Vernissage «Schreiben und Scham»

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Schreiben und Scham: Wenn ein Affekt zur Sprache kommt.
Hrsg. v. Monique Honegger. Giessen: Psychosozial-Verlag, 2015. 215 Seiten.

Wie angekündigt, war die Vernissage eine ungezwungen ernste und sachlich humoristische Begegnung mit Scham und Schreiben.
Den Anfang machte Thomas Geiger, der Paranoia-Lenker: Ganz nach dem Motto «wenn Scham ein Buch gebiert» liess er in seinem Scham-Inkubator Scham-Bücher zur Welt kommen. Daraufhin folgte kurz und heftig ein Scham-Gewitter in Form von Zweiminuten-Lesungen beteiligter Autoren.

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Et voilà. Nun ward die Scham benannt und konnte bei Wein und Häppchen zwischen den Buchdeckeln genossen werden.

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Vernissage «Schreiben und Scham»

«Viel besser ist es, sich mal beim Schämen zu irren,
als sich beständig seiner Irrtümer zu schämen.»
Martin Gerhard Reisenberg

Scham ist eine treue Begleiterin im Schreibprozess. Ein wenig wie der Mond zur Erde gehört sie zum Schreiben, ob wir wollen oder nicht. Wie der Mond wirft sie Schatten, bietet aber auch Spektakel, wenn sie das Schreiben wieder mal zufinstert. Begegnen wir dem Schreibtrabanten mit Interesse und Humor. Schauen wir durch die geschwärzte Schutzbrille, wenn die Scham Schreibfinsternis macht: In einer ungezwungen ernsten und sachlich humoristischen Begegnung werden diesen Freitagabend, 6. November 2015, um 19.00 Uhr in der Buchhandlung Paranoia anlässlich der Vernissage des Sammelbandes Schreiben und Scham verschiedene Autorinnen aus ihren Beiträgen vorlesen.

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Schreiben und Scham: Wenn ein Affekt zur Sprache kommt.
Hrsg. v. Monique Honegger. Giessen: Psychosozial-Verlag, 2015.

Schreiben ist eine grundlegende Kulturtechnik. Wer selbst schreibt oder andere beim Schreiben begleitet, begegnet diversen Aspekten von Scham. Umgekehrt spielen Schreiben und Textualität eine spezifische Rolle, wenn Menschen sich der Welt ihrer Schamgefühle bewusst werden. Eine Wechselwirkung ist zu beobachten: Einerseits hat das Fühlen von Scham Einfluss auf den Schreibprozess, andererseits beeinflusst Schreiben das Erleben und Darstellen von Scham.

 

Neue Pfade im alten Dickicht

Deadline_Constantin_SeibtGewöhnlich gibt’s bei Schreibratgebern nicht viel zu lachen. Bei Constantin Seibts Deadline ist das anders. Obwohl es auch ums Schreiben geht, um Kolumnen ganz genau, lacht es sich ständig. Vielleicht weil’s nicht ums wissenschaftliche Schreiben geht oder weil Seibt es einfach kann, das Schreiben. Jedenfalls ist sein Ratgeber ein seltener Genuss in der Schreibberatungslandschaft und das nicht nur sprachlich. Nur, ist Genuss auch für wissenschaftliches Schreiben statthaft oder verdirbt Populärwissenschaftliches den akademischen Charakter? Vielleicht beantwortet sich diese polemische Frage am besten mit Augustinus, dem Kirchenvater, der gesagt haben soll: «Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen.» Schreiben als Tanz, lassen wir das mal als Bild so stehen.

Bleibt die Gretchenfragen, was Seibt ausser sprachlichem Tanz noch liefert. Für die Schreibberatung nicht wirklich Neues, dafür aber Altes neu geschrieben. Das ist dann auch Seibts Credo: «Die guten Geschichten sind so gut wie nie völlig neue Geschichten: sie sind nur neu erzählt.» Die Welt muss nicht neu erfunden, nur nach neuen Pfaden im alten Dickicht gesucht werden. Das entlastet und stimmt versöhnlich. Trotzdem, wie soll das gehen? Ganz einfach: Fragen stellen. Fragen nach dem Warum und dem Wie-genau und zwar so, dass nicht die Antworten die Fragen gebären, sondern aus Neugier Fragen werden. Dieser Gedanke ist zwar auch nicht wirklich neu, dafür aber nicht weniger bestechend, wie auch der folgende aus der seibtischen Rhetorikkiste: «Die Schwierigkeit ist nur, auf abgegrastem Feld die richtigen Fragen zu finden.» Wer sich schon in der Kunst der Fragestellung wissenschaftlicher Arbeit versucht hat, weiss: Das hat was. Noch plakativer kommt Seibts Empfehlung daher, die eigene Inkompetenz nicht zu überspielen, «denn dadurch verpassen Sie die eigene Verblüffung, die besten Fragen und die gute Story.»

