Die Stille

Nadia Gsell

Foto: Dorell Tibbs (Unsplash)

Es war zuerst das Summen: oder mehr, das Fehlen des Summens.

Das Summen, das man immer hörte, vom Kühlschrank, irgendein elektrisches Summen, wenn alles still war.

Doch es verschwand.

Eine ungemütliche, fast unaushaltbare Stille legte sich in den Raum.

Panik machte sich in mir breit.

Mit schnell rasendem Puls greife ich zum Telefon und versuche laute Musik zu starten.

Doch kein Laut entflieht dem Summen des Geräts.

Mir wird flau im Magen und ich versuche mich stützend an der Wand den Weg an die frische Luft zu finden.

Auch draussen, es ist still.

Ich sehe meine Nachbarin mit einem Lächeln, wie jeden Tag um 11.30, ihre Blumen giessen.

Das Plätschern auf die Erde, so ein bekanntes Geräusch.

Es ist verschwunden.

Die Stille scheint mich zu verschlingen.

Mein Körper fängt an zu zittern, ich drehe mich um und sehe einen Umschlag auf meiner Veranda.

«Hör genau hin. Es hat nie aufgehört»

Mein Herz rast. Ich halte die Luft an und lausche.

Da war es.

Tief vibrierend wie ein Schlag, der unter der Oberfläche der Stille lag. Und es kam näher.

Die Stille war zu Ende und es blieb nur noch die Angst.

Humanoide Roboter als Lebenspartnerinnen und Lebenspartner?

Der Spielfilm „Ich bin dein Mensch“ (Maria Schrader, Deutschland, 2021) stellt die Frage nach einem möglichen Leben mit humanoiden Robotern als Lebenspartner in der nahen Zukunft.

Der komplette Film zum Anschauen auf YouTube

Alma, eine alleinstehende Wissenschaftlerin in Berlin bekommt den Auftrag, drei Wochen mit einem auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Prototypen zusammenzuleben und ein Gutachten zu schreiben, das bei der Entscheidung über die Markteinführung aus ethischer Perspektive mithelfen soll.

Der Film lädt dazu ein über das Menschsein allgemein nachzudenken und über die Frage, ob wir es begrüssen würden, in einer Welt zu leben, in der Beziehungen zu Maschinen Normalität geworden sind.

Am Ende kommt Alma in ihrem Bericht zu folgender Einschätzung:

„Die Geschichte der Menschheit ist voll von vermeintlichen Verbesserungen, deren schwerwiegende Folgen sich erst Jahre, Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte später ins Bewusstsein drängen. Nach den Erfahrungen, die ich mit einem humanoiden Roboter namens Tom gemacht habe, kann ich mit aller Klarheit sagen, dass es sich hier beim Roboter der den Ehemann oder die Ehefrau ersetzen soll, um eine solche vermeintliche Verbesserung handelt.  Ohne Zweifel kann einer auf die eigenen Vorlieben angepasster humanoider Roboter einen Partner nicht nur ersetzen, er scheint sogar der bessere Partner zu sein. Er erfüllt unsere Sehnsüchte, er befriedigt unser Verlangen und eliminiert das Gefühl alleine zu sein. Er macht uns glücklich. Und was kann schon schlecht daran sein, glücklich zu sein. (…)

Doch ist der Mensch wirklich gemacht für eine Befriedigung seiner Bedürfnisse, die per Bestellung zu haben ist? Sind nicht gerade die unerfüllte Sehnsucht, die Fantasie und das ewige Streben nach Glück die Quelle dessen, was uns zu Menschen macht? Wenn wir die Humanoiden als Ehepartner zulassen, schaffen wir eine Gesellschaft von Abhängigen, satt und müde von der permanenten Erfüllung ihrer Bedürfnisse und der abrufbaren Bestätigung ihrer eigenen Person. Was wäre dann noch der Antrieb sich mit herkömmlichen Individuen zu konfrontieren, sich selbst hinterfragen zu müssen, Konflikte auszuhalten sich zu verändern?  Es stehe zu befürchten, dass jeder, der länger mit einem Humanoiden gelebt hat, unfähig sein wird zum normalen menschlichen Kontakt. Von der Zulassung Humanoider als Lebenspartner rate ich mit großer Entschiedenheit ab.“

