Medienkonsum oder Mediennutzung?

Immer wieder liest und hört man den Begriff “Medienkonsum”, auch im Zusammenhang mit der Rezeption von Nachrichten (“Newskonsum”).

Für viele Menschen hat der Begriff “Konsum” eine negative bzw. kulturkritische Konnotation. Nutzende werden als passiv konzipiert. Der Gegenstand des Konsums gilt als eher minderwertig, z. B. “Zuckerkonsum”, “Heroinkonsum” oder “Drogenkonsum”, bezogen auf Medien “Pornokonsum” oder “Internetkonsum”.

Medieninhalte, die als kulturell hochwertig gelten, werden selten mit dem Begriff “Konsum” in Verbindung gebracht, z. B. hört oder liest man kaum: ein Rilke-Gedicht konsumieren, ein Klavierkonzert von Mozart konsumieren, die NZZ konsumieren, ein Kinderbuch konsumieren, einen Hesse-Roman konsumieren oder ein Theaterstück konsumieren.

Viele Mediennutzungsformen können potenziell entwicklungsförderliche und problematische Aspekte beinhalten, je nach Person, Inhalt und Kontext. Es ist wichtig, bei jedem Medienphänomen eine differenzierte Sichtweise einzunehmen in Bezug auf Chancen und Risiken.

Ergebnisse der Mediennutzungsforschung zeigen immer wieder, dass bei rezeptiver Nutzung von Medien durchaus auch aktive Prozesse ablaufen, z. B. Selektion, selektive Aufmerksamkeitszuwendung, Bedeutungskonstruktion, Füllung von Leerstellen, Herstellung intertextueller Bezüge, Abgleich mit der eigenen biographischen Erfahrung, Reflexion über Plausibilität oder Anschlusskommunikation.

Um eine Vorverurteilung zu vermeiden, ist es sinnvoll, neutraler von “Mediennutzung” zu sprechen und danach differenziert Chancen und Risiken zu analysieren und zu benennen.

Was dürfen Satire und Comedy?

„(…) ich ziele mit meinen Jokes nach oben, ich ziele zu denen Leuten, die mehr Macht haben (…).“ Comedian Michael Elsener, Tagessgespräch, SRF, 13.3.2023

«Ims Schwiiz nach de 22 Uhr dusch ims die Fresse halta, un au nümmes die Frau schlage, au wenn sie schims verdiene.» (Mike Müller in der Rolle des albanischstämmigen Migranten Mergim Muzzaffer, SRF-Comedy-Sendung Giaccobo/Müller, 2011)

Was dürfen Satire und Comedy? Wo gibt es ethische Grenzen in Bezug auf negative Darstellungen von Minderheiten?

Mergim Muzzafer über die Nachtruhe | Giacobbo / Müller | Comedy | SRF

Der Schauspieler und Comedian Mike Müller war am 15. Mai 2023 zu Gast an der Pädagogischen Hochschule Zürich (im Rahmen der Veranstaltung «Studienreise in bewegte und bewegende Regionen Europas (Kosovo)» um über diese Fragen und ein konkretes Video zu diskutieren, in dem er die Figur «Mergim Muzzafer» spielt. Dieser ist ein Einwanderer aus Kosova, der in der Schweiz lebt und seinen Landsleuten Integrationshinweise gibt, damit diese in der Schweiz bleiben können bzw. nicht ins Gefängnis müssen. Dabei werden folgende Klischees bedient: “Kriminalität”, “Tiere in der Wohnung halten”, “schlechtes Deutsch” und “Frauen schlagen”. Im Rahmen der Diskussion hat sich Mike Müller (selbst-)kritisch mit dem Beitrag auseinandergesetzt und gleichzeitig ein Plädoyer für die Freiheit gehalten.

Es stellen sich folgende Fragen:

  1. Dürfen Comedy und Kunst alles („Kunstfreiheit“)?
  2. Darf Comedy alles, weil es ja „nur Spass“ ist?
  3. Macht es einen Unterschied um welche Ausdrucksform es sich handelt (Comedy, Spielfilm, Roman etc.)?
  4. Darf ein Comedian eine ethnische Gruppe klischeehaft darstellen, wenn es sich um die eigene handelt (z. B. Kaya Yanar Karikatur des Türstehers Hakan)? https://youtu.be/5vcGcFf5y3w?si=vnY1cvrPZylT-8qk
  5. Darf ein Comedian eine andere ethnische Gruppe klischeehaft darstellen, wenn die eigene (in anderen Kontexten) auch klischeehaft darstellt wird? https://www.youtube.com/shorts/Yl9RqMLLTpE („Banker Patenschaften dringend gesucht SRF | Comedy | Giaccobo / Müller | SRF“)
  6. Ist es nur dann legitim, wenn es auf Kosten der „Mächtigeren“ geht?
  7. Ist es immer legitim, wenn es auf die Kosten der „Mächtigen“ geht? Oder gibt es auch in diesem Kontext Grenzen?

