Körper – Macht – Kapitalismus: „Das ewige Ungenügend“ von Saralisa Volm

Peter Holzwarth

In ihrem Buch «Das ewige Ungenügend. Eine Bestandsaufnahme des weiblichen Körpers.» (Ullstein 2023) beschreibt Saralisa Volm – Schauspielerin, Filmproduzentin und Kuratorin – das Dilemma vieler Frauen: der Druck, Schönheitsnormen entsprechen zu wollen und zu müssen einerseits und das Bedürdnis nach Selbstbestimmung andererseits. Sie analysiert die Rolle der Medien differenziert:

«Sind die Medien also Schuld an unserem Schönheitsdilemma? Nein. Aber eine Gesellschaft, die solche Medien entwickelt, verbreitet und liest, die trägt durchaus Verantwortung. Medien prägen, bilden, fordern. Jeder will ein bisschen mitmachen. Jeder will ein Stück vom Beautykuchen. L’Oréal brüllt uns an und wir brüllen mit: „Weil ich es mir wert bin“. Unser Wert wirds so einer Summe degradiert, die wir bereit sind in unser Aussehen zu investieren Eine weitere Lüge, auf die wir reinfallen sollen: Selbstwert ist käuflich nein, ist er nicht.» (S. 50/51)

Volm verbindet Einblicke in sehr persönliche biographische Erfahrungen (Essstörungen, sexuelle Übergriffe) mit Gesellschafts- und Kulturkritik.  

Es wird auf zwei Ebenen von Frauen profitiert, die sich Schönheitsidealen unterwerfen: Frauen, die mit der Erfüllung von Schönheitsnormen beschäftigt sind, stellen keine Gefahr für die bestehenden Machtstrukturen dar und die Beautyindustrie verdient weltweit sehr viel Geld mit Produkten (S. 37; S. 46). Hier werden Parallelen zu Laurie Penny deutlich, die ihre Gesellschafts- und Kapitalismuskritik im folgenden Zitat zum Ausdruck brachte: “If all women on earth woke up tomorrow feeling truly positive and powerful in their own bodies, the economies of the globe would collapse overnight.” (Laurie Penny, Meat Market. Female Flesh under Capitalism, 2011). Bestimmte Wirtschaftsbereiche profitieren von der weiblichen Körperunsicherheit bzw. Empowerment und Selbstermächtigung würden dem Umsatz von Schönheitsprodukten und -dienstleistungen schaden.

Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner kritisiert in einem SRF-Audiobeitrag zum Thema „Aus für Miss-Wahlen: Was passiert jetzt mit dem Schönheitsideal?“ nicht nur den Selbstoptimierungsdruck, der auf Frauen ausgeübt wird, sondern auch dieTatsache, dass immer mehr Körperbereiche zu Problemzonen erklärt werden und dass die Zielgruppen in bezug auf das Alter ausgeweitet werden:

«Es wird ein wahnsinnig grosser Druck gerade auf Frauen und queere Menschen ausgeübt, einem bestimmten ideal zu genügen ohne das man quasi das Haus nicht verlassen darf, ohne den man nicht als gepflegt gilt ohne den man nicht an der Gesellschaft partizipieren kann – also eigentlich wird Kontrolle ausgeübt. Und die kapitalistische Schönheitsindustrie hat ein großes Wort mitzureden, die eben immer neue Körperzonen beschämt und zur Problemzone erklärt, um immer weitere Produkte zu verkaufen. Und gerade im Kontext vom Gesicht sehen wir das in letzter Zeit wahnsinnig. Also in den USA ist der grösste wachsende Markt im Bereich der Skincare, der der 8-13-jährigen. Also so ganz junge Influencer werben schon damit was ihre Skincare-Routine  ist.» (11.48)

Im folgenden Zitat bringt Volm die Kritik an einer individualisierenden, strukturelle Lebensbedingungen und kollektive Erfahrung und Bewusstmachung negierende Selbstoptimierungskultur pointiert zum Ausdruck:

