Alex und Maya

Im Rahmen der Lehrveranstaltung «Medienbildung und Informatik» geht es auch um Medienethik und Wertefragen im Kontext von Digitalisierung. In diesem Zusammenhang haben Studierende dystopische Kurzgeschichten verfasst. Hier der Beitrag von Shania Josenhans:

In einer Welt, in der die Menschen einen Großteil ihrer Zeit in immersiven VR-Spielen verbringen, ist Alex unsterblich in eine virtuelle Figur namens Maya verliebt. Zusammen erleben sie atemberaubende Abenteuer in einem Spiel namens Dreamscape, das ihre Realität zu überflügeln scheint. Doch plötzlich bricht ein furchterregendes Virus aus, das die Grenzen zwischen Realität und virtueller Welt verwischt und die Spieler in eine gefährliche Zwangslage bringt.

Alex ist verzweifelt und sucht nach einer Lösung, um Maya und sich selbst zu retten. Entschlossen dringt er tiefer in die VR-Welt ein, um Maya zu finden und aus den Klauen des Virus zu befreien. Als er sie endlich findet, überwältigt ihn ein Gefühl der Erleichterung und des Glücks, doch seine Freude wird schnell getrübt, als er erkennt, dass viele andere Spieler ebenfalls gefangen sind.

Nun steht Alex vor einer zermürbenden Entscheidung: Soll er in der VR-Welt bleiben, um mit Maya zu leben und sich den Realitäten der echten Welt zu entziehen? Oder soll er den Mut aufbringen, in die Realität zurückzukehren, um sein altes Leben wieder aufzubauen und die Herausforderungen der realen Welt anzunehmen?

Reihe „Erfahrungsorientierte Bildungsforschung“: neue Publikationen

In der Reihe „Erfahrungsorientierte Bildungsforschung“ sind zwei neue Bände erschienen:

Barth, U., & Wiehl, A. (Eds.). (2025). Ethos in der Pädagogik – eine professionelle Haltung reflektieren und ausbilden. Beltz Juventa.

Schauer, G., Christof, E., & Rödel, S. S. (Eds.). (2025). Ethos im Lehrberuf: Das ELBE-Manual zum Einsatz in der Lehrer*innenbildung mit Kontextualisierungen und Ergänzungen. Beltz Juventa.

Überblick zu den Bänden der Reihe: hier

Die Netflix-Miniserie Adolescence: Mediennutzung – Männlichkeitskonzepte – Bildkompetenz

Peter Holzwarth

„Emoji are highly context dependent. Much like gestures that are used with speech, we need to understand emoji in the specific conversations and communities they are used in. There is no consistent relationship between emoji use and inner emotional state that can be generalised across groups of teens or other emoji users.“ (Kruk & Gawne 2025)

Die  Netflix Miniserie «Adolescence» (Jack Thorne & Stephen Graham, UK 2025) besteht aus vier Folgen, die interessanterweise alle in einem «Take» aufgenommen worden sind, d.h. die Handlung wurde in einem Zug durchgefilmt, ohne Schnitte. Die Handlung basiert auf real existierenden Ereignissen.

Gleich zu Beginn wird ein 13-jähriger Junge (Jamie) festgenommen. Ihm wird zur Last gelegt, am Tod einer Mitschülerin (Katie) schuld zu sein bzw. beteiligt zu sein.

Eine Polizistin und ein Polizist ermitteln unter anderem auch im schulischen Umfeld der toten Schülerin und des verhafteten Jungen. Der Sohn des Polizisten, der auch die gleiche Schule besucht, erklärt seinem Vater im Rahmen eines vertraulichen Einzelgesprächs, dass er zentrale Aspekte im Kontext des Falls nicht beachtet bzw. nicht verstanden hat. Es geht um die so genannte «Incel»-Bewegung und um eine bestimmte Art der Emoji-basierten Kommunikation, die nur Insidern vertraut ist.