Zum Glück lässt Seibt Ratsuchende mit diesen hochtrabenden Empfehlungen – so viel Neugier und Ehrlichkeit – nicht im Regen stehen, sondern spannt mit pragmatischen Schreibtipps einen Schirm. So empfiehlt er, im Zweifelsfall halbgute Ideen zu verwenden. Es geht also auch ohne Originalität, das beruhigt. Oder noch einfacher: Schreibende holen sich originelle Gedanken bei andern, in Form von Zitaten. Zitate, die für Seibt Senf an der Bratwurst sind. Hier mache ich einen Punkt. Nur so viel sei verraten: Senf gibt’s noch einigen in seinem Buch und auch Pfeffer, wenn’s zum Beispiel um Ratteninseln und Schwanzbeisser geht.

Constantin Seibt
Deadline.
Zürich: Kein und Aber Pocket, 2014. 320 Seiten.

Handstand im Think-Tank

Doctorow_In_Andrews_KopfDas Verhältnis zwischen der Realität und dem geistigen Abbild, das wir uns von ihr machen, hat den Romancier E. L. Doctorow immer beschäftigt. Sein letztes Buch ist ganz auf diese Frage fokussiert.

Auslöser für E. L. Doctorows Romane waren innere Bilder, die er zu Papier brachte und aus denen sich Geschichten entwickelten. Geplant habe er seine Storys nie, vielmehr habe er erst beim Schreiben herausgefunden, worüber er schrieb. So erläuterte der kürzlich verstorbene amerikanische Schriftsteller seine Schreibstrategie. Bei seinem letzten Buch, In Andrews Kopf, bringt das Bild eines Mannes in Not, der bei Schneegestöber an einer Haustüre klingelt, den Roman in Gang.

Ausführliche Besprechung von Thomas Hermann in der NZZ vom 25. Aug. 2015, S. 37.

E. L. Doctorow
In Andrews Kopf.

Aus dem amerikanischen Englisch von Gertraude Krueger.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2015. 208 Seiten.

Ungutes im Morgengrauen


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«Um sieben Uhr würden sie kommen. Sie kommen immer am frühen Morgen, wenn sie etwas Ungutes vorhaben. Im Morgengrauen werden Verurteilte abgeholt. Rocco wusste nicht, wo er das gehört oder gelesen hatte. Ihm war nur, als ob er es wüsste: In der ersten Morgendämmerung finden jene, die Ungutes vorhaben, den geringsten Widerstand vor.»

Wenn ein kantiger Tessiner Altbauer in der Küche seines Hofes mit einem Militärkarabiner in der Hand auf das Ungute wartet, darf viel Helvetisches erwartet werden: Ein ordentlicher Schuss Grappa in einem Sennen-Quadratschädel und schweizerischer Wehrwillen gegen den Ausverkauf der Heimat. So wartet der Karabiner auf den rücksichtslosen Fabrikanten Korten, der seine Villa unbedingt auf der Schafswiese hinter seinem kleinen Hof hat bauen müssen und nun per Gerichtsbeschluss auch noch Roccos Lebensbaum fällen lassen will. Soll der speckige Fabrikant nur kommen!

Aber das Helvetische hat noch andere Nuancen: die Verschandelung der Heimat, sprich früher war alles besser. In gutschweizerischer Manier schreibt hier ein Deutschschweizer Autor von einem Tessiner Bergbauern, der sich gegen alles Neue sträubt: gegen den Stausee, gegen fliessend Wasser im Haus, gegen Strom. Ganz nach dem Motto: «Das hatte man früher nicht und brauchte es auch nicht.»

Zweifelsohne nicht ungut ist, wie Kauer von Ungutem erzählt. Im Gegenteil, gut kann er erzählen, der Kauer Walther, ausserordentlich gut sogar.

