Vom Leben und vom Schreiben

«Wir alle sind Fiktion, aber das glauben wir nicht, weil wir uns mitten in ihr befinden wie in einem Fortsetzungsroman», meint Doris Dörrie in ihrer wunderbaren Einladung zum Schreiben. Ja, denn das Leben schreibt keine Geschichten, die machen wir in unseren Köpfen. Deshalb ist Schreiben (und Lesen) gelegentlich sogar mehr als Leben. 

Daniel Ammann stellt Leben, schreiben, atmen (Diogenes, 2019) in der Akzente-Ausgabe 1/2020 (S. 34) in einem Medientipp vor.

Der Held, der ich schon immer sein wollte

Soweit mir bekannt ist, geht es bei der Heldengeschichte um die Reise der Hauptfigur. Vor allem zu Beginn wird sie durch eine weise Gestalt geführt, die ihr wichtige Tipps und Tricks auf den Weg mitgibt. Mithilfe von verschiedenen Prüfungen und Bewährungsproben wird ihr Charakter getestet. Zum Abschluss macht sich die Hauptfigur auf den Weg nach Hause, mit gereifter Persönlichkeit.

Ein Beispiel: Aline hatte noch nie selber eingekauft. Doch plötzlich war alles anders. An diesem Tag wurde sie losgeschickt. Ihr Vater zeigte ihr auf Google Maps den Standort der nächsten Migrosfiliale und sagte ihr, was sie da einkaufen solle. Zudem teilte er ihr auch die wichtige Information mit, dass sie für das «Wägeli» einen «Zweifränkler» braucht.

Aline machte sich also auf den Weg in die Migros. Im Tram wurde ihr Billett kontrolliert und am Marktplatz wurde sie von Mormonen in ein längeres Gespräch über ihren Glauben verwickelt. Obwohl sie sich nicht sicher war, ob das Geld dafür reiche, kaufte sie noch die Gassenzeitung, weil sie das eine gute Sache fand. Sie musste noch ein Stück laufen. Dann stand sie endlich in der Migros. Die letzte Hürde war dann aber der Fakt, dass der Bio-Senf ausverkauft war. Aline musste entscheiden, dass der normale Senf auch genügte. Danach begab sie sich auf den Heimweg.

Per Definition eine Heldengeschichte, oder?

Vielleicht hier noch ein weiteres Beispiel: Noctis war der Prinz von «Insomnia». Er hatte die «Kronenstadt» noch nie verlassen. Als er sich dann erstmals auf den Weg machte, um seine Verlobte, das Orakel Lunafreya, zu heiraten, verstarb sein Vater in einem brutalen Kampf.

Der beste Freund seines Vaters, Cor, zeigte Noctis, wie er als neuer König die immer stärker werdende Dunkelheit besiegen könne. Dazu musste er die Geister seiner Urahnen sammeln und zudem den Segen der sechs Gottheiten des Planeten Eos erkämpfen. Noctis machte sich also mit seinen besten Freunden Ignis, Gladiolus und Prompto auf den Weg, um die Dunkelheit zu besiegen.

Leider kenne ich das Ende der zweiten Geschichte selber noch nicht, ich bin noch mitten drin!

Wenn man beide Geschichten betrachtet, sind die Handlungsstrukturen dieselben: Beides sind Heldengeschichten. Und somit sind Aline und Noctis eine Heldin und ein Held. Sie gehen ins Unbekannte, bewähren sich und kehren verändert zurück.

Werde wie Aline und Noctis: Mach dich auf und werde auf deine Art eine Heldin oder ein Held!

Nicholas Rilko studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

«Der Platz» von Annie Ernaux als Hörspiel

Die eigene Geschichte, auch die eigene Familie, ist Annie Ernaux’ literarisches Thema. Anhand der Auseinandersetzung mit dem Vater nach dessen Tod und in der Beschreibung ihrer eigenen Herkunft aus einem kleinen Ort in der Normandie erzählt Ernaux nüchtern, aber schonungslos von ihrer «Klassenflucht» aus einer Arbeiterfamilie hin zu einer bürgerlichen Existenz.

