Zeischwerische Dumbesbahn

ZDB_coverWieder hat Wolf Allemann zugeschlagen, wieder nimmt er sich eine schweizerische Transportikone vor. Nach seinen Romanen Sisswair und Sopt knöpft er sich diesmal die SBB vor und schüttelt die Schweiz ordentlich durch. So heisst dann sein neuer Roman auch Zeischwerische Dumbesbahn. Der Titel ist Programm: Allemann, ein Wortverdreher aus dem zurzachischen Lengnau, würfelt so eine ganz neue Schweizer Geographie zusammen. Der Zug fährt dann von Rebn über Loten und Ogenherzseebuch nach Rüzich, notabene mit Stellwerkstörung im Dankworf.

Für Knobler sind seine Schüttelworte ein gefundenes Fressen, für die Geschichte selbst eher tranig. Ansonsten ist die Geschichte gut strukturiert, Allemann ist ein Systematiker, wie er im Interview der Lengnauer Gewerbe- und Fischereizeitung verrät. So beschreibt er beispielsweise zuerst nur Bänke und Fenster, dann ganze Abteile und schliesslich Landschaften oder lässt am Anfang vor allem Männer in den Abteilen sitzen und in der zweiten Hälfte Frauen.

Solche Beschreibungen spiegeln sich in seiner Sprache wieder, so wie zum Beispiel im Brückengleichnis: Da donnert der Zug über die Brücke der Avi Lama, während sie endlich über den Abgrund ihrer Liebe hinweg tunselt, oder es brettert die Bahn durch den Nebel des Eselandes, während ein rotes Hemd durch seine Langeweile hanst. Wenn getunselt, genödelt oder gehanst wird, sind wir bei einer weiteren Spezialität allemannischen Sprachschaffens: der Wortschöpfung oder, wie es der Autor gerne ausdrückt, der Wortschröpfung. Ein wenig wie bei Hohlers Totenmügerli erschliesst sich vieles, anderes bleibt im Dunkeln und klumpt dann zäh an der Geschichte: «Schwer betottelt schworkt der Hähner im schwarzen Anzug der Toilette zu, ohne dabei zu borken oder zu knären.»

Wie eine Nadel mit Faden zieht Allemann seine Geschichte durch die Züge der SBB aus den letzten fünfzig Jahren, fädelt dabei allerlei Kurz- bis Mikroepisoden auf und verknüpft sie am Ende zu einer schillernden Kette. Ähnlich einem Road-Movie sprengt die Geschichte durch Zeit und Schweiz, mit ständig wechselnden Figuren und Landschaften, von Coupé zu Coupé, bis sie sich irgendwo am Nuja-Pass im Nieselregel verleiert.

Wolf Allemann
Zeischwerische Dumbesbahn
Lengnau: Krüxi, 2016.
222 Seiten

Verworfene Titel

pehnt_Bibliothek_der_ungeschriebenen_Buecher_cover_webManchmal steht der Titel für die Autoren schon von Anfang an fest, manchmal findet er sich erst ganz am Schluss. Beides hilft jedoch wenig, wenn der Verlag andere Vorstellungen darüber hat, was beim Lesepublikum ankommt und sich gut verkauft.
In der Bibliothek der ungeschriebenen Bücher erzählen 71 Schriftstellerinnen und Schriftsteller von ihren Erfahrungen mit Titeln, die es nicht aufs Cover geschafft haben, oder sie fabulieren über Bücher, die zwar einen verheissungsvollen Titel, aber noch keinen Text haben. Grafiker und Designerinnen zweier Hochschulen haben dafür gesorgt, dass die virtuellen Romane und Projekte wenigstens einen bunten Buchumschlag bekommen. Was zwei befragte Autoren zu ihrer Idee einer «Anthologie der nicht erschienenen Bücher» notieren, passt auch für den fantasievoll gestalteten Band als Ganzes: «Wer geglaubt hat, die Literatur bestehe nur aus veröffentlichten Büchern, wird hier eines Besseren belehrt.» – Daniel Ammann

(Kurzrezension aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 3 (2015): S. 35.)

Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher
Zusammengetragen von Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger. München: Piper, 2014. 223 Seiten.

«Der Wilde Hossten»

Buchcover

Endlich ist der neue Jamic da! Jamic, der im bürgerlichen Leben Johannes Stauffer heisst, sich selber aber James Stoicovic nennt und damit auf seine angeblich bosnischen Wurzeln anspielt, nimmt uns mit auf den Balkan, den «Wilden Hossten».

Damit wären wir auch gleich beim typischen Jamic-Stil, der Verschmelzung und Verballhornung: sei es terminologisch wie im Falle von Bonanzas Hoss und Osten, eben zu Hossten, oder inhaltlich, wenn er in Kusturica-Manier eine Gipsy-Brass-Band auf Winnetou und Old Shatterhand treffen lässt.

In seinen früheren Werken hat er zum Beispiel E. T. auf der Titanic auftreten lassen: E. T. funkt nach Hause, was auf dem Schiff für eine bizarre Hoffnungseuphorie sorgt. Oder er lässt den 1. Weltkrieg durch eine Pestwelle zu Ende bringen. In einem seiner raren Interviews verrät er uns den Grund seines Verschmelzungs-Faibles. Als Kind sei er vom Film-Monster King Kong versus Godzilla so fasziniert war, dass er ihn mindestens 1000 Mal gesehen habe, 250 davon rückwärts und bis heute künstlerisch nicht davon losgekommen.

Mit Der Wilde Hossten gelingt ihm wieder eine Genre-Verschmelzung. Dabei steht dem Buch das surrealistische Moment gut an. Zum Beispiel, wenn Winnetou mit seinem zur Querflöte umgeschnitzten Tomahawk gegen die Brass-Wand von Brogevic andudelt und das Ganze schliesslich in einem infernalen Gegurke endet. Dem Dada setzt dann Sam Hawkens die Krone auf, wenn er mit den Apachen zusammen aus seiner Perücke einen Putzlappen für die Tuba flechtet.

Ein weiteres typisches Jamic-Stilmittel, die Behauptung, mit denen er frühere Geschichten ordentlich gesalzen hat, ist in diesem Buch doch eher zu viel des Guten. So hätte er eigentlich einfach sagen können, Winnetou und Konsorten seien aus einem Karl-May-Film in Kroatien entronnen. Punkt. Stattdessen lässt er Brogevic behaupten, die Indianer stammten ursprünglich aus Kroatien und seien von den Wikingern nach Amerika verschleppt worden, ausser eben Winnetou und seine Apachen. Das überzeugt wenig, und originell ist es auch nicht.

Dazu kommen Jamics hanebüchene historischen Verdrehungen und plumpen Bezüge, mit denen er das Balkangulasch endgültig versalzt: «Brogevic»  ist natürlich eine Anspielung auf Goran Bregovic, damit es auch der Hinterste und Letzte versteht. Muss das sein?! Oder maue Wortkapriolen, wenn er Brogevic immer wieder zu Winnetou sagen lässt: «Winne, tu’ dies, Winne, tu’ das.» Macht nicht wirklich Freude!

Gegen Ende ist dann alles historisch verschwirbelt und die Geschichte derart verstrickt – Old Shatterhand ist nun auf einmal kein Mensch mehr, sondern ein Mechanoid aus Hoxas Albanien, der von den Jelzin persönlich gesteuert wird – dass es nicht mehr zum Dabeisein ist.

Was anfänglich ein heiteres Balkan-Beaten und wildes Hossten war, wird jetzt zum Balkenbiegen in dicker Sosse. Jamic wäre gute beraten gewesen, hätte er nach der Hälfte Schluss gemacht. Die Figuren entgleiten ihm und alles mündet in einer grotesken, wüsten und letztlich auch unmotivierten Publikums- und Autorenbeschimpfung.

Trotzdem, ein Lesegenuss ist der neue Jamic allenthalben, sofern sich die Leser*innen an den guten alten Diätgrundsatz halten: FdH (Friss die Hälfte).

Jamic
Der Wilde Hossten.
Krönlitz: Mandalassie-Verlag, 2015.
1543 Seiten.