Ähnliche Diskurse wurden in anderen Kontexten geführt:

Debatte um Erdogan-Gedicht von Jan Böhmermann https://youtu.be/NYY18sP2brM?si=0CRiJuVgi3WljAwW

Lied «Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt» von Danger Dan https://youtu.be/Y-B0lXnierw?si=14xij1GFJ0jrE8Dq

Diskurs um den Film „Nellys Abenteuer“ (Dominik Wessley, Deutschland 2016): Negative Stereotype über Roma vs. positive Darstellung von Einzelpersonen (Holzwarth 2018).

SRF Beitrag von Samuel Lutz vom 8.12.2023: “Worüber darf man noch lachen? Schweizer Comedy-Grössen erzählen”: https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/debatte-um-witz-und-wokeness-worueber-darf-man-noch-lachen-schweizer-comedy-groessen-erzaehlen

Literatur:

Holzwarth, Peter. 2018. “Medienpädagogik, Filmbildung und Migration.” Migration und Soziale Arbeit (ISSN 1432-6000), Ausgabe 04, Jahr 2018, Weinheim: Beltz Juventa 2018, S. 301-308

“Beautiful German Words” von “anneliese_leska” auf Instagram

Achten wir im Alltag auf die Schönheit der eigenen Sprache? Oder finden wir diese nur in Sprachen, die uns fremd sind?

Annelise Leska eröffnet in ihren Instagram-Filmbeiträgen eine persönliche Perspektive auf “Beautiful German Words”, z. B. “Frohnatur”, “Weltschmerz”, “Alptraum”, “Lebensmut”, “beleidigte Leberwurst”, “Schmöker”, “Habseligkeiten”. Hier ein Beispiel:

https://www.instagram.com/reel/CrYtwdjrgQK/?igshid=MzRlODBiNWFlZA%3D%3D

Kann der fremde Blick dazu beitragen, die eigene Sprache neu zu entdecken?

Narrative Kompetenz als Lebenskompetenz?

Im folgenden Zitat von Heiko Ernst kommt zum Ausdruck, dass Menschen über Narrationen biografische Sinnhaftligkeit herstellen können. Möglicherweise profitieren Menschen von literarischen Narrationskompetenzen für ihre umfassendere Biografie- und Identitätsarbeit.

“Erzählungen und Geschichten waren und bleiben die einzigartige menschliche Form, das eigene Erleben zu ordnen, zu bearbeiten und zu begreifen. Erst in einer Geschichte, in einer geordneten Sequenz von Ereignissen und deren Interpretation, gewinnt das Chaos von Eindrücken und Erfahrungen, dem jeder Mensch täglich unterworfen ist, eine gewisse Struktur, vielleicht sogar einen Sinn. […] Zwar sind wir nur in sehr geringem Maße Autoren unserer Geschichte – zu groß ist inzwischen die Macht der Außeneinflüsse und der Abhängigkeit von persönlichen und sozialen Ressourcen, um diese sich selbst überschätzende Rolle durchzuhalten –, aber wir können gute und verständnisvolle Erzähler unserer Geschichte sein und so den nötigen Sinn und Zusammenhang stiften” (Ernst 1996, S. 202ff.).

Ernst, Heiko. 1996. Psychotrends. Das Ich im 21. Jahrhundert. München: Piper.

How to write an entire book with ChatGPT – Zukunft des Schreibens und Publizierens

Auf Instagram erklärt ein Mann, wie man mit Hilfe von Chat GPT ein ganzes Buch publizieren kann:

https://www.instagram.com/reel/CqmLXPTJk0J/?utm_source=ig_web_copy_link

– Vorschläge für Buchtitel zum gewünschten Thema machen lassen

– Vorschläge für die Titel der Unterkapitel machen lassen

– Grobkonzept für Unterkapitel entwickeln lassen

– Unterkapitel ausführlich ausformulieren lassen

– Alles kopieren und in ein Programm einfügen, das den KI-Charater verschleiert

Wer möchte solche Bücher lesen? Was ist mit Innovation und dem Beschreiten von Neuland? Welche Denk- und Lernprozesse finden bei der Produktion noch statt? Welche Qualitätskriterien braucht es für zukünftige Publikationen? Welche ethischen und rechtlichen Fragen sind zu klären (Autorenschaft, Plagiat, Recht am geistigen Eigentum etc.)?

