Das Schreibgenie verbirgt sich nicht in den Genen

Alex Rickert – Seitenblick

Ich habe einen Freund, der ist quasi ein Schreibgenie. Er hat keine tertiäre Schulbildung, schreibt aber Mails, Grusskarten und Geschichten so witzig, klar und poetisch, dass ich ihn um seine Gabe beneide. Mich treibt die Frage um: Warum zum Henker schreiben wenige Leute so gut und die meisten nicht? Wurden manche als Wunderkinder mit einem Schreibgen geboren? Haben ihre Lehrpersonen oder Eltern sie speziell gefördert?

Ein Genie sein, vielleicht weltberühmt werden – das klingt verlockend. Die Faszination für überragende Menschen verdanken wir zu grossen Teilen dem Geniekult in den Geisteswissenschaften zur Zeit der Jahrhundertwende um das Jahr 1900. Mozarts Geist stellte man sich als zuckende Genieflammen vor. Goethe oder Beethoven wurden mit unentwegt ausbrechenden Vulkanen verglichen. Das Genie wurde mit Potenz und Männlichkeit gleichgesetzt. Der antisemitische und misogyne Philosoph Otto Weiniger verstieg sich zur Aussage, dass die «Virtus» wohl vor allem im Hoden liege. Genialität ist angeboren. So lautete das vorherrschende Narrativ, das sich auch heute noch hartnäckig hält.

In jüngerer Zeit hat sich die Kognitionsforschung intensiv mit Menschen, die herausragende Leistungen hervorbringen, beschäftigt und sich stark vom Narrativ der angeborenen Begabung entfernt. Beispielsweise konnten in Studien mit Schachspielern gezeigt werden, dass ein hoher IQ zwar das Erlernen des Spiels erleichtert und beschleunigt, aber nicht erklärende Variable dafür ist, warum sich absolute Meister von sehr guten Spielern und Spielerinnen unterscheiden. Der ausschlaggebende Faktor, um es bis ganz an die Spitze zu schaffen, ist die Art und Intensität des Trainings. Doch was das Training angeht, gibt es Missverständnisse: Laut der durch Malcom Gladwell populär gewordenen 10’000-Stunden-Regel könnte jeder Mensch unabhängig von Talent ein Meister seines Fachs werden, indem sie oder er bis zum 20. Lebensjahr 10’000 Stunden dafür trainiert. Heute weiss man, dass es weniger auf die Quantität des Trainings ankommt als auf die Qualität. Auch Talent, IQ und vor allem der persönliche Einsatz spielen eine wichtige Rolle. Die Psychologin Angela Duckworth hat den Schlüssel zum Erfolg in eine einfache Formel gebracht: Talent zählt einfach, Effort zählt doppelt.

Trotz all dieser Befunde hält sich vor allem beim Schreiben der Genie-Mythos besonders zäh. Entweder man kann es oder man kann es nicht. Die Schreibforschung hat dieses Genie-Modell vom Schreibenlernen längst widerlegt. Wie soll man also gut werden im Schreiben, wenn sich IQ und Talent nicht beeinflussen lassen? Aus der evidenzbasierten Schreibforschung weiss man, welche Art von Schreibtraining – zumindest in der Schule – wirkt: Schreibstrategien explizit vermitteln, kooperatives Schreiben mit anderen Schülerinnen und Schülern, Feedback von Erwachsenen und das Setzen klarer Textproduktziele. Daneben braucht es starken Antrieb, im Schreiben besser werden zu wollen. Dass Hoden dafür nützlich sind, bezweifle ich stark.

Alex Rickert ist Leiter des Schreibzentrums der PH Zürich.

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