«Uns Konsument*innen wird nach wie vor suggeriert, dass die Verantwortung für unseren Körper, unser Glück und unsere Zukunft ausschließlich bei uns liegt. Haben wir kein Glück, dann haben wir uns einfach nicht genug angestrengt, nicht hart genug dafür gearbeitet. Relevant sind plötzlich nicht mehr die Umstände, sondern wie wir ihnen begegnen und mit ihnen umgehen.168 Die Verbindung zwischen Individualisierung, Neoliberalismus und dem modernen Glücksstreben führt dazu, dass wir uns selbst vorwerfen, wenn wir an der Ungerechtigkeit der Welt scheitern. Aber können wir innerhalb eines kranken Systems überhaupt gesunde Menschen sein? Nein, können wir nicht. Ungerechtigkeit, Unterdrückung, finanzielle Einschränkungen und Bevormundung lassen sich nicht wegmeditieren.» (S. 232/233)

An folgenden drei Stellen werden von Volm auch Defizite im Bereich schulische Bildung kritisiert:

«Wir lernen in der Schule, dass Menschen Hunger haben, Schlaf benötigen und weinen, um Stress abzubauen. Aber von dem Bedürfnis nach Lust und nach Erregung erfuhr ich nichts. (…) Niemand sagte uns, dass wir alles phantasieren dürfen und damit nicht allein sind.» (S. 178)

«Wir brauchen eine sexuelle Bildung für alle, die so umfangreich und vielfältig ist wie die Ernährungswissenschaft. Die Bedürfnisse des weiblichen Körpers müssen als so natürlich, erlaubt und gewollt angesehen werden wie der Sexualtrieb der Männer. Unsere Lust ist genauso wach und gierig, suchend und erlebbar.» (S. 187)

«Ein Kuss muss nicht zum Sex führen. (…) Ich muss nicht um Hilfe schreien oder jemandem ein Ohr abbeißen, um Grenzen an und in meinem Körper zu ziehen. Sex und sexuelle Handlungen dürfen nicht eingefordert werden.

Nie. Viele wissen das nicht, weil ihnen weder ihr Körper noch ihre Rechte erklärt werden. Im Gegenteil: Während wir die Verkehrsregeln von der Grundschule bis zum Führerschein unentwegt vermittelt bekommen, damit niemand verletzt wird, erfahren wir nur sehr wenig über die Stoppsignale unseres eigenen Körpers und der Körper, denen er sich hingibt, annimmt und nähert. Die Auffahrunfälle passieren im Stillen.» (S.  205)

Möglicherweise wäre die Schule neben Familie und anderen informellen Kontexten ein geeigneter Ort für die Vermittlung eines positiven oder neutralen Umgangs mit dem eignen Körper – nicht nur für Mädchen und Frauen. 

Gilt der Satz von Laurie Penny womöglich für alle Menschen – ohne den offensichtlich notwendigen Geltungsanspruch für weiblich gelesene Personen in Frage zu stellen?

«Wenn alle Menschen der Erde morgen aufwachen würden und sich richtig positiv und stark in ihren Körpern fühlen würden, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.»

Links:

Aus für Miss-Wahlen: Was passiert jetzt mit dem Schönheitsideal? (17.12.2024)

https://www.srf.ch/audio/news-plus/aus-fuer-miss-wahlen-was-passiert-jetzt-mit-dem-schoenheitsideal?id=AUDI20241217_NR_0029

Bodyshaming – Nie schön genug: Warum so viele Frauen ihren Körper verachten (9.12.2023)

https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/bodyshaming-nie-schoen-genug-warum-so-viele-frauen-ihren-koerper-verachten

Das ewige Ungenügend – wie Frauen auf ihren Körper blicken (8.12.2023)

https://www.srf.ch/audio/kontext/das-ewige-ungenuegend-wie-frauen-auf-ihren-koerper-blicken?id=24544e88-f04f-4721-8ff1-307599894ffe

#134 Saralisa Volm – Bewertung weiblicher Körper

Kreatives Schreiben auf Schweizerdeutsch?

Peter Holzwarth

Welche Rolle spielt Schweizerdeutsch als Sprache des kreativen und ästhetischen Ausdrucks? Pedro Lenz beispielsweise ist mit Kurzgeschichten und Romanen auf Berndeutsch bekannt geworden, z. B. «Der Goalie bin ig» oder «Di schöni Fanny». Auch viele Rapperinnen und Rapper produzieren und singen ihre Texte auf Schweizerdeutsch (z.B. Kutti MC, Knackeboul, Lo & Leduc, Steff la Cheffe, Nemo).

Auch Lieder von Mani Matter erfreuen sich Jahrzente nach seinem Tod grosser Beliebtheit bei allen Altersgruppen.