In ihrem Roman Der Platz (Suhrkamp 2019) versucht die Autorin nach diesem «Verrat», wie sie es selbst bezeichnet, über das Schreiben, über die Sprache sich wieder ihrem Vater anzunähern, zu erklären, wie sie zur sozialen Überläuferin ins Bürgertum geworden ist.

Regisseur Erik Altorfer und Schauspielerin Stephanie Eidt bei der Arbeit (© HR/Ben Knabe)

Erik Altorfer, Mitarbeiter des Schreibzentrums und Hörspielregisseur, hat Annie Ernaux’ autobiografischen Roman in einem Medientipp für Akzente (4/2019, S. 35) vorgestellt und nun für den Hessischen Rundfunk als Hörspiel bearbeitet und inszeniert.

Hörspiel unter der Regie von Erik Altorfer (Hessischer Rundfunk 2020)

«Keine Stimme kann dafür geeigneter sein als die der Schauspielerin Stephanie Eidt, die im Hörspiel von Erik Altorfer (…) die alleinige Sprecherin ist. Empfindlich tastet und denkt sich diese Stimme durch den Text, das Ringen um die adäquate, nämlich haargenaue, unverblümte Wendung lässt sie sich ebenso anmerken wie die eigene Verwicklung. Einen sachlichen Blick auf den eigenen Vater zu werfen, was kann es Persönlicheres geben.» (Judith v. Sternburg in der Frankfurter Rundschau)

Das Hörbuch erscheint Ende Juli 2020 im Audio Verlag.

Sharing is caring

Tutor Lorenz Vogel
(Illustration: Elisabeth Moch)

Dank dem Internet und der «Sharing Economy» findet man heutzutage von Autofahrten bis zu Katzenkäfigen fast alles zur Mitnutzung. Dabei wird der Wert einer Ressource multipliziert, indem sie mehr Menschen Vorteile bringt. Und dennoch kennen wohl viele Lehrpersonen folgende Situation: Man erstellt Materialien zu einem Thema, das derart zum Volksschulstandard gehört, dass man davon ausgehen muss, dass irgendwer die genau gleiche Idee schon einmal umgesetzt hat. Aus diesem Grund habe ich mich schon einige Male auf Lehrmittelsafari in das World Wide Web begeben und nach Unterlagen gesucht, die mir nützlich sein könnten. Ich musste jedoch feststellen, dass das Angebot an Plattformen, die einen Austausch von Schweizer Lehrmaterialen ermöglichen, ziemlich beschränkt ist. Ähnlich sieht es mit der Auswahl auf den einzelnen Seiten aus, die zudem meist eine Anmeldung erfordern oder sogar kostenpflichtig sind. Rar sind Heldenfiguren wie Lorenz Derungs, dessen Websites mir von einem Arbeitskollegen empfohlen wurden. Der Sekundarlehrer hat die Herkulesaufgabe auf sich genommen, der Welt sein gesamtes Lebenswerk an Arbeitsblättern zugänglich zu machen.

Wollen die meisten Lehrpersonen ihre hart erarbeiteten Früchte nicht teilen? Von einigen Befragten habe ich gehört, dass wir in unserem Beruf tendenziell halt schon eher eigenbrötlerisch veranlagt seien. Aus meiner eigenen Erfahrung kenne ich aber viele Beispiele, wo eigene Materialien gerne weitergereicht wurden. Doch dies geschieht meist nur von Hand zu Hand.