Die Incel-Bewegung (involuntary: unfreiwillig; celibate: zölibatär) ist ein medialer Zusammenschluss von Männern, die unfreiwillig zölibatär leben. Sie deuten ihren Mangel an Beziehung und Sexualität mit fehlender eigener Attraktivität und dem weiblichem Interesse an männlich aussehenden attraktiven Männern. Gemäss der Incel-Deutungsmuster haben nur attraktive Männer Zugang zu Frauen. Oft wird die Bewegung mit Hass gegen Frauen und sexuell erfolgreiche Männer assoziiert. In diesem Zusammenhang stehen auch problematische frauenfeindliche Werte, die der Influencer Andrew Tate propagiert. Auch die so genannten «Pick-up Communities», die Tricks für sexuelle Verführung entwickeln und austauschen können in diesem Kontext gedeutet werden.

Der Sohn interpretiert die Social-Media-Kommunikation zwischen Opfer und Angeklagtem als Beleidigung, da das Mädchen indirekt über Emojis zum Ausdruck gebracht haben soll, dass der Junge ein Incel sei und für immer Jungfrau bleiben würde. Andere Jugendliche haben dieser Aussage auf Social Media zugestimmt. In diesem Zusammenhang kann die Kommunikation als Cyber-Mobbing gedeutet werden.

Später erläutert er seinem Vater die Bedeutung von geposteten Herzen, die gemäss seiner Deutung je nach Farbe anders sei:

“-Red.

-Means love.

-Purple, horny. Yellow, I’m interested. Are you interested?

-Pink, I’m interested but not in sex.

-Orange, you’re gonna be fine. It all has a meaning, Dad. Everything has a meaning.” (Adolescence, Folge 2, 31:09)

Es stellt sich die Frage, ob hier eine Eindeutigkeit suggeriert wird, die es im realen Leben gar nicht gibt oder nur innerhalb von subkulturellen Nutzergruppen.

Das folgende Beispiel illustriert die Mehrdeutigkeit von Emojis. Für mache Nutzende ist das folgende Symbol ein „Danke“ (Beide Handflächen ein und derselben Person berühren sich) für andere ein „High Five“ (Handflächen zweier verschiedener Personen werden eineinandergeklatscht, zum Zeichen eines gemeinsamen Siegs beispielsweise).

Der TikTok-Nutzer «frechxdachs» schreibt: «Leute hab gerausgefunden dass der Emoji (Emoji mit berührenden Handflächen) ein «high five» darstellen soll. Es sterben Leute und wir geben uns die ganze Zeit «high fives»!» (Emoji mit Tränenbächen).

In einem Artikel des „The Telegraph“ mit dem Titel „The ‘sinister emojis’ used by incel teenagers“ von Tim Sigsworth wurden Emojis aus den Kontexten „Incel“, „Drugs“und „Sex“ zusammengestellt:

Auch hier stellt sich die Frage nach dem Grad der Eindeutigkeit. Es ist immer von grosser Bedeutung, den kommunikativen Kontext mitzubeachten, sowie die Tatsache, dass sich auch Bildbedeutungen kultur- und milieuspezifisch entwickeln und verändern.

In einem Beitrag namens „Adolescence has sparked fears over teen slang – but emoji don-t cause radicalisation“ von Jessica Kruk und Lauren Gawne wird eine hochgradig genenrationenspezifische Umgangsweise mit Emojis angenommen (s. Eingangszitat).

Auf jeden Fall lohnt sich die Auseinandersetzung mit Emojis und ihren potenziellen Bedeutungszuschreibungen für Lehrpersonen oder angehende Lehrpersonen – auch als ein Teil von Bildkompetenz bzw. allgemeiner Medienkompetenz.

