumsjury hatte schwierige Entscheidungen zu treffen, aber am Ende des Abends stachen die Siegerinnen und Sieger klar heraus. Die mitreissenden Texte regten zum Nachdenken an, sorgten für Lacher und machten das Ausharren in der herbstlichen Kälte wett! Das Publikum zeichnete die besten Texte aus, und so dürfen wir hier die Siegertexte von PH Goes Poetry 2020 vorstellen:

Der Erstplatzierten und damit Triplegewinnerin (nach 2017 und 2018!) Nadja Isler gelang es, die Zuhörer*innen auf eine Reise in die eigene Kindheit zu entführen. Sie erinnerte an die «Räuber und Poli»-Spiele, das laute und fröhliche Kinderspiel, das sich hier rasant zu einer Trennung der Ausländerkinder von den Schweizer Kindern durch eine Schweizer Nachbarin zuspitzte. Die Kluft zwischen «einheimisch» und «ausländisch» wird durch weitere Momentaufnahmen im Leben einer Heranwachsenden aufgerissen. Sie zeigt erschreckend klar, wie sehr sich das Einwirken von Erwachsenen mit Stereotypisierungen auf die Freundschaft zwischen spielenden Kinder auswirkt und sich diese zu Abgrenzung und Fremdheit entwickelt. Die Subtilitäten des Alltagsrassismus werden in diesem brillanten Text ebenso angesprochen wie die kleinen Unterschiede, die eine sogenannte Chancengleichheit in Frage stellen.

Monique Honegger (2. Rang) nutzte ihre Affinität zu Wortspielen, indem sie eine innige Liebesgeschichte verschleiert-poetisch auf die Bühne bringt. Gekonnt werden dabei aktuelle Themen wie Umweltverschmutzung, die Distanz zum Mitmenschen und das Altern eingewoben. Der Text lebt von vielen Wortschöpfungen – wunderbar abstrusen Begriffen wie «Nacktmullen». Der Interpretationsspielraum liegt beim Publikum und beinhaltet alles: von der schieren Problematik der Informationsüberflutung bis zum Unvermögen den Moment zu leben.

Peter Kaisers Schreibstil ist unverkennbar und der letztjährige Sieger (diesmal reichte es wieder auf das Podest: Bronze!) versteht es, die dunkelsten und leichtesten Emotionen in seinem Text zu verweben. Ungeschönt erzählt er vom vollgepackten Leben. Es ist eine Herausforderung und braucht viel Kraft, die Schicksalsschläge der Nächsten zu vertuschen. Aber diese Kraft ist als Schutzschild unabdingbar, stösst einen Keil in die Nähe zu Bekannten, die die Wirklichkeit des Gegenübers nicht nachvollziehen können, und kann vielleicht nur durch Zynismus genährt werden. Auch bei Peter Kaiser geht es um den Abstand zum Mitmenschen und den Versuch, diesen durch das Aussprechen der innersten Konflikte gegenüber dem Publikum zu überbrücken.

Wir gratulieren den Gewinnerinnen und dem Gewinner ganz herzlich zum wohlverdienten Sieg! Vielen Dank auch an alle weiteren Finalistinnen und Finalisten, die ihre Texte dem Publikum mit grossem Elan vorgetragen haben.

Alles hat ein Ende, doch bei uns ist noch lange keines in Sicht! 😊 An der Langen Nacht der aufgeschobenen Arbeiten am 3.11.2020 wollen wir noch einmal die Sieger*innen sehen und ihre Texte hören. Lasst euch diese Chance nicht entgehen!

Und wie ihr uns kennt, ist dies noch längst nicht alles: Wir sind bereits jetzt an der Themenfindung des nächstjährigen PH-Slams und können es kaum erwarten, den Kick-off für den Schreibwettbewerb 2021 «PH Goes Poetry 5th Edition» zu lancieren und auch im nächsten Jahr von euch zu lesen und hören! Stay tuned.

Euer Mr. Write-Team,

Janine Eberle & Nicholas Rilko

Ungehorsam

Ich sitze im Tram Richtung Helvetia und fahre durch die Zeit. Gestalten und Gesichter huschen, Geschichten ziehen vorbei. Auf dem Bundesplatz sitzt die Klimajugend und singt.

Nächster Halt: 1989. Sonniger Wintertag, frostgetrocknet. An der Reuss zieht es. Die Füsse gefroren, eisiger Wind im Kragen. Luzern erwartet seinen neuen Bundesrat. Bunte Wimpel, Trachtenmädchen, Bratwurst vom Grill.

Der Herr verkauft Stumpen, baut Fahrräder. Auch für die Armee. Ein entschlossener Gesell.