Wie’s rauskommt, soll hier nicht verraten werden. Aber nur so viel: Es gibt viel Ungutes am Ende, aber anders als erwartet und trotzdem irgendwie gleich.

Walther Kauer
Spätholz.
2. Auf. Basel: Lenos Pocket, 2015.
230 Seiten.

Wo Lehrpersonen im Kanton Zürich ausgebildet wurden

Im hep Bildschirmfoto 2015-07-14 um 07.46.10verlag ist der von Andreas Hoffmann-Ocon herausgegebene Band «Orte der Lehrerinnen- und Lehrerbildung» erschienen. Es ist eine Geschichte der Zürcher Lehrer/innenbildung entlang ihrer Ausbildungsstätten bis hin zum aktuellen Campus. Die Publikation basiert auf der gleichnamigen Ausstellung, die vom Zentrum für Schulgeschichte zur Campus-Eröffnung 2012 durchgeführt worden ist.  Ein Beitrag im Buch wirft einen Blick in die Schweizer Lehrerzeitung der 1950er-Jahre, wo Sarah Schlachetzki und ich fragen, welche Motive besonders häufig fotografisch gezeigt werden und was wir daraus über die damalige Zeit lernen können.

Hier gibt’s das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe als pdf-Datei:  ortderlehrerbildung

Produktives Aufschieben

Voller Esprit und Selbstironie nimmt sich der amerikanische Philosoph John Perry in The Art of Procrastination (dt. Einfach liegen lassen) einer Schwäche an, die den meisten nur zu gut vertraut ist. Statt der Aufgabe, die wir uns vorgenommen haben, wenden wir uns lustvoll etwas anderem zu. Wir verplempern kostbare Zeit im Internet, starten ein neues Projekt oder widmen uns hingebungsvoll einer Mail-Anfrage, deren Beantwortung weder eilt noch in dieser Ausführlichkeit gerechtfertigt ist.Procrastination Workshop postponedWie Perry in seinem erfrischenden Plädoyer zeigt, hat das keineswegs mit Faulheit, Willensschwäche oder mangelnder Disziplin zu tun. Viele der strukturierten Aufschieber, wie er sie nennt, sind sogar ausgesprochen tüchtig und produktiv. Sie arbeiten einfach lieber an Dingen, die nicht zuoberst auf der Prioritätenliste stehen – zumindest so lange, bis etwas Unwichtigeres dazwischenkommt oder der Abgabedruck einer anstehenden Arbeit unerträglich wird. Das hat auch Vorteile, denn was wir liegen lassen, erledigt sich zuweilen von selbst.

Kurzrezension aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 2 (2015): S. 38.

Einfach liegen lassen von John Perry
John Perry
Einfach liegen lassen: Das Buch vom effektiven Arbeiten durch gezieltes Nichtstun.
München: Goldmann, 2015. 125 Seiten.

 

arte-Beitrag über John Perry und «The Art of Procrastination» unter tracks.arte.tv/de/art-procrastination

Trittsteine zum effizienten Schreiben

mayer_300_Tipps_coverAlle paar Wochen – so fühlt es sich an – erscheint ein neuer Ratgeber zum wissenschaftlichen Schreiben im Studium. Die durchwegs gut gemeinten Handreichungen beschäftigen sich mit der Vorbereitung und Strukturierung schriftlicher Arbeiten, der Literaturrecherche, dem Ausformulieren des Textes und der gewissenhaften Überarbeitung und Schlussredaktion. Angereichert wird das Ganze mit allerlei Tipps zur Zeitplanung, für die Layout-Gestaltung, das Zitieren oder den kreativen Umgang mit Schreibblockaden. Weil beim Verfassen einer grösseren Arbeit einiges an Anforderungen und Ansprüchen zusammenkommt, fühlen sich nicht alle Studierende dem wissenschaftlichen Schreiben gewachsen. Da tut Hilfe not.
Philipp Mayer fügt den zahlreichen Leitfäden und Handreichungen kein weiteres Manual hinzu. Vielmehr fasst er das Wichtigste noch einmal zusammen und reiht seine 300 Tipps wie Kalendersprüche auf. Die kurzweiligen Merkpunkte und Gebote bringen vieles auf den Punkt, was es für Novizen wie Schreiberfahrene zu beherzigen und immer wieder zu üben gilt. Jedes der elf Kapitel schliesst zudem mit Lektüre-Empfehlungen zur weiteren Vertiefung.
Die Anregungen sind zwar thematisch gruppiert, aber ein Schlagwortregister wäre für den schnellen Zugriff dennoch von Nutzen. Ausserdem handelt es sich bei manch einem Tipp um eine Plattitüde, die im Schreiballtag nicht ohne Weiteres umzusetzen ist. «Lassen Sie Ihre Texte wachsen so wie Perlen wachsen», heisst es da fast poetisch. «Ergänzen Sie bei jeder Sitzung eine weitere Schicht.» – Schön und gut, aber wie das funktioniert, lässt sich nur durch kontinuierliche Praxis und Geduld entdecken.