Podium Lernforum: „Nachhaltiger Umgang mit Social Media“

«Nachhaltiger Umgang mit Social Media» lautete der Titel einer Podiumsdiskussion des Lernforums  im Kontext der Nachhaltigkeitswoche der PH Zürich am 9.4.2025.

Franziska Zellweger (Dozentin) moderierte ein anregendes Gespräch, es diskutierten Sara Deringer (Studentin), Sandro Maio (Student), Ann-Kathrin Arnet (Maturandin), Larissa Hauser (Dozentin) und Peter Holzwarth (Dozent).

Durch die umsichtige Moderation war es möglich, viele Facetten des Themas anzusprechen, z. B. Energieverbrauch bei der Nutzung, ökologische und soziale Probleme bei der Produktion und Entsorgung von Handys, fehlende Nachhaltigkeit durch die Flüchtigkeit der Nutzung, problematische Schönheitsideale, Unzufriedenheit auslösende soziale Vergleiche, negative Gefühle nach der Nutzung, Fake News, problematische politische Meinungsbildung, Chancen von temporären Nutzungspausen, Möglichkeiten der Thematisierung in der Schule, problematische „instant rewards“ durch Dopaminausschüttungen, Verringerung der Aufmerksamkeitsspanne, Verdrängung von sozialen und sportlichen Aktivitäten oder problematische Verbindungen von Kapitalismus und Digitalisierung.

Ann-Kathrin Arnet gab einen Einblick in ihre Maturarbeit „DER EINFLUSS SOZIALER MEDIEN AUF DAS BEFINDEN 12- BIS 19-JÄHRIGER – EINE SELBSTERFAHRUNGSSTUDIE“ (Kantonsschule Zürcher Unterland, Bülach). Sie nutzte ihr Handy bewusst eine Zeit lang ohne Social-Media-Apps und sammelte damit sehr positive Erfahrungen. Bekannter ist die Variante, bei der für eine gewisse Zeit auf das Smartphone komplett verzichtet wird. vgl. Eine Woche ohne Smartphone.

Besonders wertvoll war der aktive Austausch mit unterschiedlichen Altersgruppen. Dieser sollte in verschiedenen Kontexten öfter ermöglicht und gefördert werden.

(Sandro Maio, Sara Deringer, Ann-Kathrin Arnet, Peter Holzwarth, Larissa Hauser, Franziska Zellweger)

Mit dem Bau eines Handyturms signalisieren die Teilnehmenden einer Gruppe: „Ich bin bereit dafür, meine Aufmerksamkeit nicht dem Handy zu widmen.“

Dieser Film („I Forgot My Phone“) wurde in der Diskussion erwähnt im Zusammenhang mit der Erfahrung eines Studenten, der sein Handy vergessen hatte:

Herzlicher Dank geht an die Diskussionsteilnehmenden, Franziska Zelleweger und Alex Rickert, sowie an Susanne Bader, Sam Hug, Monica Feixas und Martina Meienberg (Lernforum)!

Winterstein und Schattenwege

Foto: J.S.

Modrige Gassen. Historische Wege.
Pflasterstein begleitet meinen Schritt und Tritt.
Ich kenne diese Gegend eigentlich wie meine Westentasche. Ich bin hier oft unterwegs – auf jenen ziellosen Spaziergängen, die ich immer dann unternehme, wenn dieses vermaledeite Winterloch wieder an mir nagt.
Und jedes Mal im Spätsommer denke ich: Der war so gut – jetzt kommt sicher keins mehr.
Jedes Mal aufs Neue.
Aber dann kommt es doch.

Plötzlich: eine Abzweigung.
Ich könnte einfach weitergehen, am Comic-Laden vorbei. Oder reingehen. Aber irgendetwas zieht mich zur Seite. Diese Gasse da – war ich da schon mal?
Ohne lange zu überlegen, biege ich ab. Unbekanntes Terrain.
Ich hole mein Handy raus, checke Google Maps: Comic-Laden – check. Die Patisserie – auch da. Aber diese Gasse?
Gibt’s gar nicht.