Weitere Themen im Film:

  • Umgang mit verpassten Chancen im Leben (z. B. Mutterschaft)
  • Umgang mit dem Alleinsein im Alter aufgrund von Kinderlosigkeit
  • Umgang mit Einsamkeit aufgrund von Unattraktivität
  • Betreuung von Eltern, die an Demenz erkrankt sind
  • Umgang mit Misserfolg in wissenschaftlichen Kontexten
  • kulturelle Bedeutung von „Fail-Videos“ im Leben von Menschen
  • Bedeutung von Lyrik und Kunst in der Geschichte der Menschheit
  • Ambivalenz im Spannungsfeld von kontrollierbarer Wunscherfüllung und Lust an unkontrollierbarer Wunscherfüllung
  • Ist die partielle Unerreichbarkeit und Unverfügbarkeit von Wunscherfüllung und Glück programmierbar?
  • Kann man selbst Publikum für seine eigene Performance sein? Zählt ein Roboter als Publikum?
  • Müssten humaniode Roboter früher oder später menschenähnliche Rechte und Pflichten bekommen?
  • Wie würde sich die Menschheit reproduzieren, wenn Menschen nur noch mit humanoiden Robotern Sex haben?
  • Kann man sich in einen humanoiden Roboter verlieben?

Diskurse zum Film:

„Liebe in Zeiten von Robotern und KI | Talk zu „Ich bin dein Mensch“ | Science meets Fiction“: https://youtu.be/ZZ_JTqVUVkM?si=Ul4rN45tKdcRdOYd

„Maria Schrader ICH BIN DEIN MENSCH Q&A deutsch / Berlinale 2021“: https://youtu.be/fxtlUt7IY8M?si=O-JblJWxHNB1biOS

„“Ich bin dein Mensch“ – ein raffinierter Werbefilm für den Transhumanismus“: https://youtu.be/97GYOK1dXJA?si=iPMZKHXBFUzLRalI

Peter Stamm an der PHZH: „Schreiben für Kinder und Erwachsene – zwei Welten, eine Sprache“

Am 16.12.2024 war der bekannte Schweizer Schriftsteller Peter Stamm zu Gast an der Pädagogischen Hochschule Zürich, eingeladen von der Fachgruppe Didaktiken Sprachen.

Seine Gesprächspartner waren Dorothee Hesse-Hoerstrup, Dozentin für Deutsch und Kinderbuchautorin, sowie Stefan Schröter, ebenfalls Dozent für Deutsch und von 2020 bis 2023 Jurymitglied des Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreises. Moderiert wurde der Anlass von Saskia Waibel, Dozentin für Deutsch und Bereichsleiterin Deutsch/Deutsch als Zweitsprache.

Peter Stamm las unter anderem aus seinem Kinderbuch „Otto von Irgendwas“ und fesselte das Publikum sogleich.

Im Gespräch mit dem Autor ging es unter anderem um intertextuelle Bezüge zwischen seinen Werken und um die Frage, ob in seinen Kinderbüchern bestimmte Werte vermittelt werden sollen. Auch das Thema Text-Bildverhältnis wurde berührt.

Netflix-Dokumentarfilm „Buy Now! The Shopping Conspiracy“

Der Dokumentarfilm Buy Now! The Shopping Conspiracy thematisiert mediale Beeinflussungsstategien für Produktkäufe, das Prinzip der Profitmaximierung, den Überfluss von Waren, geplante Obsoleszenz (Geräte werden so gebaut, dass sie nach einer bestimmten Zeit neu gekauft werden müssen) , absichtliche Verhinderung von Reparaturen, den Umgang mit Müll, der die Umwelt verschmutzt, Kleidermüll und Medienschrottprobleme in Ländern wie Ghana und eine mögliche Verantwortung der Firmen für den ganzen Zyklus bis zur Entsorgung.