Dokumentarfilm „Mani Matter – Warum syt dir so truurig“

https://www.srf.ch/play/tv/film/video/mani-matter—warum-syt-dir-so-truurig?urn=urn:srf:video:56b93181-69b3-4f5e-93b9-f606ebfa0a0c

Sollte auch Schülerinnen und Schülern ermöglicht werden, ihre im Alltag benutze Sprache als ästhetische Ausdrucksprache erfahren zu können? Oder muss die wertvolle, immer zu knappe Lernzeit voll auf Hochdeutsch konzentriert werden? Steht möglicherweise eine fehlende Grammatik des Schweizerdeutschen der Notwendigkeit des Bewertens und der Einteilung in «richtig» und «falsch» entgegen? Andereseits könnten schweizerdeutsche Texte von der Bewertung mit Schulnoten ausgeschlossen werden, andere Formen von Feedback könnten etabliert werden.

Zu bedenken wäre auch der potenzielle Ausschluss von Schlülerinnen und Schülern, die nicht Schweizerdeutsch sprechen und verstehen.

Im Rahmen der international Summerschool PH Zürich 2025 «Gamification in Education» (Franziska Spring und Peter Holzwarth) entstanden im Zusammenhang mit Playfulness und kreativem Schreiben Gedichte auf Englisch und in verschiedenen anderen Sprachen (u.a. Schwedisch, Mandarin und Gälisch). Auch ein Gedicht auf Schweizerdeutsch war dabei. Hier der Beitrag von Robin Müller – ein Remake zum Gedicht Vergnügungen von Bertold Brecht:


Enjoyments*

S erschti Liächt

es Chraze vo Pfote uf em Holz

Sanfti Berührige

Sunnegrüess

de Rhythmus vom Kafi mache

es Gähne

Velofahre

Aacho 

Begägnige

ToDos

Erfolg und Prokrastination

en zweite Kafi

Schnufe und Singe

en Sprung is Wasser

Energie

Diskussione, Spaziere

Schlafe

Weitere Beispiele und Diskurse

Pedro Lenz: Akzente und Fehler

Pedro Lenz: Akzente und Fehler | Giacobbo / Müller | Comedy | SRF

Stefanie Grob: Sommerfreuden

https://www.srf.ch/news/schweiz/satire-und-comedy/die-etwas-anderen-news-von-oslo-bis-ottawa-overtourism

*Enjoyments

Das erste Licht

Ein Kratzen von Pfoten auf dem Holz

Sanfte Berührungen

Sonnengruss

Der Rhythmus des Kaffeemachens

Ein Gähnen

Fahrradfahren

Ankommen

Begegnungen

To-dos

Erfolg und Prokrastination

Ein zweiter Kaffee

Atmen und Singen

Ein Sprung ins Wasser

Energie

Diskussionen, Spaziergänge

Schlafen

Hat George Orwell in 1984 mit dem „Versificator“ ChatGPT vorweggenommen?

In seinem bekannten dystopischen Roman 1984 (erschienen 1949) beschreibt Geroge Orwell einen totalitären Staat, in dem Technologien benutzt werden, um Menschen zu kontrollieren. Bekannt sind die so genannten „Televisoren“, Monitore im privaten und öffentlichen Raum, die senden und empfangen können und so mehr oder weniger flächendeckende Überwachung ermöglichen. Viele verbinden 1984 auch mit der staatlich gelenkten Kontstruktion von Geschichte durch manipulierte Fotos, Filme und Texte:

„‚Wer die Vergangenheit beherrscht‘, lautete die Parteiparole, ‚beherrscht die Zukunft; wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.'“ (George Orwell: „1984“, S. 34 (Übersetzung: Michael Walter, Frankfurt am Main/Berlin: Ullstein 1990))

Weniger bekannt ist der „Versificator“ mit dem man ohne menschlichen Einfluss Schlagertexte produzieren kann:

„So oft ihr Mund nicht durch Wäscheklammern verschlossen war, sang sie mit mächtiger, tiefer Altstimme:

‚Es war nur ein tiefer Traum,

Ging wie ein Apriltag vorbei-ei,

Aber sein Blick war leerer Schaum,

Brach mir das Herz entzwei-ei!‘

Das Lied wurde während der letzten Wochen von ganz London geträllert. Es war einer von zahlreichen ähnlichen Schlagern, die für die Proles von einer Unterabteilung der Fachgruppe Musik herausgegeben wurden. Der Wortlaut dieser Lieder wurde ohne jedes menschliche Zutun von einem sogenannten ‚Versificator‘ zusammengestellt.“

(George Orwell: „1984“, S. 128 (Übersetzung: Michael Walter, Frankfurt am Main/Berlin: Ullstein 1990))

Möglicherweise haben sich „Televisoren“ in der Gestalt von personalisierten Smartphones auf perfide Art verwirklicht und der „Versificator“ in Form von generativen Programmen wie ChatGPT.