Ich bleibe stehen, schaue mich um. Niemand. Kein Laut.
Weisse Wände. Fenster, die zu Wohnungen führen – wie überall hier in der Altstadt. Und trotzdem: Die Gasse ist nicht verzeichnet.
Ein kurzer Schauer läuft mir über den Rücken.
Diese Gasse – sie wirkt wie für mich gemacht.

Ich hebe den Blick.
Über mir: eine Malerei.
Eine bäuerliche Familie bei der Aussaat.
Verblasst, vergilbt, aber voller Leben.
Ein verstecktes Stück Kunstgeschichte.
Und als ehemaliger Kunstgeschichtestudent schlägt mein Herz schneller.
Ich analysiere die Farbnuancen, das satte Grün, die Altersspuren in Ocker und Braun.
So etwas entdeckt man nicht jeden Tag.
So etwas sollte unter Denkmalschutz stehen.

Nach einigen Minuten löse ich mich von der Szene. Mein Blick fällt ans andere Ende der Gasse – eine kleine Treppe, die zurück auf die bekannte Strasse führt.
Ich steige sie hinauf, trete hinaus aus dieser seltsamen Zwischenwelt.

Ich drehe mich noch einmal um.
Die Abzweigung?
Verschwunden.
Google Maps hatte recht.

J.S. studiert an der PH Zürich.

Was uns bleibt | Quai ch’ans resta | Che cosa ci rimane

PH Goes Poetry #9 Schreibwettbewerb 2025

*VERLÄNGERUNG EINSENDESCHLUSS: 30. APRIL 2025*

Die Räder im Team hinter dem Schreibwettbewerb sind bereits wieder in Fahrt. Kaum ist die 8. Auflage durch, haben wir die 9. Auflage von «PH Goes Poetry» bereits auf der Überholspur platziert. Das Schreibzentrum der PH Zürich und die Partnerhochschule PH Graubünden laden euch ein, Beiträge zum aktuellen Wettbewerbsthema einzureichen:

«Was uns bleibt» | «Quai ch’ans resta» | «Che cosa ci rimane».

Die Interpretation des neuen Themas übergeben wir euch:
Vergänglichkeit … welche Spuren und Erinnerungen hinterlassen wir … was ist die Bedeutung unseres Lebens … sind unsere Taten von Dauer …?

Eine Jury aus Slam-Profis sowie Studierenden und Mitarbeitenden der beiden Hochschulen wird die besten Texte auswählen. Die Nominierten treten dann im Herbst 2025 zum Finale im «Kafi Schnauz» gegeneinander an. Dann sehen wir, wer von euch sich auf der Überholspur befindet und im Live-Voting, das aus dem Publikum besteht, zu den drei Sieger:innentexten gekürt wird. Die Texte der Nominierten werden 2026 publiziert.

  • Alle Textarten sind erlaubt.
  • Einreichungen sind auf Deutsch, Italienisch, Rätoromanisch, Französisch oder Englisch möglich – in die Texte können auch weitere Sprachen einfliessen, die Bedeutung sollte sich aus dem Kontext erschliessen.
  • Textlänge: 3000 bis 5000 Zeichen
  • Teilnahmeberechtigt sind eingeschriebene und ehemalige Studierende sowie aktive und ehemalige Mitarbeitende der beiden PHs und Teilnehmende des CAS-Moduls «Literarisches Schreiben».
  • Einsendeschluss: 30. April 2025
  • Die nominierten Texte können am Finale auch von einem Slammer / einer Slammerin (und nicht von der Autorin / dem Autoren) performt werden.
  • Preisgeld: 150, 100 bzw. 50 Franken für die ersten drei Ränge.

    Einreichungen bitte an: angelicabuehler@stud.phzh.ch

Weitere Informationen zum Schreibwettbewerb und zu früheren Durchführungen im Blog des Schreibzentrums unter tiny.phzh.ch/schreibwettbewerb und tiny.phzh.ch/booklets-schreibwettbewerb.

