Fehlinformationen in Bezug auf das wissenschaftliche Schreiben

Peter Holzwarth

Immer wieder hören wir von Studierenden, dass Fehlinformationen in Bezug auf das wissenschaftliche Schreiben im Umlauf sind. Im Folgenden werden die bisher gesammelten dargestellt und kommentiert. Wer kennt weitere Fehlinformationen? Bitte melden! (Der Beitrag wird immer wieder aktualisiert.)

«Alte Literatur darf man nicht verwenden.» – Man darf Literatur jeden Alters verwenden. Bei Studien, die in regelmässigen Intervallen durchgeführt werden (z. B. JAMES-Studie), ist es wichtig, sich auf die jeweils neuste zu beziehen.

«Man muss pro Seite eine bestimmte Anzahl an Zitaten / Verweisen bringen.» – Es gibt keine Vorgaben für eine Mindestanzahl an Zitaten/Verweisen pro Seite.

«Man muss mehr als fünf Seiten Literaturangaben haben.» – Es gibt keine Mindestmengenangabe. Die Anzahl allein ist nicht entscheidend für die Qualität der Arbeit. Es kommt eher darauf an, dass man sich auf die für die Fragestellung relevanten und einschlägigen Quellen bezogen hat.

«Man darf nur Gedanken von anderen Autorinnen und Autoren wiedergeben – keine eigenen.» – Eine wissenschaftliche Arbeit lebt von fremden und eigenen Gedanken (z. B. Kritik, verschiedene Gedanken zusammendenken, Theorien erweitern etc.). Es ist wichtig, eigene Gedanken von denen anderer zu unterscheiden. Auch sind subjektive Einschätzungen von objektiv gewonnenen Erkenntnissen zu differenzieren.

«Man darf bei Zitaten die Seitenzahlen nicht angeben.» – Man muss die Seitenzahlen angeben, um den Lesenden die Möglichkeit zu geben, das Zitat oder den Gedanken im Originalkontext auffinden und nachvollziehen zu können. Dies gilt sowohl für wörliche Zitate als auch für Paraphrasen (Wiedergabe eines fremden Gedankens oder Inhalts in eigenen Worten).

«Es braucht keine Fragestellung.» – Für eine wissenschaftliche Arbeit ist die Fragestellung extrem wichtig. Durch die Formulierung der Fragestellung wird das Erkenntnisinteresse fokussiert und die Umsetzbarkeit kann antizipiert werden (Zeitressourcen, Zugang zu Forschungssubjekten, Möglichkeiten der Datenerhebung und -auswertung, Ansprüche auf Verallgemeinerbarkeit der Aussgaen etc.).

«Die Literaturangabe macht man immer am Ende eines Abschnitts.» – Bei einer wissenschaftlichen Arbeit muss für die Lesenden zu jedem Zeitpunkt deutlich sein, ob Aussagen von der Autorin/dem Autor stammen oder von einer anderen Person. Daher kann eine Literaturangabe, die erst am Ende eines Abschnitts kommt, zu Unklarheiten führen. Wird der Gedanke eines anderen Menschen wiedegegeben, muss auch gleich die entsprechende Angabe erfolgen.

«Texte aus ChatGPT kann man zitieren wie Texte aus Büchern, Zeitschriften oder Artikeln aus Onlinebeiträgen.» – Ein Mensch kann wörtlich aus einem Buch zitieren. Eine andere Person kann sich das Buch beschaffen, das Zitat auf der angegebenen Buchseite finden und die Aussage im Kontext nachvollziehen. Diese Logik der Vorfindbarkeit und Nachvollziehbarkeit ist bei KI-Programmen nicht gegeben. Nach jedem Prompt generiert ChatGPT eine neue Kombination aus bereits bestehenden Texten. Ein Mensch, der denselben Prompt an seinem Computer eingibt, wird nie das gleiche Textergebnis bekommen. Daher ist ein Zitieren wie man es von Büchern, Zeitschriften oder Onlinebeiträgen nicht sinnvoll. Für eine bestimmte Fragestellung kann es jedoch von Bedeutung sein zu dokumentieren, dass ChatGPT zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem bestimmten Prompt einen bestimmten Text geliefert hat.

«Analyze The Lyrics»: Ein literarisches Rap-Quartett lädt zum Spiel mit Bedeutungen ein

«Analyze The Lyrics» – «Analysiere die Songtexte» – so lautet ein Format auf SRF, bei dem junge Protagonistinnen und Protagisten der Schweizer Rap-Szene betont locker beisammensitzen und über Vierzeiler aus einem Schweizerdeutschen Rap-Song diskutieren. Es geht um mögliche Lesarten, intertextuelle Bezüge, szenespezifische Insideranspielungen, regionale Verortungen und mögliche Zuordnungen von Text und Künsterin/Künstler. Nach kurzer Zeit kommt die Auflösung in Form eines Musikvideoausschnitts.