Standbild aus „1984“: Verfilmung des Romans von Michael Radford (UK, 1984)

Weitere Hinweise:

„ARD / Arte: 1984 oder Schöne neue Welt im Jahr 2021, George Orwell, Aldous Huxley?“:

„George Orwell, Aldous Huxley – 1984, oder schöne neue Welt? ARTE Doku (Re-upload)“:

Lehrpersonen als Influenzer?

Peter Holzwarth

Immer häufiger verbinden Lehrpersonen ihre Arbeit mit Social-Media-Aktivitäten. Auf Instagram oder TikTok geben sie Einblick in ihre Arbeit und sprechen beispielsweise über Lehr-Lernmethoden, Lehrmittel, Arbeitsblätter, Klassenraumgestaltung, Umgang mit Unterrichtsstörungen oder Spiele im Klassenzimmer. Dies kann für die Produzierenden eine wichtige Reflexion darstellen, aber vor allem auch wertvolle Inspiration für andere Lehrpersonen.

Sobald Schülerinnen und Schüler ohne Einverständnis gefilmt werden oder die gefilmte Klassenzimmersituation für Werbung missbraucht wird, kann es heikel werden, wie der NDR-Dokfim «Content aus dem Klassenraum – Dürfen Lehrer Influencer sein?» zeigt.

Zielgruppe von Werbung in Social-Media-Beiträgen können andere Lehrpersonen sein, aber auch Schülerinnen und Schüler. Generell müssen Beiträge mit und ohne Schülerinnen und Schüler unterschieden werden – ebenso gefilmte Schülerinnen und Schüler mit und ohne Einverständniserklärungen.

Oft greifen die Filme auch humorvoll den Alltag von Lerhpersonen auf, in diesem Kontext kann die Produktion und Rezeption von Beiträgen auch als Coping-Strategie verstanden werden.

Kritische Stimmen könnten auf riskante bzw. ambivalente Chancen hinweisen. Auf der einen Seite Inspiration für die eigene Berufspraxis, auf der anderen Selbstoptimierungsdruck und potenziell problematische soziale Vergleiche auch im beruflichen Kontext.

Wünschenswert wäre, dass in Zukunft alle beteiligten Akteursgruppen über mehr ethisches und juristisches Bewusstsein verfügen würden (Lehrpersonen, Eltern, Schülerinnen und Schüler, Schulleitungen, Politiker:innen). Es müssen auch rechlichte Regelungen und Reglemente entwickelt und angepasst werden.

Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Diskurse um KI-Fotos von zukünftigen Traumberufen der Schülerinnen und Schüler

Eine Beitrag «momos.usa» auf Instagram zeigt Reaktionen von Kindern, deren Lehrerin sie mit Hilfe von KI  als Erwachsenen in ihren Wunschberufen zeigt: «A teacher is inspiring the internet by using AI to transform her students into the professionals they dream of becoming. From doctors to astronauts, each image reflects their future hopes and has moved viewers with its message of support, encouragement, and belief in every child’s potential.»

https://www.instagram.com/reel/DK3n0h_sI5f/?igsh=MThkbHlzbXE4bnRoYg%3D%3D

Ein weiterer Beitrag von «fraurhiza» (Instagram) reflektiert und kritisiert diese Form von Datennutzung:

«ChatGPT verwenden, um Fotos der Schüler/-innen hochzuladen und aus diesen neue Portraits von ihnen zu generieren?
Jede Woche zeigt es mir ein neues Reel an, in dem KI für (Unterrichts-???)Zwecke genutzt wird, die ich extrem fragwürdig finde.
Bisher sehe ich diese „Trends“ vor allem in den USA, aber ich habe echte Bedenken, dass sie irgendwann auch zu uns überschwappen. Gerade weil sie auf Social Media so verbreitet werden.

