Duft der grossen weiten …

Neue Wohnung, neues Glück: Hastig noch schnell in den Laden, ein paar Putzmittel beliebig. Dann – zurück, Stunden später – die erste schmutzige Tasse. Und da trifft es mich. Wie nur etwas dich treffen kann, das dir langsam in die Nase kriecht und sich in deinem Gehirn erst neblig verbreiten muss, ehe es – kritische Masse – auf einen Schlag seine Wirkung tut.

Aber wonach riecht es?

Fernes Land, Meer und Sonne – klar. Ein viel zu teurer Ferienkomplex. Mutter unwohl: Nichts kaputt! Vater genervt: Man darf doch wohl! Streit im Flur. Uns Kindern egal: Wir lieben den Zitronenduft. Im Frottee aus der Hotelwäscherei umschlingt er behütend unsere sandigen Körper, während wir Gelati lutschen.

(© Foto: Peter A. Kaiser)

Schon alles?

Vater vermag eine der Fünfzimmer. Zwei davon auf unserer Etage. Oben – Attika – wohnen nur die Nachbarn: Das Marmorbad war aber nicht inklusive, mussten sie selbst! Mutter nickt.

Einzelsohn, dumpf und dicklich, mein Schulfreund: Kein schlechter.

Spielen nur in dieser Welt oder der andern. Bald nie bei ihm. Denn wo es so lockend nach Ägypten riecht, Geheimnis und Abenteuer, nach Aufbruch und Werden, der grossen weiten …, da gilt: Nichts anfassen, Schuhe aus, Perser! Dafür ist es bei uns wohnlicher, sagt Mama, und man darf auch mal.

Darum dieser Schmerz?

Einmal, zwei Sommer lang, als ich Teenager war und noch nicht wusste, wo ich hingehöre, habe ich einen Augenblick voll und ganz in diesem Zitronenduft gelebt. Meine erste Freundin roch so. Ihre Eltern waren gar nicht mal reich und äusserst sozial. Ich durfte bei ihnen übernachten. Das Einfamilienhaus stand mitten im gelben Korn. Jeden Tag – Julihitze – sind wir Hand in Hand durch die Felder und haben von der Zukunft gesprochen. Sie fand mich klug, sah mich an der Uni. Ich unterstützte sie in Heilpädagogik. Ihre Mutter – katholisch-liberal – mochte mich, bat aber um eins: Kinder erst nach der Rekrutenschule!

Aber dann wollte ich plötzlich nicht mehr studieren, fand das Militär nicht mehr toll und begann zu rauchen. Und auf einmal war er weg, der Zitronenduft. Und ich wusste, wo ich hingehöre.

Danach dann für Jahrzehnte die Hausmarke eines grossen Detaillisten. War mir auch egal.

Keine Kinder. Das nicht: Egal.

Und jetzt?

Freu ich mich über meine Wohnung. Kaufe Lavendel, Orange, Sandelholz und gleich nachher mach ich mich auf ins Reisebüro. Und sage mir – auch wenn ich denk, dass ich lüge: So alt bist du doch gar noch nicht …!

Peter A. Kaiser studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.