Philipp Mayer
300 Tipps fürs wissenschaftliche Schreiben.
UTB 4311. Paderborn: Schöningh, 2015. 138 Seiten.

Embedded Fiction

Phil Klay: Wir erschossen auch HundeWenn ein Autor seinen ersten Geschichtenband mit einem Dank an die lieben Tanten «Aunt Mimi, Aunt Pixi» und an die von der Familie «schwer vermisste Aunt Boo» beschliesst und dazu noch der Schreibwerkstatt für Kriegsveteranen seine Reverenz erweist, erwartet man vom betreffenden Opus eher Verarbeitungsprosa der simpleren Art, womöglich im Selbstverlag erschienen. Genau das trifft auf Phil Klays Erzählungen über den Irak-Krieg nicht zu.

Ausführliche Besprechung von Thomas Hermann in der NZZ vom 28. März 2015, S. 64.

Phil Klay
Wir erschossen auch Hunde.
Aus dem Amerikanischen von Hannes Meyer.
Berlin: Suhrkamp-Verlag,  2014. 301 Seiten.

ArtOrt Hörspiel / Das weisse Lauschen

Sendungshinweis: Mittwoch, 25.3.2015, 20.00 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Im bewohnten Gebiet der Schädelhöhle
von Gerhard Meister

Wo steckt die Seele? Wo hockt das Ich? Zwischen den Ohren! Das findet der Autor Gerhard Meister. Und lädt nun ein: Setzen Sie die Kopfhörer auf, und erleben Sie ein lustvolles Experiment. Denn: Was Hirnforschung kann, kann das Hörspiel schon lang.

1 Milliarde Euro investiert ein EU-Förderprogramm in das «Human Brain Project»: Damit soll an der ETH Lausanne das menschliche Hirn nachgebaut werden — digital und voll funktions-fähig. Zehn Jahre lang wird geforscht. Der Hörspielautor Gerhard Meister hingegen braucht keine Stunde, um das Ich im Hirn zu suchen. Ein akustisches Experiment, das Fragen stellt, den Hirnlappen kitzelt und unterhält.

Im bewohnten Gebiet der Schädelhöhle ist Gerhard Meisters drittes Hörspiel, das er im Auftrag von Radio SRF geschrieben hat. Hatte er im Hörspiel Naturkunde für Altweltaffen mit der Evolutionstheorie Darwins auseinandergesetzt, so sind es jetzt die Gehirnforschung und die Frage nach dem Bewusstsein, die zum Thema werden. Wie produziert das Gehirn Bewusstsein und wozu? Ist Bewusstsein etwas, das nur in Gehirnen entsteht oder tritt es vielleicht auch anderswo auf? Sagt uns die Beschäftigung mit dem Gehirn etwas darüber, wer wir sind? Und warum haben die alten Ägypter beim Mumifizieren ausgerechnet das Gehirn als einziges Organ einfach weggeworfen? In diesem Hörspiel versucht das Gehirn sich selber auf die Spur zu kommen und begibt sich damit auf einen Trip, auf dem sich die Wirklichkeit Stück für Stück immer weiter auflöst.

Im bewohnten Gebiet der Schädelhöhle.
Regie: Erik Altorfer. Musik: Martin Schütz. Technik: Franz Baumann. Regieassistenz: Myriam Zdini. Produktion: SRF 2015. Dauer: 54 Min.‘
Mit Mareike Hein (Die narzisstisch Gekränkte), Sebastian Rudolph (Der Neuromane), Stefan Kurt, Anne Ratte-Polle, Katja Reinke, Siggi Schwientek und Jirka Zett als Radiostimmen.