In der Blackbox der Herkunft

Wie schreibt man die Lebensgeschichte der Eltern, wenn man wenig über sie weiss? Diese Frage prägt Natascha Wodins autobiografische Romane über ihre Mutter (Sie kam aus Mariupol) und ihren Vater (Irgendwo in diesem Dunkel) steht.

Die Autorin ist Tochter von Zwangsarbeitern im Deutschen Reich, die 1944 aus der Ukraine nach Leipzig kamen, verschleppt oder aus eigenem verzweifeltem Antrieb. Dort arbeiteten sie unter sklavenähnlichen Bedingungen im Rüstungsbetrieb der Firma Flick, 1945 wurde die Tochter Natascha geboren. Nach Kriegsende lebten sie versteckt in einem Fabrikschuppen, dann in einem Displaced-Persons-Camp und später in einer Siedlung für heimatlose Ausländer. Die Mutter nahm sich elf Jahre nach Kriegsende das Leben, der Vater starb über dreissig Jahre später. In der Familie wurde nicht über die Vergangenheit gesprochen. Die Vergangenheit der Eltern, und damit ihre eigene Vergangenheit, war eine grosse Unbekannte, die zum Katalysator für das Schreiben Natascha Wodins wurde: «Immer war es auch sein Schweigen gewesen, gegen das ich angeschrieben hatte.»

«Die längste Zeit meines Lebens hatte ich gar nicht gewusst, dass ich ein Kind von Zwangsarbeitern bin. Niemand hatte es mir gesagt, nicht meine Eltern, nicht die deutsche Umwelt, in deren Erinnerungskultur das Massenphänomen der Zwangsarbeit nicht vorkam. Jahrzehntelang wusste ich nichts von meinem eigenen Leben. Ich wusste nur, dass ich zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war.»

Sie verliert ihre Mutter, als sie 10 Jahre alt ist. Den Selbstmord hatte die Mutter ihrer Tochter längst angekündigt. Danach lebt Natascha Wodin mit ihrer sechs Jahre jüngeren Schwester und dem schweigsamen und äusserst gewalttätigen Vater. «Nie hat er über seine Vergangenheit in der Sowjetunion gesprochen (…) auch meine Mutter hat er nach ihrem Tod kein einziges Mal erwähnt – als hätte sie nie existiert.» Fünf Jahre verbringt sie in einer Klosterschule, während ihr Vater mit einem Kosakenchor in Europa auf Tournee ist.

Als die Autorin 70 Jahre alt ist, tippt sie den Namen ihrer Mutter in eine Suchmaschine des russischen Internets ein, «nicht viel mehr als eine Spielerei». In den Jahrzehnten zuvor hatte sie über verschiedene Wege versucht, etwas über ihre Mutter zu erfahren, umsonst: Sie wusste nichts vom Leben der Mutter in der Ukraine. Völlig unerwartet zeigte die Suchmaschine einen Treffer, wenig später landet sie in einem genealogischen Forum und ein leidenschaftlicher Genealoge nimmt sich der Sache an. Was folgt ist ein detektivisches Meisterstück, das die verborgene Geschichte der Mutter nach und nach ans Licht bringt. Diese Spurensuche in der Vergangenheit liest sich zuweilen wie ein Thriller.

«Mir war ein seltsames Wunder geschehen. Die Blackbox meines Lebens hatte sich in der Neige meiner Jahre geöffnet (…) so hielt ich es jetzt zum ersten Mal in meinem Leben für möglich, dass ich nicht ausserhalb der Menschheitsgeschichte stand, sondern zu ihr gehörte wie jeder andere auch.»

Die Mutter wurde in der ostukrainischen Hafenstadt Mariupol geboren, Tochter einer wohlhabenden Familie, die in der Revolution ihren Besitz verloren hatte. Sie wurde dennoch so erzogen, als würde der Haushalt immer noch von Bediensteten geführt. (Später überforderten sie jegliche häuslichen Arbeiten, ein Defizit, was zu brutalen Wutausbrüchen ihres oft betrunkenen Mannes führte.) Die Familie der Mutter litt nach der Revolution an Hunger, später unter Stalins Terror, dem Zweiten Weltkrieg, der Besetzung durch das Deutsche Reich. Auf die Zwangsarbeit in Leipzig folgten für Natascha Wodins Eltern die äusserst prekären Lebensbedingungen als Menschen zweiter Klasse im Nachkriegsdeutschland, lange mit der Angst lebend, zurück in die Sowjetunion abgeschoben zu werden, wo sie als Kollaborateure und Vaterlandsverräter geächtet oder getötet worden wären.

Natascha Wodin nähert sich ihren Eltern suchend an, und wir werden Zeugen dieser Suchbewegung, sie weiss nicht, sie erinnert sich nicht, sie imaginiert. «Unmöglich, dass ich mich daran erinnere, das Bild muss meiner von späteren Erzählungen inspirierten Phantasie entstammen, und doch ist es mir, als hätte ich es wirklich gesehen, wie durch ein kleines Loch in meinem schwarzen Vorhang. (…) Ob ich es nun wirklich gesehen oder gefunden habe, für mich ist es der Anfang der Welt.» So wird die Verhaftung der Eltern durch die amerikanische Militärpolizei beschrieben, als Natascha Wodin noch im Säuglingsalter war.

Die Lebensumstände der Eltern waren von Gewalt, Ausgrenzung und Unfreiheit geprägt. Sie sind Überlebende, und der Tod ist allgegenwärtig: Die Tochter wünschte sich, dass die Mutter sie mit in den Tod genommen hätte. Als sie selber beinah ertrinkt, als der Vater ihr im reissenden Fluss auf brutalste Art und Weise das Schwimmen beibringen will, trauert sie dem verpassten Tod nach. Dem Vater selbst wünscht sie in zahlreichen Mordphantasien den Tod.

In einer lakonischen und schnörkellosen Sprache, scharf und klar, schreibt sie gegen den Familienfluch an: «Immer seit ich denken konnte, war es ein Fluch für mich gewesen, das Kind meiner Eltern zu sein.» Das Schicksal von Zwangsarbeitern im Deutschen Reich war ein bisher literarisch wenig aufgearbeiteter Stoff. Mit ihrem Werk fügt Natascha Wodin den autobiografischen Romanen über die monströsen Verbrechen der NS-Diktatur von Imre Kertesz, Ruth Klüger und Primo Levi ein neues Kapitel hinzu. Und auch in ihren Romanen zeigt sich die Tragik nach der Befreiung: Die Unteilbarkeit des Erlebten, das Trauma wiegt zu schwer, als dass das neue Leben als Freiheit empfunden werden könnte. «Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe», das ist der «Kehrreim», den sie als Kind von ihrer Mutter gehört hatte.

Natascha Wodin wurde 1945 als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth/Bayern geboren. Auf ihr Romandebüt Die gläserne Stadt folgten etliche Veröffentlichungen, darunter die Romane Die Ehe und Nachtgeschwister. Für Sie kam aus Mariupol wurde sie mit dem Alfred-Döblin-Preis, dem Preis der Leipziger Buchmesse und dem August-Graf-von-Platen-Preis ausgezeichnet. Natascha Wodin lebt in Berlin und Mecklenburg.

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Natascha Wodin. Irgendwo in diesem Dunkel.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2018. 239 Seiten.

Natascha Wodin. Sie kam aus Mariupol. 3. Aufl.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2018. 367 Seiten.

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