«Hausmänner statt Wehrmänner» steht auf einem Transparent. Am Rand des Festplatzes lungern einige Revolutionäre beim Ufer-Steg. Sie haben ihre Babys aus den Kinderwagen genommen und wiegen sie auf dem Arm, während sie Blumen verteilen. Die Kleinen, quengelig, mögen nicht mehr warten.

Gefahr droht dennoch nicht. Einige ältere Herren – Aktivdienstgeneration – haben alles im Griff. Einst haben sie an der Grenze den Hitler vertrieben. Da werden sie mit ein paar Kommunisten auch noch fertig. Mit Schimpf haben sie die Bande umzingelt und halten die Wartenden in Schach. Diese verweigern beleidigt den Streit: Die Demo hat doch noch gar nicht angefangen!

Dann bewahrheitet sich an den Rentnern, wovor diese Rüstigen selbst immer warnen: Mangelnde Verteidigungsbereitschaft lädt zu Gewalt. Berauscht durch ihren Anfangserfolg sinnen die Herren auf den Endsieg und greifen den Kessel an. Hauend und stechend gehen sie mit ihren Schirmen auf die Pazifisten los. Aus einer geplatzten Stirn strömt Blut, Kinderwägen und Väter straucheln, rückwärts treten Füsse in den Fluss, Hände mengen sich an Kragen, es wird um Stoff gerungen, an Fahnen gezerrt, die Jugend belehrt und – da sich diese nicht mal wehrt – mit Watschen bekehrt. Aber es sind zu viele: Die aufgewiegelten Massen – mindestens zwölf müssen es sein, Frauen, Kind und Kegel – verschanzen sich hinter dem Buggy. Dort können sie sich halten, hoffen auf Entsatz. Doch dann kommt die Kavallerie: Die Stadtpolizei eilt den Gerechten zu Hilfe, das gibt den Ausschlag. Endlich treibt das Banner in der Reuss: Hausmänner und Blumen gehen den Bach runter.

Und gerade jetzt, dümmster Moment, kommt JP um die Ecke: Fünfzehn Jahr, krauses Haar, liebenswerter Chaot von der Revolutionären Jugend – wie immer zu spät mit seiner riesigen roten Sowjetfahne, auf die er so stolz ist. Weil sie so gross ist. Und so rot.

Nächster Halt: Zurück in Bern. Schmierikon. Ich schlage die Zeitung auf. Alles wird dreckig jetzt. Zwei Erwachsene reden gemeinsam mehr vulgäres Zeug als fünfhundert engagierte Jugendliche. Was diese um der Sache willen hinkriegen – Selbstdisziplin –, machen jene mit Unbeherrschtheit binnen Sekunden platt. «Wer hat angefangen?» – Ernsthaft jetzt? Sind wir denn im …?! Keine Gewalt, auch nicht mit Worten. Niemanden beleidigen! Die Jugendlichen haben das in ihren Aktionstrainings geübt. Aber kann man sowas auch von Volksvertretern verlangen?

Bin ich froh, fährt das Tram weiter.

Die Stadtpolizei hat die Fahne mittlerweile konfisziert. Monate früher als in Moskau fällt die UdSSR an der Reuss. Ach JP – Revolutionär und Freund von Gandhi! Deine Ideen sind noch wirrer als dein Haar …! Auch die Kinderwagen sind inzwischen – des Platzes verwiesen – mutlos entrollt. Kampfmontur hat äusserst beruhigende Wirkung.

Stille auch auf dem Bundesplatz. Tag danach. Den Müll auf den Strassen kann man kehren. Aber bei den Erwachsenen – kommt mir vor – hilft keine Dusche. Dreck, geschleudert, bleibt kleben. Und wie reinigt man – kommt mir vor – befleckte Kinderseelen? Nichts als Schmutz. Kein Wort von Klimaschutz.

«Wer hat angefangen?» – Echt jetzt?!

In Luzern sitze ich inzwischen neben JP auf dem Posten. Der Polizist vor uns hat Zeit.

Ich bin eigentlich nur als Übersetzer dabei. Weil JP den Ton nie trifft: Dauernd deuten die Beamten seine Leidenschaft als Trotz.

«Nur mal am Rande: Wie züchtet man eigentlich einen Camenisch?»

Gekommen sind wir wegen der Fahne. Nicht, dass mir an der das Geringste liegt. Die Sowjetunion ist so gut wie Geschichte. Wegdemonstriert von Menschen. Die haben sich versammelt. Friedlich. Trotz Verbot. Das finde ich alles gut so.