Wie steht ihr dazu?»

https://www.instagram.com/reel/DLCdcwXITXm/?igsh=MWhwY3k4YjRnNW96cg%3D%3D

Fallbeispiel 2: Diskurse um die Ursache von problematischem Verhalten im Klassenzimmer

In einem Instagram-Filmbeitrag (us.teachers.trendz) kritisiert eine Protagonistin, dass viele Schülerinnen und Schüler aufgrund von Gewöhnung an medial vermittelte kurze Dopaminintervalle eine extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne haben und apathisch und unerreichbar sind: «And they have a level of apathy that I have never seen before in my whole career.» Sie stellt auch die Frage, wer dies zu verschuldet haben könnte (Eltern, Lehrpersonen, kapitalistische Gesellschaft).

https://www.instagram.com/p/DJZELIOPFFZ

In einem weiteren Instagram-Video (lehrplan22, Original: mami.hat.recht) ist eine Mutterfigur zu sehen, die zu einem (imaginären) Kind spricht. Dem Kind wird ein Joghurt angeboten und jeder einzelne Schritt wird zur Wahl gestellt (z.B. Farbe des Joghurts, Deckel ganz aufmachen oder nur zum Teil, Farbe des Löffels, Grösse des Löffels etc.). Das Video ist mit über die ganze Laufzeit hinweg mit einem Textbalken versehen, der die Handlung in einen bestimmen Kontext stellt: «der Grund, warum die Kinder dann im Klassenzimmer spinnen»:

https://www.instagram.com/reel/DDNBIE0qt1C/?igsh=ZnIzaG44b282ejlx

Es wird die Deutung nahegelegt, dass zu umfassende Wahlmöglichkeiten im Elternhaus zu problematischem Sozialverhalten im Schulkontext führen können, wo die Wahlmöglichkeiten eingeschränkt sind.

Beispiele aus der Schweiz:

https://www.ateacherslifestyle.ch

http://www.philippe-wampfler.ch/

Andere Länder:

Saskia Rhiza «fraurhiza» (Instagram)

«45minuten» (Instagram)

«Herr Schmelzer | Lehrer» (TikTok)

«Momos.usa» (Instagram)

«lehrplan22» (Instagram)

«subjektiv.sinnvoll» (Instagram)

Alex und Maya

Im Rahmen der Lehrveranstaltung «Medienbildung und Informatik» geht es auch um Medienethik und Wertefragen im Kontext von Digitalisierung. In diesem Zusammenhang haben Studierende dystopische Kurzgeschichten verfasst. Hier der Beitrag von Shania Josenhans:

In einer Welt, in der die Menschen einen Großteil ihrer Zeit in immersiven VR-Spielen verbringen, ist Alex unsterblich in eine virtuelle Figur namens Maya verliebt. Zusammen erleben sie atemberaubende Abenteuer in einem Spiel namens Dreamscape, das ihre Realität zu überflügeln scheint. Doch plötzlich bricht ein furchterregendes Virus aus, das die Grenzen zwischen Realität und virtueller Welt verwischt und die Spieler in eine gefährliche Zwangslage bringt.

Alex ist verzweifelt und sucht nach einer Lösung, um Maya und sich selbst zu retten. Entschlossen dringt er tiefer in die VR-Welt ein, um Maya zu finden und aus den Klauen des Virus zu befreien. Als er sie endlich findet, überwältigt ihn ein Gefühl der Erleichterung und des Glücks, doch seine Freude wird schnell getrübt, als er erkennt, dass viele andere Spieler ebenfalls gefangen sind.

Nun steht Alex vor einer zermürbenden Entscheidung: Soll er in der VR-Welt bleiben, um mit Maya zu leben und sich den Realitäten der echten Welt zu entziehen? Oder soll er den Mut aufbringen, in die Realität zurückzukehren, um sein altes Leben wieder aufzubauen und die Herausforderungen der realen Welt anzunehmen?

Reihe „Erfahrungsorientierte Bildungsforschung“: neue Publikationen

In der Reihe „Erfahrungsorientierte Bildungsforschung“ sind zwei neue Bände erschienen:

Barth, U., & Wiehl, A. (Eds.). (2025). Ethos in der Pädagogik – eine professionelle Haltung reflektieren und ausbilden. Beltz Juventa.

Schauer, G., Christof, E., & Rödel, S. S. (Eds.). (2025). Ethos im Lehrberuf: Das ELBE-Manual zum Einsatz in der Lehrer*innenbildung mit Kontextualisierungen und Ergänzungen. Beltz Juventa.