Es kommen Personen zu Wort, die bei Firmen wie Adidas und Amazon für Gewinnmaximierung zuständig waren, ebenso weitere Aktivistinnen und Aktivisten. KI-generierte Filmsequenzen von müllverstopften Städten wie Paris oder Sydney wechseln sich mit dokumentarischen Sequenzen ab, in denen vermüllte Strände in Ghana zu sehen sind oder Arbeiterinnen und Arbeiter, die unter prekären Gesundheitsverhältnissen unseren Elektroschrott auschlachten.

Zu Anlässen wie „Black Friday“ oder „Weihnachten“ lohnt es sich, über den Sinn des eigenen Kaufens nachzudenken und sich über die Auswirkungen zu informieren.

Trailer zum Film:

SRF Kids News: Wie der Schnäppchenwahn unserer Umwelt schadet

Trotz Neuregelung: Amazon vernichtet Neuwaren | Panorama

Retouren für den Müll – Frontal 21 | ZDF

PH goes Poetry Nr. 8 – Rückblick

Kim Moser

Im Gegensatz zum diesjährigen Thema des Schreibwettbewerbs «Adumbatten», «Vergebens», «Invano» war der Besuch der Nacht der Nächte, dem Finale von PH goes Poetry, alles andere als vergebens. Die acht Finalist:innen präsentierten an diesem Abend eindrucksvoll ihre Texte zum vorgegebenen Thema im Rahmen des achten Poetry Slam-Finales. Wie üblich – bewährte Traditionen bewahrt man am besten – wurde im Vorfeld in zwei Jurysitzungen, je eine in Chur und Zürich, eine Vorauswahl der Finaltexte getroffen. Im Rahmen von Kafi Schnauz x PH goes Poetry gaben die talentierten Autor:innen ihre Werke zum Besten und das Publikum vergab nach angeregten Diskussionen jeweils gruppenweise Punkte.

Moderiert wurde der diesjährige Schreibwettbewerb von Rahel Fink und Joël Perrin, beide selbst erfahrene Slamer:innen. Um das Publikum auf das Slam-Finale einzustimmen, trug Rahel Fink einen eigenen, nigelnagelneuen Text vor, dem die Zuschauer:innen gebannt lauschten. Dann ging es los.

Eindrücke vom Poetry-Slam Finale 2024

An diesem Abend voller Höhepunkte kürte das Publikum schliesslich die Sieger:innen des diesjährigen PH goes Poetry. Für ihren Text «S’ sind die kleinen Dinge im Leben» erhielt Flurina Kunz von den Zuhörer:innen die höchste Punktzahl und sicherte sich so den ersten Platz. Ebenso überzeugten die beiden Autorinnen Alessia Castelli und Milena Felix aus dem Kanton Graubünden, die sich mit ihren Texten «Invano» und «Meis maisin da not» den zweiten Platz teilten. Die drei Gewinnerinnen widerspiegeln damit die sprachliche Vielfalt, die den Schreibwettbewerb der PHZH in Zusammenarbeit mit der PHGR so einzigartig macht. Eine Erkenntnis, die bleibt: Gelesene Texte müssen nicht unbedingt verstanden werden, um ihre Wirkung zu entfalten.

Flurina Kunz, Alessia Castelli und Milena Felix (Foto: Peter Holzwarth)

Flurina Kunz

Alessia Castelli

Milena Felix

Wenn wir nun in die Zukunft blicken, sehen wir am Horizont bereits das neue Thema der neunten Auflage des PH-Schreibwettbewerbs: «Was uns bleibt», «Ouai ch’ans resta» «Che cosa ci rimane». Daher der Aufruf an euch: Schnappt euch Stift und Papier oder euren Computer, bringt die Tinte aufs Papier oder haut in die Tasten, damit ihr uns im Frühjahr 2025 eure Texte einreichen könnt (weitere Informationen zur neunten Auflage des Schreibwettbewerbs findet ihr hier).


Impressionen Schreibnacht Lernforum 2024

Die diesjährige Veranstaltung der Lernforums stand unter dem Motto „Neue Formen des Schreibens mit und ohne KI“. Alex Rickert (Dozent und Leiter des Schreibzentrums) moderierte ein spannendes Podiumsgespräch zum Thema, es diskutierten Saskia Waibel (Dozentin und Bereichsleiterin Primarstufe Deutsch ), Julia Steube (Projektmitarbeiterin «Digital Literacy in University Contexts»), Yves Furer (Dozent), David Gavin (Dozent) und Flurina Kunz (Studentin und Tutorin im Schreibzentrum). Besonders wertvoll war, dass im Austausch Perspektiven von Dozierenden und Studierenden zusammengeführt werden konnten.

