Sven Hodel
Jeden Morgen sass der alte Fischer am See auf einem Holzstuhl, der fast so laut knarrte wie seine Knie.
„Wir sind beide nicht mehr neu“, sagte er jeweils zum Stuhl, „aber wir halten noch.“
Er war kein reicher Mann. Er besass eine kleine Hütte, ein paar Netze, eine Angelrute und eine Thermosflasche, die besseren Tee machte als manches Café im Dorf. Vor allem aber hatte er Mara, seine Frau. Wenn sie ihm am Morgen Brot ans Ufer brachte, wurde der Tag sofort wärmer.
Er fischte langsam. Nicht aus Faulheit, sondern aus Überzeugung. Wer die Schnur zu hektisch auswarf, verscheuchte nicht nur die Fische, sondern manchmal auch die eigenen Gedanken. Während der Schwimmer auf dem Wasser tanzte, dachte er über das Leben nach.
„Der Mensch“, murmelte er, „wirft ständig etwas aus: Wünsche, Sorgen, Pläne. Und dann wundert er sich, wenn nicht alles sofort anbeisst.“

HodelManchmal fing er zwei Fische. Manchmal keinen. Beides war ihm recht. Mit den Jahren hatte er gelernt: Ein leerer Korb ist kein leeres Leben.
Am Mittag ass er Brot, Käse und einen Apfel. Er betrachtete sein einfaches Mahl und nickte zufrieden.
„Mehr Luxus verträgt mein Herz heute gar nicht.“
Eine Ente schwamm vorbei.
„Ja, ja“, sagte er zu ihr. „Du hast gut reden. Du bist wasserdicht geboren.“
Am Abend brachte er zwei kleine Fische nach Hause. Mara kochte Suppe, und der Duft füllte die Hütte.
„Grosse Fische gefangen?“, fragte sie.
„Zwei kleine“, sagte er. „Aber mit Charakter.“
Später sassen sie vor der Tür. Der See lag dunkel und ruhig vor ihnen.
„Was ist Glück?“, fragte Mara.
Der Fischer nahm ihre Hand. „Vielleicht ist Glück kein grosser Fang. Vielleicht ist es das Warten, das Atmen, warmer Tee, gute Suppe und jemand neben sich, der sogar über schlechte Witze lacht.“
„Ich lache nicht über alle“, sagte Mara.
„Nur über die besten Schlechten“, antwortete er.
Und der alte Fischer wusste: Man muss nicht alles fangen, um reich zu sein.
Sven Hodel studiert an der PHZH