Warum also gibt es trotz der heutigen technischen Möglichkeiten keine zentrale Austauschplattform, welche sämtlichen Volksschulen zugänglich ist? Eine Plattform beispielsweise, auf der man seine Materialien hochladen und mit Kompetenzbereichen und Lernzielen verlinken kann, damit diese über die Suchfunktion schnell gefunden werden. Und alles in offenen Formaten, sodass es von den Usern auf die Bedürfnisse der eigenen Klasse angepasst werden kann. Klingt grossartig, oder?

Lorenz Vogel studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.
Der Text ist erschienen als Kolumne im Magazin für die Mitarbeitenden der PH Zürich, inside 4/2019, S. 21.

Vollzeit, Freizeit, Eiszeit

Tutorin Antonia Stopic
(Illustration: Elisabeth Moch)

Sommer, Sonne, Sonnenschein. PH-studentisch übersetzt: Kompaktwochen, Portfolio und nicht zu vergessen: Kompaktwochen. 
Es scheint, man sorge sich um das Wohlergehen der künftigen Lehrerinnen und Lehrer. Denn sobald die Türen der Schulhäuser schliessen, um erst wieder im August aufzumachen, scheint man sich an der PH Zürich zu fragen: «Wie verkraften die angehenden Lehrpersonen so viel Freizeit?» 
Um ihnen diese Last von den Schultern zu nehmen, wird ein vielfältiges und
abwechslungsreiches Sommerloch-Überbrückungsprogramm diktiert. Von einer Woche zur nächsten, ohne Pause. Böse Zungen behaupten, dass nur aus Gründen der möglichen Verwechslungsgefahr mit dem ZVV-Ferienpass kein PHZH-Ferienpass ausgestellt wird – mit schön viel Platz auf jeder Seite für den altgewohnten Leistungsnachweis «Was ich diese Woche gelernt habe».
Dennoch muss nach Überwindung der initialen Unlust eingesehen werden, dass die Kompaktwochen durchaus Gutes mit sich bringen: Erstens werden die Studentinnen und Studenten so schon während ihres Studiums darauf vorbereitet, dass für sie der Traum der dreizehn Wochen Ferien nicht in Erfüllung gehen wird. Das mag viele nun wie der Schlag treffen und doch bleibt nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass der Lehrberuf eine Vollzeitbeschäftigung ist, bei der man auch mal seine Freizeit anstatt die Zunge auf Eis legen muss. Zweitens bleibt in den Kompaktwochen viel Zeit für soziale Interaktionen und Freundschaften, was während des Studiums manchmal zu kurz kommt.

Antonia Stopic studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.
Der Text ist erschienen als Kolumne im Magazin für die Mitarbeitenden der PH Zürich, inside 3/2019, S. 21.

Workshopideen zum wissenschaftlichen Schreiben

Der von Christian Wymann zusammengestellte Sammelband zur Schreibdidaktik beinhaltet 50 konkrete Unterrichtsvorschläge für Dozierende zum wissenschaftlichen Schreiben. Thematisiert werden u. a. der Schreibprozess, Fragestellungen, Lesen, Gliedern, Argumentieren oder Feedback.

Die Beiträge sind rund fünf Seiten kurz. Viele Ideen, wie etwa «11 Punkte zur Stilüberprüfung», sind eins zu eins umsetzbar. Leider adressiert der Band einige zentrale Herausforderungen des wissenschaftlichen Schreibens kaum. So fehlen etwa Anregungen zum materialgestützten Schreiben. Das wissenschaftliche Formulieren sowie das Recherchieren sind untervertreten. Bei manchen Übungen ist der Lerngewinn für Studierende im Verhältnis zur eingesetzten Zeit fraglich. Obwohl das Buch einige Klippen des wissenschaftlichen Schreibens umschifft, ist es in der Praxis gut einsetzbar. Die vielfältigen Workshopideen helfen Dozierenden, die wissenschaftliche Schreibkompetenz der Studierenden anwendungsbezogen zu fördern.

Alex Rickert, Akzente 1 (2020), S. 35.