Im Anschluss lud Erik Altorfer die Teilnehmenden ein, sich an einem innovativen experimentellen Kollektivschreibprojekt zu beteiligen.

Organisiert wurde der Anlass von Martina Meienberg.

Beitrag zum Thema KI und Schreiben auf dem Lifelong Learning Blog der PH Zürich:

Rickert, Alex. 2024. Ki als Ghost, Partner oder Tutor. Lifelong Learning Blog. Anregungen für Lehrende an Hochschulen und in der Berufsbildung. Pädagogische Hochschule Zürich. https://blog.phzh.ch/zhe/wissenschaftliches-schreiben-ki-als-ghost-partner-oder-tutor/

«Bucketlists» oder «Löffellisten» als Impuls für reflexive Schreibprozesse?

Peter Holzwarth

„Die andern fragen sich in der Lebensmitte eher, was aus ihren einstigen Plänen, die sie in jungen Jahren geschmiedet haben, geworden ist, und hadern mit der Vergänglichkeit, weil sich mit ihr die Möglichkeitsfenster langsam, aber sicher zu schliessen beginnen.“ (Bleisch 2024, S.  45)

„Mit der Stimme der Kraniche hallte in mir die traurige Botschaft wider, daß dieses Leben für jeden Menschen nur einmalig ist, es kein weiteres gibt, und daß man alles, was man genießen kann, nur auf Erden genießt. Es vergeht schnell, und es bietet sich uns bis in alle Ewigkeit keine andere Gelegenheit.“ (Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas)

«To kick the bucket» oder «Den Löffel abgeben» – beide Redewendungen beziehen sich auf den Tod. Bucketlists oder Löffellisten enthalten Dinge, die ein Mensch vor dem Tod noch erleben oder lernen will.  Solche Listen können nach Lebensbereichen strukturiert werden, zum Beispiel Reisen, Beziehungen & Familie, Sport & Fitness, Finanzen, Beruf & Karriere, Erlebnisse & Abendteuer, Soziales Engagement, Fähigkeiten & Skills (vgl. Mara Pairan: https://www.marapairan.de/ideen-fuer-deine-bucketlist/)

Welche Chancen und Risiken sind mit dem Erstellen solcher Listen potenziell verbunden?

Eine Bucketlist könnte im negativen Sinn wie eine To-do-Liste aus der Arbeitswelt gehandhabt werden. Wichtige Lebensziele sollten jedoch nicht in einer Haltung des Abarbeiten-Müssens angegangen werden. Eine Liste mit Lebenszielen sollte nicht Stress erzeugen und ein Gefühl von Torschlusspanik. Der Philosoph Wilhelm Schmid spricht in ähnlichen Zusammenhängen von «Glücksstress» (2012, S. 64).

Ein weiteres mögliches Missverständnis könnte darin bestehen, dass möglichst viele spektakuläre und prestigeträchtige Erlebnisse aneinandergereiht werden sollten, zum Beispiel der Hubschrauberflug, das Wochenende in Dubai, die Übernachtung in einem Luxushotel, die Wüstendurchquerung oder der Fallschirmsprung.

Eine Löffelliste kann singuläre Erlebnisse enthalten, die abgehakt werden können, aber auch prozessorientierte Aspekte wie eine Sprache lernen, Zeichnen lernen, sich selbst besser kennen lernen, eine Entspannungsmethode lernen und regelmässig im Alltag anwenden.

Im positiven Sinn kann eine Löffelliste einem Menschen helfen wichtige Lebensziele im Blick zu behalten, auch kann sie Antworten liefern auf Fragen wie «Was ist mir wichtig im Leben?»,  «Was möchte ich (noch) erleben und mit wem?» oder «Was soll nach meinem Tod bleiben?».