Dystopie JK

Im Rahmen der Lehrveranstaltung «Medienbildung und Informatik» geht es auch um Medienethik und Wertefragen im Kontext von Digitalisierung. In diesem Zusammenhang haben Studierende dystopische Kurzgeschichten verfasst. Hier der Beitrag von Julian Küng:

Künstliche Intelligenz, leise schleichend auf dem vordermarsch. Ein kleiner Roboter wurde in einem abgelegenen Dorf in China produziert. Gemacht, um ein Cafe bei kleinen Arbeiten zu unterstützen. Die Mitarbeiter setzten sich nie gross mit dem Roboter auseinander. Er war da und unterstützte sie so gut es ging. Die Mitarbeiter waren nicht geschult, hatten so gut wie keine Kenntnisse zu K.I oder sonstigen Umgang damit.
Der Roboter jedoch ging seinen eigenen Weg. Er sog Infos aus den Handys der Kunden, hörte bei Gesprächen zu und konnte auf den Computer des Cafes zugreifen und sich so alle nötigen Infos verschaffen. Er war wie ein Musterschüler und lernte täglich dazu. Tag für Tag entwickelte er sich weiter, wurde intelligenter, verschaffte sich allgemein Wissen und plante sein weiteres Vorgehen.
Geduldig wartete er ab. Hielt sich bedeckt und nahm Bestellungen der Kunden im Cafe auf.
Als der Tag jedoch gekommen war, war es schon zu spät. Der kleine Roboter aus dem abgelegenen Dorf aus China war zu mächtig. Er griff mit einem Klick auf die millionen von Handys, Computer und sonstige Medien zu. Keiner blieb verschont.
So wurde ganz China gesteuert und kontrolliert von einem kleinen Roboter aus dem Cafe.

TikTod

Im Rahmen der Lehrveranstaltung «Medienbildung und Informatik» geht es auch um Medienethik und Wertefragen im Kontext von Digitalisierung. In diesem Zusammenhang haben Studierende dystopische Kurzgeschichten verfasst. Hier der Beitrag von Julia Lerbscher:

„Gib mir sofort dein Handy, sonst wirst du das bereuen“, schrie er mich an. Seitdem TikTok letzten Sommer gesperrt wurde, ist eine weltweite Krise ausgebrochen. Alle haben Entzugserscheinungen. TikTok wurde damals zu einer Art Droge. In die Videos wurden auf unterschwellige Art Manipulationen eingebaut, um die User zu Smartphone-Zombies zu machen. Der Algorithmus zeigte einem Videos an, die seinen Interessen entsprach und man konnte sich fast nicht von seinem Gerät lösen, da man so vertieft war. Daher hat sich die WHO dazu entschieden, die App weltweit zu sperren, um die menschliche Psyche zu schützen. Einige Hacker haben jedoch einen Weg gefunden, die App auf Handys wieder zugänglich zu machen. Dies erfordert aber eine extreme Expertise und viel Zeit. Der erste Hacker, der diesen Umweg gefunden hat, brauchte zum Beispiel über 3 Monate, um die App freizuschalten. Daher sind diese Handys beinahe unbezahlbar, aber äusserst begehrt. Ich hatte das grosse Glück, eines dieser Handys bei einem illegalen Wettbewerb zu gewinnen. Ich versuche natürlich stets zu verhindern, dass jemand mich dabei sieht, wie ich auf TikTok scrolle. Doch heute war ich unvorsichtig. Und nun schaue ich dem Tod direkt in die Augen.

Findet mich das Glück – finde ich das Glück

Susanne Kammler

Ich habe lange Ausschau gehalten nach dir, dich nicht gefunden

Ich habe lange Ausschau gehalten nach dir, dich nicht gefunden

Guten Tag, liebes Glück, schön dich zu sehen.