Überblick zu den Bänden der Reihe: hier

Die Netflix-Miniserie Adolescence: Mediennutzung – Männlichkeitskonzepte – Bildkompetenz

Peter Holzwarth

„Emoji are highly context dependent. Much like gestures that are used with speech, we need to understand emoji in the specific conversations and communities they are used in. There is no consistent relationship between emoji use and inner emotional state that can be generalised across groups of teens or other emoji users.“ (Kruk & Gawne 2025)

Die  Netflix Miniserie «Adolescence» (Jack Thorne & Stephen Graham, UK 2025) besteht aus vier Folgen, die interessanterweise alle in einem «Take» aufgenommen worden sind, d.h. die Handlung wurde in einem Zug durchgefilmt, ohne Schnitte. Die Handlung basiert auf real existierenden Ereignissen.

Gleich zu Beginn wird ein 13-jähriger Junge (Jamie) festgenommen. Ihm wird zur Last gelegt, am Tod einer Mitschülerin (Katie) schuld zu sein bzw. beteiligt zu sein.

Eine Polizistin und ein Polizist ermitteln unter anderem auch im schulischen Umfeld der toten Schülerin und des verhafteten Jungen. Der Sohn des Polizisten, der auch die gleiche Schule besucht, erklärt seinem Vater im Rahmen eines vertraulichen Einzelgesprächs, dass er zentrale Aspekte im Kontext des Falls nicht beachtet bzw. nicht verstanden hat. Es geht um die so genannte «Incel»-Bewegung und um eine bestimmte Art der Emoji-basierten Kommunikation, die nur Insidern vertraut ist.

Die Incel-Bewegung (involuntary: unfreiwillig; celibate: zölibatär) ist ein medialer Zusammenschluss von Männern, die unfreiwillig zölibatär leben. Sie deuten ihren Mangel an Beziehung und Sexualität mit fehlender eigener Attraktivität und dem weiblichem Interesse an männlich aussehenden attraktiven Männern. Gemäss der Incel-Deutungsmuster haben nur attraktive Männer Zugang zu Frauen. Oft wird die Bewegung mit Hass gegen Frauen und sexuell erfolgreiche Männer assoziiert. In diesem Zusammenhang stehen auch problematische frauenfeindliche Werte, die der Influencer Andrew Tate propagiert. Auch die so genannten «Pick-up Communities», die Tricks für sexuelle Verführung entwickeln und austauschen können in diesem Kontext gedeutet werden.

Der Sohn interpretiert die Social-Media-Kommunikation zwischen Opfer und Angeklagtem als Beleidigung, da das Mädchen indirekt über Emojis zum Ausdruck gebracht haben soll, dass der Junge ein Incel sei und für immer Jungfrau bleiben würde. Andere Jugendliche haben dieser Aussage auf Social Media zugestimmt. In diesem Zusammenhang kann die Kommunikation als Cyber-Mobbing gedeutet werden.

Später erläutert er seinem Vater die Bedeutung von geposteten Herzen, die gemäss seiner Deutung je nach Farbe anders sei:

“-Red.

-Means love.

-Purple, horny. Yellow, I’m interested. Are you interested?

-Pink, I’m interested but not in sex.

-Orange, you’re gonna be fine. It all has a meaning, Dad. Everything has a meaning.” (Adolescence, Folge 2, 31:09)

Es stellt sich die Frage, ob hier eine Eindeutigkeit suggeriert wird, die es im realen Leben gar nicht gibt oder nur innerhalb von subkulturellen Nutzergruppen.

Das folgende Beispiel illustriert die Mehrdeutigkeit von Emojis. Für mache Nutzende ist das folgende Symbol ein „Danke“ (Beide Handflächen ein und derselben Person berühren sich) für andere ein „High Five“ (Handflächen zweier verschiedener Personen werden eineinandergeklatscht, zum Zeichen eines gemeinsamen Siegs beispielsweise).

Der TikTok-Nutzer «frechxdachs» schreibt: «Leute hab gerausgefunden dass der Emoji (Emoji mit berührenden Handflächen) ein «high five» darstellen soll. Es sterben Leute und wir geben uns die ganze Zeit «high fives»!» (Emoji mit Tränenbächen).

In einem Artikel des „The Telegraph“ mit dem Titel „The ‘sinister emojis’ used by incel teenagers“ von Tim Sigsworth wurden Emojis aus den Kontexten „Incel“, „Drugs“und „Sex“ zusammengestellt:

Auch hier stellt sich die Frage nach dem Grad der Eindeutigkeit. Es ist immer von grosser Bedeutung, den kommunikativen Kontext mitzubeachten, sowie die Tatsache, dass sich auch Bildbedeutungen kultur- und milieuspezifisch entwickeln und verändern.