Literatur- und Linksammlung zum Thema KI und Schreibprozesse

„Ohne zu schreiben, kann man nicht denken; jedenfalls nicht in anspruchsvoller, anschlussfähiger Weise.“ (Niklas Luhmann, Universität als Milieu, 1992)

Viele Menschen beschäftigt das Thema KI und Schreibprozesse an Schulen und Hochschulen. “ChatGPT” wird in vielen medialen Kontexten diskutiert. Wird es am Ende so sein, wie bei der Einführung des Taschenrechners? Werden sich schriftliche Aufträge verändern müssen? Wird sich die Logik von schriftlichen Arbeiten und Qualifikationsarbeiten grundlegend verändern müssen? Geht es um Verbote und Kontrolle oder eher um einen klugen Einsatz, der gewährleistet, dass Nutzenden wichtige Lernprozesse nicht vorenthalten werden? Oder je nach Kontext beides? Die folgende Link- und Literatursammlung liefert Hintergundinformation, um eine Haltung zu finden.

Döbeli Honegger, Beat. 2023. ChatGPT & Schule. Einschätzungen der Professur „Digitalisierung und
Bildung“ der Pädagogischen Hochschule Schwyz.
https://mia.phsz.ch/pub/MIA/ChatGPT/2023-chat-gpt-und-schule-v117.pdf

Holzwarth, Peter. 2023. «KI und Schreibprozesse an Schulen/Hochschulen.» Medienpädagogik Praxis-Blog. 17.1.2023. https://www.medienpaedagogik-praxis.de/2023/01/19/ki-und-schreibprozesse-an-schulen-hochschulen/

Minor, Liliane. 2023. «Naht das Ende des Aufsatzes?» Tages-Anzeiger. 5.1.2023, S. 15 https://www.tagesanzeiger.ch/sind-textroboter-das-ende-des-schulaufsatzes-639949763011?fbclid=IwAR3ugBuX5zLBRRxVANE-jk1vH1sWEpuZB9t4HCbaG1p3L3fpQdvBMs60Lo8

Otsuki, Grant Jun. 2020. «OK computer: to prevent students cheating with AI text-generators, we should bring them into the classroom. The Conversation.» 23.1.2020. https://theconversation.com/ok-computer-to-prevent-students-cheating-with-ai-text-generators-we-should-bring-them-into-the-classroom-129905

Rickert, Alex. 2022. «Nehmen uns Maschinen das Schreiben ab?» akzente 4/2022. Pädagogische Hochschule Zürich, 25.11.2022. https://blog.phzh.ch/akzente/2022/11/25/nehmen-uns-maschinen-das-schreiben-ab/#more-8065

Stokel-Walker, Chris. 2022. «AI bot ChatGPT writes smart essays — should professors worry? The bot is free for now and can produce uncannily natural, well-referenced writing in response to homework questions.» nature, 9.12.2022. https://www.nature.com/articles/d41586-022-04397-7?fbclid=IwAR3e8SKJpoNtV2vgpGy6WWiJKisJEI41ciIIckZj7v9SOKowfNLpXywJnzI

Wacker, Valérie. 2023. «ChatGPT stellt Lehrpersonal vor neue Herausforderungen.» SRF. 11.2.2023 https://www.srf.ch/news/schweiz/ki-im-klassenzimmer-chatgpt-stellt-lehrpersonal-vor-neue-herausforderungen?ns_source=mobile&srg_sm_medium=fb&fbclid=IwAR2iXMxmbQMz-Pgk0TokkuwXxjgd8i9qXqryAd2Spk46WnG-SjuXsC6mZ_E

Wampfler, Philippe. 2022. «Betrug, Verbote oder Nutzung: Was GPTChat für die Schule bedeutet. Schule Social Media.» https://schulesocialmedia.com/2022/12/08/betrug-verbote-oder-nutzung-was-gptchat-fur-die-schule-bedeutet/

Weßels, Doris. 2023. «Muss man künstliche Intelligenz in der Schule verbieten?» Martin Spiwak im Interview mit Doris Weßels. Die Zeit Nr. 4. 19.1.2023, S. 28