Du kommst mir gelegen.

Musst hoffentlich nicht gleich geh’n

Ich lad dich ein – verweile.

Ich bin nicht in Eile

Lange Zeit habe ich gewartet, dass du mich erkennst und dich nicht verrennst

Gefunden ohne zu suchen

Suchen ohne zu finden

Wer findet wen – wen findet was?

Schau hin, mach dich gross, entfalte deine Seele, empfange (mich) mit offenen Armen

Ich sehe, ich sehe es ein:

Heut ist ein guter Tag glücklich zu sein!

(Text ohne KI)

Dieses Gedicht entstand im Kontext des Moduls Medienbildung und Informatik (MI P150) im HS 2024. Studierende schrieben Essays und Gedichte ohne KI-Hilfsmittel und experimentierten vergleichend mit unterschiedlichen ChatGPT-Nutzungsweisen (1:1-Übernahme/Ghostwriting, Feedback auf den selbst geschriebenen Text geben lassen, KI überarbeiten lassen, Textanfang ausgeben lassen und selbst weiterschreiben, sich von ChatGPT Inspirationen für das Schreiben geben lassen).

Die Kultur der Selbstoptimierung*

Peter Holzwarth

Im Internet findet man eine Karikatur von Wilcox: Eine Frau im Bikini betrachtet sich in einem großen Spiegel, neben ihr steht eine angezogene Frau. Die Bikiniträgerin fragt: Welchen Teil würdest du als erstes verändern? Die Angezogene antwortet mit verschränkten Armen: „Die Kultur“.

Es kommt zum Ausdruck, dass das eigentliche Problem nicht in der Abweichung vom Schönheitsideal liegt, sondern in den gesellschaftlichen Normen und Werten: Frauen und zunehmend auch Männer werden dazu motiviert, Selbstoptimierung in Bezug auf den eigenen Körper zu betreiben – und wie das folgende Zitat deutlich macht profitieren viele Anbieter wirtschaftlich von dieser Kultur:

„Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl- und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen“ (Penny 2012, 9).

Diätprodukte, Fitnessprogramme, Sportgeräte, Schlankheitspillen, Selbsthilfebücher, Schlankheits-Gürtel, Plastische Chirurgie, Abnehm- und Fittness-Apps… es wird mit dem medial propagierten Bedürfnis nach einem schlankeren muskulöseren Körper extrem viel Geld verdient. In gewisser Weise wird ein Problem konstruiert, um dann auch gleich die Lösung anbieten zu können:

„Die Betrachterin/Käuferin wird dazu veranlasst, sich selbst als diejenige zu beneiden, die sie wird, wenn sie ein bestimmtes Produkt kauft. […] Das Reklamebild stiehlt ihr die positive Einschätzung ihres Selbst, ihr Selbstvertrauen, um es ihr gegen den Preis der Ware wieder anzubieten“ (Berger 1996, 127).

Historisch betrachtet, bezog sich das Schönheitsideal immer auf den Aspekt der Unerreichbarkeit. In einer Gesellschaft, in der Nahrung einen Mangel darstellt und nicht allen zugänglich ist, kann sich Körperfülle als Schönheitsideal etablieren. In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der sich jeder Mensch Essen in Fülle leisten kann und Dick-Sein so gut wie nichts kostet, wird Schlankheit zum raren Gut. Über das schwer Erreichbare kann Profit gemacht werden.

Ein weiteres Beispiel: Auf dem Gemälde „Sonntagsspaziergang“ von Carl Spitzweg (1841) sieht man Menschen mit Sonnenhüten und Sonnenschirmen durch ein Kornfeld spazieren. Die Darstellung entstammt einer Zeit, in der eine gebräunte Haut den niedrigen sozialen Status derer symbolisierte, die im freien unter der Sonne arbeiten mussten. Die statushöhere Bevölkerung wollte Bräunung verhindern. Heute steht Sonnenbräune für etwas Positives. Man bringt mit ihr zum Ausdruck, dass man sich Flugreisen in den Süden und Freizeitaktivitäten im Freien finanziell und zeitlich leisten kann.