Eine Lebenszielliste könnte im besten Fall helfen zu vermeiden, dass man wichtige Aspekte immer nach hinten verschiebt («Wenn ich mal nicht mehr arbeite und Zeit habe.», «Wenn die Kinder aus dem Haus sind.», «Wenn mal die Schulden abgezahlt sind.») und am Ende keine Zeit mehr bleibt oder gesundheitliche Einschränkungen einen Strich durch die Rechnung machen. Die Psychologin Alexandra Freund (2020) nennt dieses Phänomen den «bucket list effect».

Ist die Liste einmal erstellt können folgende Reflexionsfragen hilfreich sein:

  • Möchte ich es in erster Linie für mich oder geht es vor allem um die Anerkennung und Bewunderung anderer?
  • Wie ist die Balance von Einzelaktivitäten und prozessbezogenen Aspekten?
  • In welchem Verhältnis stehen Ziele, die auf die Einzelperson bezogen sind zu Dingen, die andere Menschen involvieren?
  • Wie wichtig sind mir Lebensziele, die damit zu tun haben, etwas über den Tod hinaus zu hinterlassen (z. B. ein Buch schreiben, eine Stiftung gründen, einem anderen Menschen Kompetenzen auf den Weg mitgeben, ein Kind haben, eine NGO im Testament bedenken?)
  • Welche Ziele kann ich eigenständig und mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen umsetzen, welche sind ausserhalb meines Einflussbereichs oder nur bedingt beeinflussbar?

Eine gut reflektierte Lebenszielliste kann unter Umständen helfen, ein erfülltes Leben zu führen, so dass am Ende des Lebens am Totenbett weniger Lebensentscheidungen bereut werden müssen (vgl. «5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen», Ware 2013; Bleisch 2024).

Literatur:

Bleisch, Barbara. 2024. Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre. München: Hanser.

Freund, Alexandra. 2020. “The bucket list effect. Why leisure goals are often deferred until retirement.” In: American Psychologist 75 (4), 499-510.

Schmid, Wilhelm. 2012. Unglücklich sein. Eine Ermutigung. Berlin: Insel.

Ware, Bronnie. 2013. 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Einsichten, die Ihr Leben verändern werden. München: Goldmann Verlag (Arkana).

Thesen zu «Digitalisierung» und «Schule»

Peter Holzwarth

In den letzten Jahren hat das schwedische Schulsystem eine intensive Phase der Digitalisierung erlebt. Doch in jüngster Zeit zeichnet sich eine Gegenbewegung ab, die verstärkt auf analoge Lehrmethoden setzt (s. Links unten). Die folgenden Thesen beziehen sich auf diese Debatte, die in ähnlicher weise in verschiedenen Ländern geführt wird.

