Kultur der Peinlichkeit

Greiner: SchamverlustGreiner klagt in seiner Darstellung unserer Gefühlskultur nicht über Werteverlust. Er beschreibt einen Wandel. Zwar titelt Greiner mit dem Begriff «Schamverlust», doch er antwortet im Untertitel sogleich auf die Verlustvermutung oder die Zerfallsklage: Wandel steht im Fokus. Scham, ein erst in den letzten Jahren in der Psychologie differenzierter Affekt, unterliegt einem Wandel. Der Autor konkretisiert seine, wie er sie selber nennt, «vorläufigen Bestimmungen» mit Rückgriff auf Philosophen und illustriert an Literatur: Hebbel, Kierkegaard, Sartre, Goffmann, Dostojewski, Thomas Mann, Elias, Sennett, Bourdieu, Hans Peter Duerr. Die zentrale These: An die Stelle der alten Schuldkultur und der noch älteren Schamkultur sei eine Kultur der Peinlichkeit getreten. Angst vor Peinlichkeit bewege Menschen etwa dazu, Kleidertrends mittragen oder Schön­heits­idealen um jeden inneren und äusseren Preis entsprechen zu wollen.

Kurzrezension von Monique Honegger aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 1 (2015): S. 35. – Das PDF gibt es hier.

Ulrich Greiner
Schamverlust: Vom Wandel der Gefühlskultur.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2014. 349 Seiten.

Situation Room

Das politische bildMüsste man Barack Obamas Amtszeit auf ein einziges Foto reduzieren, hätte das Gruppenbild, das Pete Souza von der US-Führungscrew während des Schlags gegen Osama Bin Laden gemacht hat, gute Chancen zur Kür. Vier Annäherungen aus verschiedenen Disziplinen sind im vorliegenden Band vereint. Günter Haller diskutiert das Foto vor dem Hintergrund politischer Bildstrategien und stellt die Protagonisten vor. Ulrike Pilarczyk situiert das Bild methodisch stringent im Kontext des gesamten Photostreams zum Ereignis vom 1. Mai 2011 und deckt ein «unheilvolles Spiel mit scheinbarer Transparenz» auf. Aus psychologischer Sicht beschäftigt sich Aglaja Przyborski mit dem bildlichen Habitus von Macht, während Martin Schuster eher grundlegende bildliche Eigenschaften wie Mehrdeutigkeit oder kulturelle Codes durchdekliniert. – Ein tolles Buch über ein Bild, das Geschichte(n) schreibt. – Kurzrezension von Thomas Hermann aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 4 (2014): S. 35.

Aglaja Przyborski und Günther Haller, Hrsg.
Das politische Bild. Situation Room: Ein Foto – vier Analysen.
Opladen: Verlag Barbara Budrich, 2014. 168 Seiten.

Autorschaft: Vom Genie zu Copy-and-paste?

Autorinnen und Autoren saugen sich nicht alles aus den Fingern. Sie stützen sich auf Vorarbeiten von anderen, beziehen sich auf existierende Texte und schreiben auch mal wörtlich ab. Was sagt uns der Blick hinter Zitierregeln und Plagiatsvorwürfe über den Begriff der Autorschaft?, fragt Aurel Jörg in seinem Radiobeitrag «Autorschaft: Vom Genie zu Copy-and-paste?» in der Sendung Reflexe auf Radio SRF 2.
Im Gespräch: Philipp Theisohn, Professor am Deutschen Seminar der Universität Zürich, der  immer wieder als Sachverständiger zu Wort kommt, wenn es um Plagiate und literarisches Eigentum geht.

Asoziale Netzwerke?

Disconnect_012-1_webZwei Jugendliche geben sich im Chat als freizügiges Girl aus und setzen damit leichtfertig das Leben eines Mitschülers aufs Spiel. Ein Ehepaar spricht seit dem Tod seines Babys kaum noch miteinander. Sie sucht in einem Selbsthilfeforum Trost, er lenkt sich online mit Pokerspielen ab. Eine engagierte TV-Reporterin möchte einem Cam-Boy helfen, scheint ihn aber ebenso für ihre Zwecke zu missbrauchen wie der Betreiber der Porno-Website. In seinem Spielfilm Disconnect verwebt Regisseur Henry-Alex Rubin persönliche Schicksale und Parallelgeschichten zu einem Sittenbild der digitalisierten Gesellschaft – und er zeigt, dass «Soziale Medien» unser Zusammenleben nicht einfacher machen.
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Glaube, Liebe und Gesetz