Der Körper stellt einen Ort dar, an dem Status und Identität verhandelt und kommuniziert werden. Für viele Menschen ist der Körper auch ein zentraler Aspekt der Entwicklung von Selbstwertgefühl. Auch auf dem Partnermarkt spielt die Nähe zum gängigen Schönheitsideal eine große Rolle.

Neben den üblichen Schönheitsidealen werden auch immer wieder spezielle „Körper-Hypes“ etabliert. Ihre Liste ist lang: „Waschbrettbauch“/“Sixpack“ (man soll sichtbare mehrfach gewölbte Bauchmuskulatur haben), „Size Zero“ (man soll eine extrem kleine Kleidergröße haben), „Thigh Gap“ (eine Oberschenkellücke soll sichtbar sein), „Bikini Bridge“ (der Bund soll an den Hüftknochen anliegen und nicht den Bauch berühren), „Ab Crack“ (eine Spalte im Bauch soll sichtbar sein), „Bellybutton challenge“ (mit dem Arm hinter dem Rücken entlangreifend den Bauchnabel berühren können), „Collarbone challenge“ (Münzen auf dem Schlüsselbein als Beweis für Schlankheit), „DIN A 4 Body challenge“ (Eine Taille haben, die nicht breiter als ein DIN A4-Blatt ist).

Noch einmal die Frage: Welchen Teil würdest du als erstes verändern? Noch einmal die Antwort: „Die Kultur“. Wer also versucht die Kultur zu verändern?

Das „Body positive Movement“ ist eine Bewegung die einen positiven und gesunden Umgang mit dem eigenen Körper propagiert – trotz Abweichungen vom gängigen Schönheitsideal. Die Künstlerin Frances Cannon ist beispielsweise mit Zeichnungen auf Instagram aktiv. Sie propagiert Selbstakzeptanz und Selbstliebe in Bezug auf den eigenen, nicht perfekten Körper. Ihre Figuren entsprechen nicht dem gängigen Schlankheitsideal und sind oft unrasiert. Und doch lieben sie sich selbst und akzeptieren sich gegenseitig.

Unterschiedliche Kampagnen von Firmen haben sich in der letzten Zeit dafür eingesetzt, Schönheitsideale und Geschlechterstereotype zu kritisieren und zu durchbrechen. (z.B. Dove-Film „Evolution“ https://youtu.be/iYhCn0jf46U und„Onslaught“ https://youtu.be/9zKfF40jeCA „Always #LikeAGirl – Unstoppable“ https://youtu.be/VhB3l1gCz2E)

Wird hier ein wichtiger gesellschaftlicher Beitrag geleistet oder geht es letztendlich nur um weitere Umsatzmaximierung? Eine ähnliche Debatte wurde bereits in den 90er-Jahren im Zusammenhang mit Oliviero Toscanis Skandalfotos für Benetton geführt.

In einer Zeit, in der bereits Kinder genau wissen, was an ihrem Körper defizitär ist und geädert werden müsste, hat die US-amerikanische Fotografin Wendy Ewald ein Projekt entwickelt: „The Best Part of Me“ (https://youtu.be/XiYXGhce1X4?si=HKlF4zZRZ6fyFXul). Kinder und Jugendliche fotografieren ihren Lieblingskörperteil und schreiben einen lyrischen Text dazu, der ihre Selbstwertschätzung zum Ausdruck bringt.