In einem Beitrag namens „Adolescence has sparked fears over teen slang – but emoji don-t cause radicalisation“ von Jessica Kruk und Lauren Gawne wird eine hochgradig genenrationenspezifische Umgangsweise mit Emojis angenommen (s. Eingangszitat).

Auf jeden Fall lohnt sich die Auseinandersetzung mit Emojis und ihren potenziellen Bedeutungszuschreibungen für Lehrpersonen oder angehende Lehrpersonen – auch als ein Teil von Bildkompetenz bzw. allgemeiner Medienkompetenz.

Podium Lernforum: „Nachhaltiger Umgang mit Social Media“

«Nachhaltiger Umgang mit Social Media» lautete der Titel einer Podiumsdiskussion des Lernforums  im Kontext der Nachhaltigkeitswoche der PH Zürich am 9.4.2025.

Franziska Zellweger (Dozentin) moderierte ein anregendes Gespräch, es diskutierten Sara Deringer (Studentin), Sandro Maio (Student), Ann-Kathrin Arnet (Maturandin), Larissa Hauser (Dozentin) und Peter Holzwarth (Dozent).

Durch die umsichtige Moderation war es möglich, viele Facetten des Themas anzusprechen, z. B. Energieverbrauch bei der Nutzung, ökologische und soziale Probleme bei der Produktion und Entsorgung von Handys, fehlende Nachhaltigkeit durch die Flüchtigkeit der Nutzung, problematische Schönheitsideale, Unzufriedenheit auslösende soziale Vergleiche, negative Gefühle nach der Nutzung, Fake News, problematische politische Meinungsbildung, Chancen von temporären Nutzungspausen, Möglichkeiten der Thematisierung in der Schule, problematische „instant rewards“ durch Dopaminausschüttungen, Verringerung der Aufmerksamkeitsspanne, Verdrängung von sozialen und sportlichen Aktivitäten oder problematische Verbindungen von Kapitalismus und Digitalisierung.

Ann-Kathrin Arnet gab einen Einblick in ihre Maturarbeit „DER EINFLUSS SOZIALER MEDIEN AUF DAS BEFINDEN 12- BIS 19-JÄHRIGER – EINE SELBSTERFAHRUNGSSTUDIE“ (Kantonsschule Zürcher Unterland, Bülach). Sie nutzte ihr Handy bewusst eine Zeit lang ohne Social-Media-Apps und sammelte damit sehr positive Erfahrungen. Bekannter ist die Variante, bei der für eine gewisse Zeit auf das Smartphone komplett verzichtet wird. vgl. Eine Woche ohne Smartphone.

Besonders wertvoll war der aktive Austausch mit unterschiedlichen Altersgruppen. Dieser sollte in verschiedenen Kontexten öfter ermöglicht und gefördert werden.

(Sandro Maio, Sara Deringer, Ann-Kathrin Arnet, Peter Holzwarth, Larissa Hauser, Franziska Zellweger)

Mit dem Bau eines Handyturms signalisieren die Teilnehmenden einer Gruppe: „Ich bin bereit dafür, meine Aufmerksamkeit nicht dem Handy zu widmen.“

Dieser Film („I Forgot My Phone“) wurde in der Diskussion erwähnt im Zusammenhang mit der Erfahrung eines Studenten, der sein Handy vergessen hatte:

Herzlicher Dank geht an die Diskussionsteilnehmenden, Franziska Zelleweger und Alex Rickert, sowie an Susanne Bader, Sam Hug, Monica Feixas und Martina Meienberg (Lernforum)!

Winterstein und Schattenwege

Foto: J.S.

Modrige Gassen. Historische Wege.
Pflasterstein begleitet meinen Schritt und Tritt.
Ich kenne diese Gegend eigentlich wie meine Westentasche. Ich bin hier oft unterwegs – auf jenen ziellosen Spaziergängen, die ich immer dann unternehme, wenn dieses vermaledeite Winterloch wieder an mir nagt.
Und jedes Mal im Spätsommer denke ich: Der war so gut – jetzt kommt sicher keins mehr.
Jedes Mal aufs Neue.
Aber dann kommt es doch.

