Lesen – Schreiben – Lernen

Lesen und Schreiben sind Werkzeuge des Lernens, werden als solche aber immer noch zu wenig für das Fachlernen im Unterricht eingesetzt. Das gilt nicht nur für den Muttersprachenunterricht, sondern auch für andere Fächer bzw. Fachgruppen mit jeweils spezifischen Anforderungen an das Lesen und Schreiben.

In seinem neuen Buch (Beltz, 2021) widmet sich Maik Philipp, Professor für Deutschdidaktik und Mitarbeiter des Schreibzentrums, dem Potenzial der Schriftsprache für den Fachunterricht. Zentrale, empirisch überprüfte Prinzipien des Umgangs mit Texten werden im Kontext des Fachlernens dargestellt und systematisch und praxisnah aufbereitet .

Durch die strikte Ausrichtung an Prinzipien – und damit einer für den deutschen Buchmarkt untypischen Herangehensweise – wird eine hohe Praxisnähe gewährleistet – kurze Theoriebezüge und ihre unterrichtsnahe Aufbereitung werden anhand konkreter Beispiele veranschaulicht.

Haben die Musen ausgedient?

Woher nehmen Schriftsteller:innen eigentlich ihre Einfälle? – In seinem Essay in der Neuen Zürcher Zeitung (6.2.2021, S. 37) geht Daniel Ammann dieser Frage auf den Grund. Unter dem Titel «Die beste Idee kommt in der Badewanne» lässt er Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, aber auch Forscher:innen, die sich aus wissenschaftlicher Sicht mit künstlerischer Inspiration, Kreativität und Erfolg befassen.

War sie Charles Dickens’ Muse? Er selbst beschrieb sein Tagwerk nüchterner: Um sieben nehme er ein kaltes Bad, dann schufte er bis drei Uhr nachmittags. (Felicity Jones als Nelly Ternan, Filmstill aus dem «The Invisible Woman») – Imago (NZZ)

nzz.ch/feuilleton/kreativitaet-woher-kommen-die-besten-ideen-so-antworten-profis-ld.1594063

For there is always poetry

… if only we are brave enough to write it.1

Das Inaugurationsgedicht von Amanda Gorman

We are striving to forge our union with purpose.
To compose a country committed to all cultures, colors, characters, and conditions of man.
And so we lift our gaze, not to what stands between us,
but what stands before us.
We close the divide because we know to put our future first,
we must first put our differences aside.

Aus: «The Hill We Climb» von Amanda Gorman

Welchen Stellenwert haben Gedichte in unserer Gesellschaft? Lustige Gedichte auf Hochzeiten, die sich reimen? Klassische Gedichte in Schulbüchern? Rap Lyrics auf den Handys jugendlicher Hip-Hop-Fans?

«The Hill We Climb» von Amanda Gorman – zur Amtseinführung von Joe Biden am 20. Januar 2021 rezitiert – macht deutlich, dass Gedichte kein Schattendasein fristen müssten.

Ihr Gedicht bringt Hoffnung zum Ausdruck. Hoffnung, die viele Menschen in den USA und auf der ganzen Welt in Anbetracht des Machtwechsels empfinden.

Ihr Gedicht bringt das Ideal einer heilenden, vereinteren Gesellschaft zum Ausdruck, in der Verschiedenheit respektiert wird und in der demokratische Werte gelebt und verteidigt werden: «But while democracy can be periodically delayed, it can never be permanently defeated.»

Sie adressiert ihr Gedicht mit den Worten «Mr. President, Dr. Biden, Madam Vice-President, Mr. Amhoff, Americans and the world» und betont damit die globale Relevanz ihrer Worte. Rechtspopulismus stellt ein Problem dar, das die USA mit vielen Ländern der Erde teilen. Der Begriff «Trumpismus» suggeriert zu Unrecht einen länder- und personen­spezifischen Problemkomplex und wird der globalen Bedeutung nicht gerecht. «The Hill We Climb» kann also auch viele Menschen ausserhalb der USA trösten und motivieren, deren Gesellschaften gespalten und deren Demokratien bedroht sind.