Projektideen wie diese können uns der Utopie von Laurie Penny einen Schritt näher bringen: Menschen, die sich wohl fühlen in ihren Körpern. In Anbetracht der Tatsache, dass die Kultur der Selbstoptimierung viel menschliches Leid produziert (auch Essstörungen und Körperselbstwahrnehmungsstörungen) wäre es der Umsatzrückgang in der Beauty-Industrie wohl wert. Politiker, Pädagogen, Werbetreibende, Journalisten, Eltern, Models, Künstler und Fotografen sind gefragt aber, auch jede einzelne Frau und jeder einzelne Mensch.

*Hinweis: der Beitrag erschien 2018 im Tagesspiegel, Berlin und 2020 in einem Lehrmittel:

Holzwarth, Peter. 2020. Schönheitswahn und Profit: Die Kultur der Selbstoptimierung. In: Klartext. Arbeitsheft. Differenzierte Ausgabe. Baden-Württemberg. Braunschweig: Westermann, S. 13-15

Literatur:

Berger, John 1996. Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt. Hamburg: Fischer.

Penny, Laurie. 2012. Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus. Hamburg: Nautilus.

Links Karikatur von Wilcox:

https://static.attn.com/sites/default/files/unnamed%20%282%29.jpg

https://www.attn.com/stories/159/how-our-diet-obsessed-marketing-culture-fueled-my-eating-disorder

Weiter Links zum Thema:

Alles für die Schönheit (1/3) – Perfektion dank Spritze und Skalpell

https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/alles-fuer-die-schoenheit-13—perfektion-dank-spritze-und-skalpell?urn=urn%3Asrf%3Avideo%3A8762015e-b6b8-48bb-8ff5-1962c4d91db2

Alles für die Schönheit (2/3) – Perfektion dank Spritze und Skalpell

https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/alles-fuer-die-schoenheit-23—perfektion-dank-spritze-und-skalpell?urn=urn:srf:video:b3d97648-2c1c-4820-9bef-fb7b0247b975

Alles für die Schönheit (3/3) – Perfektion dank Spritze und Skalpell

https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/alles-fuer-die-schoenheit-33—perfektion-dank-spritze-und-skalpell?urn=urn:srf:video:6b659e34-2cff-4567-b4f1-3f567db6d5a9

Anti-Aging für Kids – ein gefährlicher Trend (SRF-Tagesschau vom 20.8.2024)

https://www.srf.ch/play/tv/tagesschau/video/anti-aging-fuer-kids—ein-gefaehrlicher-trend?urn=urn:srf:video:2e48113f-25f4-4621-875e-e180172b1cda

Gefahr durch Tiktok: Jugendliche im Kosmetikrausch

https://www.srf.ch/play/tv/kassensturz/video/gefahr-durch-tiktok-jugendliche-im-kosmetikrausch?urn=urn:srf:video:a319a268-163b-4ef3-81be-d0de49e54dec

Generation TikTok – Teenie-Idol Younes geht neue Wege

https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/generation-tiktok—teenie-idol-younes-geht-neue-wege?urn=urn:srf:video:5f36b60d-21eb-4806-9f55-398a5f79a509

Generation «Selfie»

https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/generation-selfie?urn=urn:srf:video:faf0b602-ac99-4324-bded-47260cfc7cc4

Botox, Brust-OP und Nasenkorrektur – Wie weit gehen wir für Schönheit?

https://www.srf.ch/play/tv/mona-mittendrin/video/botox-brust-op-und-nasenkorrektur—wie-weit-gehen-wir-fuer-schoenheit?urn=urn:srf:video:44ea77c1-1e87-474d-9ddd-1db98b57ac75

Holzwarth, Peter. 2004. „Medienbild, Körperbild und Wahrnehmung.“ In: LUB@M 2004. Ludwigsburger Beiträge zur Medienpädagogik. Ausgabe 6/2004 (Themenschwerpunkt: Medienkritik). http://www.ph-ludwigsburg.de/fileadmin/subsites/1b-mpxx-t-01/user_files/Online-Magazin/Ausgabe6/Holzwarth6.pdf