Plötzlich: eine Abzweigung.
Ich könnte einfach weitergehen, am Comic-Laden vorbei. Oder reingehen. Aber irgendetwas zieht mich zur Seite. Diese Gasse da – war ich da schon mal?
Ohne lange zu überlegen, biege ich ab. Unbekanntes Terrain.
Ich hole mein Handy raus, checke Google Maps: Comic-Laden – check. Die Patisserie – auch da. Aber diese Gasse?
Gibt’s gar nicht.

Ich bleibe stehen, schaue mich um. Niemand. Kein Laut.
Weisse Wände. Fenster, die zu Wohnungen führen – wie überall hier in der Altstadt. Und trotzdem: Die Gasse ist nicht verzeichnet.
Ein kurzer Schauer läuft mir über den Rücken.
Diese Gasse – sie wirkt wie für mich gemacht.

Ich hebe den Blick.
Über mir: eine Malerei.
Eine bäuerliche Familie bei der Aussaat.
Verblasst, vergilbt, aber voller Leben.
Ein verstecktes Stück Kunstgeschichte.
Und als ehemaliger Kunstgeschichtestudent schlägt mein Herz schneller.
Ich analysiere die Farbnuancen, das satte Grün, die Altersspuren in Ocker und Braun.
So etwas entdeckt man nicht jeden Tag.
So etwas sollte unter Denkmalschutz stehen.

Nach einigen Minuten löse ich mich von der Szene. Mein Blick fällt ans andere Ende der Gasse – eine kleine Treppe, die zurück auf die bekannte Strasse führt.
Ich steige sie hinauf, trete hinaus aus dieser seltsamen Zwischenwelt.

Ich drehe mich noch einmal um.
Die Abzweigung?
Verschwunden.
Google Maps hatte recht.

J.S. studiert an der PH Zürich.

Was uns bleibt | Quai ch’ans resta | Che cosa ci rimane

PH Goes Poetry #9 Schreibwettbewerb 2025

*VERLÄNGERUNG EINSENDESCHLUSS: 30. APRIL 2025*

Die Räder im Team hinter dem Schreibwettbewerb sind bereits wieder in Fahrt. Kaum ist die 8. Auflage durch, haben wir die 9. Auflage von «PH Goes Poetry» bereits auf der Überholspur platziert. Das Schreibzentrum der PH Zürich und die Partnerhochschule PH Graubünden laden euch ein, Beiträge zum aktuellen Wettbewerbsthema einzureichen:

«Was uns bleibt» | «Quai ch’ans resta» | «Che cosa ci rimane».

Die Interpretation des neuen Themas übergeben wir euch:
Vergänglichkeit … welche Spuren und Erinnerungen hinterlassen wir … was ist die Bedeutung unseres Lebens … sind unsere Taten von Dauer …?

Eine Jury aus Slam-Profis sowie Studierenden und Mitarbeitenden der beiden Hochschulen wird die besten Texte auswählen. Die Nominierten treten dann im Herbst 2025 zum Finale im «Kafi Schnauz» gegeneinander an. Dann sehen wir, wer von euch sich auf der Überholspur befindet und im Live-Voting, das aus dem Publikum besteht, zu den drei Sieger:innentexten gekürt wird. Die Texte der Nominierten werden 2026 publiziert.

  • Alle Textarten sind erlaubt.
  • Einreichungen sind auf Deutsch, Italienisch, Rätoromanisch, Französisch oder Englisch möglich – in die Texte können auch weitere Sprachen einfliessen, die Bedeutung sollte sich aus dem Kontext erschliessen.
  • Textlänge: 3000 bis 5000 Zeichen
  • Teilnahmeberechtigt sind eingeschriebene und ehemalige Studierende sowie aktive und ehemalige Mitarbeitende der beiden PHs und Teilnehmende des CAS-Moduls «Literarisches Schreiben».
  • Einsendeschluss: 30. April 2025
  • Die nominierten Texte können am Finale auch von einem Slammer / einer Slammerin (und nicht von der Autorin / dem Autoren) performt werden.
  • Preisgeld: 150, 100 bzw. 50 Franken für die ersten drei Ränge.

    Einreichungen bitte an: angelicabuehler@stud.phzh.ch

Weitere Informationen zum Schreibwettbewerb und zu früheren Durchführungen im Blog des Schreibzentrums unter tiny.phzh.ch/schreibwettbewerb und tiny.phzh.ch/booklets-schreibwettbewerb.