Nochmals die Frage: Welchen Stellenwert haben Gedichte in unserer Gesellschaft? Und: Welchen Stellenwert haben Gedichte an unserer Hochschule?

Eine längere Tradition haben die Schreibwettbewerbe des Schreibzentrums, 2021 zum Thema «Spiel mir das Lied».

Möglicherweise könnten gesellschaftliche Ereignisse wie die Rezitation von Amanda Gorman einem etwas vernachlässigten Textgenre zu neuer Bedeutung verhelfen.

1      In Anlehnung an Amanda Gormans Zeilen: «For there is always light (…) If only we’re brave enough to be it.»

Peter Holzwarth ist Dozent für Medienbildung und Mitarbeiter des Schreibzentrums.

Zuhause, und du?

Zuhause waren wir dieses Jahr oft. Keine schlechte Sache, wenn man mich fragt. Ich geniesse es, zuhause zu sein: Kein Gedränge in den Zügen während der Stosszeiten, Zeit zu kochen, ein Nickerchen über Mittag, Freizeitkleidung während der Arbeit, um nur einige Vorteile zu nennen.

Tutorin Antonia Rakita
(Illustration: Elisabeth Moch)

Das Zuhause als düsteren Ort der Einsamkeit zu betiteln, entspricht deshalb nicht meiner Vorstellung. Nach meinem Verständnis hat Zuhause das Potenzial zu weit Grösserem. Es ist nicht nur ein Ort, an dem man abends todmüde ins Bett fällt, nur um am nächsten Tag genau dasselbe Spiel zu wiederholen. Hierfür sind die Mieten in der Regel viel zu hoch. Zuhause sollte ein Ort sein, wo man Freude und Leid teilen kann, auf den man sich nach einem langen Arbeitstag freut, wo gutes Essen zubereitet wird, wo geteilt, gelacht, herumgealbert wird, und das Wichtigste, wo man seinen Platz gefunden hat.

Mein Zuhause ist aber keineswegs eine Festung des Glücks, die ich nie verlasse. Nein, mein Zuhause ist der Ort, der mir Kraft und Freude gibt, welche ich in meinem zweiten Zuhause, der PH und der Schule, mit meinen Mitkommilitonen und Mitkommilitoninnen sowie Schülerinnen und Schülern teile.

Alles in allem ist Zuhause verbunden mit Gefühlen, mit glücklichen Momenten und Erinnerungen. Und das Beste ist, dass man die Möglichkeit hat, sein Zuhause, dort wo das private Leben beginnt, zu gestalten, dabei spielt die Grösse des Hauses oder der Wohnung keine Rolle. Man ist in der Lage, sich seinen Glücksort zu schaffen, ohne weit verreisen zu müssen.

Meine Vorstellung von Zuhause kommt in dieser Kolumne deutlich zum Vorschein, deshalb drehe ich den Spiess um und frage dich, lieber Leser und liebe Leserin:

Was bedeutet Zuhause für dich?

Antonia Rakita studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutorin im Schreibzentrum.
Der Text ist erschienen als Kolumne im Magazin für die Mitarbeitenden der PH Zürich, inside 1/2020, S. 21.

«Mein Vater kehrte nach Hause zurück, ich wanderte aus»

Jagt sie weg! Die Schwarzenbach-Initiative und die italienischen Migranten. (Orell Füssli, 2020)

In seinem halb autobiografischen, halb historischen Buch Jagt sie weg! erzählt Concetto Vecchio von seinen Eltern, armutsbetroffenen Sizilianern und von weiteren Migranten, die in den 1960er-Jahren ein besseres Leben in der Schweiz suchten, aber auf unverhohlenen Fremdenhass stiessen, als Arbeitskräfte ausgebeutet und als Menschen ausgegrenzt wurden.
Schreib­zentrums­mitarbeiter Erik Altorfer stellt das Buch in seinem Akzente-Medientipp ausführlich vor und blickt zurück auf die Situation der Saisonniers in den ausgehenden 1960er-Jahren.