Aber um die Meinungsfreiheit sorg ich mich. Und um JP («Denn sie wissen nicht, was sie …»): Der trifft vielleicht den Ton nicht immer, aber er ist da. Lebt und denkt. Vielleicht auch oft krude und verkehrt, aber stets mit seinem eigenen Kopf, der Tropf.

Und plötzlich wird es ernst. Für die Klimaschützer. Für JP. Der Polizist will ihn nicht mehr gehen lassen, kriegt er ihn schon endlich zu fassen. Für die freie Meinung wird nun die Rechnung präsentiert. Nicht noch erst lange rumlamentiert. Ritalin in Vollmontur, das kostet eben. Diese Pille wird nicht umsonst gegeben!

Wenn alles Watschen nicht hilft und nicht die Polizei, dann ist noch lange nichts vorbei. Bleibt noch die Schweizer Wunderwaffe: Gerichtsvollzug, Betreibungsamt. Würgegriff der anderen Art – Luft abdrücken durch Pfänden.

Das funktioniert: Kindheit beendet. Leben verbaut. Und Ruhe ist. Nächster Halt: Amtshausgasse. – Echt jetzt …?

Peter A. Kaiser studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Die Katze lässt das Mausen nicht

Seit der Corona-Zeit geniesst unsere Katze besonders viel Streicheleinheiten und bedankt sich für diese zusätzliche Aufmerksamkeit in Form von nächtlichen Beuten, die sie stolz auf dem Teppich vor meinem Bett platziert. Mehrmals pro Woche werde ich von jämmerlichem Gepiepe geweckt. Dieses eine Mal war es wohl eine widerspenstige Maus, die sich mit allen Mitteln gewehrt hatte. Auch wenn von diesem kleinen Nager am nächsten Morgen jede Spur fehlte, hatte er im Gesicht und Fell unserer Katze böse Bisswunden hinterlassen. Ich möchte gar nicht ins Detail gehen, aber es war kein schöner Anblick und musste vom Tierarzt untersucht werden.

Jäger der Nacht

Nun war ich also mit meiner Katze auf dem Beifahrersitz auf dem Weg zu diesem Termin. Obwohl die Strassen seit dem Lockdown ziemlich leer waren, hatten sich heute anscheinend besonders viele Leute dazu entschlossen, mit dem Auto zur Arbeit zu gehen. Als wäre dieser unerwartete Stau noch nicht genug, sass in diesem grauen Opel vor mir noch ein Sonntagsfahrer. An jedem Lichtsignal bremste er schon viel zu früh ab, liess jeden Fussgänger über die Strasse und fuhr maximal 40 km/h. Seit dem Lockdown war ich mir so stressige Situationen einfach nicht mehr gewohnt.

Erschöpft liess ich mich im Wartezimmer des Tierarztes in einen Stuhl sinken. Bald streckte die Praxisassistentin ihren Kopf zur Tür hinein, um mich freundlich aufzurufen. Ihr Lächeln fror aber sofort ein: «Oh, Sie sind das!» Sie war diese lahme Schnecke, die mir vorher auch noch den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hatte. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie unangenehm und eisig die Stimmung während der ganzen Untersuchung war. Aber hey, meine Katze ist wieder fit und geht fleissig auf nächtliche Jagd. Was man für seine Vierbeiner nicht alles in Kauf nimmt …

Corinne Zahnd studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

In Liebe, eure Nachbarn von oben

Wohnkonstellationen polarisieren. Während die einen sich zu fünft in einer Dreizimmerwohnung ansiedeln, lassen sich die anderen zu zweit in der gleichen Wohnung einen Stock tiefer nieder. Das führt zu Konflikten. Dabei sind Gut und Böse nicht immer so eindeutig zuzuschreiben, wie es im gängigen Treppenhaustratsch häufig geschieht. Von einer besonderen Art der Konfliktbewältigung erzählt Natascha Hossli, wenn sie die «Lauten» von oben den «Braven» von unten einen Brief schreiben lässt. 

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Bereits seit 2009 entsteht jedes Jahr ein Büchlein mit Texten aus Schreib-Events und Wettbewerben. Gedruckte Exemplare können für CHF 2.– beim Schreibzentrum erworben werden.

Hybris überwinden

Nicht auf andere Menschen runterschauen, weniger urteilen und vor allem die eigene Überlegenheit immer wieder hinterfragen: hehre Ziele, die sich Lorenz Vogel steckt und die ihm ermöglichen, neugierig durch die Welt zu gehen und auch den grössten menschlichen Sonderlichkeiten mit einer gewissen Gelassenheit zu begegnen. Und wenn alle guten Vorsätze versagen, hilft Atemtechnik und Nasenwurzelmassage, denn der Anblick einer Tarantelhaut am stillen Örtchen ist wirklich nichts für schwache Mägen. 

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