McEwan KindeswohlKindeswohl ist ein Gerichtsdrama in Romanform: In fünf Kapiteln entfaltet sich die Handlung nachgerade lehrbuchmässig entlang der «Technik des Dramas». In der Exposition lernen wir die Heldin Fiona Maye und ihren Gatten Jack an einem Sonntagabend zu Hause kennen. Ein ehelicher Eklat macht den Auftakt, daneben erfahren wir viel über Fionas Alltag als Richterin am High Court, wo sie täglich diffizile Entscheidungen in Familienrechtsfragen fällt. Ein Anruf ihres Sekretärs kündigt den Fall an, um den es im Buch vor allem gehen wird: Ein Spital verlangt ein Eilverfahren und einen richterlichen Entscheid, damit ein 17-jähriger Leukämiepatient mittels Bluttransfusion behandelt werden darf. Die Eltern sowie der Jugendliche sind Zeugen Jehovas und lehnen die Behandlung aus religiöser Überzeugung ab.

Ausführliche Besprechung von Thomas Hermann in der NZZ vom 13. Jan. 2015, S. 41.

Ian McEwan
Kindeswohl
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Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Zürich: Diogenes, 2015. 224 Seiten.

Diogenes-Hörbuch, 5 CDs, 6 Std. 17 Min. Gelesen von Eva Mattes.
Hörprobe:

 

Reflexion im Portfolio

bräuer_Portfolio als Reflexionsmedium_coverDie Begriffe ‹Reflexion› und ‹Portfolio› lösen nicht nur positive Reaktion aus – sowohl bei Studierenden als auch bei Dozierenden. Indem angehende Lehrpersonen Praxis und Theorie verknüpfen, sollen sie zu lebenslangem Lernen angeregt werden. Auch Schreibpädagoge Gerd Bräuer geht von dieser Idealvorstellung aus und skizziert in seinem Vademecum schreibdidaktische Szenarien zu einer reflexiven Praxis. Er differenziert hierarchische Ebenen der Reflexion, welche die Studierenden auf ihrem Weg durchlaufen. In der wiederkehrenden Rubrik «Ideen für Ihre Lehre» gibt Bräuer praxiserprobte Vorschläge, wie Reflexionen in Lehrveranstaltungen eingesetzt und weiterentwickelt werden. Grossen Wert legt der Autor darauf, E-Portfolios anzupreisen. Diese schaffen seiner Meinung nach einen Mehrwert, indem sie unterschiedliche Dokumenttypen vereinen und neue Zusammenhänge erschliessen lassen. – Kurzrezension von Yves Furer aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 4 (2014): S. 35.

Gerd Bräuer
Das Portfolio als Reflexionsmedium für Lehrende und Studierende.
Opladen: Verlag Barbara Budrich, 2014. 128 Seiten.

Hörspiel-Tipp: Biss ins Gewissen

In meinem Hals steckt eine Weltkugel (CD-Cover)In Gerhard Meisters Hörspiel ist die Welt ein Ekel. Auf der einen Hälfte ersticken fette Zyniker im Überfluss, auf der andern setzen Notleidende ihre Arbeit «in einer Kruste von Erbrochenem» fort. Im Stück besprechen vier Stimmen, wie man sich in dieser Welt verhalten soll: «Soll ich auf mein Handy verzichten, weil ich weiss, unter welchen Bedingungen in Afrika Koltan abgebaut wird?» An Themen wie Organhandel oder Wohlstandsstress werden moralische Dilemmata beurteilt und zwingen einen zu einer Haltung irgendwo zwischen Gleichgültigkeit, Mitgefühl und Aktion. Das ist ein starkes Stück. Die Zuspitzungen führen aber auch zu Pauschalisierungen: Hier reich und narzisstisch, dort arm und bedürftig. Kurzatmig getaktete Redebeiträge verstärken die bedrohliche Stimmung, die mit dunklen Bässen und Hintergrundtönen erzeugt wird. Tipp: Zum Hörspiel gibt es bei «Éducation 21» ein Begleitdossier für den Unterricht.

Hörprobe:

Gerhard Meister. In meinem Hals steckt eine Weltkugel. Ein Hörspiel.
Mit Peter Brombacher, Katja Reinke, Sebastian Rudolph, Bettina Stucky. Musik: Martin Schütz. Regie: Erik Altorfer. Technik: Mirjam Emmenegger. Dramaturgie, Redaktion: Fritz Zaugg. Illustration, Layout: Luca Schenardi. Produktion Hörspiel: SRF 2012.
Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2013. Audio-CD, 52 Min.