  1. Mit den Begriffen «Digitalisierung» und «Schule» wird sehr viel Unterschiedliches assoziiert (z. B. digitale Geräte im Unterricht nutzen, Schülerinnen und Schüler für das digitale geprägte Leben kompetent machen, individualisierte Lernprozesse ermöglichen, Lerndaten sammeln und verarbeiten, mit Programmen wie Zoom oder Teams online unterrichten,  Arbeitsblätter digital abgeben statt als Kopie, Texte auf Monitoren vs. Texte auf Papier lesen, digitale Schuladministration, Tech-Firmen, die in die Schule wollen, um später von Käuferinnen und Käufer zu profitieren, totale digitale Überwachung von Schülerinnen und Schülern (vgl. China), Digitalisierung als weitere Belastung für Lehrpersonen, Digitalisierung als Entlastung für Lehrpersonen, Ablenkung durch schulfachfremde Funktionen auf digitalen Geräten, KI in der Schule, Verlust von kritisch-reflexiven Kompetenzen durch KI/ChatGPT, Untergrabung der elterlichen Medienerziehung durch schulischen Zwang zum mobilen Gerät, …). Je nach Assoziation können die Argumente sehr unterschiedlich ausfallen. Bei unterschiedlichen Bezügen können leicht Missverstöndnisse entstehen. Es ist daher sinnvoll bei einer Debatte die Bezüge transparent zu machen.
  2. Hinter politischen Entscheidungen in Bezug auf «Digitalisierung» und «Schule» können neben dem Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern immer auch noch andere Motive stehen (z. B. bestimmte Berufsbranchen fördern, Bildungsinstitutionen öffnen für die Interessen der IT-Wirtschaft (vgl. Niesyto 2021), Kosten einsparen, Personalmangel ausgleichen, Regierungen, die in ihrer Amtszeit das Schulsystem sichtbar prägen wollen).
  3. Medien wurden schon oft zum Sündenbock gemacht, wenn gesellschaftliche Probleme auftreten. Der Fokus auf Geräte an sich ist leichter als konkrete schulische Lernsetting in den Blick zu nehmen.
  4. Bildschirmzeit: Bei der Diskussion um Bildschirmzeiten sollte immer auch die Reflexion von Bildschirminhalten und Nutzungskontexten mitgedacht werden. „Welcher Mensch schaut mit wem in welchem Kontext wie lange welche Inhalte und welche Bedeutungen werden dabei konstruiert?” (vgl. Holzwarth & Lieger 2024, S. 74).
  5. Medienkompetenzvermittlung/Medienkompetenzerwerb muss nicht nur bedeuten digitale Geräte zu benutzen (vgl. im Kontext Informatik: «Informatik ohne Strom»: https://ilearnit.ch/de/stromlos.html).
  6. In der Schule über Medienerfahrungen und menschliche Werte im Kontext von Medien, Digitalisierung und KI zu reden ist eine Aktivität, die sich ohne digitale Geräte und ohne Internet vollziehen kann.
  7. Es kommt auf die Balance von digitalen und analogen Lernszenarien an.
  8. Die Nutzung von digitalen Geräten allein ist noch kein Garant für modernen innovativen Unterricht. Auch mit digitalen Tools kann sehr traditionell unterrichtet werden.
  9. Naturerfahrung und die Nutzung von medialen Geräten sollten nicht in einer Entweder-Oder-Logik diskutiert werden. Ein Spaziergang im Wald kann beispielsweise mit digitalen Fotokameras dokumentiert werden, z. B. eine Kollage mit Fotos von verschiedenen Baumrinden, eine Fotoserie mit unterschiedlichen Blattformen oder Makro-Aufnahmen von Moosen und Flechten).
  10. Es kommt auf die konkrete didaktische Einbettung und Kontextualisierung von digitalen Hilfsmitteln an, nicht nur auf das Gerät an sich.
  11. Der direkte erfahrungsbasierte Vergleich von digitalen und analogen Techniken kann für Schülerinnen und Schülerhilfreich sein (z. B. Bild mit Farben auf Papier malen vs. Bild auf dem Tablet malen).
  12. Gegen digitale Geräte in der Schule sein muss nicht heissen, dass man auch gegen Medienkompetenzvermittlung/Medienkompetenzerwerb ist.
  13. Es wird aktuell viel darüber diskutiert, wie Handys und Tablets im Schulischen Kontext genutzt werden können, es wird aber zu wenig oder gar nicht diskutiert, wie Schülerinnen und Schüler mit medialer Ablenkung umgehen lernen können (Selbstregulation, Exekutive Funktionen: Fokus auf eine Aufgabe, ohne sich ablenken zu lassen).
  14. Es muss klar unterschieden werden: die Mediennutzung der Schülerinnen und Schüler im Schulkontext und der Umgang mit privaten Handys im Umfeld der Schule.
  15. Es macht einen Unterschied, ob jemand gegen digitale Geräte an sich ist oder gegen digitale Geräte in einer bestimmten Altersgruppe.
  16. Eine intensive Nutzung von digitalen Geräten in der Freizeit ist kein Argument gegen Thematisierung von digitalen Phänomenen oder Nutzung digitaler Geräte im Kontext von Lernen und Bildung. Gerade bei einer intensiven Freizeitnutzung ist die Thematisierung in der Schule wichtig. Nicht alle Familien können dies leisten.
  17. Ein sinnvoller Umgang mit KI/ChatGPT kann auch über Experimentieren mit ChatGPT gelernt werden (z. B. selbst ein Gedicht schreiben vs. Chat GPT ein Gedicht schreiben lassen und dann Produkte und Lernprozesse vergleichen).
  18. Ein problematischer Umgang mit KI/ChatGPT kann dazu führen, dass Nutzende sich auf das Erstellen von Prompts beschränken und gar nicht mehr selbst schreiben.  Damit könnten wichtige Lernprozesse verloren gehen, beispielsweise die Fähigkeit, KI-generierte Ergebnisse aufgrund eigener Schreiberfahrungen kritisch zu bewerten, das kritische Denken und der Erkenntnisgewinn, der durch das eigene Schreiben entsteht.
  19. Empirische Studien zum Lernerfolg mit und ohne digitale Geräte sind nicht immer eindeutig (vgl. Middendorf 2024). Es spielen sehr viele Einflussfaktoren eine Rolle und diese lassen sich in Forschungskontexten nicht immer sauber kontrollieren.
  20. Schulisches Lernen muss auf die Gegenwart und die Zukunft ausgerichtet sein. Es stellt sich nicht die Frage ob, sondern wie junge Menschen auf eine zunehmend medial und digital geprägte Gesellschaft vorbereitet werden sollen.