Weßels, Doris. 2022. «Hochschullehre unter dem Einfluss des KI-gestützten Schreibens.» https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/blog/Hochschullehre-KI-gestuetztes-Schreiben

Weßels, Doris (2022): «Chat GPT ist erst der Anfang.» https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/blog/ChatGPT-erst-der-anfang

Linksammlung von Mirjam Egloff: https://www.schabi.ch/seite/KI-und-Schule

Interkulturelles Schreibprojekt Tunesien – Schweiz

Erik Altorfer (Schweiz) und Amel Meziane (Tunesien) reflektieren ein gemeinsames interkulturelles Schreibprojekt, das an der PH Zürich und am Institut Supérieur des Etudes Appliquées en Humanité de Zaghouan (ISEAHZ) durchgeführt wurde . Der Beitrag steht – zusammen mit vielen anderen Artikeln aus einem akademischen Netzwerkprojekt zwischen pädagogischen Hochschulen aus der Schweiz und aus Nordafrika aus dem Projekt SINAN (Swiss-North African Academic Network) – kostenlos online zur Verfügung:

Altorfer, Erik und Amel Meziane 2022. “The Sea Between Us”: A report on the teaching of creative writing to pre-service teachers in Tunisia and Switzerland. In Learning across Borders in Teacher Education: Experiences with the Swiss-North African Academic Network (SINAN) Project (DOKinsight, Vol. 2). hrsg. v. Samir Boulos und Mònica Feixas, 80-88. Zurich: Zurich University of Teacher Education. https://doi.org/10.5281/zenodo.7377546

Das folgende Zitat gibt einen Einblick in die Potenziale des kreativen Schreibens:

“Creative writing may help learners improve their language proficiency level and enrich their vocabulary. Lida (2012) states that there is a potential for literacy transfer to academic writing. In other words, creative writing can serve to enrich the linguistic repertoire of learners, which subsequently may impact positively on other genres including academic writing. Additionally, creative writing coaches those who are beset with affective problems such as low self-esteem, inhibition, introversion and anxiety, because both of the composing process and the final product are equally important; and evaluation comes mainly in the form of constructive feedback. Establishing creative writing as a routine can also impact positively on learner’s reading skills. In point of fact, Winterson (2012) contends that creative writing and reading are strongly linked” (Altdorfer & Meziane 2022, p. 81).

Publikation der Texte

Cover der Publikation “The Sea Between Us – Das Meer zwischen uns – La mer qui nou sépare – البحر الذي يفصلنا”

Weitere Informationen

Text von Oumayma Bahri
Reflexion von Oumayma Bahri

Link zum Video

Life Skills mit Medien

Holzwarth, Peter. 2022. Life Skills mit Medien. Projektideen für Selbstbewusstsein und Lebenskompetenzen. München: kopaed.

In einer komplexen, unsicheren und mehrdeutigen Welt stellen Medien sowohl Risiko als auch Chance dar. “Life Skills mit Medien” leistet einen Beitrag, mit den Potenzialen von Medien das Selbstbewusstsein von Kindern, Jugendlichen  und Erwachsenen zu stärken.

Kreative Medienprojekte mit Fotografie und Video laden ein, die eigenen Lebenskompetenzen weiterzuentwickeln (z. B. Empathie, kritisches Denken, Umgang mit Stress, Umgang mit Gefühlen, kreatives Denken, Beziehungsfähigkeit) und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Dabei profitieren erfahrungsgemäss auch pädagogische Fachpersonen.

Reflexive Medienprojekte zielen darauf ab, Medienphänomene im Alltag besser zu verstehen und die eigene Mediennutzung bewusster zu gestalten (z. B. Wie kann ich mein Handy bewusster und achtsamer nutzen? Wie kann ich mit sozialen Vergleichen auf Social Media umgehen? Welche medialen Mythen über Liebe und Sexualität sollten aufgedeckt werden?).

Die Projektideen lassen sich für unterschiedliche Altersgruppen anwenden. Sie eignen sich sowohl für schulische als auch ausserschulische Zusammenhänge.

Das Life Skills-Konzept ist mit dem 21st Century Skills-Konzept verwandt (vgl. Rickert 2019).

Ein Life Skills-Selbsttest ist hier zu finden:

Life Skills-Selbstreflexion (Was ist der am besten entwickelte Skill? Welches ist der Skill mit dem grössten Entwicklunsgpotenzial?)