Unsoziale Medien

Das Dilemma mit den
sozialen Medien. (Netflix, 2020)

Lassen wir mit der Verbreitung und Nutzung von Social Media zu, dass unser gesellschaftlicher Zusammenhalt kaputtgeht, dass wir manipuliert werden, dass wir süchtig oder depressiv werden?
Mit diesen Fragen setzt sich das kritische Dokudrama «The Social Dilemma» (Netflix, 2020) auseinander. Schreibzentrumsmitarbeiter und Medienpädagoge Peter Holzwarth stellt den Film in seinem Akzente-Medientipp kurz vor.

Wenn Grossmutter vergesslich wird

Auch Kinder und Jugendliche kommen im Alltag mit Demenzkranken in Berührung. Wie muss es sich anfühlen, wenn man allmählich den Verstand verliert? Davon erzählen Autorinnen und Autoren wie Jenny Downham, Tamara Bos und Allan Stratton. In ihren eindrücklichen Geschichten greifen sie zwar das schwierige Thema Alzheimer auf, rücken dabei aber die komplizenhaften Beziehungen zwischen betroffenen Grossmüttern und ihren mutigen Enkelinnen ins Zentrum. Das ist Lesestoff für jedes Alter.
In seinem Beitrag «Grossmutters löchriges Gedächtnis» (Neue Zürcher Zeitung 19.12.2020, S. 39) wirft Daniel Ammann einen Blick in aktuelle Bilderbücher und Jugendromane, die sich mit Demenz befassen.

Plötzlich passen die verschiedenen Bruchstücke des Wissens nicht mehr zusammen. Die Puzzleteile ergeben das Bild eines Gehirns.
Simon Tanner / NZZ

Frauke Angel und Stephanie Brittnacher: Oma Kuckuck. Aachen: Edition Pastorplatz, 2020. 34 Seiten. Ab 5 Jahren.

Maja Gerber-Hess: Als Oma noch Tango tanzte. Mit Illustrationen von Nicole Lang. Glarus: Baeschlin, 2013. 104 Seiten. Ab 8 Jahren.

Jenny Downham: Obwohl es dir das Herz zerreisst. Aus dem Englischen von Astrid Arz. München: cbt, 2017. 480 Seiten. Ab 14 Jahren.

Tamara Bos: Romys Salon. Mit Vignetten von Petra Baan. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Hildesheim: Gerstenberg, 2018, 192 Seiten.
Verfilmung: Romys Salon. Deutschland/Niederlande 2019. Regie: Mischa Kamp. Drehbuch: Tamara Bos. / DVD 2020.

Allan Stratton: Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause. Aus dem Englischen von Manuela Knetsch. München: Hanser, 2020. 256 Seiten.
Orig. The Way Back Home. Toronto: Scholastic Canada, 2017. 264 Seiten.

Wer hat das Zeug zum Schreibgenie?

In der «Seitenblick»-Kolumne von Akzente (Heft 4/2020, S. 9) fragt sich Schreibberater und Zentrumsleiter Alex Rickert diesmal, was es mit den Schreibgenies eigentlich auf sich hat. Liegt das Talent schon in den Genen, braucht es für Schreibkompetenz einen hohen IQ oder muss man sich einfach mehr Mühe geben und viel üben, um Herausragendes zu leisten?

Leselisten ohne Ende

Was soll man bloss lesen?, fragt sich Daniel Ammann in seinem Akzente-Medientipp und konsultiert drei Bücher, die sich mit dem literarischen Kanon beschäftigen, persönliche Empfehlungen aussprechen, aber auch einen kritischen Blick auf den unüberschaubaren Buchmarkt und die vielen Literaturpreise werfen.