Dieses spannende Format kann zu ähnlichen Diskussionen motivieren. Personen treffen sich, bringen jeweils eigene oder fremde Romanausschnitte, Gedichtzeilen oder Ausschitte aus Songtexten mit und diskutieren in ähnlicher Weise über Lesarten, Epochen und mögliche Autorinnen und Autoren.

Zum Thema Rap in der Schule:

Holzwarth, Peter. 2012. «Rap. Video.» In Medienpädagogik Praxis Handbuch. Grundlagen, Anregungen und Konzepte für aktive Medienarbeit, hrsg. v. Eike Rösch, Kathrin Demmler, Elisabeth Jäcklein-Kreis u. Tobias Albers-Heinemann, 354–359. München: kopaed.
medienpaedagogik-praxis.de/2012/12/01/rap-video/


	

Beitrag von Maik Philipp auf leseforum.ch

Maik Philipp ist Mitglied des Schreibzentrums und hat auf leseforum.ch einen Beitrag über «Taxierte Schreibaufgaben» veröffentlich. Der Text steht kostenlos als PDF zur Verfügung:

leseforum.ch/sysModules/obxLeseforum/Artikel/761/2022_2_de_philipp.pdf

leseforum.ch


Philipp, Maik. «Taxierte Schreibaufgaben:
Die revidierte Bloom-Taxonomie als Analyse- und Planungswerkzeug
für das Lernen mit dem Schreiben.» leseforum.ch. Nr. 2022 | 2. leseforum.ch/sysModules/obxLeseforum/Artikel/761/2022_2_de_philipp.pdf

Weiter Literatur von Maik Philipp: phzh.ch/personen/maik.philipp

Ehemalige Tutorin Antonia Rakita im inside 2/2022

Unsere ehemalige Tutorin schreibt im aktuellen Heft auf S. 21 über ihr erstes Jahr im Schuldienst.

Hier ein Ausschnitt:

«Ich suche aktiv nach drei Dingen, die gut liefen. Diese kurze Übung findet bereits Anklang bei einigen aus dem Kollegium; wir erinnern uns gegenseitig daran, sie durchzuführen. Es ist eine Überlegung wert, diese Strategie auch den Lernenden zur Bewältigung des Alltags mit auf den Weg zu geben.» Antonia Rakita (inside 2/2022, S. 21, Pädagogische Hochschule Zürich)

For there is always poetry

… if only we are brave enough to write it.1

Das Inaugurationsgedicht von Amanda Gorman

We are striving to forge our union with purpose.
To compose a country committed to all cultures, colors, characters, and conditions of man.
And so we lift our gaze, not to what stands between us,
but what stands before us.
We close the divide because we know to put our future first,
we must first put our differences aside.

Aus: «The Hill We Climb» von Amanda Gorman

Welchen Stellenwert haben Gedichte in unserer Gesellschaft? Lustige Gedichte auf Hochzeiten, die sich reimen? Klassische Gedichte in Schulbüchern? Rap Lyrics auf den Handys jugendlicher Hip-Hop-Fans?

«The Hill We Climb» von Amanda Gorman – zur Amtseinführung von Joe Biden am 20. Januar 2021 rezitiert – macht deutlich, dass Gedichte kein Schattendasein fristen müssten.

Ihr Gedicht bringt Hoffnung zum Ausdruck. Hoffnung, die viele Menschen in den USA und auf der ganzen Welt in Anbetracht des Machtwechsels empfinden.

Ihr Gedicht bringt das Ideal einer heilenden, vereinteren Gesellschaft zum Ausdruck, in der Verschiedenheit respektiert wird und in der demokratische Werte gelebt und verteidigt werden: «But while democracy can be periodically delayed, it can never be permanently defeated.»

Sie adressiert ihr Gedicht mit den Worten «Mr. President, Dr. Biden, Madam Vice-President, Mr. Amhoff, Americans and the world» und betont damit die globale Relevanz ihrer Worte. Rechtspopulismus stellt ein Problem dar, das die USA mit vielen Ländern der Erde teilen. Der Begriff «Trumpismus» suggeriert zu Unrecht einen länder- und personen­spezifischen Problemkomplex und wird der globalen Bedeutung nicht gerecht. «The Hill We Climb» kann also auch viele Menschen ausserhalb der USA trösten und motivieren, deren Gesellschaften gespalten und deren Demokratien bedroht sind.

Nochmals die Frage: Welchen Stellenwert haben Gedichte in unserer Gesellschaft? Und: Welchen Stellenwert haben Gedichte an unserer Hochschule?

Eine längere Tradition haben die Schreibwettbewerbe des Schreibzentrums, 2021 zum Thema «Spiel mir das Lied».

Möglicherweise könnten gesellschaftliche Ereignisse wie die Rezitation von Amanda Gorman einem etwas vernachlässigten Textgenre zu neuer Bedeutung verhelfen.

1      In Anlehnung an Amanda Gormans Zeilen: «For there is always light (…) If only we’re brave enough to be it.»

Peter Holzwarth ist Dozent für Medienbildung und Mitarbeiter des Schreibzentrums.