Wymann, Christian, Hrsg. Praxishandbuch Schreibdidaktik: Übungen zur Vermittlung wissenschaftlicher Schreibkompetenzen. Opladen: Budrich, 2019. 316 Seiten.

Entschleunigung zum Guten

Schon lange steht in meiner Agenda für heute drin: Blog schreiben. Es ist keine Überraschung, der Termin war vorgemerkt und der Text dafür auch bereits vor einem Monat entstanden. Stolz, so früh alles erledigt zu haben, lese ich heute nochmals das Geschriebene. Der Schrecken ist gross und mir bleibt nichts anderes übrig, als einen neuen Beitrag zu schreiben.

Was ist nun in diesem Monat passiert? Ich kann es selbst kaum beschreiben. Ihr wisst, wovon ich spreche. Aber vor einem Monat versuchte ich noch zu erklären, wie das Tagebuch leider Tag für Tag verstaubter aussieht. Es verstaubte, weil uns immer die Zeit davonrannte in unserer so schnell pulsierenden Gesellschaft. Doch nun, einen Monat später, ist das Gegenteil der Fall, denn das Tagebuch ist voller denn je zuvor. Plötzlich haben wir «dank» dem gezwungenen zuhause Bleiben Zeit. Ich bin mehr als froh, wenn ich einige sinnvolle Minuten meines Tages mit Schreiben verbringen kann.

So schmunzle ich über meine erste Version des Blogs. Dennoch bin ich froh, ihn geschrieben zu haben. Er zeigt mir auf, dass ich das momentane Privileg der Zeit nutzen kann und ich mich nicht über das Fehlen des achten Tages in der Woche ärgern muss. In so kurzer Zeit hat sich so vieles verändert. Mein Leben hat sich verlangsamt und ich habe plötzlich so viele Stunden, die ich mit Schreiben füllen kann.

Geht es dir auch so? Hat sich dein Leben momentan auch so entschleunigt? Möchtest du deine Zeit zum Guten brauchen? Hast du auch plötzlich wieder Lust und Zeit zum Schreiben? Dann gebe ich dir gleich ein paar Tipps, die ich für mich selber im Tagebuch notiert habe:

Schreibideen für mich und dich (© Maria Gysel)

In einem Monat oder einem Jahr mag vielleicht alles wieder anders sein. Die Zeiten des Lockdowns werden vergehen. Doch vielleicht ist jetzt die Gelegenheit da, sich das Schreiben zu einer neuen Gewohnheit oder einer aufblühenden Leidenschaft zu machen.

Maria Gysel studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.

Verwunschene Bibliotheken

Wer weiss, wie lange es noch Bibliotheken gibt. Vielleicht verschwinden sie schon bald mit den Büchern im virtuellen Raum. Oder es gibt sie überhaupt nur noch als Reminiszenz in Büchern und Filmen. – In seinem Medientipp in «Akzente» 1/2020 hat sich Daniel Ammann ein paar kuriose Bibliotheken vorgenommen und die Bücher gelesen, in denen sie ihr verwunschenes Dasein fristen.

Tutorinnen und Tutoren schreiben für «Akzente»: Studi-Kolumne 1/2020

Seit über zehn Jahren schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums für das Magazin der PH Zürich. In Heft 1/2020 von «Akzente» singt Ronja Stamm in der Studierendenkolumne auf Seite 25 ein erfrischendes Loblied auf die Absage. Warum immer Ja sagen, wenn man Nein meint?

Autobiografische Spurensuche

Wie schreibt man die Lebensgeschichte der Eltern, wenn man wenig über sie weiss? – In seinem Online-Medientipp in Akzente 1/2020 zeichnet Erik Altorfer nach, wie die Autorin Natascha Wodin in ihren autobiografischen Romanen Sie kam aus Mariupol (2017) und Irgendwo in diesem Dunkel (2018) der Vergangenheit ihrer Eltern, sowjetischen Zwangsarbeitern im Deutschen Reich, nachspürt.