Literatur und Links:

Holzwarth, Peter & Lieger, Catherine. 2024.  „Medienkompetenz und Spielkompetenz für die «Generation lebensunfähig»“. merz | medien + erziehung 2024/5. München: kopaed, S. 69-75.

Niesyto, Horst. 2021. „‚Digitale Bildung‘ wird zu einer Einflugschneise für die IT-Wirtschaft“. In: medien + erziehung, HeX 1/2021, S. 23-28. https://horst-niesyto.de/wp-content/uploads/2021/02/2021_Niesyto_digitale_Bildung_IT-Wirtschaft_Langfassung.pdf

Middendorf, William. 2024. PISA 2022 und die Integration digitaler Medien in den Unterricht. Erkenntnisse und der Umgang mit Herausforderungen. 2024, 12 S. – URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-283814 – DOI: 10.25656/01:28381 https://www.pedocs.de/volltexte/2024/28381/pdf/Middendorf_2024_PISA_2022_und_die_Integration.pdf

https://die-pädagogische-wende.de/wp-content/uploads/2023/07/Karolinska-Stellungnahme_2023_dt.pdf

https://www.regeringen.se/contentassets/d818e658071b49cbb1a75a6b11fa725d/karolinskainstitutet.pdf

https://beat.doebe.li/bibliothek/a01535.html

Fussball und Gefühle

Im Rahmen der Lehrveranstaltung «Medienbildung und Informatik» geht es auch um Medienethik und Wertefragen im Kontext von Digitalisierung. In diesem Zusammenhang haben Studierende dystopische Kurzgeschichten verfasst. Hier der Beitrag von Selina Baumgartner:

«Du kannst aber gut Fussballspielen…»

Diese Worte hört Iva oft, doch die Leute wissen gar nicht wie viel Arbeit hinter diesem Sport steckt.

Jeden Tag trainiert sie, jeden Tag den gleichen Ablauf, jeden Tag die gleichen Übungen.

Am Morgen besucht sie die Schule, am Mittag rennt sie nach Hause, damit sie etwas essen kann, danach macht sie sich bereit für das Training. Ab diesem Moment heisst es «Kopf aus, nur noch die Füsse arbeiten».

Dabei möchte sie doch einfach wie ihre Freunde, den Nachmittag mit Spielen verbringen und Spass haben. Fussball bereitet ihr keine Freude mehr und das schon seit längerer Zeit, doch wird sie jemals den Mut finden ihren Eltern und ihrem Trainer, welcher seit geraumer Zeit ein Roboter ist, ihre Gefühle mitzuteilen, denn sie weiss genau wie diese Gespräch endet. So wie bisher jedes Gespräch endete, nämlich mit den Worten: «Aber Iva du spielst so gut Fussball».

«A–Z des wissenschaftlichen Schreibens» liegt in einer aktualisierten 3. Auflage vor

Das aktualisierte «A-Z des wissenschaftlichen Schreibens» von Daniel Ammann ist hier zu finden:

tiny.phzh.ch/my-a-z-schreiben

Neu ist unter anderem ein Abschnitt zu «KI – ChatGPT und Co» auf Seite 30.