Die Sprache des Kriegs schwitzt die Angst

Im Fallen lernt die Feder fliegen, Usama Al Shahmanis zweiter Roman, erschien im Spätsommer 2020. Anlässlich der Studienwoche Migration Inland las der Autor an der PH aus seinem ersten Werk In der Fremde sprechen die Bäume arabisch und sprach anschliessend mit Erik Altorfer. Hier veröffentlichen wir Auszüge aus diesem Gespräch.

Deutsch als literarische Sprache

«Ich geniesse in der deutschen Sprache die Freiheit, ich geniesse es, nicht darüber nachdenken zu müssen, was die Folgen des Geschriebenen sein könnten. Im arabischen Kontext wirkt der Kritiker in mir sehr stark –  das macht die Räume für mich enger. Dazu kommt die Beziehung der Sprache zum Inhalt. Die deutsche Sprache ermöglicht mir, eine Distanz zum Gegenstand aufzubauen. Ich schreibe über Dinge, die mich berühren, aber durch die deutsche Sprache bildet sich eine dünne Folie zwischen mir und dem Geschehen. Und doch ist es manchmal schwierig: alles spielt in meinem Denkraum, meinem Wahrnehmungsraum und trägt aber eine andere Sprache. Oft sind die Gefühle nicht transportierbar – in einer anderen Sprache können sie nicht repräsentiert werden. […]»

Die Sprache des Krieges

«Der Krieg hat die Sprache verstümmelt, er hat sie gelähmt. Der Krieg reduziert das Vokabular einer Sprache und verändert ihre Semantik. Ich kann mit Leuten über Krieg sprechen, und sie können sich den Krieg vorstellen. Aber wenn man den Krieg erlebt hat und ein Wort im Krieg benutzt wurde – was man gesehen hat, was man hautnah gespürt hat – dann hat das Wort eine andere Farbe. Das Licht der Sätze, des Geschilderten bricht anders, die Sprache schwitzt die Angst, die man hatte. […]

Manchmal versuche ich, meine literarische Sprache von dieser Sprache des Krieges zu entfernen, aber es gelingt mir nicht immer. Ich rutsche ständig in diese unangenehme Atmosphäre. Für mich als Autor beim Schreiben und für die Leserschaft ist das unangenehm. Aber es ist die literarische Verarbeitung einer Erfahrung. Es gibt nichts Schöneres als die Literatur: diese Erfahrungen sprachlich zu bekleiden, Figuren zu schaffen und die Erfahrungen so in der Literatur zu verewigen. Das sind unsere Geschichten. Die Geschichten der Menschen. […]»

Die Flucht

«Die Flucht ist keine Wahl. Flucht ist eine Reaktion, keine Aktion. Man reagiert auf die Tatsache, dass man sein Leben retten muss. Ohne Plan, es spielen Schicksal, Vernunft und Beziehungen mit. Im Krieg ist der Zufall der Herr des Augenblicks. Es ist Zufall, dass man diese Strasse nimmt und nicht die andere. Auf der einen stirbt man, auf der anderen wird man gerettet. […]

Ich habe die Flucht nicht geplant. Ich war ein ganz normaler Doktorand und Autor und beschäftigte mich mit Literatur. Ich war einfach lebendig. Nach der Aufführung eines meiner Theaterstücke an der Universität wurden wir vom Geheimdienst gesucht, zwei Kollegen aus der Theaterproduktion wurden festgenommen. Ich musste darauf reagieren. Ich hatte die Wahl, an die Uni zu gehen und verhaftet zu werden oder zu fliehen. Ich habe mich entschieden. Ich verliess die Stadt und dann begann der ganze Prozess der Flucht. […]

Im Exil denkt man jeden Tag an die Rückkehr. Dieser Gedanke ist unabschaffbar. Es ist eine ständige Zerrissenheit. In meinen Büchern sind die Figuren zwar in der Schweiz, aber ihre Gedanken und ihr Erleben wirken so, als wären sie im Irak: eine ständige Rückkehr, eine ständige Spaltung. […]»

Akzente-Medientipps zu Usama Al Shahmanis Romanen Im Fallen lernt die Feder fliegen und In der Fremde sprechen die Bäume arabisch.