Das Hörspiel wurde nominiert für den Prix Europa 2013 und den Grand Prix Nova 2014. Die Gestaltung des CD-Covers von Luca Schenardi wurde nominiert für Die Besten 2014 (Hochparterre) Kategorie Design.

(Medientipp von Alex Rickert aus der Zeitschrift Akzente 4 (2014): S. 34.

Doctorows Piratenkino

Pirate CinemaAutor, Blogger und Internetaktivist Cory Doctorow ist ein begnadeter Erzähler, der seine Anliegen auch in packenden Jugendromanen zum Thema macht. In seinem jüngsten Werk geht es um Filmkunst, Kreativität und Copyright im digitalen Zeitalter.
Der 16-jährige Ich-Erzähler Trent McCauley ist so etwas wie ein cineastischer DJ. Sämtliche Streifen seines Filmidols lädt er aus dem Netz herunter und montiert die Clips liebevoll zu neuen Abenteuern. Die Mashups finden eine schnell wachsende Fangemeinde, aber den mächtigen Filmstudios und ihren politischen Vasallen sind solche Machwerke ein Dorn im Auge. Selbst Teenager wandern hinter Gitter, wenn sich auf ihren Festplatten Songs und Filme finden, für die sie nicht bezahlt haben.
Der junge Remix-Künstler Trent sagt den Grosskonzernen auf kreative Weise den Kampf an und demonstriert der Welt, dass man auch ohne Kamera gute Filme produzieren kann.

Cory Doctorow
Pirate Cinema.
Aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka.
München: Wilhelm Heyne, 2014. 510 Seiten. Ab 14 Jahren.

Die ganze Rezension finden Sie in «Bücher am Sonntag» vom 7.12.2014, S. 14.

Utopische Reise

Reise nach Kalino«Seit Julius Werkazy zurückdenken konnte, teilte er Probleme in zwei Kategorien ein: in solche, denen er ausweichen konnte, wie unbezahlte Rechnungen, und in solche, die er wohl nie loswerden würde, wie seinen eigenen Namen.» Bald hat der Detektiv alter Schule noch ganz andere Probleme am Hals. In der geheimnisvollen und futuristischen Stadt Kalino, in der die ewig jungen Menschen keinen Tod kennen, wurde ein Mord verübt. Der Gründer höchstpersönlich lädt Werkazy ins abgeschottete Paradies ein, um den Fall zu lösen. Aber wie sich zeigt, verbergen sich hinter den glücklich-oberfächlichen Fassaden auch dunkle Abgründe. Werkazy hält sich nichts ans Protokoll und mischt sich gleich am ersten Tag unters Volk. Wissen die Kalinianer, wie ihnen geschieht? Leben sie tatsächlich in einem Himmel auf Erden oder sind sie in einem seelenlosen Höllenlimbus gefangen?

Radek Knapp spielt geschickt mit utopischen Motiven und Elementen der Science-Fiction, erzählt aber eine altmodische Detektivgeschichte, die auf verblüffende und verstörende Weise den Irrsinn unserer Welt spiegelt.

Radek Knapp
Reise nach Kalino.
München u. Zürich: Piper, 2012.
255 Seiten

Reisen macht sprachlos

«Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen: Dies fiel mir schon ziemlich früh auf.»Cover Aichinger

Auf diese Provokation von Ilse Aichinger in den ersten Buchzeilen ist man geneigt zu kontern: Sind es nicht gerade die Begegnungen mit dem Fremden, die einem die Augen öffnen? Zugestanden: Nicht jeder Autor gewinnt dem Reisen so viel ab wie ein Christoph Ransmayr. Charles Baudelaire zum Beispiel scheiterte gründlich. Als er im 19. Jahrhundert per Schiff nach Indien wollte, um auf andere Gedanken zu kommen, hielt er es nur bis La Réunion aus. Er nahm dort das nächstbeste Schiff zurück in seine Pariser Heimat. Die ihm bekannten Wege inspirierten ihn weit mehr als alles Fremde.

Auch Isle Aichinger geht immer wieder die gleichen Wege. Konkret: jenen zwischen ihrer Wohnung in einem Wiener Hochhaus und dem Café «Demel». Dort findet sie ihre Geschichte(n). Die Aufzeichnungen beginnen am 11. September 2001 mit dem Attentat auf New York und enden mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Elfriede Jelinek. Man darf gespannt sein, wie weit Aichinger mit ihren Reiseutensilien – Papier und Bleistift – kommt.

Ilse Aichinger
Unglaubwürdige Reisen
Frankfurt am Main: Fischer, 2005. 187 Seiten